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Schlussbilanz: Der tiefe Fall der WestLB

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WestLB Menschliches Versagen

Sie war die mächtigste unter den Landesbanken. Und ist die erste, die abgewickelt werden muss. Selbstsüchtige Eigentümer trieben die WestLB in den Ruin.
Von Dietmar Palan und Ulric Papendick

Der 2. Mai 2008 sollte für Heinz Hilgert (57) ein großer Tag werden. Nach langem Zögern hatte sich der frühere Vize der Frankfurter DZ Bank entschlossen, als Chef der Düsseldorfer WestLB anzutreten.

Hilgert hatte hart gepokert. Unterschrieben hatte er erst, nachdem sich die Eigner der Bank verpflichtet hatten, den Konzern mit umfangreichen Garantien vor den verheerenden Folgen der Finanzkrise abzuschirmen. An seinem ersten Arbeitstag erwartete den neuen Chef trotzdem eine Überraschung.

Auf Hilgerts Schreibtisch lag ein detailliertes fertiges Konzept zur Übernahme der Düsseldorfer IKB-Bank  - jenes Geldhauses, das die Finanzkrise im Jahr davor als weltweit erstes an den Rand des Ruins getrieben hatte. Das vom früheren WestLB-Strategiechef Matthias Wargers (44) verfasste Papier sah vor, aus WestLB und IKB einen neuen Finanzchampion zu formen, der sein Geld mit der Finanzierung des Mittelstands verdienen sollte.

Hilgert prüfte den Vorschlag, holte sich Rückendeckung beim damaligen Finanzminister Peer Steinbrück (64). Am Ende rief er in der Düsseldorfer Staatskanzlei an und ließ sich zu Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (59) durchstellen, der das Papier bestellt hatte. Die WestLB könne eine solche Übernahme niemals stemmen, stellte der neue Bankchef klar. Die Risiken seien absurd. Die Reaktion in der Staatskanzlei, berichten Zeugen, war ein 30 endlose Sekunden anhaltendes Schweigen. Kurz darauf war das Gespräch beendet, das Projekt beerdigt.

Der Geheimplan zur Verschmelzung von WestLB und IKB war der wohl letzte Versuch, die Düsseldorfer Landesbank zurück zu alter Größe und Macht zu führen. Dass die WestLB zu dieser Zeit längst nicht mehr in der Lage war, ohne fremde Hilfe zu überleben, war ihren Eigentümern offenkundig egal - der Zustand der Bank hatte sie ohnehin nie sonderlich interessiert.

Die denkbar schlechtesten Eigentümer einer Großbank

Es ist kein Zufall, dass die einst größte öffentlich-rechtliche Bank der Republik zum ersten Abwicklungsfall im Landesbankenlager wird. Nirgendwo sonst zeigt sich so deutlich, dass Sparkassenfürsten und Landespolitiker die denkbar schlechtesten Eigentümer einer Großbank sind. Die WestLB ist keineswegs allein an Größenwahn und Hilflosigkeit einer Handvoll Topmanager gescheitert, die am Ende als Sündenböcke vorgeführt wurden.

Die Geschichte des Geldhauses ist vor allem ein Paradebeispiel für eine völlig missratene Governance und einen Wettstreit untereinander verfeindeter Eigentümer. Sowohl Landesregierung als auch Sparkassen waren stets nur darauf aus, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Den Niedergang der Bank nahmen sie dabei offenkundig billigend in Kauf. In einer Mischung aus Selbstsucht und Ignoranz schufen Politiker und Sparkassenmanager ein Monstrum, für dessen Milliardenverluste am Ende der Steuerzahler aufkommen muss.

Der Mann, mit dem alles anfing, heißt Ludwig Poullain und ist heute 91 Jahre alt. Zu seiner Zeit war er der glamouröseste Bankier der Republik, gehörte zum engsten Kreis des sozialdemokratischen Wirtschaftsministers Karl Schiller und führte ein Geldhaus, dessen Bilanzsumme für kurze Zeit größer war als die der Deutschen Bank .

Poullains Aufstieg zum Finanzstar begann im Frühjahr 1968 mit einem Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Zusätzlich zu seinem Job als Generaldirektor der Landesbank Westfalen sollte er auch den Chefposten der Rheinischen Girozentrale in Düsseldorf übernehmen. Der damals 49-Jährige nutzte die Chance und schloss die beiden Landesbanken Nordrhein-Westfalens zur Westdeutschen Landesbank Girozentrale, kurz WestLB, zusammen.

