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Arabien im Umbruch: Chancen und Risiken für deutsche Industrie

Foto: Wintershall/ dpa

Arabien Auf der Kippe

Der spektakuläre Prozessbeginn gegen Ägyptens Ex-Präsident Husni Mubarak zeigt: Ein halbes Jahr nach Beginn der Aufstände verändert sich die arabische Region rapide. Für deutsche Firmen, die auf Milliardengeschäfte am Golf und in Nordafrika hoffen, werden die Länder immer interessanter - und risikoreicher.

Seit dem 25. Januar - dem Tag, an dem die Menschen zum ersten Mal auf dem Tahrir-Platz in Kairo protestierten - kommt Olaf Hoffmann nicht mehr zur Ruhe. Immer wieder telefoniert der Geschäftsführer der Offenbacher Dorsch-Gruppe mit den Leitern seiner 20 arabischen Niederlassungen und erkundigt sich, ob sie noch in Sicherheit arbeiten können. Viermal ist die Situation schon so brenzlig geworden, dass er Evakuierungen anordnen musste: zuerst in Ägypten, später in Libyen, dann auch in Syrien und im Jemen.

Mehr als 1000 Menschen beschäftigt die Dorsch-Gruppe im Norden Afrikas und in den Golfstaaten. Sie planen Eisenbahnen, Wasseraufbereitungsanlagen und ganze Städte. In den meisten Ländern laufen die Projekte noch normal. In Libyen hingegen, so Hoffmann, "geht gar nichts mehr; in Syrien und im Jemen gibt es Verzögerungen".

Nach Ägypten, dem Zentrum der arabischen Rebellionen, die von Tunesien ausgingen und inzwischen die gesamte Region ergriffen haben, sind die Dorsch-Leute mittlerweile wieder zurückgekehrt. Die Lage hat sich zumindest so weit beruhigt, dass keine marodierenden Banden mehr durch die Straßen ziehen. Der Verwaltungsapparat aber ist in Schockstarre versunken. Kaum ein Behördenleiter wagt bis zu den geplanten Wahlen im September eine Entscheidung von Belang zu treffen. Es werden nicht einmal alle Rechnungen von Hoffmann bezahlt, er muss seine Infrastrukturvorhaben derzeit teilweise aus der Firmenkasse vorfinanzieren.

Ein halbes Jahr nach Beginn der Aufstände hat nun der Prozess gegen den gestürzten Präsidenten begonnen. Husni Mubarak wurde auf einem Krankenbett in einen Käfig geschoben, der im Gerichtssaal in Kairo aufgebaut war. Vor dem Gerichtsgebäude kam es erneut zu Krawallen mit Dutzenden Verletzten - die politische Lage bleibt spannungsgeladen und labil.

"Ägyptische Wirtschaft wurde um zehn Jahre zurückgeworfen"

Es funktioniert momentan nicht viel in Ägypten, dem bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt. Das hat verheerenden Folgen für die Unternehmen: "Die ägyptische Wirtschaft wurde um zehn Jahre zurückgeworfen", sagt ein in Kairo ansässiger deutscher Manager.

Auch Nachbarn wie Tunesien, Marokko, Syrien, Libyen und Jordanien leiden unter der lähmenden Ungewissheit über die weitere politische Entwicklung. Überall schrumpfen die Wachstumsraten oder drehen ins Minus.

Einzig in den ölexportierenden Staaten am Persischen Golf floriert die Wirtschaft. Aber was geschieht, wenn sich der Flächenbrand, der sogar das reiche Bahrain erfasst hat, auch auf Saudi-Arabien, Katar, Kuwait, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate ausdehnt?

Die Gefahr ist real. Genauso wie in Nordafrika, wo eine perspektivlose Jugend die Revolte lostrat, sind auch am Golf viele Menschen verbittert. Sie beklagen die hohe Arbeitslosigkeit, die materiellen Unterschiede, die grassierende Korruption und die erniedrigenden Schikanen der Machthaber. Sie fordern Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand - doch sie riskieren Chaos.

