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Hochschulen: Die Leitgenossen

Foto: Dan Cermak

Hochschulen Die Leitgenossen

Vom ramponierten Image einiger deutscher Unis könnte St. Gallen am stärksten profitieren. Beharrlich bauen die Schweizer ihren Ruf als Kaderschmiede für Manager aus.

Hamburg - Die Herren lassen auf sich warten, schließlich sind sie heute Rockstars. Rote Deckenkugeln blitzen, in der Enge des "Backstage"-Clubs neben dem Bahnhof steht die Hitze. Trotzdem tragen viele Fans Jacketts, dazu Pikeeshirts mit Krokodil oder Polospieler, an der Bar werden komplizierte Drinks mit Red Bull und Cranberrysaft geordert. Irgendwann betreten fünf Männer in den besten Jahren die Bühne, "Good Evening, St. Gallen!", Showtime.

Das Schlagzeug pumpt, Gitarren-Riffs treiben, das E-Piano fällt ein, "No Business" is back. White Stripes, Deep Purple, Billy Idol, Mando Diao - die Professorenband der Uni St. Gallen hält sich nicht mit Besinnlichkeiten auf. "Wir wollen Party machen und spielen Songs, mit denen wir groß geworden sind", sagt Torsten Tomczak später, Gitarrist und Prorektor für Forschung. Morgen früh geht es wieder in die Hörsäle, Asset Backed Securities, Change of Control, Basel III. Aber hier und jetzt herrscht König Rhythmus, Musik zum Füßewippen und Fäusterecken.

Voll bunter Holzläden, gefegter Straßen und verzierter Erker, mit denen die Textilmagnaten im 19. Jahrhundert ihren frisch zusammengestickten Reichtum zur Schau stellten, steht draußen wie gemalt die Stadt. Gegenüber vom "Backstage" residiert die Filiale von Julius Bär , keine zwei Kilometer weiter glotzen Kühe in die Nacht.

Auf der Bühne liefern fünf akademische Hochkaräter eine Rockshow wie auf dem Feuerwehrfest in Pinneberg ab, sie schwitzen und haben Spaß und nach jedem Song einen Spruch parat ("The more you drink, the better we sound").

Unten steht die Zukunft des Managements in Gestalt von 150 Studierenden. Sie jubeln, als träten Lady Gaga und Robbie Williams zugleich auf, und wenn die Arme hochfliegen, sind ziemlich viele dicke Uhren zu sehen, wobei unklar bleibt, ob dies dem Land geschuldet ist (Schweiz) oder dem im Publikum dominierenden Studienfach (BWL).

Studenten spielen gut situierte Manager, ihre Profs geben die Rocker: Üblicherweise läuft das umgekehrt, aber womöglich funktioniert das Modell St. Gallen deshalb so gut, weil sie hier gerade nicht das Übliche tun.

1898 als Handelsakademie in dem beschaulichen Bergstädtchen gegründet, gilt die staatliche "Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften" (HSG) zahlreichen Uni-Experten wie Klaus Landfried schlicht als "Traum". "In den Wirtschaftswissenschaften spielen die meisten deutschen Hochschulen national, St. Gallen aber gehört bei der Ausbildung zur Weltklasse", sagt der ehemalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.

Traditionell in der Pionierrolle

Dem auf der Homepage breitbrüstig vorgestellten Anspruch, die beste betriebswirtschaftliche Ausbildung im deutschsprachigen Raum zu bieten, kommt die Realität schon ziemlich nahe. Im "Financial Times"(FT)-Ranking der besten europäischen Business Schools rangiert die HSG auf einem stolzen 16. Platz - weit vor allen deutschen Konkurrenten wie der WHU (Platz 29) oder der Uni Mannheim (Platz 32).

Ihr "Master in Strategy and International Management" schafft es als einziges Angebot im deutschsprachigen Raum unter die Top Ten in der FT-Liste, auf Platz vier. Das HSG-Alumniverzeichnis strotzt vor Vorzeige-Ehemaligen wie Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann oder Ulf Schneider, Vorstandsvorsitzender von Fresenius . Und kaum ein Bericht über St. Gallen kommt ohne den Zusatz "Eliteuni" aus.

Um viele deutsche Ausbildungsstätten für Betriebswirte ist es dagegen derzeit nicht zum Besten bestellt. Einige wie die Uni Bayreuth kämpfen plagiatsbedingt um ihren Ruf, Köln hat viel vom einstigen Glanz eingebüßt, die European Business School versucht verzweifelt, den Skandal um ihren Ex-Präsidenten zu überleben.