Auf Augenhöhe mit der Deutschen Bank spielen

Das Ziel war von Anfang an klar: Auf Augenhöhe mit der Deutschen Bank wollte er spielen. Poullain ließ seine Leute ausschwärmen. Er gründete Niederlassungen in Luxemburg, London, Paris, New York und Tokio. Er beteiligte sich an Banken in Südamerika und in Hongkong. Er brach in das Großkreditgeschäft mit Giganten wie Mannesmann oder Krupp ein, das Deutsche, Dresdner und Commerzbank  unter sich aufgeteilt hatten.

Und er baute sich sein eigenes Beteiligungsnetz auf, kaufte sich beim Maschinenbauer Gildemeister , dem Bauriesen Philipp Holzmann  und dem Stahlkocher Preussag ein.

Der erste Rückschlag kam im Oktober 1973, nur vier Jahre nach der Gründung. Die Devisenhändler verzockten sich mit ihren Dollar-Positionen und verspielten nahezu den kompletten Jahresgewinn von damals 300 Millionen Mark. Und Poullain? Er kaschierte das Desaster mit der Auflösung von stillen Reserven.

Zu dieser Zeit begann sich auch die Landesregierung, damals mit einem Drittel der Anteile größter Eigentümer, stärker in die Geschäfte einzumischen. Der Geldkonzern agierte dem damaligen SPD-Ministerpräsidenten Heinz Kühn zu unabhängig, zudem rieb sich der parteilose Poullain in großflächigen Interviews an der Wirtschaftspolitik von Kanzler Helmut Schmidt (92).

Kühn bestellte Poullain in die Staatskanzlei, das Gespräch endete im Zerwürfnis. Am 22. Dezember trat Poullain als Bankchef zurück und wurde später fristlos gefeuert. Der Kampf um die Unabhängigkeit der Bank war verloren.

Friedel Neuber: Roter Hai im Becken der Frankfurter Großbanken

Als Ministerpräsident Johannes Rau seinen Parteifreund Friedel Neuber 1981 an die Spitze der WestLB setzte, wusste er genau, was er tat. Neuber, einst jüngster Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag, zählte eine Zeitlang zur engeren Führungsreserve der Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr. Mit ihm als WestLB-Chef würde es keinen Ärger geben wie einst mit dem widerspenstigen Poullain.

Dieser Erwartungshaltung wurde Neuber mehr als gerecht. 20 Jahre lang herrschte er, war der rote Hai im Gewässer der Frankfurter Großbanken. In seiner Glanzzeit betrieb er Struktur- und Industriepolitik auf eigene Faust und agierte als der eigentliche Wirtschafts- und Finanzminister des industriereichsten deutschen Bundeslandes.

Neubers Anfangsjahre fielen in die Ära der großen Stahlkrise, eine Zeit, in der das Ruhrgebiet von seinen schwerindustriellen Wurzeln gelöst und in eine postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft transformiert werden sollte. Der neue Mann an der Spitze der WestLB nutzte die politischen Visionen für seine ganz eigenen Zwecke.

Gerissen spielte er den Wettbewerbsvorteil aus, den die Landesbanken traditionell gegenüber den übrigen Geldkonzernen hatten: die sogenannte Gewährträgerhaftung. Durch die Garantie der Landesregierung, notfalls für ihre Bank geradezustehen, konnte sich die WestLB jederzeit nahezu unbegrenzt billiges Geld an den Kapitalmärkten besorgen.

Neuber kaufte in wenigen Jahren ein riesiges Industrieimperium zusammen. Er stieg bei der Infusionsfirma Fresenius  ein und beim Anlagenbauer Babcock . Er griff zu, als der Düsseldorfer Ferienflieger LTU verkauft werden und nach München abwandern sollte. Später erwarb er Anteile an Hapag-Lloyd, Thomas Cook  und Tui . Sein Büroleiter Michael Frenzel (64), mit dem er schon im Duisburger Stadtrat gesessen hatte, sollte daraus einen globalen Touristikkonzern bauen.

