Mittwoch, 18. September 2019

Schuldenkrise Die Vereinigten Staaten von Euro-Land

Chronik der Euro-Krise: Das Ende der Alleingänge
Matt Murphy

Europa muss zusammenwachsen - oder es wird explodieren. Das griechische Drama verstärkt diese Einsicht. 17 Nationalstaaten müssen sich abschaffen, um ihr Geld zu retten. Kann das gelingen?

Hamburg - Wenn wir wieder eine eigene Währung einführen", sagt ein prominenter deutscher Krisenmanager, "dann müsste die Bundeswehr die deutschen Grenzen abriegeln." Wie bitte?

Doch, doch, sagt der Krisenmanager im vertraulichen Gespräch, das sei unausweichlich. Falls die Währungsunion scheitere, müsse zunächst mal verhindert werden, dass andere Europäer ins Land kämen, um ihre schwächeren Euros gegen hartes neues Deutschgeld zu tauschen. Soldaten würden postiert, Schlagbäume fallen, Autos und Lastwagen durchsucht, der Verkehr lahmgelegt, der Strom der Warenlieferungen über den ganzen Kontinent unterbrochen.

Es ist ein Gedankenspiel, hypothetisch, drastisch - aber unrealistisch?

Man muss sich das Szenario vor Augen führen: Bewaffnete uniformierte Deutsche stellen sich gegen ihre Nachbarn - diese Bilder würden um die Welt gehen. Emotionen würden hochkochen und Erinnerungen wachrufen an eine grausame Geschichte, die durch das europäische Projekt längst überwunden schien. Es wären Bilder, deren Macht sich kaum überschätzen lässt. Bilder, die den Lauf der Geschichte verändern würden. Danach sähe die Zukunft anders aus.

Die Botschaft ist klar: So weit darf es nicht kommen. Wenn der Euro zerbricht, steht so ziemlich alles zur Disposition, was sich die Bundesrepublik in sechs Jahrzehnten aufgebaut hat - Wohlstand, Freundschaft, Ansehen, Frieden.

Scheitern ist also keine Option. Doch Europa ist dabei zu scheitern.

Diese dramatische Beurteilung der Lage hat sich inzwischen im innersten Zirkel der Bundesregierung durchgesetzt. Spät, aber immerhin. Angela Merkels Berater erkennen endlich: Die Märkte arbeiten auf eine von zwei Extremlösungen hin. Entweder die Währungsunion entwickelt sich zu einer quasi staatlichen Struktur weiter. Oder der Euro zerbricht krachend, mit zerstörerischen Schockwellen rund um den Globus.

Vereinigte Staaten von Euro-Land - oder das Ende des Projekts

Vereinigte Staaten von Euro-Land - oder das Ende des europäischen Projekts. Das scheint jetzt noch die Alternative. Eine historische Wende, in die eine oder in die andere Richtung.

Zwei Jahre Schuldenkrise haben gezeigt, dass auch Hunderte Milliarden Euro an Hilfszusagen kein Vertrauen stiften können, wenn dem gemeinsamen Geld das politische und philosophische Fundament fehlt. Denn Europa wird längst nicht nur von einer ökonomischen Krise gebeutelt, verursacht von viel zu hohen Schulden; die gibt es in fast allen westlichen Ländern, auch in den USA, in Japan und Großbritannien. In Europa kommt eine politische Krise hinzu, weil die 17 Nationen, die sich derzeit den Euro teilen, keinen gemeinsamen Zukunftsentwurf zustande bringen - weil sie bislang nicht in der Lage sind, die Vision einer guten Zukunft zu entwickeln.

Das Vertrauen fehlt. Deshalb ist die Dynamik des Desasters ungebrochen. "Bislang haben wir uns Zeit gekauft", sagt ein Regierungsmann. "Nun müssen wir zeigen, wie wir sie nutzen wollen."

Dabei ist vollkommen offen, ob es gelingt, Europa ein größeres Maß an politischer Einheit zu verpassen - ob die Bürger es wollen, ob alle 17 Regierungen der Euro-Staaten mitziehen, ob sich die Märkte überzeugen lassen. Und: Löst das Zusammenwachsen eigentlich die Schuldenkrise? Oder werden am Ende auch halbwegs gesunde Volkswirtschaften wie Deutschland und die Niederlande in den Pleitestrudel gezogen?

© manager magazin 10/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung