Fotostrecke

Technologie: Bloß keine Experimente

Foto: Andreas_Gebhard/ dpa

Technologie Bloß keine Experimente

Ob Nanolabor, Genpflanze oder Pharmaforschung - vehement wehren sich Bürger gegen Innovationen. Wie sollen Unternehmen und Forschungsinstitute den verbreiteten Ängsten begegnen?

Hamburg - Ein massiver Zaun, gut zwei Meter hoch, umgibt das Gelände über dem Zürichsee. Die Eingänge sind mit doppelten Stahltoren gesichert, Kameras beobachten die Umgebung. Die Gebäude betritt der Besucher durch eine mit Panzerglas gesicherte Schleuse.

Doch bei den nüchternen Betonquadern handelt es sich mitnichten um eine Hochsicherheitsanlage. Die Maßnahmen schützen das im Mai eröffnete Forschungszentrum für Nanotechnologie, das IBM  mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich betreibt.

Auf den Neubau war im Frühjahr letzten Jahres ein Bombenattentat versucht worden. Nur drei Kilometer von der Baustelle entfernt hatte die Polizei ein mit Sprengstoff beladenes Auto gestoppt. Darin ein Schreiben, in dem sich die Ökoterrorgruppe Earth Liberation Front zu einem Anschlag auf das Labor bekannte.

Ein Extremfall gewiss - aber doch symptomatisch. Seit Jahren wächst der Widerstand gegen technische Neuerungen in den reichen Industriestaaten. Egal ob Kernkraft oder Gentechnik, ob Geothermiebohrungen oder Höchstspannungsleitungen - gerade in Deutschland wehren sich immer mehr Menschen gegen Innovationen und technische Großprojekte. Mit allen Mitteln und über Jahre hinweg, wie auch die fortgeführte Auseinandersetzung um das Bahnprojekt Stuttgart 21 zeigt.

Die Blockadehaltung ist ein ernstes Problem in einem Land, das wie kaum ein anderes auf Innovationen angewiesen ist. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, fordert Forschung, Politik und Firmen auf, sich mehr um die Akzeptanz neuer Technologien zu kümmern. "Wir müssen den Konsens mit den Bürgern schaffen. Das ist eine riesige gesellschaftliche Aufgabe."

Doch wie kann es gelingen, die widerstreitenden Interessen auszugleichen? Wie lassen sich manchmal irrationale Vorbehalte mit vermeintlich kühler wissenschaftlicher Analyse vereinen?

Handfestes Problem für Forscher und Firmen

Die Betreiber von Windparks, Genforschungsfeldern oder Biogasanlagen diffamieren ihre Widersacher gern als notorische Neinsager und Technikfeinde. Sie spielen ihren Einfluss in Lobbyzirkeln aus und beharren auf herkömmlichen Genehmigungsverfahren.

Die Protestierer unterstellen ihnen im Gegenzug rücksichtsloses Machtgebaren und blanke Profitgier. Gegen diese "Von-oben-Politik" wehren sie sich mit einem immer professionelleren und wirksameren Arsenal - von emotionalen PR-Kampagnen bis hin zu ausgefeilten juristischen Manövern.

So darf etwa Bayer  eine bereits durch das Rheinland verlegte Kohlenmonoxidleitung nicht in Betrieb nehmen, weil Anwohner gegen Formfehler klagten. Gentechnisch veränderte Pflanzen können hierzulande praktisch nicht angebaut werden. Nicht nur weil Aktivisten Felder zertrampeln oder transgene Apfelbäume absägen, sondern auch weil Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner mit dem Verbot der Monsanto-Maissorte Mon 810 ein politisches Signal gesetzt hat.

Den Bau eines Forschungszentrums für Tierimpfstoffe des Pharmakonzerns Boehringer in Hannover verzögerten Anwohner jahrelang. In Brandenburg opponieren gut zwei Dutzend Bürgerinitiativen gegen Windkraftwerke. Gleichzeitig schlagen sich die Stromnetzbetreiber mit Protesten gegen neue Hochspannungsleitungen herum. Ob das Pumpspeicherkraftwerk Atdorf im Schwarzwald jemals Ökostrom vorhalten wird, scheint fraglich.

Zahl der Bürgerbegehren verzehnfacht

Längst hat sich der Widerstand gegen neue Technologien und Infrastrukturprojekte zu einem handfesten Problem für Forscher und Firmen ausgewachsen. So hat sich die Zahl der Bürgerbegehren in den vergangenen beiden Dekaden gegenüber der Nachkriegszeit verzehnfacht. "Der Umgang mit Protest in jeder Form gehört deshalb mittlerweile zum Risikomanagement der meisten großen Unternehmen", konstatiert Walfried Sauer, Gründer der Sicherheitsberatung Result Group.

