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Geldanlagen im Stresstest: Wohin mit dem Geld?

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Geldanlage Sparer im Stresstest

Börsen brechen ein, die Schuldenkrise eskaliert, Staatsbankrotte und Geldentwertung drohen. Wohin jetzt mit dem Geld? Wie Sie Ihr Vermögen für schwierige Zeiten sichern.

Hamburg - Martin Lechner und sein Geschäftspartner, der Hedgefonds-Manager Henning von Issendorff, bestellen Campari-Orange. Dann ordert der Vermögensverwalter Steaks, denn für die ist der "Ivory Club" bekannt.

Im Frankfurter Restaurant mit dem dunklen Speisesaal im britischen Kolonialstil herrscht Hochbetrieb, obwohl ein Rinderfilet schon mal 35 Euro kostet. Doch das schreckt hier niemanden ab, denn das Lokal liegt direkt neben den Doppeltürmen der Deutschen Bank , und die Bonuszahlungen fließen wieder.

Von Hochstimmung an den Tischen ist hier jedoch keine Spur. "Wir wissen doch alle, dass unser System auf Dauer so nicht funktionieren kann", sagt von Issendorff, Gründer von Tungsten Capital Management. Die Schulden, die Währungsturbulenzen, die Finanzspritzen der Zentralbanken. "Den Geist bekommen wir nicht mehr zurück in die Flasche, zumindest nicht ohne Verwerfungen."

Der jüngste Aufschwung wirkt genauso trügerisch wie der "Ivory Club" selbst, wo die Elefantenstoßzähne in der Nische des Bibliothekszimmers aus Plastik sind und die Bücher in den Regalen ungelesen. Das Lokal ist die disneyhafte Kopie einer untergegangenen kolonialen Ära, in der Europäer die Welt beherrschten. Das passt zur Stimmung der Banker und Fondsmanager hier, die eine bedrückende Ahnung plagt, dass auch ihre Welt da draußen bald ebenso unwiederbringlich vergangen sein könnte.

Zeitenwechsel: Anlagen in Dollar, Euro oder Yen sind kaum noch gefragt

Lechner wird sich tatsächlich schon bald aus der Ferne an Europa erinnern. Der Managing Partner des Multi Family Offices Corecam ist dabei, mit seiner Familie nach Singapur zu ziehen. Er folgt dem Geschäft, denn selbst in der Schweiz, wo Lechner derzeit seiner Arbeit nachgeht, wollen die Kunden nicht mehr ihr gesamtes Vermögen haben.

Die Angst vor dem großen Crash treibt die Vermögenden und ihre Berater um. Wer viel Geld hat, der möchte es schon gar nicht in Dollar, Yen oder Euro aufbewahren, aus Angst vor Geldentwertung, Staatsbankrotten und Systemkollaps. Tief sitzt das Misstrauen gegen Politiker, die versuchen, die Schuldenkrise durch noch mehr Schulden zu bekämpfen.

manager magazin nennt die größten Crash-Risiken und sagt, wie Anleger ihr Geld davor sichern können.

Staatspleiten, Bankpleiten, Geldentwertung

Staatspleiten

An einer Umschuldung Griechenlands geht aus Sicht der Investoren kein Weg vorbei. Denn ein Land mit so geringer Wettbewerbsfähigkeit kann keinen Schuldenberg abtragen, der auf mehr als das Anderthalbfache der jährlichen Wirtschaftsleistung angewachsen ist. Auch Irland und Portugal drohen Zahlungsausfälle. Die Finanzgemeinde hofft, dass wenigstens das weit größere Spanien sowie Italien sich aus der Schuldenfalle befreien können - die steigenden Risikoprämien für italienische und spanische Staatsanleihen gelten als bislang stärkster Stresstest für die Währungsunion. Italien sei zu groß, um durch den europäischen Stabilisierungsfonds EFSF aufgefangen werden zu können, so die Sorge am Finanzmarkt.

Finanzguru Jim Rogers glaubt inzwischen nicht mehr an eine glorreiche Zukunft für die Einheitswährung. "In 15 Jahren gibt es den Euro nicht mehr", sagt der Hedgefonds-Manager. Selbst wenn Europa den Amerikaner Lügen strafen sollte, wäre die Rettung teuer und höchst turbulent.

Bankpleiten

Ein Bankrott Griechenlands, den die Euroländer mit ihrem neuen Rettungspaket Ende Juli erst einmal abwehrten, würde einen ähnlichen Schock an den Märkten auslösen wie die Pleite des Geldhauses Lehman Brothers , warnt der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark (63). Banken halten noch immer viele Staatsanleihen, weil die nach den Bilanzierungsregeln als risikolos gelten und kein Eigenkapital für mögliche Verluste zurückgelegt werden muss.