Neubers dicht geflochtenes Beziehungsnetz

Das größte Kapital des WestLB-Chefs war sein dicht geflochtenes Beziehungsnetz. Und das bestand bei Weitem nicht nur aus Sozialdemokraten. Dem damaligen Metro-Chef Erwin Conradi (76), mit dem er eng befreundet war, half er dabei, die Horten-Kaufhäuser mit dem zum Metro-Verbund gehörenden Kaufhof-Konzern zu verschweißen. Und als Berthold Beitz (97) Ende der 80er Jahre Unterstützung von Gewerkschaften und Landespolitik im Streit um die Stilllegung des Stahlwerks in Rheinhausen benötigte, bediente er sich der Vermittlung des roten Barons bei der WestLB.

Im Zentrum von Neubers Netzwerk stand der IC 72. Ein Investmentklub, den Neuber 1972 in seiner Zeit als Präsident des Rheinischen Sparkassenverbandes gegründet hatte und zu dessen Mitgliedern der damalige NRW-Wissenschaftsminister Rau, dessen späterer Finanzminister Heinz Schleußer und irgendwann auch der Ministerpräsident und spätere Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (70) gehörten.

Zweck des Sparvereins, dem auch einflussreiche CDU-Leute und ausgewählte Journalisten angehörten, war offenkundig nicht die Mehrung des Vermögens seiner Mitglieder, sondern die politische Landschaftspflege. In den Sitzungen des Klubs, die häufig im Schulungszentrum der Bank im niederrheinischen Wasserschloss Krickenbeck stattfanden, wurden Deals geplant und Posten verschoben.

Mit Neubers Schlossgemächern verhielt es sich ähnlich wie mit der Flugbereitschaft der WestLB. Beide wurden häufig und gern von Mitgliedern der Landesregierung genutzt. Rau soll bisweilen privat in Krickenbeck gewesen sein und dem Zwischenbericht des einschlägigen Landtags-Untersuchungsausschusses zufolge mehr als 40-mal den Flugservice der Bank genutzt haben. Auch Schleußer und Clement waren wenig zurückhaltend.

Schloss Krickenbeck: Filz zwischen Bank und Staatskanzlei

Als der Filz zwischen Bank und Staatskanzlei publik wurde, war das System Neuber längst an seine Grenzen gestoßen. Die Bank hatte während der Asien-Krise und nach dem Zusammenbruch des LTCM-Hedgefonds horrende Summen verloren. Staatsanwälte durchsuchten die Bank und ermittelten - wenngleich ergebnislos - gegen Neuber, weil die WestLB ihren Kunden bei der Kapitalflucht nach Luxemburg geholfen hatte. Und in Brüssel hatte EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti (68) den Landesbanken den Krieg erklärt.

Dies war die Folge eines nur anfänglich ganz gewöhnlichen Meetings Anfang der 90er Jahre. Auf dem Tisch standen Buletten und Bier, vor Neuber lagen Feuerzeug und eine Schachtel HB. Die Besprechung lief weiter, als eine Sekretärin den Bankchef für ein Telefonat aus der Sitzung bat. Als Neuber ein paar Minuten später wieder erschien, ließ er Buletten und Bier abräumen und eine Magnumflasche Champagner auffahren. "Habe soeben erfahren", verkündete er der Runde, "dass wir 4 Milliarden Mark Kapital umsonst bekommen."

Der Anlass für die spontanen Feierlichkeiten war ein Coup, den der West-LB-Fürst mit seinem Spezi und NRW-Finanzminister Heinz Schleußer ausgeheckt hatte. Weil die Bank frisches Eigenkapital brauchte, das Land aber knapp bei Kasse war, sollte die landeseigene Wohnbauförderungsanstalt als Sacheinlage in die Bank eingebracht werden.

Für Neuber bedeutete die Kapitalspritze eine enorme Ausweitung seiner geschäfts- und machtpolitischen Möglichkeiten. Und weil das Land nur eine Verzinsung von 0,6 Prozent forderte, kostete sie ihn tatsächlich fast nichts.

Die WestLB verliert nahezu ihr komplettes Kundengeschäft

Die Granden der Frankfurter Großbanken schäumten. Commerzbank-Chef Martin Kohlhaussen (75), der einst die WestLB-Filialen in New York und Tokio geleitet hatte, führte als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken den Feldzug an. Er nutzte den Anlass, um in Brüssel gegen die Privilegien der Landesbanken zu klagen. Die Staatsgarantien seien nichts anderes als verbotene Subventionen und müssten abgeschafft werden.

