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Energiewende: Die Kosten für die Industrie

Foto: Markus Spang

Energiewende Wind of Change

Die merkelsche Energiewende kostet die Industrie Milliarden. Wichtige Branchen fürchten um ihre Wettbewerbsfähigkeit, trotz aller politischen Zugeständnisse.

Gut, es gibt edlere und beeindruckendere Geschäftsadressen. Manhattan zum Beispiel, Paris-La Défense, ein Postfach im schweizerischen Steuertraumort Zug oder auch Stuttgart-Zuffenhausen. Aber hier und heute wollen wir einmal die Niederungen der deutschen Unternehmerprovinz ausleuchten: in Hofolpe, Gemeinde Kirchhundem, Kreis Olpe. Manche behaupten, dort befinde sich die Herzkammer des Sauerlandes, andere verorten jenen Weltenteil viel weiter unten und hinten in der menschlichen Physiognomie.

Wie auch immer. Das Dorf beherbergt die Grünewald-Papierfabrik, und das nun schon seit 1896. Eine Dampfwolke steigt auf in den regenverhangenen Himmel, zwei große Lkw parken vor der Fabrikhalle. Gegenüber, im Gasthof "Zu den Linden", darf geheiratet werden; das lokale Standesamt kommt dort seinen hoheitlichen Aufgaben nach.

Ein Wohlfühlumfeld, in dem Harmonie zum wichtigsten Bestandteil des Daseins zu gehören scheint. Es sei denn, es geht um so profane Dinge wie die Energieversorgung.

Dann erweist sich die Idylle als Hort des Zorns. "Unsere Branche leidet massiv unter den dramatisch gestiegenen Rohstoffkosten", klagt Christopher W. Grünewald (48), geschäftsführender Gesellschafter der Traditionsfirma, "wenn der Atomausstieg zu noch höheren Energiekosten in Deutschland führt, werden wir im internationalen Wettbewerb weiter zurückfallen."

Papier, Metall, Zement, Grundstoffe: Die Großverbraucher geraten in Not

Grünewald braucht nicht nur viel Strom (28 Millionen Kilowattstunden pro Jahr - damit könnte man 7000 Mehrpersonenhaushalte versorgen), sondern auch viel Wärme für die aufwendige Zellstofftrocknung in der einzigen, riesigen Papiermaschine der Familienfirma. 4,7 Millionen Euro zahlte Grünewald für Elektrizität und Gas im vergangenen Jahr, bei einem Umsatz von nur 36 Millionen. Viel Geld - zumal Papierhersteller zu den margenärmsten Unternehmen in Deutschland gehören. Nicht von ungefähr leitet Grünewald den Energieausschuss des BDI.

Grünewald ist ein dynamischer, schlanker, unkomplizierter Mann mit Stirnglatze und Monogramm auf dem gestreiften Markenhemd. Sachlich referiert der Unternehmer Wattzahlen und Wärmebilanzen, prüft mit dem Taschenrechner zur Sicherheit noch einmal nach. Gelegentlich entfährt ihm zur Bekräftigung ein trotziges "Wahnsinn".

Etwa, wenn er schildert, wie er, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel im März zum ersten Mal von einem AKW-Moratorium gesprochen hatte, tags darauf seinen gesamten Strombedarf bis 2014 eingekauft hat. Ein bisschen zu spät, denn der Preis war schon um fünf Euro pro Megawattstunde gestiegen. Mehrkosten: 140.000 Euro pro Jahr.

Vergleichbare Erfahrungen und Sorgen können derzeit weite Teile der deutschen Industrie beisteuern. Je höher der Energieverbrauch eines Unternehmens, umso lauter das Ach und Weh. Denn die Energiewende der Bundesregierung ist eine ernstzunehmende Bedrohung für die sogenannten energieintensiven Branchen, die ein Fünftel des deutschen Stroms verbrauchen. Also für Metallerzeuger und die Grundstoffchemie, für Zementhersteller und eben für die Papierindustrie.