Von den germanischen Kalamitäten könnte die HSG am stärksten profitieren. Seit Jahrzehnten schon bastelt sie mit dem unbeirrten Eifer eines Schweizer Uhrwerks an ihrem Ruf als Topadresse im deutschsprachigen Raum. Künftig wird das Geschäft der Hochschulen noch professioneller werden, der Wettbewerb internationaler und härter. Traditionell in der Pionierrolle, ist St. Gallen mit dem Konzept einer praxisnahen, innovativen und dabei forschungsstarken Uni für Betriebswirte besser aufgestellt als die meisten deutschen Konkurrenten.

Wie stellen die gemütlichen Schweizer das an? Welche Faktoren sind entscheidend für den Erfolg? Wie wird aus Vorlesungen und Drittmitteln ein Mythos?

"Wir wollen Menschen zum Denken in Zusammenhängen animieren, anstatt sie nur auf einen Job vorzubereiten", sagt Kuno Schedler, der, wenn er nicht gerade wie gestern Abend für "No Business" singt, an der School of Management lehrt, also für die betriebswirtschaftliche Basisausbildung zuständig ist. Der Blick aus seinem Büro geht auf Kuhweiden und Schrebergärten, im Hintergrund der Hausberg Säntis, es ist ein guter Ort, um in Kontexten zu denken.

Die ganzheitliche Perspektive, die auch im "St. Galler Management-Modell" zutage tritt, bildet die geistige Landkarte der Uni, an der sie über alle Moden und Reformen hinweg festhält. Umgang mit Komplexität, kritisches Denken, kulturelle Geländegängigkeit statt nur Bilanzen, Leverage-Analysen und ähnlich einengender Spezialisierungen: "Künftige Führungskräfte müssen eine Vorstellung von ihrer Rolle in der Gesellschaft haben", sagt Schedler. Ein Denken in Systemen, nicht in Funktionen.

Studiengänge konzeptionell durchdenken

"Als 20-Jähriger weiß man da manchmal nicht, wo einem der Kopf steht - und wofür man das alles später braucht", erinnert sich Peer Schatz, HSG-Alumnus und heute Qiagen -Chef, an seine Erfahrungen mit dem ganzheitlichen Ansatz. "Doch später weiß man den holistischen Ansatz, das Integrative, umso mehr zu schätzen - schließlich entstehen Innovation und neue Strategien vor allem an den Schnittstellen verschiedener Unternehmensbereiche."

Sicher, andere Hochschulen propagieren mittlerweile Ähnliches, doch St. Gallen hat den integrativen Ansatz nicht nur als erste Hochschule ein-, sondern auch am konsequentesten umgesetzt. Heute gliedert sich das Studium in drei Säulen: das Kernfach, wiederum unterteilt in klassische Lehrveranstaltungen und eigenständig zu zimmerndes Selbststudium.

Dazu kommt, mit einem 25-Prozent-Anteil, die Absage an den ökonomischen Fachidioten: das Kontextstudium. Es vermittelt Reflexionskompetenz (via Sozialwissenschaften), kulturelle Kompetenz (via Kunst, Literatur, Philosophie) und Handlungskompetenz (Teamführung, Präsentation oder Motivation). Außerdem ist der Nachweis von zwei Fremdsprachen zum Examen Pflicht.

Der ganzheitliche Ansatz hat an der HSG Tradition; seine heutige Form erhielt er während des großen Umbaus zu Bachelor und Master Anfang des neuen Jahrtausends. Getrieben vom markig vorgetragenen Anspruch des damaligen Rektors Peter Gomez, die Uni müsse sich fest in der internationalen Topliga verankern, setzte die HSG die sogenannte Bologna-Reform nicht nur als Erste und in Rekordzeit um - sie umschiffte mit dem Kontextstudium gleichzeitig das größte Problem der neuen Abschlüsse, unter dem zahlreiche deutsche Hochschulen heute ächzen: die Verschulung zur Engstirnigkeit.

"Wir haben Bologna bewusst nicht als Strafe oder lästige Bürokratie interpretiert, sondern als Chance, die Uni aus einer guten in eine sehr gute Position im Wettbewerb zu bringen", sagt Sascha Spoun, der die Reformideen damals in St. Gallen entwickelte und heute Präsident der Leuphana Universität Lüneburg ist.