Kohlhaussen verschaffte sich bei der EU-Kommission Gehör, und Neuber begann den Widerstand zu organisieren.

Dass er den Kampf verlieren könnte, daran hat Neuber nie wirklich geglaubt. Als ihn sein Vorgänger Poullain fragte, wie die Bank denn nach einem Wegfall der Gewährträgerhaftung aussehen könnte, antwortete er ihm: "Ich brauche keine Alternativen, weil die Haftung der Länder nicht fallen wird." Als Neuber dann den Kürzeren zog, stand die Bank ohne Geschäftsmodell da.

In dieser kritischen Phase leisteten sich Landesregierung und Sparkassen ihrerseits einen schweren strategischen Fehler. Die beiden Haupteigentümer zerlegten die Bank, um Brüssel zu besänftigen, schwächten dabei aber die wirtschaftliche Substanz entscheidend.

Im August 2002 spaltete der damalige Landes- und spätere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück die Förderbankaktivitäten ab und verlagerte sie in die heute komplett landeseigene NRW Bank. Der WestLB gingen dadurch rund 100.000 weitgehend sichere und margenstabile Kreditverbindungen verloren.

Der Schlag der Sparkassen und das Boxclever-Desaster

Die Sparkassen nutzten die Gelegenheit und lösten die Landesbausparkasse, die Beteiligungen an der Rheinischen und der Westfälischen Provinzialversicherung sowie die Wertpapierservice Bank aus der WestLB heraus. Damit verlor die Bank auf einen Schlag nahezu ihr komplettes Kundengeschäft, das ihr zuvor stabile Erträge beschert hatte.

Von diesem Schlag, das zeigte sich ein paar Jahre später, sollte sich die WestLB nie wieder erholen.

Der Widerstand gegen die schamlose Selbstbedienung der Eigentümer hielt sich in Grenzen. Neuer Vorstandschef war vom September 2001 an Jürgen Sengera (68), ein ehemaliger Handballnationaltorwart und glühender Anhänger des internationalen Kapitalmarktgeschäfts.

Sengera hatte das Geschäft mit weltweiten Projektfinanzierungen aufgebaut. Seine Vision eines Bankhauses, das sein Geld ausschließlich im Investmentbanking verdient, präsentierte er gern in London. Dort hatte Sengera auch eine blonde Dame namens Robin Saunders (49) angeheuert, die mit einer Entourage von 30 Leuten von der Deutschen Bank  zur WestLB gezogen war.

Die ausgebildete Balletttänzerin finanzierte den Neubau des Wembley-Stadions; sie half Formel-1-Impresario Bernie Ecclestone (80) mit Krediten aus der Klemme und kam schließlich auf die verwegene Idee, das Geld der Landesbank bei einer britischen Firma mit Namen Boxclever unterzubringen. Einer Kette, die Fernsehgeräte vermietete - zu einer Zeit, als nahezu jeder Brite bereits eine eigene Mattscheibe besaß.

Boxclever geriet zum Desaster. Am Ende produzierten Saunders und Sengera ein Minus von fast zwei Milliarden Euro. Sengera verließ die Bank 2003; später musste er sich wegen des Debakels sogar vor Gericht verantworten.

Fischer verscherbelt das Tafelsilber der WestLB

Anfang 2004 trat dann ein Banker in Düsseldorf an, dessen Ruf kaum schillernder sein konnte: Thomas R. Fischer (63), einst Risikochef der Deutschen Bank, Hobbyboxer, ein Mann mit einem Faible für breite Hosenträger und noch breitere Krawatten.

Fast ein Dreivierteljahr hatten NRW-Finanzminister Jochen Dieckmann (63, SPD) und Ministerpräsident Peer Steinbrück den kapriziösen Fischer umworben, der ihnen von Bankenaufseher Jochen Sanio (64) wärmstens empfohlen worden war. Das Ergebnis war ein äußerst großzügiger Vertrag, der dem Wahlberliner neben einem Jahresgehalt von deutlich mehr als drei Millionen Euro und einer stattlichen Altersvorsorge das Recht zusicherte, nicht mehr als zwei Arbeitstage pro Woche in Düsseldorf zubringen zu müssen.

