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Herkulesaufgabe: Wer die griechische OTE retten soll

Foto: Frank Hoppmann

Deutsche Telekom Hellas' Wahnsinn

Die Blockade beim Verkauf der US-Tochter T-Mobile kommt für die Deutsche Telekom zur Unzeit. Denn die griechische Tochter OTE bereitet noch größere Probleme: Vorstandschef René Obermann droht mit OTE an der Dauerkrise Griechenlands zu scheitern.
Von Simon Hage und Astrid Maier

Rein äußerlich könnte man Panagiotis Koutras für einen gemütlichen älteren Herren halten. Der Präsident der griechischen Telekommunikationsgewerkschaft OME-OTE trägt ein grünes Polohemd. Gelichtetes ergrautes Haar bedeckt seinen rundlichen Kopf. Doch sobald Koutras über die Deutsche Telekom spricht, klingt es, als befinde er sich im Krieg. "Die Deutschen lassen sich in jedem Büro nieder", schimpft Koutras, "und der Aktionär Staat schaut nur von Weitem zu."

Der Bonner Konzern provozierte den Protest der Gewerkschaft, als er 2008 bei Griechenlands größter Telefongesellschaft einstieg: dem ehemaligen Staatsmonopolisten OTE. Mit handfestem Widerstand sorgten Koutras' Gefolgsleute jahrelang dafür, dass OTE-Aktionäre nur an geheimen Orten tagen konnten: mal im Hinterzimmer eines Hotels, mal auf einem Bürgersteig.

Dass die Telekom  ihren Anteil nun auf 40 Prozent erhöht, treibt Koutras dieses Jahr selbst ans Rednerpult auf der Hauptversammlung: "Wir werden weiterkämpfen", droht er, "und zwar mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen." Im hinteren Teil des tristen, mit Furnierholz verkleideten Konferenzraums in der Athener Konzernzentrale klatschen hemdsärmlige, finster dreinblickende Männer Beifall. Bisher haben sie erfolgreich verhindert, dass die Telekom durchgreift und Personal abbaut.

Renitente Beschäftigte, ineffiziente Strukturen, schrumpfende Einnahmen: Im Griechenland-Geschäft der Deutschen Telekom scheinen die zentralen Probleme der hellenischen Republik auf. Anders als in Deutschland, wo Konzernchef René Obermann die Organisation ausgedünnt und Kosten gesenkt hat, scheiterte er in Griechenland bisher an einer starken Gewerkschaft, an einer übermächtigen Regulierungsbehörde und an einer Regierung, die kaum noch handlungsfähig ist.

Telekom-Tochter OTE im freien Fall - wie der Rest des Landes

Die Telekom-Tochter befindet sich wie das gesamte griechische Gemeinwesen im freien Fall. Der Umsatz der OTE-Gruppe gab 2010 um 8 Prozent auf 5,5 Milliarden Euro nach, der Nettogewinn gar um 90 Prozent auf 40 Millionen Euro.

Vielen gilt der Telekommunikationskonzern als die eigentliche unternehmerische Bewährungsprobe in Griechenland: "Am Beispiel der OTE wird sich zeigen, ob Privatisierungen nationaler Konzerne hier überhaupt funktionieren", sagt der Ökonom Jens Bastian, der in Athen lebt und forscht. Denn nur durch den Verkauf nationaler Besitztümer - von der hellenischen Postbank über die griechische Bahn bis hin zu Flughäfen - kann Griechenland, wenn überhaupt, die Staatspleite abwenden.

In Bonn hat der Fall OTE inzwischen höchste Priorität. Die Probleme anderer Auslandstöchter der Telekom - ob in den USA, in Großbritannien oder Polen - hat Obermann bereits angepackt und die Hoffnung auf einen erfolgreichen Verkauf der US-Tochter T-Mobile auch nach dem Einspruch des US-Justizministeriums noch nicht aufgegeben. Allein die Krise in Hellas bleibt ungelöst.

Kann Obermann das griechische Problem der Telekom beheben? Oder wird der Konzern dort zwischen den politischen Fronten zerrieben?

