Mittwoch, 23. Oktober 2019

Schuldenkrise Die Vereinigten Staaten von Euro-Land

Chronik der Euro-Krise: Das Ende der Alleingänge
Matt Murphy

4. Teil: Die EZB als großer Staubsauger - und ein Ende nationaler Alleingänge

Wer Jean-Claude Trichet in seinen letzten Amtswochen traf, erlebte einen nicht gerade entspannten Mann. Kaum jemand hat einen so tiefen Einblick in das wahre Ausmaß der Krise: An der Spitze der EZB laufen vertrauliche Informationen zusammen aus dem Innern der Banken, aus den Staatshaushalten, aus den anderen Notenbanken der Welt.

Jeden Tag neue Katastrophenmeldungen. Das hinterlässt Spuren. Vier Jahre Finanz-, davon zwei Jahre Schuldenkrise haben Trichet sichtlich altern lassen. Grau ist der 68-Jährige geworden, aber er hält sich kerzengerade.

Wir haben geliefert - das ist seine Botschaft seit langem. Die Inflation ist seit Beginn der Währungsunion niedrig, der Euro international gefragt. Auftrag erfüllt. Und wir haben gewarnt, immer wieder gewarnt - vor den hohen Staatsschulden, vor der Wettbewerbsschwäche der Südeuropäer, vor den Immobilienblasen. Es hat nichts genützt.

Jetzt ist die "schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg" (Trichet) da, und die EZB muss Dinge tun, die Notenbanker eigentlich nicht tun wollen. Als einzig unbeschränkt handlungsfähige Institution im Euro-Raum. Wann immer in den vergangenen Wochen die Zinsen merklich stiegen, hat sie italienische oder spanische Bonds aufgekauft wie ein großer Staubsauger. Damit hat sie vielleicht ein Abgleiten in den Abgrund verhindert.

Rücktritt der Deutschen - ein Fanal

Doch der Preis ist hoch: Die Trennlinie zwischen Geld- und Fiskalpolitik ist unscharf geworden. Untätigen Regierungen wie der italienischen wird der Druck des Marktes genommen. Dies ist der Weg in die Schuldenunion, in die große Inflation, fürchten die Kritiker in der Politik, in der Wissenschaft, in der Bundesbank.

Trichet fühlt sich unfair behandelt. Alle prügeln auf ihn ein, gerade in Deutschland. Bereits der zweite Deutsche setzt sich ab: Im Frühjahr ging Bundesbank-Chef Axel Weber, nun EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. Stark ist eine einflussreiche Figur in der Bank. Dass er sein Amt niederlegt, ist ein Fanal.

Trichet, der einst so kühl wirkende "Monsieur Euro", kann seine Gefühle nicht mehr verbergen. Manchmal schlägt er sich beim Reden mit der flachen Hand aufs Bein. Kürzlich hat sein früherer US-Kollege Alan Greenspan das Auseinanderbrechen des Euro vorhergesagt.

War alles umsonst?

© manager magazin 10/2011
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