Montag, 14. Oktober 2019

Schuldenkrise Die Vereinigten Staaten von Euro-Land

Chronik der Euro-Krise: Das Ende der Alleingänge
Matt Murphy

3. Teil: Seit dem Juli-Gipfel ist klar: So geht es nicht weiter

Gemeinsam zitierten Merkel und Sarkozy Jean-Claude Trichet, den Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hinzu, der aus Frankfurt einflog und sich spätabends genötigt sah zuzusagen, die EZB werde auch nach einer partiellen Umschuldung Griechenlands den dortigen Bankensektor refinanzieren. Ein Kraftakt. Die Beteiligten waren an die Grenzen ihrer Kompromiss- und Leistungsfähigkeit gegangen.

Und dann das: Binnen weniger Tage zerschellten die Ergebnisse an der Realität.

Am 25. Juli stuft die Ratingagentur Moody's Griechenland weiter herunter. Am 27. Juli sinkt auch Zyperns Rating. Am 2. August erreicht die Krise den Kern des Euro-Gebiets: Italien und Spanien kommen an den Finanzmärkten unter Druck. Am 3. August gerät Frankreich ins Visier der Märkte. Am 4. August fordert EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso einen größeren Rettungsfonds. Dabei ist die im März vereinbarte Aufstockung auf 440 Milliarden Euro noch gar nicht in Kraft.

Am 5. August stuft die Ratingagentur Standard & Poor's die USA herunter. Weltweit greift die Angst vor einer finanziellen Kernschmelze um sich.

Am 7. August, einem Sonntag, vereinbaren die G-7-Staaten bei nächtlichen Telefonaten Notmaßnahmen, mit denen sie die Märkte stützen wollen.

Am 8. August kauft die EZB erstmals italienische und spanische Staatsanleihen, um der Schuldenkrise Einhalt zu gebieten. Ein Tabubruch, für manche ein Dammbruch, in Deutschland heftig kritisiert. Immerhin kommt Ruhe in die Märkte - vorübergehend.

Schlag auf Schlag auf Schlag - unvorhersehbar, kaum kontrollierbar

Am 16. August treffen sich Merkel und Sarkozy zum nächsten deutsch-französischen Krisengipfel, dieses Mal in Paris. Sie kündigen die Schaffung einer "Wirtschaftsregierung" für den Euro-Raum an. Am 30. August schrumpft Silvio Berlusconi sein Sparpaket. Es geht ja auch so: Die EZB drückt die Zinsen. Am 1. September scheitern die Rettungsgespräche in Griechenland. Am 8. September redet sich Trichet in der monatlichen EZB-Pressekonferenz in Rage. Er ist die kritischen Fragen nach den Anleihekäufen leid. Noch während er spricht, geben die Kurse nach.

Am 9. September tritt der deutsche EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark zurück. Die Börsen schmieren weltweit ab.

Am 10. September ist klar, dass die griechische Wirtschaft um 5 Prozent schrumpft und die Haushaltssanierung endgültig zu scheitern droht ...

So geht es weiter - Schlag auf Schlag auf Schlag auf Schlag. Unvorhersehbar, kaum kontrollierbar.

Immer wieder erleben die Krisenmanager solche Phasen der Zuspitzung. Aber irgendwie wurschteln sie sich weiter durch. Neues Geld wird ausgeschüttet, Staatspleiten werden abgefedert, strauchelnde Banken gestützt, der Euro-Rettungsfonds EFSF immer weiter ausgebaut, und die EZB steht bereit, die Zinsen zu drücken, wenn die Anleger mal wieder das Vertrauen zu verlieren drohen.

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