Dabei müssen sich Wissenschaftler und Manager nicht nur auf Flugblätter, Demonstrationen und Gerichtsverfahren einstellen, sondern auch auf die kriminelle Energie radikalisierter Aktivisten. Das Bedrohungsszenario reicht von Beleidigung und Körperverletzung über Hausfriedensbruch und Brandstiftung bis hin zu Mordversuchen. So platzte vor einiger Zeit der angeritzte Reifen einer Vorstandslimousine - bei Tempo 150 auf der Autobahn.

Das Bundeskriminalamt zählte im Zeitraum 2005 bis 2010 allein in Verbindung mit Tierschutz 1053 Delikte, davon 690 Sachbeschädigungen. Die politisch motivierte Kriminalität im Zusammenhang mit Gentechnik schlug mit 210 Straftaten zu Buche.

Eine bedrohliche Entwicklung

Eine bedrohliche Entwicklung, wie Wissenschaftler und Unternehmenschefs klagen. Schließlich seien die großen Herausforderungen unserer Zeit, von der Energiewende bis zum demografischen Wandel, nur mit Innovationen zu bewältigen. "Doch durch die immer wieder vorgebrachte Skepsis gegen neue Technologien verlieren wir viel Zeit", moniert etwa Marijn Dekkers, Vorstandschef von Bayer. "Umso schwieriger wird es, die Versäumnisse später wieder aufzuholen."

Manchmal ist das sogar unmöglich, der Pharmakonzern hat es erlebt. In den 90er Jahren wollte Bayer in Wuppertal für 100 Millionen Euro eine Produktionsstätte für den gentechnisch erzeugten Blutgerinnungsfaktor VIII bauen. Das Projekt scheiterte angesichts von Protesten gegen die rote Biotechnologie am Risiko einer zu langen Genehmigungsdauer und am unsicheren Ausgang. Bayer realisierte das Vorhaben dann in den USA, was der damalige Bereichsleiter Peter Stadler bis heute bedauert: "Wir haben in Deutschland eine große Chance verpasst."

Der Professor für Biotechnologie, der inzwischen Regierungsstellen berät, warnt vor einer Lähmung des Forschungsstandorts Deutschland durch die Dagegen-Bewegung: "Ich halte es für absolut besorgniserregend, dass sich der Widerstand gegen Technik in Deutschland als institutionalisierter gesellschaftlicher Prozess etabliert hat."

Was tun? Hinter hohen Mauern jammernd die eigene Position zu verteidigen, führt nicht weiter. Zäune und Kameras helfen allenfalls gegen vereinzelte Aktivisten mit Farbbeuteln und Brandsätzen. Skepsis und Widerstand einer breiten Masse können Institute und Firmen nur mit mehr Offenheit begegnen.

Fakten auf den Tisch legen, Vor- und Nachteile erklären

Davon ist auch IBM-Spitzenforscherin Heike Riel überzeugt. Bei den Führungen und öffentlichen Veranstaltungen, die der IT-Konzern regelmäßig veranstaltet, erklärt die Leiterin der Gruppe Nanoelektronik, wie die Wissenschaftler in den perfekt von Störungen abgeschirmten "Noise-free"-Laboren und dem Reinraum im neuen Forschungszentrum immer leistungsfähigere und energieeffizientere Computerchips konstruieren. Und dass sie dabei längst auf der Ebene einzelner Atome arbeiten; schließlich haben ihre Kollegen Gerd Binnig und Heinrich Rohrer hier das Rastertunnelmikroskop entwickelt und damit die Basis für die Nanotechnologie gelegt.

Die anschauliche Beschreibung der Anlage, in der Riel Nanodrähte mit nur wenigen Atomen Durchmesser wachsen lässt, begeistert auch Laien. Die Physikerin preist aber nicht nur ihre dreidimensionalen Transistoren, die nur ein Zehntel des Stroms verbrauchen sollen, den heutige Modelle benötigen. Sie weist auch auf die Risiken der Nanotechnologie hin und erklärt die Sicherheitsmaßnahmen. Aus dem absoluten Vakuum ihres Experiments könne kein einziges Atom entwischen, beruhigt sie Ängstliche. "Ich will ja selbst nicht krank werden."

Fakten auf den Tisch legen, Vor- und Nachteile erklären, auf Ängste und Vorbehalte eingehen, den Gesprächspartner ernst nehmen, zuhören, Fragen beantworten - es ist ein aufwendiger Prozess, der technikskeptischen Bürgern ihre Ängste nehmen soll. Vor allem komme es auf die Haltung an, erklärt Hans-Peter Meister, der mit seiner Beratungsfirma IFOK seit 15 Jahren als neutraler Vermittler bei Protesten agiert. "Wer als Vorstandschef oder Spitzenpolitiker mit der Attitüde ,Ich weiß alles besser' auftritt, der hat schon verloren."