Dabei brauche es nicht einmal Staatspleiten, um das Finanzsystem ins Wanken zu bringen, sagt Mark Mobius (74), der für den Anbieter Franklin Templeton einen der größten Fonds für Aktien aus Wachstumsmärkten verwaltet. "Es kommt definitiv eine weitere Finanzkrise hinter der nächsten Ecke, weil wir keines der Probleme gelöst haben, die zur vorigen Finanzkrise geführt haben", prophezeit Mobius, der seit Jahrzehnten Südamerika und Asien bereist und daher mehr Finanzkrisen aus nächster Nähe erlebt hat als die meisten Zeitgenossen.

Geldentwertung: Finanzielle Repression durch die Schuldenstaaten

Hohe Schulden der Industrienationen machen eine schleichende Entwertung des Geldes und damit auch der Schulden für Regierungen immer wahrscheinlicher. Warum, das zeigt die US-Ökonomin Carmen Reinhart (55) in einer Studie:

Von 1945 bis 1980 waren die realen Zinsen, also die Nominalsätze bereinigt um die Teuerungsrate, in den Industrienationen in rund 17 Jahren negativ - Anleger in den USA und Großbritannien verloren dann Geld mit Staatsanleihen, und zwar im Durchschnitt 3 bis 4 Prozent pro Jahr.

In Australien und Italien schrumpfte das Vermögen in solchen Jahren wegen der dort höheren Inflation sogar um 5 Prozent. Deutschland mit seiner strengen Bundesbank war dagegen ein Hort der Stabilität - bis der Euro und die Finanzkrise kamen. In Zukunft kann auch Deutschland diesen strengen Kurs nicht fortsetzen, schon weil die Europäische Zentralbank den weichen Kurs vorgibt.

Reinhart, die das Standardwerk über Finanzkrisen ("Dieses Mal ist alles anders") geschrieben hat, nennt diese Strategie der Schuldenstaaten finanzielle Repression. Der Ausweg bestehe in einer stillen Form der Umschuldung, ohne laute Debatten. "Um den aktuellen Schuldenüberhang in den Griff zu bekommen, könnte eine ähnliche Politik wiederkehren", sagt die Ökonomin.

Kein Wunder, dass Groß- und Kleinanleger sich um den Wert ihres Ersparten sorgen. Aber wie lässt sich das Vermögen vor Staatskrisen und Geldentwertung schützen?

Raus aus den Schuldenwährungen

Raus aus den Schuldenwährungen: "Die wichtigste Frage ist heute: In welcher Währung und in welchem Edelmetall bewahre ich mein Vermögen auf?", lautet der Fundamentalbefund von Finanzprofi Lechner. Als Fluchtziele nennt er asiatische Währungen und Devisen von Staaten mit großen Rohstoffvorkommen, so wie Norwegen und Kanada.

Eine wenig bekannte Möglichkeit, in einer starken Währung anzulegen, sind kanadische Investmenttrusts. Diese Finanzvehikel finanzieren unter anderem Ölfelder, Minen, Gasthäuser, Flugzeuge oder Geldautomaten. "Investment Trusts haben minimale Kosten und hohe Dividenden", sagt Hendrik Leber (54), Gründer und Chef des Fondsanbieters Acatis .

Neuerdings werden immer mehr Trusts an die Börse gebracht - und Leber möchte 40 Prozent seines Fonds Wallberg Acatis Value Inside damit bestücken. "Die Dividendenrendite liegt meist zwischen 7 und 8, manchmal auch bei 10 Prozent", so der Fondsmanager.

Kanadische Investmenttrusts und Russland als Alternative

Durchaus interessant erscheint eine weitere Strategie, mit der man auf starke Rohstoffwährungen setzen kann: Ausgewählte russische Aktien, besonders aus dem Energiesektor.

Die Schwellenländer-Experten der US-Fondsgesellschaft Batterymarch sehen in Russland ebenfalls "ausgezeichnete Einstiegsmöglichkeiten für langfristige Investoren", auch weil die Wirtschaft vom staatlichen Ausbau der Telekommunikations- und Transportnetze profitiert. Die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr werde dagegen nur geringe Auswirkungen auf die Börse haben.

Eine bei Dollar-Flüchtlingen besonders angesagte Währung ist der chinesische Renminbi, in den Großanleger wie Lechner über Konten in Singapur und Hongkong investieren. Der Anteil des Renminbi an den Einlagen der Sonderverwaltungszone ist seit Anfang 2010 von einem auf fast 8 Prozent explodiert.

Für Euro-Anleger sind reine Währungswetten auf den Renminbi riskant, weil der an den schwächelnden Dollar gekoppelt ist. Sinnvoller ist es, mittels chinesischer Aktien auf den Wachstumsmarkt zu setzen. Der Zeitpunkt für den Einstieg ist nach dem jüngsten Kurseinbruch an der Schanghaier Börse günstig.

