Samstag, 19. Oktober 2019

Bundesregierung Wirtschaftsprofis verlassen Merkel in der Krise

Einer von acht: Eine Riege von Spitzenbeamten muss jetzt Europas Wirtschaft retten
AFP

5. Teil: Nur leichte Verbesserung

Borchardt schreibt auch die Vorlagen für die halbjährlich tagende sogenannte Pofalla-Runde, in der der Kanzleramtsminister mit Staatssekretären aus den übrigen Ministerien berät, welche internationalen Positionen demnächst frei werden und ob deutsche Kandidaten dafür infrage kommen.

In Organisationen mit besonders geringem Deutschen-Anteil, etwa der Weltbank in Washington, finanziert die Bundesregierung sogar befristete Stellen für Bundesbürger - in der Hoffnung, dass diese Mitarbeiter anschließend in ein Dauerarbeitsverhältnis hineinrutschen.

Viel Aufwand also, der aber zumindest auf der Arbeitsebene inzwischen Erfolge zeitigt. Nimmt man den Anteil an den Beitragszahlungen als Maßstab, ist die Bundesrepublik inzwischen im höheren Dienst der EU-Kommission halbwegs angemessen vertreten und in Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds oder der OECD nur noch leicht unterrepräsentiert.

Doch auf den obersten Führungsebenen, wo die Posten wirklich umkämpft sind und Regierungschefs sich persönlich einschalten, um ihren Kandidaten durchzubringen, kommt Deutschland regelmäßig zu kurz . Von den drei wichtigsten Machtpositionen innerhalb der EU - Kommissionspräsident, Ratspräsident, Außenbeauftragter - besetzt der mit Abstand einwohnerstärkste Staat der EU keine einzige. Außerhalb Brüssels sieht es nicht besser aus: So findet sich unter den 32 "Senior Officials" des IWF gerade mal ein Deutscher - und der ist für die wenig glamouröse Innenverwaltung zuständig.

Frankreich nutzt Deutschlands Lähmung

Als Strauss-Kahn nach seiner Verhaftung zurücktrat, hätte der IWF-Chefposten nach diplomatischen Usancen eigentlich an eine andere europäische Nation fallen müssen. Schon weil Frankreich mit Pascal Lamy bereits den Führer der Welthandelsorganisation WTO stellt. Beide, Strauss-Kahn wie Lamy, sind übrigens Sozialisten - und wurden von gaullistischen Präsidenten auf den Schild gehoben.

Thomas Mirow, berichten Vertraute, wäre durchaus nicht unangenehm überrascht gewesen, wenn die Bundesregierung ihn als Strauss-Kahn-Nachfolger ins Gespräch gebracht hätte. Schließlich war Horst Köhler 2000 ebenfalls vom EBRD- zum IWF-Chef aufgerückt.

Doch Mirow erhielt keinen Anruf. Erstens, so heißt es in Berlin, weil er Sozialdemokrat ist. Und zweitens, weil Nicolas Sarkozy sofort begriff, dass er den französischen Anspruch auf den IWF-Posten nur mit einer extrem überzeugenden Kandidatin würde wahren können - und seine Finanzministerin Christine Lagarde vorschlug: Frau, bestens qualifiziert, top vernetzt diesseits wie jenseits des Atlantiks.

"Man stelle sich mal vor, Deutschland hätte seinen Finanzminister als IWF-Chef nominiert", sagt Alexandra Heldt, Geschäftsführerin des Tönissteiner Kreises, eines Netzwerks von Deutschen mit internationalen Karriereambitionen. "Da hätte es doch sofort geheißen: Der soll weggelobt werden."

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