Es ist noch gar nicht lange her, da sah Obermann keine Alternative zur Akquisition in Griechenland. Kurz nach seinem Amtsantritt als Telekom-Chef Ende 2006 starteten seine Konkurrenten einen Eroberungszug. Ob Vodafone  in Indien, Telefónica  in Lateinamerika oder France Télécom  in Nordafrika: Die großen europäischen Telekomkonzerne hatten sich durch Zukäufe in Schwellenländern Neugeschäft gesichert. Der Kapitalmarkt verlangte nun auch von den Bonnern eine Wachstumsstory.

Unkündbare OTE-Beamte: Während die Erlöse sinken, steigen die Gehälter

So prüfte die Telekom unter anderem einen Einstieg in Dänemark (TDC) und Ägypten (Orascom), doch als einzige Option blieb die griechische OTE übrig. Zwei Jahre hatte der damalige Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick bei OTE-Chef Panagis Vourloumis für den Deal geworben.

Im Frühjahr 2008 gab die Regierung schließlich nach: Sie erlaubte der Telekom, zunächst einen Anteil von 25 Prozent und obendrein die Managementkontrolle zu erwerben. Kostenpunkt: 3,2 Milliarden Euro. Ein Preis, den selbst damalige Befürworter heute als stark überhöht empfinden.

Den T-Aktionären präsentierte Obermann euphorische Pläne. Über die Auslandstöchter der OTE und die eigenen Osteuropa-Gesellschaften wollte der Telekom-Chef ein Imperium auf dem Balkan errichten (siehe Grafik oben). Die Beteiligungen sollten systematisch aufgestockt werden. Gemeinsam mit OTE werde man "die Konsolidierung in der europäischen Telekommunikationsindustrie forcieren", versprach Obermann.

Von derartigem Selbstbewusstsein ist wenig übrig geblieben. Die Telekom musste bereits 1,6 Milliarden Euro auf ihre Griechenland-Beteiligung abschreiben, weitere Abwertungen sind nicht ausgeschlossen. Seit dem Telekom-Einstieg hat sich der Wert der OTE-Aktie dramatisch reduziert. Und die Perspektiven, die OTE-Chef Michael Tsamaz zu bieten hat, sind düster.

OTE-Chef Tsamaz: "Vor uns liegen zwei sehr schwierige Jahre"

Tsamaz zählt zur Minderheit der Hauptversammlungsteilnehmer, die Anzug und Krawatte tragen. Doch seine Eleganz ist das einzig Positive, das er den Aktionären zu bieten hat. "Vor uns liegen zwei sehr schwierige Jahre", sagt er im Stil eines Grabredners: "Wir können es uns nicht erlauben, von den ökonomischen Entwicklungen weggespült zu werden."

Tsamaz gilt als fähiger Manager. Der Wunschkandidat der Telekom trat im November 2010 an die Konzernspitze in Athen. Zuvor hatte Tsamaz, der BWL in Kanada studiert hat, die Marktführerschaft der OTE-Mobilfunktochter Cosmote in Griechenland erfolgreich ausgebaut. Doch die OTE ist einem Trend ausgesetzt, dem Tsamaz wenig entgegenzusetzen vermag.

Während die Erlöse sinken, steigen die Gehälter. Schuld daran sind vor allem die unkündbaren Ex-Beamten, die in der Festnetzgesellschaft OTE S. A. gut drei Viertel der Belegschaft ausmachen: Ihre Bezüge wachsen jährlich automatisch um 2,5 Prozent.

Schon heute kostet ein Festnetzmitarbeiter die OTE im Durchschnitt etwa 62.000 Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Der Telekom-Schnitt in Deutschland liegt bei ungefähr 53.000 Euro. Die Arbeitskosten machen bei der OTE bereits 37 Prozent des Umsatzes aus (Telekom: 20 Prozent). Gehen die Erlöse in den kommenden Jahren weiter zurück, wird die OTE zwangsläufig in die roten Zahlen rutschen. "Die Entwicklung ist schon heute problematisch", warnt ein Telekom-Vorstand, "wird aber jedes Jahr gefährlicher."

