Sonntag, 15. Dezember 2019

Bundesregierung Wirtschaftsprofis verlassen Merkel in der Krise

Einer von acht: Eine Riege von Spitzenbeamten muss jetzt Europas Wirtschaft retten
AFP

Angela Merkel gehen die Ökonomen aus. Der Fachkräftemangel macht sich auch in der Politökonomie bemerkbar. Mitten in der Finanzkrise verliert Deutschland nun international an Einfluss.

Hamburg - Am 6. Juni 2011 fühlte sich Thomas Mirow ziemlich einsam. Der Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) war nach Montreal geflogen, zum International Economic Forum of the Americas. Mirow blätterte im Tagungsprogramm. Er fand den Namen von Jean-Claude Trichet, dem Chef der Europäischen Zentralbank ( EZB). Er fand den Namen von Michel Barnier, dem mächtigen Binnenmarktkommissar der Europäischen Union ( EU). Doch außer auf sich selbst stieß Mirow nur auf einen einzigen Landsmann: Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz Börsen-Chart zeigen .

"Eigentlich seltsam", sagt Mirow mit der feinen Ironie des Diplomaten, "bei der Konferenz ging es um neue Wachstumsmodelle nach der Krise. Man sollte eigentlich meinen, dass die Heimat der sozialen Marktwirtschaft zu diesem Thema etwas beizusteuern hat."

Außer in Montreal hat Mirow in diesem Jahr ähnliche Tagungen in Aix-en-Provence und St. Petersburg besucht und natürlich auch das Weltwirtschaftsforum in Davos. Überall das gleiche Bild: kaum Deutsche an der Debattenfront. Überall, befindet Mirow, sei die Bundesrepublik im Verhältnis zu ihrer wirtschaftlichen Bedeutung unterrepräsentiert gewesen.

Was für ein Widerspruch! Nach Finanzkrise, Weltrezession, Schuldeneskalation und Börsencrash sollte jetzt eigentlich der "German Moment" in der Wirtschaftsgeschichte schlagen, den der britische "Economist" 2010 ausrief. Die soziale Marktwirtschaft mit ihrer Mischung aus neu erkämpfter Wettbewerbsfähigkeit, Hightech-Industrieproduktion, Sozialpartnerschaft und zumindest halbwegs intakten öffentlichen Haushalten hat sich in den Krisenjahren als erfolgreiches Wirtschaftsmodell erwiesen.

Lehman-Pleite als Zäsur

Robuster als der Kapitalismus angelsächsischer Prägung, der vor allem vom Wachstumsschub durch liberalisierte Finanzmärkte profitierte. Ein Modell, das mit der Lehman-Pleite jäh an seine Grenzen stieß.

Nachhaltiger als das südeuropäische Wachstumsmodell, das auf staatlich angekurbelte Nachfrage setzte - finanziert durch Schulden, die man traditionell durch Inflation und Währungsabwertung neutralisierte. Ein Weg, der seit dem Euro-Beitritt verschlossen ist.

Die Weltwirtschaft will raus aus dem Schuldensumpf, fahndet nach frischen Vorbildern, verhandelt eine neue Machtbalance. Doch ausgerechnet in dieser entscheidenden Stunde ist die wachstumsstärkste Industrienation des Westens abgetaucht. "Die Bundesrepublik wird im Ausland derzeit als sehr inwardlooking wahrgenommen", sagt Klaus Gretschmann, scheidender Generaldirektor für Industrie-, Energie und Wettbewerbspolitik beim Ministerrat der Europäischen Union, "und das ist noch zurückhaltend formuliert."

Hauptursache der fehlenden deutschen Präsenz: ein bedrückender Mangel an politökonomischem Spitzenpersonal made in Germany. Gretschmann: "Uns fehlt zum einen die breite Auswahl an Topleuten, die man heutzutage braucht, um internationale Positionen zu besetzen. Und zum anderen das diplomatische Geschick, um die wenigen guten Kandidaten in wirklich einflussreichen Funktionen unterzubringen."

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