Mit Fischer kehrte zum letzten Mal so etwas wie Zuversicht in die bereits mächtig angeschlagene Bank zurück. Fischer verständigte sich mit den Sparkassenverbänden auf ein neues Geschäftsmodell: Fortan sollte wieder das Kundengeschäft im Fokus stehen. Die Sparkassen schossen noch einmal neues Kapital ein und übernahmen die Mehrheit.

Am Ende aber war der Pakt das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben war. Der WestLB blieb der Zugang zu den Sparkassenkunden verwehrt. Vor allem die Chefs der rheinischen Großsparkassen blockierten, wo sie nur konnten.

In der Folge begann sich Fischer nach potenziellen WestLB-Käufern umzusehen. Er verhandelte mit der Commerzbank  und der niederländischen Rabobank. Zugleich begann er, das Tafelsilber der WestLB zu Geld zu machen.

Verzockt mit Vorzugsaktien: Fischers verzweifelte Suche nach dem Verräter

Fischer stieß das Aktienpaket der Bank am Touristikriesen Tui ab, reichte die Beteiligung an der Landesbank Rheinland-Pfalz an die LBBW weiter und verkaufte schließlich die WestLB-Anteile an der Hamburger HSH Nordbank an den US-Finanzinvestor JC Flowers.

Ein Jahr nach Fischers Amtsantritt wurde die Gewährträgerhaftung endgültig gestrichen. Von nun an mussten die Landesbanken zeigen, dass sie auch ohne Staatsknete überlebensfähig sein würden.

Für WestLB & Co. war es der Anlass, sich noch einmal mit billigem, staatlich garantiertem Kapital aufzupumpen.

Allein Fischer hatte im Juli 2005 rund 25 Milliarden Euro Spielgeld in der Kasse. Nur - wohin damit? Kundengeschäft, in das er hätte investieren können, hatte die Bank kaum. Zudem hatten die großen Ratingagenturen bereits signalisiert, dass sie die Bonität der Landesbanken nach dem Wegfall der Staatsgarantie kräftig herabstufen würden.

Am Ende verfiel Fischer, wie andere Landesbank-Chefs auch, auf die fatale Idee, einen erheblichen Teil der frischen Mittel in "strukturierten" US-Immobilienkrediten anzulegen, etliches davon in Papieren zweitrangiger Qualität ("Subprime"). Den Tipp dazu hatten ausgerechnet die Ratingagenturen gegeben; immerhin bewerteten Moody's & Co. die Papiere trotz des schlechten Leumunds vieler Schuldner oft mit Bestnoten.

Sparkassenfürsten und Landespolitiker ließen die WestLB-Oberen nicht nur gewähren. Die Anteilseigner erhöhten vielmehr noch den Druck, endlich vernünftige Rendite zu liefern. Als Fischer und sein von der Deutschen Bank importierter Kapitalmarktvorstand Bob Stein (50) versuchten, die Profite mit riskanten Aktienzockereien zu hebeln, brach das nächste Unheil herein.

Schon unter Sengera hatten WestLB-Händler begonnen, Aktiendeals mit dem Kapital der Bank zu forcieren. Besonders eifrig setzten die Finanzjongleure auf eine sehr spezielle Wette: die Kursangleichung von Stamm- und Vorzugsaktien deutscher Konzerne. Über mehrere Jahre baute die WestLB Positionen mit Vorzugsaktien von VW, Metro  und BMW  auf.

Als die Strategie im April 2007 durch eine gezielte Indiskretion aus der Bank aufflog, war der Schaden unabwendbar. Der gesamte Markt spekulierte ungeniert gegen die Düsseldorfer, die in den folgenden Wochen 600 Millionen Euro verloren. Fischer wehrte sich verzweifelt. Mit Strafanzeigen und internen Ermittlungen suchte er nach den Verrätern, die er in der Chefetage selbst vermutete.

Die WestLB vor dem Aus

Die Abwehrschlacht lief ins Leere. Die Finanzaufsicht verdächtigte den WestLB-Vorstand, seinen Aufsichtsrat nicht korrekt über die Deals informiert zu haben. Bafin-Chef Sanio zeigte die Manager daraufhin bei der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft an - und drängte auf die Ablösung des Vorstands.