"Der Wille, die Uni als Ganzes zu begreifen und Studiengänge konzeptionell zu durchdenken und zu vernetzen, ist in St. Gallen viel ausgeprägter als an den meisten deutschen Hochschulen, wo oft jeder Fachbereich und jeder Lehrstuhl eifersüchtig seinen Vorgarten pflegt", sagt der Bildungsexperte und frühere Chief Learning Officer der Deutschen Bank , Martin Möhrle.

Im sehr aufgeräumten Büro von Rektor Thomas Bieger, gleich über der Tiefgarage, wird rasch deutlich, was das Geheimnis hinter dieser Veränderungskultur ist: ein gelassener Pragmatismus, der mit den Grabenkämpfen deutscher Professoren so viel zu tun hat wie die zweckmäßigen Sichtbetonbauten der Uni auf dem Berg mit dem verspielten Stilmix aus Barock und Jugendstil des Städtchens unten im Tal.

Als staatliche Hochschule muss sich die HSG nach dem Kanton richten: "Diese Eigentümerstrategie hat uns vor falschem Ehrgeiz bewahrt und zwingt uns zu konsequent guter Qualität", sagt Bieger, der Dreitagebart trägt, gern leise spricht und entfernt an Mr. Bean erinnert.

Biegers Aufgabe wird es sein, für seine rasant wachsende Uni die Attraktivität zu erhalten, die sie nicht zuletzt der familiären Campus-Atmosphäre verdankt. In diesem Jahr wird die 83 Millionen Franken teure Sanierung und Erweiterung diverser Gebäude abgeschlossen, eine neue Sportanlage wurde eingeweiht, die Fakultäten wurden in fünf "Schools" (Management, Finance, Volkswirtschaft und Politik, Recht sowie Geistes- und Sozialwissenschaften) umgewidmet - all das, um der Flut der derzeit fast 7000 Studierenden gerecht zu werden. 2005 waren es noch 4500.

Professoren verstehen sich als Unternehmer

Die kantonale Aufsicht beschert der HSG bei solchen Projekten Unabhängigkeit von privaten Geldgebern - und lässt doch die Zügel ausreichend locker. Bestes Beispiel: die 30 Institute und Forschungsstellen der Uni, die stolz auf ihre äußerst praxisnahe Forschung sind. Ihre Projekte, meist in Kooperation mit Unternehmen, finanzieren mehr als 50 Prozent des HSG-Budgets von gut 190 Millionen Franken im Jahr.

Die Professoren verstehen sich als Unternehmer, doch anders als an vielen deutschen Universitäten wirtschaften sie nicht vor allem für den eigenen Geldbeutel: Der Erlös geht zurück ans Institut - abzüglich eines Bonus, der bei 25 Prozent des Jahreseinkommens gedeckelt ist. Dieses beträgt auf der höchsten Gehaltsstufe 225 000 Franken. Es ist nicht verhandelbar. "Wir machen keine Deals, es gibt keine Sonderbehandlung für Stars", sagt Bieger.

Die viel gerühmte Praxisnähe der Professoren hat jedoch auch ihre akademische Schattenseite. Zwar rangiert die HSG im Forschungsranking für Betriebswirtschaft des "Handelsblatts" auf Platz zwei hinter der Universität Wien - was aber vor allem der Größe der Fakultät geschuldet ist. Zählt man die Forschungsleistung pro Kopf, rutscht St. Gallen deutlich ab. Auch in den wissenschaftlich angesehensten Publikationen, den "A+-Journals", ist die HSG bislang eher unterrepräsentiert - würden nur sie berücksichtigt, käme St. Gallen lediglich auf Platz sieben und die Uni Mannheim auf Platz eins.

Natürlich gibt es in St. Gallen akademische Schwergewichte wie den Marketingexperten Andreas Herrmann oder Oliver Gassmann, Professor für Innovationsmanagement, doch es sind zu wenige. "Da haben wir sicherlich noch Verbesserungspotenzial", räumt Forschungsprorektor Tomczak ein.

Deshalb soll jetzt der einige Millionen Franken schwere Fördertopf für Grundlagenforschung massiv aufgestockt werden, die Rede ist von mindestens einer Verdoppelung. Die Kriterien der Förderung wurden verschärft und orientieren sich stärker als bisher an den Ansprüchen der A+-Journals. "Die Nähe zur Praxis ist unsere Tradition, davon rücken wir kein Jota ab", betont Tomczak. Aber künftig soll die Forschung gleichzeitig relevant und wissenschaftlich tiefschürfend sein - ein HSG-charakteristisch hochgestecktes Ziel.

