Dienstag, 22. Oktober 2019

Bundesregierung Wirtschaftsprofis verlassen Merkel in der Krise

Einer von acht: Eine Riege von Spitzenbeamten muss jetzt Europas Wirtschaft retten
AFP

2. Teil: Beschämende deutsche Bilanz

Bereits zweimal binnen weniger Monate musste die Bundesregierung bei der Besetzung eines wichtigen internationalen Postens passen. Nach der Absage von Axel Weber für den Präsidentenjob bei der Europäischen Zentralbank hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) keinen zweiten starken Kandidaten in der Hinterhand; der Rücktitt des damaligen EZB-Chefvolkswirts Jürgen Stark verschärfte die Lage zusätzlich. Und als ein Nachfolger für den zurückgetretenen Dominique Strauss-Kahn an der Spitze des Internationalen Währungsfonds ( IWF) gesucht wurde, konnten sich die Franzosen das Amt zum zweiten Mal in Folge sichern - auch weil die Bundesregierung keinen eigenen Personalvorschlag präsentierte.

Auf nationaler Ebene sieht es nicht besser aus. Als Jens Weidmann, Abteilungsleiter Wirtschaft im Kanzleramt, Webers Nachfolge an der Spitze der Bundesbank antrat, musste sein Job vorübergehend auf vier ohnehin schon überlastete Schultern verteilt werden: Die Vorbereitung der Weltwirtschaftsgipfel lud sich Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen zusätzlich auf. Den Job im Kanzleramt übernahm provisorisch der damalige Europa-Abteilungsleiter Uwe Corsepius, der eigentlich schon auf dem Absprung war zu seinem neuen Posten als Generalsekretär des Ministerrats der EU.

Als dann mit dem Berliner ESMT-Hochschulpräsidenten Lars-Hendrik Röller endlich ein Externer als Weidmanns Nachfolger gefunden war, blieb keine Zeit mehr für die geplante Einarbeitung. Kaum im Amt, zimmerte Röller bis spät in die Nacht mit Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy am jüngsten Griechenland-Rettungspaket. Als der Morgen schon graute, buchte ihm das Lagezentrum des Kanzleramts einen Platz in der Frühmaschine von Berlin nach Brüssel. Dort warteten schon Europas Bankenchefs, denen Röller die Beteiligung privater Griechenland-Gläubiger schmackhaft machen musste.

Wie man in Berlin auch zieht und zuppelt: Wenn es um Wirtschaftskompetenz geht, ist die Personaldecke der Bundesregierung stets ein Stück zu kurz. Der Chef der Finanzaufsicht Bafin, Jochen Sanio, wird seinen geplanten Ruhestand wohl um ein paar Monate aufschieben müssen. Denn die von Sanio aufgebaute Nachfolgerin Sabine Lautenschläger wurde von Weidmann zur Bundesbank geholt. Die Personalberatung Egon Zehnder fahndet noch nach Ersatz.

Auf 33 Volkswirte entfallen 151 Juristen

Sicher, für den Mangel an wirtschaftskompetentem Personal mag es langfristige Ursachen geben. lmmer seltener lassen sich Menschen mit ökonomischem Background für eine Karriere in der Politik begeistern. "Jungmanager oder -unternehmer haben kaum noch Interesse daran, sich ehrenamtlich in einer Partei oder einem Verband zu engagieren", sagt Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgebervereinigung BDA. Von einem hauptberuflichen Wechsel in die Politik ganz zu schweigen: "Wer aus einem Unternehmen kommt, fühlt sich da schnell abgeschreckt von den geringen Einflussmöglichkeiten und dem Zwang zur Öffentlichkeit."

Der Weg in staatliche Spitzenämter verläuft in Deutschland nahezu zwingend über den Hindernisparcours der Lokal- oder Landespolitik. Den in Frankreich üblichen undogmatischen Wechsel zwischen Verwaltung, Politik und Unternehmen, zwischen nationalen und internationalen Positionen gibt es hierzulande kaum. Göhner: "Auch deshalb bleiben viele Menschen mit volks- oder betriebswirtschaftlicher Ausbildung lieber der Unternehmenslaufbahn treu."

Im Bundestag sitzen derzeit 52 Unternehmer 198 Abgeordneten gegenüber, die aus dem öffentlichen Dienst kommen. Auf 33 Volkswirte entfallen 151 Juristen. In Politik und Verwaltung dominieren die Denkmodelle der Rechtswissenschaftler. "Wenn ich in Besprechungen von der Grenzproduktivität der Arbeit rede, ernte ich entweder Stöhnen oder Gelächter", klagt ein volkswirtschaftlich vorbelasteter Staatssekretär.

Soweit die langfristigen Ursachen. Doch in den vergangenen Jahren haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Minister die Personalnot offenbar zusätzlich verschärft. Allzu viele Leistungsträger mit ökonomischem Sachverstand hat diese Regierung bereits verschlissen oder weggebissen.

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