Kostenschock: 60 Prozent mehr Kosten für energieintensive Branchen

Allein der übereilte Atomausstieg kostet zig Milliarden. Die 17 nach und nach ausgeknipsten Atomkraftwerke müssen abgerissen, ihre Gesamtleistung von rund 20.000 Megawatt muss durch neue, möglichst klimaschonende Anlagen ersetzt werden; der radioaktive Müll - Zigtausend Tonnen Beton, stählerne Reaktordruckgefäße, schier endlose Rohrleitungen - entsorgt werden. All das wird den Strompreis treiben.

Hinzu kommt der Aufwand für den Übergang in ein neues Energiezeitalter:

  • Der Ausbau der Stromnetze, die für erneuerbare Energiequellen benötigt werden, verschlingt zwischen 10 und 50 Milliarden Euro, je nach Ausführung. Diese Ausgaben werden über Netzentgelte umgelegt auf alle Stromverbraucher, also auch auf die Industrie.
  • Die gesetzliche Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien (EEG), derzeit 3,5 Cent je verbrauchte Kilowattstunde, belastet die Unternehmen. Sie wird zumindest bis 2015 weiter steigen.
  • Ab 2013 fallen deutlich höhere Kosten für CO2-Zertifikate an, die vor allem Stromproduzenten kaufen müssen, für Klimagas, das sie in die Atmosphäre emittieren. Der Preis, der über eine Börse ermittelt wird, stieg nach Fukushima kräftig. Wird künftig mehr Kohlestrom verwendet, erklimmt er neue Höhen. Den Mehraufwand werden die Energieversorger ihren Kunden in Rechnung stellen.

Eine Exklusivstudie der Unternehmensberatung Roland Berger für manager magazin zur Entwicklung der Stromkosten in der Industrie belegt den Trend. Die Consultants sagen bis 2050 für vier besonders energieintensive Branchen ein Plus von 20 bis 60 Prozent voraus (siehe Fotostrecke).

Nicht nur die Kosten drücken, auch die Zweifel an der Versorgungssicherheit wachsen. Seitdem die Kanzlerin im März schlagartig sieben AKW abschalten ließ, mussten die Netzbetreiber auf Geheiß der Bundesnetzagentur mehrere Hundert Male ins Zusammenspiel der Stromeinspeiser eingreifen, um Frequenzschwankungen oder gar einen Totalzusammenbruch der Versorgung ("Blackout") abzuwenden.

Bei Spannungsabfall fährt die Maschine sofort herunter

Kleine Ursache, große Wirkung: Fällt die Spannung für den Bruchteil einer Sekunde ab, fährt die Elektronik die grünewaldsche Papiermaschine sofort herunter. Erst nach einer Stunde kann die Fertigung wieder aufgenommen werden. "Bereits bei zwei bis drei Produktionsstillständen am Tag ist unsere Maschine nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben", sagt Firmenchef Grünewald. Kommt es gar zu einer Überlastung des Stromnetzes, müssten Großverbraucher in den sensiblen Regionen ihre Anlagen stilllegen, als "Ultima Ratio", so Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur.

Das ohnehin schon hohe Kostenniveau steigt weiter und gefährdet die internationale Wettbewerbsfähigkeit, immer mehr staatliche Eingriffe führen in den Unternehmen zu Planungsunsicherheit. Ist der Energiestandort Deutschland noch zu retten? Droht im Gefolge der merkelschen AKW-Wende der Exodus der deutschen Industrie?

Mancher Konzern werde sich gut überlegen, ob er in Deutschland noch gut aufgehoben sei, unkt RWE-Chef Jürgen Großmann in der "Süddeutschen Zeitung". "De-Industrialisierung geht schnell", meckert Kurt Lauk, Präsident des CDU-Wirtschaftsrates, "aber Re-Industrialisierung ist ein langer, steiniger Weg."

Einige sind längst verschwunden. Für die Dattelner Ruhr-Zink war Ende 2008 Schluss, weil der Strom damals schon zu teuer war, um rentabel wirtschaften zu können. Andere fahren ihre Anlagen nur noch auf Minimalbetrieb, wie die Neusser Aluminiumhütte des norwegischen Norsk-Hydro-Konzerns.

