Mittwoch, 16. Oktober 2019

Schuldenkrise Die Vereinigten Staaten von Euro-Land

Chronik der Euro-Krise: Das Ende der Alleingänge
Matt Murphy

2. Teil: Ohne Deutschland wird in Europa nichts vorangehen

Möglich, dass sich die ökonomische Realität und die politische Logik als ultimativ unvereinbar erweisen.

Es ist ein gefährliches Spiel mit kaum überschaubar vielen Spielern und denkbar hohem Einsatz. Risikoscheue Politiker wie Merkel begeben sich ungern auf derart unübersichtliches Gelände. Zu viel gibt es für sie zu verlieren: die eigene Mehrheit, das Amt, die weltfrauliche Existenz. Doch die Zeit des Zögerns und Zauderns ist abgelaufen.

Denn es ist für alle Welt klar: Ohne Deutschland wird in Europa nichts vorangehen. Was im Umkehrschluss heißt: Sollte der Euro scheitern, dann sind die Deutschen schuld. Die Bundesrepublik stünde isoliert und allein mitten in einer turbulenten Welt. So weit soll es nicht kommen.

Ende August leitete die Kanzlerin den Kurswechsel ein. Vorsichtig schickte sie zunächst ein paar Vertraute vor, um das politische Terrain zu sondieren: Annette Schavan und Norbert Röttgen outeten sich in Interviews als Europa-Enthusiasten. Ursula von der Leyen erzählte von ihrer Kindheit in Brüssel und davon, dass ihr Europa von jeher ein Herzensanliegen gewesen sei. Weidmann hielt eine Rede, in der er "eine echte Fiskalunion", verbunden mit einer "Entmachtung der nationalen Finanzpolitik" ins Spiel brachte.

Neue Töne aus dem Merkel-Camp - die Kanzlerin als Euro-Fighterin

Es ist noch gar nicht lange her, da war die Kanzlerin populistischen Ausfällen gegen angeblich faule Südeuropäer nicht abgeneigt. Nun hat sie auf geradezu kohlsches Pathos umgeschaltet: Der Euro, dieser "Garant eines einigen Europa", dürfe "nicht scheitern, und er wird nicht scheitern".

Werden die Wähler ihr die abermalige Kehrtwende abnehmen? Von der Klima-Queen zur Krisenkanzlerin zur AKW-Aussteigerin zur Euro-Fighterin - vielleicht ist diese Metamorphose die einzig verbleibende Option angesichts der historischen Dimension der Krise und des Zustands ihrer Koalition. Ähnlich wie Gerhard Schröder mit der Agenda 2010, so muss Merkel nun Positionen vertreten, die bislang nicht ihre waren. "Es ist nie zu spät, sich neu zu erfinden", heißt es trocken in ihrem Umfeld.

Das Umdenken begann nach dem Euro-Sondergipfel vom 21. Juli. Bis dahin hatten Merkel und ihre Männer wenig Zweifel, dass sie das Richtige taten: Bedingungen formulieren, drastische Sparprogramme von den Schuldenstaaten fordern, nur zögerlich Garantien gewähren, private Gläubiger mit zur Kasse bitten, Stabilitätspakt stärken.

Unmittelbar nach dem Juli-Gipfel waren die Berliner Euro-Retter ziemlich zufrieden mit sich. Sie hatten den Eindruck, einen großen Schritt nach vorn gemacht zu haben: die Kompetenzen des Euro-Rettungsfonds EFSF massiv ausgeweitet, ein zweites Griechenland-Paket (weitere 109 Milliarden Euro) gepackt, erstmals auch Banken zur Beteiligung an einer Umschuldung gedrängt. Aufreibende Vorbereitungen waren dem Gipfel vorausgegangen: nächtelange Verhandlungen mit deutschen und französischen Regierungsvertretern, an denen teils auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Baudouin Prot von der französischen BNP beteiligt waren.

Als am Tag vor dem Gipfel immer noch viele Fragen offen waren, entschied sich Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy spontan zum Blitzbesuch in Berlin.

© manager magazin 10/2011
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