Für die aktuellen Studierenden sind derlei Pläne eher akademischer Natur. Es ist die letzte Semesterwoche, überall, auf den Campuswiesen, vor der Cafeteria, in der Bibliothek mit der charakteristischen Glaspyramide, sitzen Grüppchen vor ihren Laptops und Mitschriften. Die Sonne scheint auf die bunkerähnlichen Unigebäude, von denen der Blick hinuntergeht zur Stadt, die längst gelernt hat, "die auf dem Berg" stolz als Wirtschafts- und Prestigefaktor zu akzeptieren. Auch weil herumbrausende BMW-Cabrios seltener geworden sind. "Wir ziehen Studenten an, die am Fach interessiert sind und nicht nur an Jobs", sagt Günter Müller-Stewens, Direktor des Instituts für Betriebswirtschaft.

Angesichts des durchschnittlichen Einstiegsgehalts von knapp 100 000 Franken für HSG-Master-Absolventen mag das kokett klingen. Falsch ist es nicht. Nicht-Schweizer, deren Anteil auf 25 Prozent gedeckelt ist und unter denen die Deutschen die mit Abstand größte Gruppe stellen, müssen ein forderndes analytisch-sprachliches Auswahlverfahren durchlaufen, das jedes Jahr nur 15 bis 20 Prozent der Bewerber bestehen.

Es folgt ein hochkompetitives Assessment-Jahr, das die Fachrichtungen gemeinsam absolvieren und an dessen Ende nochmals zwischen 30 und 40 Prozent die Uni verlassen. Heraus kommt, was der vielleicht wichtigste Erfolgsfaktor der HSG ist: eine Positivselektion engagierter, zielstrebiger und selbstständiger Lernwilliger. "Das ist kein Tümpel von Karrieristen, die nur die Netzwerke der Uni hebeln wollen. Nach St. Gallen geht, wer etwas bewegen will - und genau deswegen macht er dann später Karriere", sagt Ann-Kristin Achleitner, HSG-Alumna und Professorin an der TU München.

Selbstverantwortung im Studium

St. Gallen war eine der ersten Hochschulen mit aktivem Markenmanagement, heute gibt es im Uni-Shop Hilfiger-Shirts im HSG-Look. Das schafft Identifizierung, und so fangen die Studenten mit dem "Dingebewegen" meist gleich auf dem Campus an; mit gleichberechtigter Stimme sitzen sie in allen relevanten Hochschulgremien. Bereits der Umbau des zuvor stark verschulten Curriculums im Zuge der Bologna-Reform basierte maßgeblich auch auf Wünschen der Studentenschaft. Und im Streit darum, wer die ebenso lukrative wie renommierte jährliche Recruiting-Veranstaltung "HSG Talents Conference" organisieren darf, duckten sich die Studenten nicht weg, sondern erzwangen einen Kompromiss.

Rund hundert studentische Vereine und Initiativen, von der Pfeifenraucherversammlung bis zum renommierten St. Gallen Symposium, gibt es an der Uni. Die enklavenhafte Atmosphäre, die internationale Mischung und die weitgehende Nicht-Existenz üblicher studentenstädtchentypischer Zerstreuungsangebote kitzeln das Unternehmerische in den Studierenden zusätzlich wach. Nicht wenige kümmern sich lieber um die eigene Firma oder ein spannendes Projekt, als regelmäßig die Lehrveranstaltungen zu besuchen.

Garry Spanz (21) war zuletzt vor zwei Jahren in einer Vorlesung. Der Deutsche, schwarze Locken, Polohemd, Einser-Abiturschnitt, war als Leiter des Organisationskomitees damit beschäftigt, das 41. Symposium zu organisieren. Eine Mammutveranstaltung für Topentscheider, zu der in diesem Jahr unter anderen McKinsey-Weltchef Dominic Barton, UBS-Primus Oswald Grübel und Siemens-Vorstandsfrau Barbara Kux kamen, um über Macht und Verantwortung zu diskutieren. Spanz hat sein Abitur am hessischen Hochbegabteninternat Schloss Hansenberg gemacht, er hatte für sein Studium die freie Auswahl, doch er wählte das etwas abgeschiedene Schweizer Städtchen. "Am wichtigsten war mir, dass es nicht zu abgehoben ist."