Bedrohte Wettbewerbsfähigkeit

Es geht um nicht weniger als den Kern der deutschen Wirtschaft. Die energieintensiven Branchen erzielen jährlich 300 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigen 875.000 Mitarbeiter. Viele Betriebe waren die Garanten dafür, dass Deutschland so gut durch die vergangene Krise gekommen ist - Unternehmen wie HeidelbergCement  , BASF  , Aurubis  oder ThyssenKrupp  .

Beim Gedanken an die Folgen, die der schnelle Atomausstieg für HeidelbergCement haben könnte, zeigt sich Vorstandschef Bernd Scheifele (53) "skeptisch und besorgt". Der Konzern, weltweit die Nummer drei der Zementhersteller, ist im vergangenen Jahr in den Dax aufgestiegen. Nun verhageln dramatisch gestiegene Stromkosten die Bilanz.

Nach dem Atommoratorium hat der Preis, den HeidelbergCement für seinen Elektrizitätsbedarf hierzulande entrichten muss, zwischenzeitlich um 20 Prozent zugelegt; der Strom ist nach dem Personal der zweitgrößte Posten in der Kostenaufstellung. "Natürlich bedroht das unsere Wettbewerbsfähigkeit", zürnt Scheifele, ein ebenso hagerer wie sparsamer Manager, schon lange im Ruf eines erfolgreichen Pfennigfuchsers. "Wir haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten beim Energiesparen praktisch alles umgesetzt, was uns die Technologen als machbar aufgezeigt haben", sagt er. Zum Beispiel das Trockenbrennverfahren: Die Rohstoffe aus Kalkstein, Ton oder Mergel werden nicht mehr wie früher in Wasser aufgelöst in die Brennöfen geblasen, sondern ultrafein gemahlen und mit Abwärme erhitzt.

Die Herstellung einer Tonne Zement benötigt in Deutschland nur noch 96 Kilowattstunden; in den USA, wo sich die Idee der Energieeffizienz erst langsam durchsetzt, sind es noch 160.

Deutschland ist schon viel weiter als die USA

Die Heidelberger betreiben weltweit 100 Zement- und Mahlwerke. Jede Produktionsstätte beliefert ausschließlich regionale Märkte. Das schafft Flexibilität bei der Standortplanung. Zumal, wenn der Strom jenseits der Landesgrenze weiterhin billig aus Atomkraft produziert wird.

Das Management diskutiert deshalb bereits, ob künftige Investitionen statt in Deutschland nicht besser ins benachbarte Ausland fließen sollten. Diese Überlegungen will Scheifele "nicht als Drohung gegen die Belegschaft, gegen die Politik oder gegen wen auch immer" verstanden wissen, "sondern als nüchterne betriebswirtschaftliche Erwägung".

In wenigen Jahren sind die Rohstoffreserven für das Zementwerk im niederländischen Maastricht erschöpft. Ersatz soll in der Region geschaffen werden, zu der auch Nordrhein-Westfalen gehört - mit Investitionen im dreistelligen Millionenbereich.

Weil der Strom "schon heute in Deutschland am meisten kostet", wie Scheifele sagt, könnte die Standortwahl auf Belgien oder die Niederlande fallen.

Die Unternehmen der Grundstoffchemie, wo die Energie bei manchen Produkten 60 Prozent der Herstellungskosten ausmacht, stehen vor größeren Problemen: Sie können nicht weg. Ihre Produktionsanlagen, meist verwoben zu komplexen Verbünden, lassen sich nicht einfach von A nach B verfrachten.

BASF  zum Beispiel synthetisiert pro Jahr acht Millionen Tonnen Chemikalien auf dem Verbundgelände in Ludwigshafen. Dafür benötigt das Unternehmen 6,5 Millionen Megawattstunden Elektrizität - fast so viel wie alle Haushalte in der größten deutschen Stadt, Berlin.

Angst vor Zusammenbruch der Produktion

Der Konzern versorgt sich in Ludwigshafen fast komplett selbst mit Energie. "Wir betreiben auf dem Gelände einen optimalen Mix von Produktionsprozessen: Manche erzeugen Energie, die andere dann verbrauchen", sagt Harald Schwager (51), ehemals Standortleiter in Ludwigshafen und heute im BASF-Vorstand zuständig unter anderem für das Europa-Geschäft. Viele Hundert Kilometer Dampfleitungen durchziehen das zehn Quadratkilometer große Gelände, transportieren Energie von einer Produktionsstätte zur nächsten.

