Mittwoch, 27. Mai 2020

Mittelstand in Deutschland Jung, locker, erfinderisch

Innovation: Das Gesicht des deutschen Mittelstands
Rüdiger Nehmzow

Ein neuer Typ von Mittelständlern wird zu einer treibenden Kraft des Fortschritts am Standort Deutschland. Jung, locker, erfinderisch - aber im Kern genauso konservativ wie die Traditionsunternehmen.

Es gibt noblere Geschäftsadressen als diesen Hinterhof in Düsseldorf-Unterbilk. Klein- und Kompaktwagen mit deutlichen Gebrauchsspuren stehen schräg geparkt zwischen dem einen oder anderen Schuttcontainer. Die rechte Hälfte des Flachbaus, der das Ensemble nach hinten abschließt, wirkt jedoch edler: Mattschwarze Rahmen um große Fenster kontrastieren auf leuchtend weißer Fläche.

So haust der neue Mittelstand.

In dem Areal hat Sipgate, ein Anbieter von Internettelefonservices für Privat- und Geschäftskunden, seinen Firmensitz. Thilo Salmon hat das Unternehmen 2003 mitgegründet. Inzwischen ist der 40-Jährige mit dem in sich gedrehten Zopf sicher, dass er und seine Kollegen einen großen Fisch an der Angel haben. Den wollen sie so schnell nicht wieder vom Haken lassen - und schon gar nicht mit externen Finanziers teilen. "Geld für weiteres Wachstum ist vorhanden", sagt Salmon selbstbewusst: aus dem schnell wachsenden Cashflow, aber auch aus Rücklagen.

Die Geschäfte mit ihren selbst entwickelten Technologien gehen gut. Mit den "virtuellen Telefonanlagen" von Sipgate können Unternehmen bis zu 70 Prozent ihrer Telefonkosten sparen. Im ersten Quartal 2011 hat sich die Zahl der Anmeldungen für die Internettechnologie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelt. Die Zahl der Sipgate-Mitarbeiter ist im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen, auf knapp 80. Bis Ende 2012, so der Plan, sollen es 120 sein, abermals 50 Prozent mehr.

Ausgaben für Innovationen verdoppelt

Mit seinen technisch anspruchsvollen, aber leicht anzuwendenden Verfahren fürs Telefonieren über Web-Server ist Sipgate ein Prototyp jener Sorte von innovativen Mittelständlern, die das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) identifiziert hat. Wie Sipgate, so haben viele Mittelständler ihre Innovationsanstrengungen in den vergangenen Jahren massiv verstärkt - und die Ausgaben dafür zum Teil verdoppelt (siehe Tabelle links). Sie sind zu einer treibenden Kraft des technologischen Fortschritts am Standort Deutschland geworden.

In einzelnen Sektoren, etwa bei den wissensintensiven Dienstleistungen, "liegt die Innovationsintensität der kleinen und mittleren Unternehmen sogar deutlich über dem Wert der großen Unternehmen, denen Forschung, Entwicklung und die daraus abgeleiteten Neuerungen traditionell leichter fallen", sagt Christian Rammer vom ZEW, der das jüngste Innovationspanel seines Instituts für manager magazin genauer analysiert hat.

Das heißt konkret: Wendige Mittelständler finden aussichtsreiche Geschäfts- und Wachstumsfelder dort, wo sich Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) für hiesige Konzerne nicht recht zu lohnen scheinen. Etwa bei Technologien für die Film- und Fernsehindustrie, bei Kreativdienstleistungen oder in der Datenverarbeitung (siehe Grafik links). Die ZEW-Studie fördert überraschende Erkenntnisse zutage: Deutschlands neuer innovativer Mittelstand etabliert sich in der Schnittmenge zwischen forschungsbasierten Industrien und wissensintensiven Dienstleistungen. Sipgate zum Beispiel expandiert in den technologisch aufwendigen Nischen des Telekom-Business mit selbst entwickelter Software und kontinuierlicher Kundenbetreuung.

Einer der Erfolgsfaktoren, der die neuen Mittelständler auszeichnet, ist der pflegliche Umgang mit den Fachkräften: Die permanente Motivation und Fortentwicklung des Personals ist zentral im Geschäftsmodell verankert.

Bei Sipgate, sagt Geschäftsführer Salmon, gehe man gezielt auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Mitarbeiters ein. Überstunden zum Beispiel seien verpönt: "Hier arbeitet niemand auf Dauer 50 Stunden pro Woche." Seine Personalstatistik belegt: Im Mittel haben die Sipgater nur 3,28 Prozent mehr gearbeitet als die erwarteten 40 Wochenstunden. Wobei die Programmierer, in der übrigen IT-Branche oft die am meisten überforderte Berufsgruppe, noch unter diesem Firmenschnitt liegen, wie Salmon beteuert.

© manager magazin 8/2011
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