Das Verfahren gegen Fischer wurde zwar später eingestellt. Doch seinen Job war er los. Eilig rekrutierte der westfälische Sparkassenpräsident und WestLB-Aufsichtsratschef Rolf Gerlach (57) den früheren HSH-Nordbank-Lenker Alexander Stuhlmann (63) als Interimschef. Vier Tage nach Stuhlmanns Start brach mit dem Kollaps der Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB die Subprimekrise los - und die WestLB geriet unter Wasser.

Der Auftrag von Sparkassenmann Gerlach war klar: Stuhlmann sollte die WestLB mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) fusionieren.

Als Stuhlmann vier Wochen nach seinem Antritt erstmals in der Düsseldorfer Staatskanzlei vorstellig wurde, machte ihm jedoch Ministerpräsident Rüttgers schnell klar, was er von einem Verkauf hielt: ganz und gar nichts. Den Verlust dieses Leuchtturms werde er nicht zulassen, beschied Rüttgers den Banker.

Stattdessen erschien der CDU-Politiker wenige Monate später auf einer Sitzung der WestLB-Führungsgremien mit dem Plan, WestLB und IKB  zu einer neuen Großbank zusammenzuschließen - ebenjener Plan, den Stuhlmanns Nachfolger Hilgert schließlich beerdigte.

Auch mit einem anderen Vorstoß fing sich Rüttgers bei Hilgert eine Abfuhr ein. Gerade sei Thomas Middelhoff (58) bei ihm gewesen, ließ er Hilgert Ende 2008 wissen. Der (damalige) Arcandor-Chef habe ihm berichtet, wie schändlich die Banken mit dem Warenhauskonzern umgingen. Ob sich die WestLB nicht dieses Themas annehmen könne? Hilgert lehnte ein Engagement ab.

Drastische Verkleinerung - und Entsorgung des Giftmülls

In einer anderen Frage gab sich Rüttgers deutlich zugeknöpfter. Als 2008 klar wurde, dass die WestLB wegen der Finanzkrise abermals Hilfen ihrer Eigentümer benötigen würde, weigerte sich der Ministerpräsident.

Während LBBW, BayernLB und HSH Nordbank mit Milliardenhilfen ihrer Eigner gepolstert wurden, ließ sich Rüttgers lediglich zu einer Garantiezusage für den Fall herab, dass es im Wertpapierportfolio zu Ausfällen kommen sollte.

Spätestens jetzt hatten sich Sparkassen und Landesregierung von der WestLB verabschiedet. "Es gab den Konsens, dass die Bank in ihrer damaligen Aufstellung nicht überlebensfähig war", sagt ein Aufsichtsrat heute. Von nun an ging es nur noch darum, wer am Ende für das Desaster bezahlen muss.

Die Eigner ließen den früheren Fraktionschef der CDU und heutigen Rechtsanwalt Friedrich Merz (55) nach Käufern fahnden. Lediglich zwei US-Finanzinvestoren signalisierten Interesse - aber auch nur, um bei einer anschließenden Zerschlagung einen schnellen Gewinn einzustreichen. Das wiederum wollten die Sparkassen, noch immer der größte Gläubiger ihrer Landesbank, verhindern.

Schließlich blieb den Sparkassen und der Düsseldorfer Landesregierung keine andere Wahl, als EU-Kommissar Joaquín Almunia (63) Ende Juni ein Papier zu überreichen, mit dem das endgültige Aus der Bank zementiert wird. Seit Jahren fordern die Wettbewerbswächter eine drastische Verkleinerung der mit Milliardenhilfen alimentierten Bank.

Der Plan der WestLB-Eigner geht nun sogar noch weiter: Teile der Bank werden verkauft; andere wandern in die Ende 2009 gegründete "Erste Abwicklungsanstalt", die den von Fischer & Co. erworbenen Giftmüll so schonend wie möglich entsorgen soll. Lediglich das Verbundgeschäft mit den Sparkassen wird in einer Art Mini-WestLB weitergeführt.

Ein ähnliches Schicksal könnte der Münchener BayernLB drohen, ebenso der HSH Nordbank. Damit kommt der WestLB am Ende wieder die Rolle zu, die sie immer hatte: Sie gibt die Blaupause für die Zukunft aller anderen Landesbanken.

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