Deshalb führten auch die unzähligen Informationskampagnen, die nur Vorteile und Nutzen einer Technologie loben, zu nichts. "Die Menschen sind heute besser informiert denn je. Sie lassen sich nichts vormachen, sondern fühlen sich von den Hochglanzbroschüren veralbert", kritisiert der professionelle Mediator. Viele PR-Feldzüge, mit denen Unternehmen und öffentliche Stellen immer noch für ihre Projekte werben, schadeten eher den Zielen ihrer Auftraggeber.

In Zukunft geht es nur mit echter Bürgerbeteiligung

Bei Eon hat sich diese Einsicht - nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um Atom- und Kohlestrom - offenbar durchgesetzt. Vorstandschef Johannes Teyssen erklärt nicht nur öffentlichkeitswirksam: "Wir können und wollen nichts gegen den breiten Willen der Gesellschaft durchsetzen." Der Energiekonzern bemüht sich seit 2007 tatsächlich um einen Dialog mit den Bürgern, die im Umfeld von Eon -Vorhaben wohnen.

Überall dort, wo sich Widerstand gegen Projekte formiert - vor der Baustelle des neuen Kraftwerksblocks in Datteln oder während der Hauptversammlung vor der Grugahalle in Essen -, stellen Eon-Leute rote Infoboxen auf, in die sie zum Gespräch einladen. Bürgergruppen oder Schulklassen, Politiker und Aktionäre werden zu Diskussionsrunden gebeten, um kontrovers über die Energiezukunft und deren Auswirkungen auf Umwelt und Menschen zu debattieren.

Manchmal allerdings nur mit relativem Erfolg: Trotz der demonstrativen Offenheit verzögerte sich der Neubau des Kraftwerks in Datteln, weil Bürger dagegen klagten. Es geht voraussichtlich erst 2012 statt wie geplant 2010 in Betrieb. "Aber wir kommen schrittweise voran", sagt Eons Public Affairs Manager Guido Knott.

Diskussionen und gutes Zureden allein genügen nicht, solange die Bürger das Gefühl haben, doch nur vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden - dann bleibt ihnen quasi nichts anderes übrig als die juristische Verzögerungstaktik. Statt langwieriger und bürokratischer Planfeststellungsverfahren müsse ein neuer Genehmigungsprozess her, fordert CDU-Politiker und Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler im Interview mit managar magazin.

Die Lehren aus Stuttgart 21

Eine Gebrauchsanleitung für ein besseres Zulassungsverfahren legte die Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) im Mai im Kanzleramt vor. Wichtigster Grundsatz: "Die Bürger müssen viel früher beteiligt werden als derzeit vorgesehen", so Koautor Ortwin Renn, Techniksoziologe an der Uni Stuttgart.

Lange bevor Projekte geplant würden, müssten die Menschen den Nutzen einer Innovation verstehen. Und das dürfe nicht nur das abstrakte Gemeinwohl - Klimaschutz, Arbeitsplätze, Innovation - sein. "Wir müssen auf die Bedürfnisse vor Ort eingehen", sagt Renn. "Wenn jemand den Lärm eines Rotors beklagt, dann verringert der ja seine Lebensqualität wirklich, und er motzt nicht nur einfach irrational dagegen." Mindern könne man solche Konflikte etwa, indem Anwohner über Betreibermodelle von den Erträgen einer Anlage profitierten.

Dass konkrete Probleme besser im Vorfeld gelöst werden, lässt sich auch am Großprojekt Stuttgart 21 studieren. Seit vergangenem Herbst bemüht sich Projektsprecher Wolfgang Dietrich um Schadensbegrenzung. So baut sein Team derzeit das Web-Portal "direktzustuttgart21" aus. In einem neuen Tool kann jeder Stuttgarter seine Adresse eingeben. Automatisch zeigt ihm das Programm, ob sein Haus in der Nähe eines der neuen Tunnel liegt. Befürchtet er Probleme, kann er mit einem Fachmann sprechen. Mit Behinderten, die zu steile Rampen auf die Bahnsteige als gefährlich ansahen, arbeitet das Büro von Architekt Christoph Ingenhoven an Alternativlösungen. Und 16 von Abholzung bedrohte Bäume im Schlosspark wurden erfolgreich umgepflanzt statt gefällt.

"In Zukunft", prophezeit Heiner Geißler, "geht es nur mit echter Bürgerbeteiligung - oder überhaupt nicht."

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.