Samstag, 21. September 2019

Arabien Auf der Kippe

Arabien im Umbruch: Chancen und Risiken für deutsche Industrie
DPA

3. Teil: Permanentes Krisenmanagement - zwischen Zuversicht und Bangen

Angst um seine Fabriken und Mitarbeiter hatte während der Unruhen auch Ferdinand Terburg, der Leiter der Hemdenherstellung von Van Laack in Tunesien. "Die Wut der Demonstranten richtete sich zwar vornehmlich gegen Betriebe des Ben-Ali-Clans", sagt Terburg, "aber auch ein paar ausländische Firmen erlebten Plünderungen und Brandanschläge." Auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen legte Terburg für zwei Tage die Produktion still; er fürchtete Übergriffe auf seine Leute. Einige Mitarbeiter kamen dennoch, um die Nähereien zu bewachen. Sie hatten Glück: Die Fabriken blieben unbeschädigt.

Seit dem Ausbruch der Krawalle ist aus Tunesien und Ägypten viel ausländisches Kapital abgeflossen, so manches Investitionsvorhaben wurde gestoppt. Dennoch glaubt Terburg, dass Tunesien mittelfristig auf einem guten Weg ist. Er will in diesem Jahr sogar die Belegschaft von 700 auf 800 Mitarbeiter aufstocken.

Gleiches gilt für die Hamburger RWE Dea, die in Ägypten Öl und Erdgas fördert. "Bei uns lief die Produktion auch während der Unruhen unvermindert weiter", erzählt erleichtert Christoph Schlichter, der das Nordafrika-Geschäft von RWE Dea leitet. In den kommenden Jahren will der Konzern 3,6 Milliarden Dollar in das Geschäft in Ägypten stecken - die größte Investition in der Geschichte von RWE Dea.

Zuversicht und Bangen, Risiken und Chancen - Arabien steht an einem Scheideweg. Keiner mag ausschließen, dass die gesamte Region implodiert. Genauso gut aber ist möglich, dass in einigen Staaten die friedliche Revolution gelingt - und dass die Befreiung der Gesellschaft auch eine Befreiung der Wirtschaft nach sich zieht.

Befreiung der Gesellschaft, Befreiung der Wirtschaft

In jedem Falle steht den Ländern ein langer und schwieriger Übergang bevor - und deutsche Unternehmen müssen lernen, sich neuen Spielregeln und neuen Machtverhältnissen anzupassen. Bislang hatten sie feste Ansprechpartner in den Institutionen und Firmen. Jetzt weiß in Umsturzländern und in den vom Bürgerkrieg zerrütteten Staaten wie Libyen, Syrien und Jemen niemand so recht, wie er sich zu verhalten hat und mit wem er in den Behörden reden soll.

Beispiel Ägypten: Dort flackerten auch nach dem Sturz von Husni Mubarak immer wieder Proteste auf dem Tahrir-Platz auf. Die Demonstranten schäumen vor Wut über die Mubarak-Sippe, die zusammen mit einer mafiosen Clique, so der Ökonom Abdel Khalek Farouk, "dem Land innerhalb von 30 Jahren rund 700 Milliarden Dollar gestohlen hat".

In ihrer Empörung zeigen die Gegner des alten Regimes jeden an, von dem sie glauben, dass er zur Entourage Mubaraks gehört hat. Und die Staatsanwaltschaften setzen reihenweise hohe Beamte, Unternehmer und Manager fest. Auch aus diesem Grund ist die Militärführung darauf bedacht, beim Prozess gegen Mubarak nicht den Eindruck entstehen zu lassen, als würde der Ex-Präsident mit besonderer Nachsicht behandelt.

Auch deutsche Firmen sind vor der "Hetzjagd", so ein Kairoer Anwalt, nicht gefeit. Kürzlich trafen die Korruptionsvorwürfe den Siegener Nummernschildhersteller Utsch, der Kfz-Kennzeichen zu überhöhten Preisen geliefert haben soll - zugunsten ehemaliger Regierungsmitglieder. Utsch bestreitet die Vorwürfe.

Die Länder Arabiens bleiben ein unruhiges Terrain. Für ausländische Unternehmen bedeutet das: permanentes Krisenmanagement. So wurde das Leoni-Werk in der tunesischen Stadt Sousse kürzlich bestreikt. Die Betriebsleitung ließ sich auf einen Kompromiss ein: Kräftige Lohnerhöhungen gibt es nicht, aber wer schon seit mindestens sechs Jahren bei Leoni arbeitet, bekommt einen unbefristeten Vertrag.

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