Montag, 23. September 2019

Testfahrt im Ferrari 458 Italia Sonores Grollen

Ferrari 458 Italia: Betont kraftvoll
SPIEGEL ONLINE

Die mild gestimmte Urgewalt des Ferrari-Sounds begeisterte Bettina Wagener noch vor der Testfahrt. Die Deutschland-Chefin des Logistikkonzerns Chep fährt privat gern Porsche und im Dienst BMW, wusste aber die Ästhetik des italienischen Renners durchaus zu goutieren.

Bad Godesberg - Bettina Wagener kommt aus ihrem Bad Godesberger Haus, noch bevor der Ferrari 458 eingeparkt ist. "Man hört ihn, bevor man ihn sieht", sagt die Deutschland-Chefin des amerikanischen Logistikkonzerns Chep. Tatsächlich klingt das sonore Dauergrollen, das der Achtzylinder beim Rangieren aus drei dicken Auspuffrohren entlässt, wie eine mild gestimmte Urgewalt.

Schon der Anblick des flachen Zweisitzers fasziniert die Testerin: die gläserne Klappe am Heck, die den riesigen Motor präsentiert wie eine Reliquie, muskulös gewölbte Kotflügel, raffiniert integrierte Lufteinlässe für Bremsen-, Öl- und Motorkühlung, die eleganten Karosserielinien - all das bringt Bettina Wagener zu dem Urteil, dies sei der erste Ferrari, dessen Äußeres ihr "rundum gefällt".

Das Design des Innenraums steigert noch ihre Begeisterung. Das Lenkrad erinnert die 43-Jährige an die Formel 1: unten abgeflacht, oben, im Blickfeld des Piloten, eine Reihe von nacheinander aufleuchtenden roten Warnlämpchen für die Drehzahlkontrolle. Dazwischen Schalter und Bedienknöpfe für Blinker, Scheibenwischer und Antriebseinstellung.

Auch die vielen Karbonoberflächen und die exakten Ledernähte der Sonderausstattung haben es Wagener angetan. Letztere sind farblich auf den Außenlack abgestimmt. So viel Genuss und Ästhetik, findet die Testerin, böten "heute nur noch italienische Automarken. Sogar im Premiumsegment." Dort kennt sich die Logistikerin aus: Zu ihrem Haushalt gehörten nacheinander diverse Porsches.

Das artige Biest ist gut zu zügeln

Vollends aus dem Häuschen gerät Wagener jedoch auf der Landstraße nach dem ersten Kick-down. Im Stadtverkehr hat sich die Testerin brav zurückgehalten - und bewundert, wie artig das Biest von Mittelmotor seine 570 PS zügeln kann, wie gut dabei die Schalldämpfung fürs Cockpit funktioniert. Beim Cruisen können sich die Insassen so gut unterhalten wie in einem Kompaktwagen.

Die Urgewalt im Rücken des Piloten bricht sich jedoch hemmungslos Bahn, sobald das Gaspedal nur wenige Millimeter beherzt nach unten gedrückt wird. Dann schnellt der Ferrari nach vorn und schlägt ein orchestrales Geschmetter an, bei dem nicht klar ist, ob Trompeten, Posaunen oder Fanfaren Pate gestanden haben. Oder alles zusammen.

Immer wieder will Wagener diesen sinnlichen Effekt erleben. Auf der A61 geht sie deshalb mit den Tempolimits etwas freizügiger um, als dies ein Verkehrspolizist im Dienst tun würde. Schließlich legt sie per Lenkradhebel sogar den Race-Modus ein. Jetzt dreht der Achtzylinder noch radikaler hoch, wechselt das Doppelkupplungsgetriebe die sieben Gänge noch schneller, aber auch härter und mit vernehmlichem Klacken. Der Motorsound wird noch bissiger.

Zurück in Bad Godesberg, fällt Bettina Wagener das Fazit leicht: Sie hat "so viel Spaß gehabt", sagt die Testerin, dass sie bei Details wie den komplizierten Bedienmenüs für Navi, Radio und Klimaautomatik "nicht kleinlich kritteln will". Stattdessen überlegt sie für einen Moment, wie sie den Ferrari 458 öfter genießen könnte. "Sicher nicht dienstlich", räsoniert die Managerin. Was würden die Mitarbeiter sagen? Und was erst die Kunden? Aber vielleicht privat?

Am Ende siegt dann doch die Vernunft über die Leidenschaft. Zumal die hiesige Witterung nicht das optimale Biotop für den 458 Italia bietet. Wageners neuer Dienstwagen, ein BMW 530d, hat deshalb einen äußerst rationalen Allradantrieb.

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