Hall of Fame Der Seher

Günther Fielmann hat eine ganze Branche umgewälzt. Jetzt will er wieder den Blick schärfen - für die Schätze der Natur.
Günther Fielmann - der Unternehmer baute ein Imperium auf, das sich sehen lassen kann

Günther Fielmann - der Unternehmer baute ein Imperium auf, das sich sehen lassen kann

Foto: Wolfgang Wilde

Draußen gleißt die "gestaltete Feldflur", wie Fielmann, der Kenner, die parkähnliche Landschaft rund um sein Anwesen nennt. Drinnen thront der Hausherr auf einem barocken Sessel, lässt den Besucher in edle Polster plumpsen, auf erlesene Antiquitäten blicken - und verstehen. Günther Fielmann (71), der einst zum Feindbild einer ganzen Branche wurde, als er aus dem stillen Kartell der Augenoptiker ausbrach, dessen Untergang man prophezeite, hat es geschafft.

Nirgends kann er das besser zeigen als auf Gut Schierensee, einem Herrensitz unweit von Kiel, den er der Verlegerwitwe Friede Springer abgekauft hat. Edelleute von Dänemark bis Russland haben hier einst geweilt, sich an Kunstschätzen und der Schönheit der holsteinischen Schweiz delektiert. Jetzt tritt Günther Fielmann, der Brillenkönig, ihr Erbe an.

Tatsächlich hat dieser drahtige, nicht allzu große Herr etwas Aristokratisches ausgebildet. Zurückhaltend der Habitus, gewählt die Rede ("Ich fand es überzogen, um es mal so zu formulieren"). Dazu ein selbstgewisser Zug um den Mund.

Sobald aber das Gespräch aufs Geschäftliche kommt, fällt das höfische Korsett. Dann wird er lebhaft, spricht schnell, auch mal flapsig ("So sieht das aus"), gestikuliert in weiten Bahnen.

Fielmann, der Pionier, ist noch längst nicht reif für den Lehnstuhl. Und führt Gäste deshalb auch bald dorthin, wo er die neueste Seite seines Tatendrangs auslebt: auf die Wiesen und in die Stallungen. Am Schierensee wie auf zwei weiteren Gütern betreibt der Optiker der Nation ökologischen Landbau, züchtet außerdem besondere Haustiere. Stolz schreitet er durch die Reihen seiner Limousin-Kühe, einer robusten, raren Rasse; preist fachkundig deren "Leichtkalbigkeit", verteilt Komplimente ("die hat 'nen schönen geraden Rücken").

Und weil Fielmann eben Fielmann ist, geht es nicht nur um die Ehre, sondern um den Sieg. Auf seinen Höfen versammelt er Spitzenkräfte ihrer Art - Zuchtbullen mit Meistertitel, prämierte Stuten, gekörte Hengste. "Sein Vater war Olympiateilnehmer", preist er Quintus, das Springpferd, dessen Stirn er segnend streichelt.

Aus der Öko-Landwirtschaft will er nicht nur Freude ziehen. Sie soll rentabel sein und ein Beispiel geben. Wissenschaftler erforschen auf seinen Höfen - großzügig gesponsert -, wie sich die Umstellung von konventionellem auf biologischen Landbau auf die Natur auswirkt. Auf dass andere daraus lernen mögen.

Besessenheit, ein bisschen Sendungsbewusstsein und in allem ein erstaunlicher Erfolg - durch Fielmanns Leben weht unbändiger Unternehmergeist. Schon als Kind verdiente er sich manche Mark mit einer kleinen Fischzucht. Sein Gesellenstück, eine prämierte Brille, verkaufte er gleich einem Kollegen. Schon als junger Mann fuhr er schicke Cabrios, weil er selbst mit Cabrios handelte. Gern schritt er voran - und fand stets Gefolgsleute. "Fielmann hatte immer die Gabe, Menschen für seine Sache zu begeistern", erinnert sich DesignProfessor Peter Zec, lange Jahre einer seiner Berater.

