Donnerstag, 12. Dezember 2019

Automuseen Gelegenheit macht Sammler

Automuseen: Die Prunkstücke der Sammler
Andreas Pohlmann

Im Wettbewerb mit den großen Markenausstellungen glänzen private Autosammlungen durch liebevolle Details und die Leidenschaft ihrer Gründer. Die motorisierten Schmuckstücke, die über Jahrzehnte zusammengetragen wurden, erzählen viele kleine Anekdoten - und münzen diese um in große Geschichte.

Hamburg - Wer wissen will, wie Bundespräsident Heinrich Lübke in den 50er Jahren zum Sitzriesen wurde, der muss im Schwarzwaldstädtchen Schramberg ins Obergeschoss der Autosammlung Steim vordringen. Dort ist Lübkes Dienstlimousine ausgestellt, ein schwarzer Mercedes 300d.

Der Platz hinten rechts ist eine Handbreit höher als die übrige Rückbank, die Rückenlehne hat dort ebenfalls dickere Polster. Von dem diskret erhöhten Chefsitz konnte der schmächtige Lübke ebenso huldvoll nach draußen winken wie Europas gekrönte Häupter, die den bürgerlichen Pykniker oft nicht nur physisch überragten. Im maßgearbeiteten Fond der Staatskarossen gab der Präsident somit eine bessere Figur ab als sonst in seinem Amt, wo er schon bald nach seiner Wahl im Jahr 1959 als Lachnummer galt ("Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!").

Hans-Jochem Steim, der heutige Eigentümer und Aussteller des Pullman, grinst breit, wenn er den "Kindersitz des Präsidenten" vorführt: "Na ja, zumindest haben die Innenausstatter bei Daimler Börsen-Chart zeigen ihr Möglichstes getan, um Lübke wie ein Staatsoberhaupt aussehen zu lassen." Details wie diese sind die Lieblingsobjekte von Autosammlern wie Hans-Jochem Steim: "Sie erzählen Geschichtchen - als Teil der großen Geschichte", sagt der leidenschaftliche Unternehmer, der zuletzt die legendäre Uhrenmarke Junghans wiederbelebt hat.

Das Credo des 68-Jährigen könnte auch das prinzipielle Motto privater Sammler sein, die ihre Kollektionen öffentlich zugänglich machen: Attraktive Autos stellen anschaulich dar, was sonst oft als Marotte abgetan und kaum im Zusammenhang gesehen wird: Design und Maschinenbau, technischer Fortschritt und Wirtschaftsgeschichte, Moden und Konsumgewohnheiten.

Preziosen von Kraft und Schönheit

Gemeinsam mit seinem Sohn Hannes hat Steim deshalb ein ehemaliges Fabrikgebäude in seiner Heimatstadt Schramberg aufwendig umbauen lassen in ein modernes Museum. Seit gut vier Jahren zeigen die beiden Autoliebhaber dort auf über 3000 Quadratmetern eine wechselnde Ausstellung von einigen Dutzend Schmuckstücken aus ihrer Sammlung: Motorräder und Lkw, Kleinwagen und Militärfahrzeuge, vor allem aber elegante oder sportliche, luxuriöse oder technisch außergewöhnliche Pkw, aus der Vor- wie aus der Nachkriegszeit.

Alle Old- und Youngtimer sind fachgerecht restauriert, technisch wie optisch aufbereitet. So entstanden fahrbereite Preziosen von Kraft und Schönheit, Kabinettstücke aus duftendem Leder und edlen Hölzern, Schwelgereien in Stahl, Chrom und glänzendem Lack.

Das macht die Autoklassiker begehrt, nicht nur bei staunenden Museumsbesuchern. Oft verleihen die Steims ihre automobilen Juwelen für historische Feiern oder führen sie bei Oldtimer-Rallyes aus. Das Adler-Trumpf-Stromliniencoupé aus der Sammlung Steim etwa, Teilnehmer des 24-Stunden-Rennens von Le Mans in den Jahren 1937 und 1938, wurde in diesem Jahr Gesamtsieger beim Schönheitswettbewerb "Le Mans-Classics".

Der Augenstern von Hans-Jochem Steim ist jedoch das älteste Modell: ein de Dion Bouton aus dem Jahr 1902. "Nächstes Jahr feiern wir seinen 110. Geburtstag", freut sich der Sammler.

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