Auch die stark in Asien präsente Investmentbank Macquarie blickt zuversichtlich auf die Wirtschaftsmacht in Fernost. "In China erwarten wir, dass sich die Inflation im zweiten Halbjahr abschwächt, sodass dann die Notenbank nicht weiter bremsen muss. Dies ist für mich der größte Positivfaktor im globalen Gesamtbild", sagt Macquarie-Stratege Matthias Jörss (50).

Raus aus den Staatsanleihen

Früher hatten Vermögensverwalter ein geregeltes Leben: Bundesanleihen und US-Treasuries ordern, dazu ein paar Pfandbriefe ins Kundendepot legen und früh Feierabend machen. Die Zeiten sind vorbei.

"Wer heute noch glaubt, ein risikoarmes Portfolio besteht zu 80 Prozent aus Staatsanleihen, der muss umdenken", sagt Heinz-Werner Rapp (49), der für die Anlagestrategie des Vermögensverwalters Feri verantwortlich ist. Er empfiehlt, nur einen kleinen Rest von 10 Prozent in Anleihen zu stecken. Stattdessen rät er langfristig zu einem Aktienanteil von rund 40 Prozent. Denn Aktien sind Sachwerte - sie stellen Anteile an Fabriken und Dienstleistern dar.

Wer Aktien hält, muss deshalb trotz der jüngsten Kursrückschläge nicht verkaufen. "Jetzt braucht man Investments, mit denen man Kursrückschläge überstehen kann", sagt Boris Boehm (46), Co-Gründer der Fondsgesellschaft Aramea Asset Management in Hamburg. "Daher sind Discountzertifikate auf deutsche oder europäische Aktienindizes sinnvoll." Die bieten einen Schutz gegen Kursverluste und dennoch häufig eine attraktive Rendite. Der Preis für die Absicherung richtet sich nach der Schwankungsstärke der Aktienmärkte. Allerdings müssen Anleger auf die Finanzkraft der Bank achten, die ein Zertifikat herausgibt. "Für eine gewisse Zeit ist das Risiko verkraftbar", urteilt Boehm.

Gold als Risikovorsorge gegen einen Systemabsturz

Wer den Papierwährungen misstraut, hat in Gold  eine Alternative, sagt Feri-Stratege Rapp: "Gold sollten Anleger als Absicherung im Depot haben" - und natürlich als Risikovorsorge gegen einen Systemabsturz.

Rapp hält das Edelmetall langfristig für unverzichtbar zur Risikoreduzierung im Depot. "Es kann sein, dass man eines Tages 25 Prozent Gold im Depot haben muss", sagt er. Wer, so wie viele Anleger, noch kein Gold hat, sollte schon jetzt langsam einen Anteil aufbauen, indem er Münzen oder Barren kauft. Auch Goldminenaktien wie die von Barrick Gold  seien wieder interessant.

Spekulationsblasen meiden

Auch bei Industriemetallen, Öl oder Agrargütern kommt es immer wieder zu gefährlichen Spekulationsblasen. "Die Rohstoffpreise schwankten in den vergangenen Monaten stärker als die Aktienkurse, weil so viele Finanzinvestoren in den zum Teil kleinen Märkten aktiv sind", sagt Henning Beck (38), der bei Lupus alpha Rohstoff-Fonds verwaltet.

Die Folge: Wenn es an der Börse abwärts geht, verkaufen Spekulanten nicht nur ihre Aktien, sondern auch Öl, Kupfer  und Weizen. Rohstoffanlagen bieten deshalb seit dem massenhaften Einstieg von Spekulanten vor wenigen Jahren keine Absicherung gegen Aktienkursverluste mehr, stellten Ökonomen der Universität Princeton in einer Studie fest.

Sachwerte kaufen

Wer sein Geld vor der Inflation sichern und auf Sachwerte setzen möchte, kauft Aktien von Firmen mit stabilem, nachhaltigem Geschäftsmodell. Manche Agrarwerte an der Börse seien ebenfalls attraktiv, sagt Rohstoff-Fondsmanager Beck.

Sinnvoll ist auch der Kauf einer selbst genutzten Immobilie. Allerdings sind die Preise in Städten wie Hamburg und München in den vergangenen drei Jahren bereits um mehr als 10 Prozent gestiegen. Lupus-alpha-Manager Beck sucht seit einem halben Jahr ein Haus im Raum Frankfurt, bisher waren ihm alle Angebote zu teuer.

Feri-Stratege Rapp hält es dennoch für möglich, mit Immobilieninvestments auch in Deutschland 5 bis 6 Prozent Jahresrendite zu erzielen. Die Angst vor der Inflation und die niedrigen Euro-Zinsen dürften die Preise weiter in die Höhe treiben, prophezeit er.

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