Gigantische Infrastrukturprojekte für die Nach-Öl-Zeit wackeln

Die Verwerfungen reichen in ihrer Bedeutung längst über einen Regionalkonflikt hinaus. Sie betreffen die globale Wirtschaft. Nicht nur weil der Ölpreis weiter empfindlich zu steigen droht. Gerade auch für deutsche Unternehmen steht viel auf dem Spiel: Die gigantischen, teilweise noch in der Planungsphase steckenden Infrastruktur- und Industrialisierungsprojekte, mit denen sich die Golf-Staaten für die Nach-Öl-Zeit rüsten wollen, könnten Milliarden in die Kassen hiesiger Maschinen- und Anlagenbauer spülen.

Allein Katar, der weltgrößte Exporteur von Flüssiggas, will in den kommenden vier Jahren 100 Milliarden Dollar in Brücken, Wasseraufbereitungsanlagen oder Fabriken stecken.

Für die Katarer konzipiert die Deutsche Bahn ein 25 Milliarden Dollar teures Verkehrssystem, zu dem auch eine Metro mit 98 Stationen gehört. Hochtief  erstellt in Doha mit 9000 Bauarbeitern ein mehr als acht Kilometer langes Einkaufszentrum. Siemens  baut in ganz Arabien Kraftwerke, stattet Krankenhäuser aus, liefert Antriebstechnik für Zementwerke und Gepäckförderanlagen für Flughäfen.

Egal ob Konzerne wie Siemens  oder Mittelständler wie die Dorsch-Gruppe, sie alle haben in den vergangenen Jahren ihre Aktivitäten am Golf und am südlichen Mittelmeerrand deutlich ausgeweitet. 2010 ist das Handelsvolumen zwischen den 22 Staaten der Arabischen Liga und Deutschland um gut 16 Prozent auf 57 Milliarden Dollar gestiegen.

Siemens, Hochtief, Leoni: Deutsche Firmen investieren erheblich

Überallhin werden Produkte made in Germany geliefert, Porsche , BMW  oder Mercedes verkaufen sich so gut wie nie, vielerorts stehen deutsche Fabriken. Der Automobilzulieferer Leoni  beschäftigt in Nordafrika 24.500 Menschen. ThyssenKrupp  führt in Ägypten mehr als 1800 Mitarbeiter auf der Lohnliste, Metro ist dort ebenso vertreten wie Henkel .

Staatsfonds aus der Region wiederum haben Milliarden in deutsche Konzerne investiert. Die Katarer sind an Hochtief (10 Prozent), Volkswagen  (17 Prozent) und Porsche (10 Prozent) beteiligt. Daimler  gehört zu 16 Prozent Kuwait und Abu Dhabi, Ferrostaal liegt zu 70 Prozent in der Hand der Emire.

Käme es auch am Golf zu Umstürzen, könnten die Fonds womöglich ihre Gelder abziehen.

Dabei setzt die deutsche Industrie so große Hoffnungen in die Region. Etwa was die Nutzung erneuerbarer Energien angeht. Zu den ersten Referenzprojekten zählt die Solaranlage in Kuraymat südlich von Kairo. Errichtet hat sie eine Tochter von Solar Millennium. Die Erlanger rechnen mit weiteren Aufträgen, möglicherweise im Rahmen des "Plan Solaire Marocain". Das Vorhaben, das der marokkanische König Mohammed angeschoben hat, soll neun Milliarden Dollar kosten und könnte Teil von Desertec werden - der Idee von einem riesigen Wüstenkraftwerk, das einmal maßgeblich zur europäischen Energieversorgung beitragen soll.

Doch all die schönen Projekte sind heute unsicherer denn je. Wie schnell die Träume vom großen Geld in der arabischen Welt platzen können, zeigt der Zerfall Libyens. Der Gaddafi-Staat war wegen seiner Rohstoffreserven über Jahrzehnte ein geschätzter Geschäftspartner deutscher Unternehmen. Am meisten investierte die BASF-Tochter Wintershall - seit 1958 mehr als zwei Milliarden Dollar. Mit der Förderung von Öl in Libyen erzielte der Konzern 2010 immerhin rund 16 Prozent seiner Gesamtumsätze. Nun liegen die Anlagen brach. Ob sie den Bürgerkrieg unbeschadet überstehen werden, ist nicht absehbar.