Dabei hatte er zunächst wenig Gelegenheit, seine Talente auszuleben. Sein Vater - Beamter, Besserwisser und Berufsschulleiter - verlangte volle Konzentration auf die Schule; die Fischzucht unterband er bald. Der Junge sollte auch keine Gedanken an schöne Dinge verschwenden. Nicht jeder könne sich Schlittschuhe oder ein Fahrrad leisten, argumentierte der gestrenge Mann, also durfte Günther auch keine haben. Wie zum Trotz sammelt er heute alles Mögliche, ob historische Brillen, wilden Rhododendron, Kunst oder schnelle Autos, darunter diverse Ferraris, die er, der Ökobewegte, nur mit der Widersprüchlichkeit des Menschen erklären kann.

Landleben, DDR-Jugend und Verleumdungen

Fielmann, kurz nach Kriegsbeginn geboren, wuchs im 300-Seelen-Dorf Stafstedt in Holstein auf, "in so einem Frauenhaushalt", wie er sagt, bei Mutter und Großmutter. Nicht zu vergessen sein Vetter, der noch heute dort lebt und einen kleinen Supermarkt betreibt. Es muss eine rechte Bullerbü-Jugend gewesen sein, jedenfalls soweit der Vater nicht da war. Hier entstand seine tiefe Liebe zur norddeutschen Heimat, zum Landleben und zur Natur. Gemeinsam zogen Günther Fielmann und seine Mutter mit der Botanisiertrommel los, pressten und ordneten die schönsten Stücke. Weggefährten behaupten, Fielmann kenne mehrere Hundert Blumen beim Namen.

Fotograf wäre er gern geworden. Sein Vater aber drängte ihn, doch besser das Optikerhandwerk zu lernen. Letztlich die richtige Wahl, wie Fielmann heute meint. Ohnehin hat er vom Vater und dessen preußischer Wucht wohl mehr übernommen, als er eingestehen mag.

Die Lehre und sogar die Meisterschule in Berlin fielen ihm leicht. Er lebte flott, lernte neue Welten kennen, zumal er eine Freundin in Ost-Berlin fand. Marx sprach ihn durchaus an. Die Forderung nach materiellem Segen für alle schien ihm, dem in der Jugend Kurzgehaltenen, nur gerecht.

Was er aber als sozialistische Praxis in der DDR erlebte, stieß ihn ab. Widrigkeiten tauchten auf. Eine Kommilitonin seiner Freundin setzte sich in den Westen ab, da geriet ihre ganze Gruppe unter Druck. Fielmann bekam an der Grenze Schwierigkeiten, weniger mit der Stasi als mit dem Zoll, weil der junge Mann verbotene Mitbringsel kutschierte. Der Mauerbau von 1961 gab der Liaison den Rest.

Der junge Meister wollte nicht als angestellter Optiker versauern. Er wurde Handelsvertreter, vertrieb von Hamburg aus die Produkte großer Optikhersteller. Der alerte Verkäufer erzielte beste Umsätze und wurde trotzdem nicht glücklich. Immer bremste man seine Kreativität aus. Zuweilen versuchte er es mit Überrumpelung. So sammelte er, wie ein Freund erzählt, einmal bewusst Bestellungen für eine Fassung in modischen Farben. Allein - die Farben standen gar nicht im Katalog. Fielmann beharrte: Er habe die Aufträge beschafft, jetzt müsse auch produziert werden.

Gedanken an eine Selbstständigkeit reiften. Er wusste, wie günstig Fassungen und Gläser im Großhandel waren. Und wie dreist die Optiker in stiller Abrede mehrere Hundert Prozent aufschlugen. Wenn er es billiger machte, sollte es ihm an Kundschaft nicht mangeln.

