Freitag, 28. Februar 2020

Internet Revoolution bei Google

Geldbringer: Die heiligen Cashcows von Google
AFP

5. Teil: Die Hoffnungsträger: Vic Gundotra und Andy Rubin

Die Entwicklungsteams arbeiten dabei weitgehend unverbunden nebeneinanderher. Ihr Erfolg wird streng nach Datenlage beurteilt: Wer eine gute Resonanz beim Nutzer nachweisen kann, erhält zusätzliche Ressourcen in Form von Personal oder Rechnerkapazität. Oft arbeiten auch mehrere Teams an ähnlichen Produkten, die besseren Ideen sollen gewinnen. Doch im Fall Orkut führte dieser Darwinismus in einen Teufelskreis: Weil Orkut nicht genügend Rechnerkapazität hatte, stiegen die Nutzerzahlen nicht schnell genug, um zusätzliche Rechnerkapazitäten zu erkämpfen. Facebook zog davon.

Seit je bekommen Gruppen von Google-Nutzern immer wieder verschiedene Varianten von Google-Websites auf den Bildschirm geschickt, ohne dass sie davon etwas merken. Das Klickverhalten der Testkunden entscheidet darüber, welche Änderungen von Dauer sind und welche nicht. Unter Schmidt nahm die Testeritis teilweise absurde Züge an. Douglas Bowman, bis 2009 Designchef bei Google, sollte einmal nachweisen, ob eine Linie auf einer Google-Website besser drei, vier oder fünf Pixel breit zu sein hatte.

"Ab einem bestimmten Punkt werden Daten zu einer Krücke für jede Entscheidung und lähmen das Unternehmen", klagt Bowman, "ich kann in so einer Umgebung nicht arbeiten." Bowmann wechselte zum Online-Netzwerk Twitter.

Über ein Jahrzehnt hinweg hat die Rekrutierung nach Selbstähnlichkeit dazu geführt, dass vermutlich keine Konzernbelegschaft einen so hohen durchschnittlichen Intelligenzquotienten aufweist wie die von Google. Die soziale Intelligenz hingegen hat im Googleplex keine natürliche Heimstatt, um es vorsichtig auszudrücken. Immer wieder reagiert das Google-Management schockiert und fassungslos, wenn die Welt da draußen einfach nicht die streng rationale Weltsicht teilen will, die innerhalb des Googleplex vorherrscht.

Die Datenschutzbedenken bei Google Buzz oder dem von Page persönlich ersonnenen Projekt Google Streetview, bei dem ganze Straßenzüge abfotografiert und online gestellt wurden, konnten Schmidt, Page und Brin nie nachvollziehen. Kein Wunder, schließlich schilderte Page noch 2004 seine Zukunftsvision wie folgt: Irgendwann werde Google feststellen können, was die Menschen gerade denken, und ihnen die passenden Informationen direkt ins Gehirn einspielen. Für Page eine erstrebenswerte Vorstellung - so schildert es zumindest Levy in seinem Google-Buch.

Android: Räumlich getrennt vom Rest der Google-Mannschaft

Ironischerweise gedeihen mittlerweile jene Geschäftszweige am besten, die sich der Herrschaft der Logik-Ayatollahs zumindest ein Stück weit entziehen. Die Videoplattform Youtube, 2006 von Google für 1,7 Milliarden Dollar zugekauft, wurde zum Beispiel nie in den Konzern integriert. Auch Andy Rubin, neben Vic Gundotra der zweite große Hoffnungsträger für Googles Zukunft, hat sich seine Eigenständigkeit bewahrt.

Als Rubin sich erstmals mit dem Gedanken trug, ein Handybetriebssystem zu erfinden, das offen für externe Entwickler war und obendrein an alle Hersteller verschenkt werden sollte, da erntete er in der Branche zunächst nur Spott. Niemand verstand, wie Rubin allein mit Dienstleistungen rund um das Betriebssystem Geld verdienen wollte.

2005 tingelte der Tüftler auch bei Google vorbei, um Fürsprecher für sein neues Projekt zu finden: Google solle bitte für Android bei potenziellen Partnern ein freundliches Wort einlegen. Am Ende entschied Larry Page, dass Google Android samt seinen acht Mitarbeitern einfach aufkaufen sollte.

Die neue Google-Einheit behielt nicht nur ihren Namen, sondern auch volle Autonomie. Räumlich getrennt vom Rest der Google-Mannschaft, tüftelten die Android-Angestellten an ihrer neuen Supersoftware. Vor allem aber hatte Rubin mit Page einen leidenschaftlichen Fürsprecher - internen Zweiflern zum Trotz.

Nikesh Arora etwa warnte den neuen Mitarbeiter Rubin einst im Beisein von Page: "Es haben schon viele versucht, ein Handybetriebssystem zu bauen. Es wird euch so nicht gelingen." Page bedankte sich für den Einwand des ehemaligen T-Mobile-Managers Arora freundlich und ließ unbeirrt Geld in das Vorhaben fließen. "Ich habe mich inzwischen mehrfach öffentlich bei Andy Rubin entschuldigt", bekennt Arora heute. "Ich lag wohl daneben."

Wie wahr, Android ist heute das weltweit meistgenutzte Betriebssystem für Smartphones, die Alleskönner-Handys. Das Verschenken des Betriebssystems an Handybauer wie Samsung Börsen-Chart zeigen, LG und Sony Ericsson zahlt sich aus: Täglich werden weitere 550.000 neue Android-Geräte in Betrieb genommen.

Für Google kommen so jeden Tag eine halbe Million potenzieller Werbekunden im mobilen Suchanzeigengeschäft hinzu. Denn auf den Android-Handys sind Google-Anwendungen wie Online-Suche oder Kartendienste selbstverständlich vorinstalliert.

© manager magazin 10/2011
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