Permanentes Krisenmanagement - zwischen Zuversicht und Bangen

Angst um seine Fabriken und Mitarbeiter hatte während der Unruhen auch Ferdinand Terburg, der Leiter der Hemdenherstellung von Van Laack in Tunesien. "Die Wut der Demonstranten richtete sich zwar vornehmlich gegen Betriebe des Ben-Ali-Clans", sagt Terburg, "aber auch ein paar ausländische Firmen erlebten Plünderungen und Brandanschläge." Auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen legte Terburg für zwei Tage die Produktion still; er fürchtete Übergriffe auf seine Leute. Einige Mitarbeiter kamen dennoch, um die Nähereien zu bewachen. Sie hatten Glück: Die Fabriken blieben unbeschädigt.

Seit dem Ausbruch der Krawalle ist aus Tunesien und Ägypten viel ausländisches Kapital abgeflossen, so manches Investitionsvorhaben wurde gestoppt. Dennoch glaubt Terburg, dass Tunesien mittelfristig auf einem guten Weg ist. Er will in diesem Jahr sogar die Belegschaft von 700 auf 800 Mitarbeiter aufstocken.

Gleiches gilt für die Hamburger RWE Dea, die in Ägypten Öl und Erdgas fördert. "Bei uns lief die Produktion auch während der Unruhen unvermindert weiter", erzählt erleichtert Christoph Schlichter, der das Nordafrika-Geschäft von RWE Dea leitet. In den kommenden Jahren will der Konzern 3,6 Milliarden Dollar in das Geschäft in Ägypten stecken - die größte Investition in der Geschichte von RWE Dea.

Zuversicht und Bangen, Risiken und Chancen - Arabien steht an einem Scheideweg. Keiner mag ausschließen, dass die gesamte Region implodiert. Genauso gut aber ist möglich, dass in einigen Staaten die friedliche Revolution gelingt - und dass die Befreiung der Gesellschaft auch eine Befreiung der Wirtschaft nach sich zieht.

Befreiung der Gesellschaft, Befreiung der Wirtschaft

In jedem Falle steht den Ländern ein langer und schwieriger Übergang bevor - und deutsche Unternehmen müssen lernen, sich neuen Spielregeln und neuen Machtverhältnissen anzupassen. Bislang hatten sie feste Ansprechpartner in den Institutionen und Firmen. Jetzt weiß in Umsturzländern und in den vom Bürgerkrieg zerrütteten Staaten wie Libyen, Syrien und Jemen niemand so recht, wie er sich zu verhalten hat und mit wem er in den Behörden reden soll.

Beispiel Ägypten: Dort flackerten auch nach dem Sturz von Husni Mubarak immer wieder Proteste auf dem Tahrir-Platz auf. Die Demonstranten schäumen vor Wut über die Mubarak-Sippe, die zusammen mit einer mafiosen Clique, so der Ökonom Abdel Khalek Farouk, "dem Land innerhalb von 30 Jahren rund 700 Milliarden Dollar gestohlen hat".

In ihrer Empörung zeigen die Gegner des alten Regimes jeden an, von dem sie glauben, dass er zur Entourage Mubaraks gehört hat. Und die Staatsanwaltschaften setzen reihenweise hohe Beamte, Unternehmer und Manager fest. Auch aus diesem Grund ist die Militärführung darauf bedacht, beim Prozess gegen Mubarak nicht den Eindruck entstehen zu lassen, als würde der Ex-Präsident mit besonderer Nachsicht behandelt.

Auch deutsche Firmen sind vor der "Hetzjagd", so ein Kairoer Anwalt, nicht gefeit. Kürzlich trafen die Korruptionsvorwürfe den Siegener Nummernschildhersteller Utsch, der Kfz-Kennzeichen zu überhöhten Preisen geliefert haben soll - zugunsten ehemaliger Regierungsmitglieder. Utsch bestreitet die Vorwürfe.

Die Länder Arabiens bleiben ein unruhiges Terrain. Für ausländische Unternehmen bedeutet das: permanentes Krisenmanagement. So wurde das Leoni-Werk in der tunesischen Stadt Sousse kürzlich bestreikt. Die Betriebsleitung ließ sich auf einen Kompromiss ein: Kräftige Lohnerhöhungen gibt es nicht, aber wer schon seit mindestens sechs Jahren bei Leoni arbeitet, bekommt einen unbefristeten Vertrag.