Donnerstag, 14. November 2019

Arabien Auf der Kippe

Arabien im Umbruch: Chancen und Risiken für deutsche Industrie
DPA

Der spektakuläre Prozessbeginn gegen Ägyptens Ex-Präsident Husni Mubarak zeigt: Ein halbes Jahr nach Beginn der Aufstände verändert sich die arabische Region rapide. Für deutsche Firmen, die auf Milliardengeschäfte am Golf und in Nordafrika hoffen, werden die Länder immer interessanter - und risikoreicher.

Seit dem 25. Januar - dem Tag, an dem die Menschen zum ersten Mal auf dem Tahrir-Platz in Kairo protestierten - kommt Olaf Hoffmann nicht mehr zur Ruhe. Immer wieder telefoniert der Geschäftsführer der Offenbacher Dorsch-Gruppe mit den Leitern seiner 20 arabischen Niederlassungen und erkundigt sich, ob sie noch in Sicherheit arbeiten können. Viermal ist die Situation schon so brenzlig geworden, dass er Evakuierungen anordnen musste: zuerst in Ägypten, später in Libyen, dann auch in Syrien und im Jemen.

Mehr als 1000 Menschen beschäftigt die Dorsch-Gruppe im Norden Afrikas und in den Golfstaaten. Sie planen Eisenbahnen, Wasseraufbereitungsanlagen und ganze Städte. In den meisten Ländern laufen die Projekte noch normal. In Libyen hingegen, so Hoffmann, "geht gar nichts mehr; in Syrien und im Jemen gibt es Verzögerungen".

Nach Ägypten, dem Zentrum der arabischen Rebellionen, die von Tunesien ausgingen und inzwischen die gesamte Region ergriffen haben, sind die Dorsch-Leute mittlerweile wieder zurückgekehrt. Die Lage hat sich zumindest so weit beruhigt, dass keine marodierenden Banden mehr durch die Straßen ziehen. Der Verwaltungsapparat aber ist in Schockstarre versunken. Kaum ein Behördenleiter wagt bis zu den geplanten Wahlen im September eine Entscheidung von Belang zu treffen. Es werden nicht einmal alle Rechnungen von Hoffmann bezahlt, er muss seine Infrastrukturvorhaben derzeit teilweise aus der Firmenkasse vorfinanzieren.

Ein halbes Jahr nach Beginn der Aufstände hat nun der Prozess gegen den gestürzten Präsidenten begonnen. Husni Mubarak wurde auf einem Krankenbett in einen Käfig geschoben, der im Gerichtssaal in Kairo aufgebaut war. Vor dem Gerichtsgebäude kam es erneut zu Krawallen mit Dutzenden Verletzten - die politische Lage bleibt spannungsgeladen und labil.

"Ägyptische Wirtschaft wurde um zehn Jahre zurückgeworfen"

Es funktioniert momentan nicht viel in Ägypten, dem bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt. Das hat verheerenden Folgen für die Unternehmen: "Die ägyptische Wirtschaft wurde um zehn Jahre zurückgeworfen", sagt ein in Kairo ansässiger deutscher Manager.

Auch Nachbarn wie Tunesien, Marokko, Syrien, Libyen und Jordanien leiden unter der lähmenden Ungewissheit über die weitere politische Entwicklung. Überall schrumpfen die Wachstumsraten oder drehen ins Minus.

Einzig in den ölexportierenden Staaten am Persischen Golf floriert die Wirtschaft. Aber was geschieht, wenn sich der Flächenbrand, der sogar das reiche Bahrain erfasst hat, auch auf Saudi-Arabien, Katar, Kuwait, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate ausdehnt?

Die Gefahr ist real. Genauso wie in Nordafrika, wo eine perspektivlose Jugend die Revolte lostrat, sind auch am Golf viele Menschen verbittert. Sie beklagen die hohe Arbeitslosigkeit, die materiellen Unterschiede, die grassierende Korruption und die erniedrigenden Schikanen der Machthaber. Sie fordern Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand - doch sie riskieren Chaos.

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