Während der Vorbereitung für das Symposium hat er zwar noch einige Prüfungen absolviert; doch vorrangig war Spanz damit beschäftigt, in China Kontakte zu pflegen, den Präsidenten der polnischen Nationalbank persönlich zur Teilnahme am Symposium zu überreden; und er hat gelernt, wie man die französische Finanzministerin Christine Lagarde als Chairwoman gewinnt (indem man ihrer Assistentin zum Valentinstag Blumen schickt). "Die Selbstverantwortung im Studium ist das Schönste an St. Gallen - und die Profs wissen, dass man bei einem solchen Projekt im Zweifel mindestens genauso viel lernt."

Vielleicht schafft dieser Gedanke erst die besondere, zwischen Selbstbewusstsein und Ernsthaftigkeit changierende Campus-Atmosphäre. "Die Studenten sollen Unternehmensführung aus der Helikopterperspektive lernen. Doch der Helikopter darf nicht oben bleiben: Die Leute müssen sich im Alltag dreckig machen", sagt Omid Aschari, Managing Director des Masterprogramms "Strategy and International Management" (SIM).

Das SIM ist das Flaggschiff der HSG, es bringt Renommee, es zieht die begehrten internationalen Studenten an. Studierende wie Violette Yi Qin (25) aus China, die in St. Gallen und an der London School of Economics einen Doppel-abschluss macht. Qin mag die weltläufige Atmosphäre in ihrem Studiengang und die Nähe zur Praxis: "In China ist das Studium sehr theoretisch, hier haben wir für Henkel  gleich ein Projekt über Markenführung gemacht."

Erfolgsmodell St. Gallen

Auf dem SIM-Lehrplan stehen die Klassiker: Marketing and Consumer Behaviour, Financial Management, M&A. Für Omid Aschari wie für die meisten seiner Schützlinge aber steht etwas anderes im Vordergrund: der Platz der Führungskraft in der Welt, der sich nur schlecht in Excel-Tabellen abbilden lässt, sondern den man erfahren und ausloten muss.

Qin schreibt ihre Master-Arbeit über Wirtschaftsethik in China, später würde sie gern etwa in einer Vermögensverwaltung arbeiten, die ihre Fonds nach moralischen Kriterien auswählt. "Hier lerne ich, dass Wirtschaft komplexer ist als eine Bilanz. Es kommt auf die Schattierungen an, die Probleme im Graubereich." Die Zahlen zeigen, dass diese spezielle Art zu denken in den Unternehmen ziemlich gefragt ist: 80 Prozent der Master-Absolventen können aus durchschnittlich 2,2 guten Jobangeboten wählen und haben vor dem Examen bereits eine feste Stelle.

Rektor Bieger und seine Mannschaft müssen das Erfolgsmodell St. Gallen jetzt zukunftsfest machen. Auf dem Plan steht eine verbesserte Prüfungsqualität (weniger Wissensabfrage, mehr Problemlösung), außerdem der Ausbau des Geschäfts mit der Managerausbildung an der Executive School sowie das Ziel, endlich in den Top 100 der globalen MBA-Rankings mitzumischen. "Zuletzt haben wir bei Diversity und Career Services schlecht abgeschnitten. Diese Punkte haben wir nun verbessert", meint Bieger.

Wie schon seine Vorgänger setzt Thomas Bieger bei strategischen Weichenstellungen auf Konsens - und auf den Rat der Alumni. "Die Diskussionen mit den Ehemaligen sind keine Alibiveranstaltungen. St. Gallen versucht, mit behutsamen, aber permanenten Umbauprogrammen cutting edge zu bleiben", sagt Ann-Kristin Achleitner, die in einem früheren Alumni-Board über Reformen diskutierte.

Der nächste Board ist stärker international besetzt. Denn im globalen Wettbewerb wird letztlich eines den Ausschlag geben: der Grad der Internationalisierung. Nun soll es ab 2013 einen englischsprachigen Bachelor-Studiengang geben, dazu intensivere Kooperationen mit anderen Unis und einen Ausbau der HSG-Dependancen in Singapur und São Paulo. Denn in der letzten Akkreditierungsrunde für die begehrten Prüfsiegel EQUIS und AACSB offenbarte die HSG, dass es in puncto Internationalisierung durchaus noch Luft nach oben gibt.

Im pragmatischen Umgang mit der Kritik der EQUIS-Prüfer zeigt sich der Geist von St. Gallen womöglich am besten. Vielen deutschen Unis gelten die Akkreditierungsprozesse als langwierig, teuer und lästig. Die HSG sieht darin eine Gelegenheit, sich selbst zu überprüfen. "Eine Beratungsfirma würde viel mehr Geld kosten", lächelt Bieger.

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