Personalstab ist hoffnungslos aufgebläht

Der Personalstab ist hoffnungslos aufgebläht. Das hat auch mit dem politischen Filz früherer Jahre zu tun: Drohte eine Wahl verlorenzugehen, versorgten griechische Spitzenpolitiker ihre Günstlinge gern noch kurzfristig mit Posten bei der OTE. Die Vetternwirtschaft im Unternehmen sei inzwischen abgeschafft, beteuern Telekom und OTE. Doch die Nachwirkungen bleiben.

"Viele tun nichts und werden trotzdem dafür bezahlt", ätzt ein OTE-Aktionär auf der Hauptversammlung. Telekom-Manager, die aus Bonn zur Griechenland-Tochter nach Athen wechseln, wundern sich bisweilen über den mehrköpfigen Hofstaat, der ihnen dort zur Verfügung gestellt wird. Es gebe Mitarbeiter, die in der Hauptsache Frappé zubereiteten - griechischen Eiskaffee, der an heißen Sommertagen Kühlung verschafft.

Das Kostenproblem war den Telekom-Managern schon vor dem Einstieg bekannt. Fast der gesamte Vorstand bildete sich bei der Buchprüfung eigenständig eine Meinung: neben dem damaligen Finanzchef Eick auch CEO Obermann, Arbeitsdirektor Thomas Sattelberger sowie Ex-Festnetzchef Timotheus Höttges, heute Oberfinanzer. Der Vorstandsbeschluss zum OTE-Kauf war einstimmig.

Doch in zwei Punkten hat sich die Telekom verkalkuliert. Der Vorstand rechnete mit konstantem Wachstum in Griechenland und hoffte darauf, dass die Athener Regierung das Arbeitsrecht lockern und damit Kürzungen bei den Personalkosten ermöglichen würde.

Glasfasernetz: OTE muss Konkurrenten Vorrang gewähren

Vergeblich regte die Telekom etwa einen "Pakt für Beschäftigung" an: Man werde üppig ins Glasfasernetz investieren, schlug der Konzern der griechischen Regierung vor. Im Gegenzug solle der Staat Zugeständnisse bei Regulierung und Arbeitsrecht machen. Doch der Vorstoß scheiterte, vor allem am Widerstand der übermächtigen Regulierungsbehörde.

Die überbordende Regulierung hindert die Telekom-Tochter ohnehin daran, effizient zu wirtschaften. So muss das Unternehmen seine modernen Internetleitungen zu vorab festgelegten Dumpingpreisen an die Wettbewerber vermieten. Besonders skurril: Investiert der Konzern etwa in schnelle Glasfasernetze, darf er diese erst nach einem halben Jahr selbst nutzen. Bis dahin muss die OTE ihrer Konkurrenz den Vorrang gewähren. Ein Pilotprojekt, das den Ausbau des Highspeed-Internets VDSL vorsah, hat die OTE nun auf Eis gelegt.

Die künftige Europa-Chefin Claudia Nemat erwartet ein schwieriger Job, zumal sie für das Griechenland-Geschäft nicht einmal einen Aufräumer aus Bonn schicken kann: Die Kaufvereinbarung zwischen der Telekom und dem hellenischen Staat verlangt vom OTE-Chef, "fließend Griechisch zu sprechen".

Seit dem Abschluss des Vertrags hat die Telekom ihre Strategie weltweit verändert. Die ehrgeizigen Wachstumspläne im Ausland sind inzwischen einem Programm zum Kosten- und Schuldenabbau gewichen, das die Gewinne retten soll. Unter anderem sollen Doppelstrukturen abgebaut, IT-Systeme vereinheitlicht werden (siehe Kasten "Gewinne in Gefahr"). Umso mehr gelten die Sparpläne für den Fehlgriff in Athen: Vor allem Finanzvorstand Höttges, der OTE als große Belastung für die Telekom-Bilanz betrachtet, verlangt von den Griechen Kostendisziplin.

Garantien oder Finanzhilfen will er der OTE nicht gewähren. Für eine Refinanzierungsrunde im Frühjahr mussten die Griechen eigene Geldgeber finden. Die Griechenland-Tochter, so Höttges' Ansage an das Management in Athen, müsse für ihre Schulden selbst geradestehen. Ein ungewöhnliches, aber eindeutiges Signal an die OTE und ihre Geldgeber: Auf Rückendeckung durch den Mutterkonzern dürfen sie sich nicht verlassen.