1972 eröffnete er seinen ersten Laden in Cuxhaven. Die Kunden kamen reichlich. Die Branche aber bekämpfte ihn wie einen gemeingefährlichen Bazillus. Fensterscheiben gingen zu Bruch, Container brannten, Türen waren zugeklebt. Man schmähte seine Brillen als Ramsch, drohte seinen Mitarbeitern, lancierte Lieferboykotte.

Fielmann überstand alle Attacken, nicht leichthin, aber letztlich sicher. Nachschub fand er im Ausland. Eine eilig gegründete Einkaufsgemeinschaft stärkte seine Bestellermacht. Finanzklemmen überwand er mit Nebengeschäften wie dem Re-Import von Medikamenten. Seine vermeintlich brüchigen Fassungen unterzog er in Talkshows lächelnd harten Belastungsproben. Und gegen einen Verleumder fuhr er ein ganzes Geschwader eigener Detektive auf.

Meister der Umbrüche

Er kämpfte, wie er fand, für ein gutes Werk. Denn er speiste die weniger betuchten Fehlsichtigen nicht mit den üblichen, prohibitiv hässlichen Kassengestellen ab, sondern bot ihnen eine Vielzahl ansprechender Modelle ohne Zuzahlung. Er befreite sie gewissermaßen vom Stigma der Sozialprothese. Der heftige Widerstand spornte ihn nur weiter an. "Wenn die Branche mich in den Anfangsjahren nicht so hart angegangen wäre", mutmaßt er, "dann wäre ich vielleicht so ein Optiker mit fünf, sechs Filialen geworden."

Heute zählt sein Reich 655 Geschäfte, in Fielmanns Diktion zu "Niederlassungen" geadelt. Sein Name steht als Synonym für eine ganze Produktgattung, fast jede zweite in Deutschland gehandelte Brille verkauft er.

An die Spitze stieß der Aufrührer vor, weil er immer wieder Umbrüche meisterte. Sein größter Trumpf, die Brille zum Nulltarif, fiel diversen Gesundheitsreformen zum Opfer. Fielmann führt trotzdem subventionierte Basismodelle ab 17,50 Euro und profitiert ansonsten vom angestammten Discountimage.

Zugleich gelang ihm der Wandel vom Einzelunternehmer zum Konzern. Spätestens zum Börsengang 1994 musste er ein klar gegliedertes Management etablieren. Zugleich beteiligte er seine Mitarbeiter am Unternehmen, das stärkt den Zusammenhalt. Die Mehrheit der Aktien allerdings behielt er für sich und erst recht die Oberhand. Welche Fassungen in die Läden kommen, bestimmt bis heute am Ende Günther Fielmann.

Dass er es richtig gemacht hat, bekam der Entrepreneur eben wieder bestätigt. Beim "Corporate Excellence Award 2011", einer renommierten Schweizer Studie über den Erfolg europäischer Börsenwerte, wurde er deutscher Meister.

"Wenn du dein Leben noch einmal leben könntest - würdest du alles noch mal genauso machen?", lautet die magische Frage in einem seiner bekannten Werbespots. "Nicht ganz", sagt die Werbefigur, die ihre Brillen von Anfang an bei Fielmann kaufen würde. "Nicht ganz", gestand Günther Fielmann anlässlich seines 70. Geburtstags. Er hätte seine Kinder früher bekommen.

Erst mit 48 heiratete er. Aus der Ehe - nach zwölf Jahren geschieden - gingen seine Tochter Sophie-Luise (16) und sein Sohn Marc (21) hervor. Gern würde der Patron sein Lebenswerk an die nächste Generation weiterreichen. Der Sohn gilt als fleißig und talentiert, ist aber zu jung.

Der Senior muss noch einige Jahre ausharren. Entspannte Tage auf dem Land bleiben die Ausnahme. Meist sitzt er doch in der Hamburger Zentrale, und dann wenigstens bis abends um zehn. Damit wahr bleibt, was sein berühmter Slogan - selbst ausgedacht, versteht sich - predigt: "Brille: Fielmann".

Laudator Heiner Geißler über Günther Fielmann

Mehr lesen über Verwandte Artikel