Konzern drohte mit Komplettrückzug

Von weiteren Zukäufen, etwa bei den OTE-Töchtern in Serbien und Rumänien, ist längst keine Rede mehr. Anfang 2011 stieg Obermann aus dem Bieterverfahren für die serbische Telekom aus. Die Preisvorstellungen der dortigen Regierung, heißt es in Bonn, seien zu hoch gewesen. In Rumänien schlug man das Angebot des Staates aus, dessen übrige 46 Prozent an der Rom Telecom zu übernehmen. "Wir sind sehr glücklich mit unserer jetzigen Aufstellung und wollen eher Schulden reduzieren", heißt es aus dem OTE-Management. Der rumänische Staat plant nun, mittels eines Teilbörsengangs Anteile abzustoßen.

Den weiteren Ausstiegsplänen der Regierung in Athen steht die Telekom ebenfalls skeptisch gegenüber. Nur widerwillig griff Obermann zu, als der griechische Staat eine vertraglich vereinbarte Verkaufsoption über zusätzliche 10 Prozent der OTE-Aktien einlösen wollte. Am liebsten würde die Regierung auch noch ihr verbliebenes 10-Prozent-Paket an die Deutschen verkaufen. Doch Obermann zögert, noch mehr Geld ins griechische Euro-Inferno zu werfen.

Ende Mai dinierten Telekom-Aufsichtsräte, Vorstände und OTE-Spitze gemeinsam im vornehmen Athener Restaurant "Ithaki", mit Blick auf die sanften Wellen des Mittelmeers. Angesichts der prekären Lage der Griechenland-Tochter hatten die Bonner ihre jährliche Strategietagung eigens in die hellenische Hauptstadt verlegt. Der damalige Finanzminister George Papaconstantinou hielt die Dinner-Rede und überraschte die Deutschen mit einer klaren Analyse der OTE-Probleme. Auch die horrenden Arbeitskosten kamen zur Sprache.

Timotheus Höttges forderte Reformen im Arbeitsrecht und bei der Regulierung. Sollten die Griechen der Telekom nicht endlich entgegenkommen, drohte der Finanzchef, werde man die OTE "dekonsolidieren", sprich: aus der Bilanz nehmen. Für den griechischen Staat würde das bedeuten, die OTE wieder auf die eigenen Bücher nehmen zu müssen - und den Komplettrückzug der Telekom zu riskieren.

"Mit dem neuen Minister beginnt das Spiel von vorn"

Die Drohung war wohlüberlegt und mit der Bundesregierung abgesprochen. Doch sie blieb ohne Folgen: Der in Griechenland als "Sparkommissar" verschriene Finanzminister Papaconstantinou musste wenige Wochen später abdanken. "Wir hatten zwischenzeitlich das Gefühl, dass unsere Argumente gehört werden", sagt ein Telekom-Vorstand, "aber mit dem neuen Finanzminister beginnt das Spiel nun von vorn."

Noch hat die Telekom nicht aufgegeben. Mehrere Gespräche zwischen dem Management und den aktuellen Regierungsvertretern fanden bereits statt. Der griechische Staat steht unter Druck und braucht ein Erfolgserlebnis bei den geplanten Privatisierungen. Die Telekom wird der Regierung jedoch nur dann den Restanteil an OTE abnehmen, wenn radikale Reformen in Aussicht stehen.

Die Skepsis ist groß: "Für derartige Schritte bekommt die Regierung derzeit gar keine Mehrheiten zusammen", sagt ein Topentscheider der Telekom.

Möglichkeiten, aus dem griechischen Elend zu fliehen, hat Obermann nicht. Der Bundesregierung ist daran gelegen, dass er die Griechen nicht fallen lässt. Außerdem gibt es keine ernsthaften Kaufinteressenten.

Dafür wird schon Gewerkschaftsboss Panagiotis Koutras sorgen. Er räumt das Rednerpult erst, nachdem er weitere massive Streiks angekündigt hat. Koutras geht unter stürmischem Beifall.

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