Drei energieeffiziente Kraftwerke treiben Stromgeneratoren für die Chemikalienproduktion an. Mit solchen und vielen anderen Maßnahmen hat BASF in den vergangenen neun Jahren den Energieaufwand um ein Viertel reduziert - ein Ziel, das ursprünglich erst im Jahr 2020 erreicht sein sollte.

Die Eigenstromfertigung birgt allerdings ein beträchtliches Risiko, gerade in der aktuell angespannten Netzsituation.

Bei erwartbarem Spannungsabfall darf die Bundesnetzagentur schon heute den Strom aus den E-Werken der Industriefirmen zwangsweise abzweigen ins öffentliche Netz. Zugleich ergeht dann die Anordnung an das Unternehmen, die größten Stromfresser abzuschalten. Bei der BASF wären dies die Chloralkali-Elektrolysen, die "unerlässliche Rohstoffe für den Chemieverbund liefern", wie Schwager erläutert. Mit fatalen Konsequenzen: Ein großer Teil der Produktion stünde dann still.

Schneller Ausbau der Stromnetze ist überlebenswichtig

Noch ist ein solcher Fall nicht vorgekommen. Umso dringender fordert Vorstand Schwager, "dass die Politik einen schnellen Ausbau der Stromnetze möglich macht". Doch das kostet viel - und wird in ein paar Monaten nicht zu machen sein. Schon im nächsten Winter könnten einem Szenario der Bundesnetzagentur zufolge dem deutschen Stromnetz 1000 Megawatt Leistung fehlen.

Auch bei Aurubis, Europas größtem Kupferhersteller, plagt sich das Management mit der Frage, ob auch künftig immer genug Spannung anliegt an den riesigen Elektroden der Schmelzöfen.

Bernd Drouven (55) sitzt seit 2008 dem Vorstand vor. Von seinem Büro in den grau patinierten Backsteingebäuden der Unternehmenszentrale blickt er in den wolkenverhangenen Himmel über dem Hamburger Industriegebiet Peute. "Keine Sonne", sinniert der Manager, "bedeutet: kein Solarstrom."

Stimmt. Aber so richtig schlimm wird es für Aurubis in Zukunft, wenn auch noch Flaute herrscht und sich kein Windrad dreht.

"Ohne absolute Versorgungssicherheit lässt sich unsere Produktion nicht planen", sagt der Metallurge mit Doktorgrad. "Ein wirtschaftlicher Betrieb ist dann nicht mehr möglich."

Drouven, ein Mann, den sonst nichts schreckt, hat Angst vor dem Blackout. Aurubis besitzt keine eigenen Notstromaggregate. Bei einem Zusammenbruch der Stromversorgung verbacken in den Kupferschmelzen Erz, Elektroden und Ofenwände zu einem unauflöslichen Schrottkonglomerat - ein Schaden von vielen Dutzend Millionen Euro.

Die beste Vorsorge gegen solche Stromausfälle, das wissen die Technologen in allen energieintensiven Branchen, ist Energiesparen, mithin eine höhere Energieeffizienz. Tatsächlich hat die deutsche Industrie den Energieaufwand je Euro Wertschöpfung seit 1980 nahezu halbiert. Auch Aurubis hat den Stromverbrauch massiv gedrosselt, in den vergangenen 20 Jahren um rund 30 Prozent. Mit der eingesparten Menge könnten 100.000 Haushalte versorgt werden.

Weiteres Energiesparpotenzial ist kaum noch drin

Eine verbesserte Energieeffizienz vollzieht sich allerdings nicht stetig, wie viele Politiker glauben, sondern meist sprunghaft. Oder, wie es der Essener ThyssenKrupp-Konzern formuliert, "im Zuge großer Generalumbauten".

Die Stahlkocher haben seit 2009 mit diversen Programmen ihre Energiekosten um knapp 45 Millionen Euro gesenkt. Jetzt kommt der nächste große Schritt. So will der Konzern seine Warmbandwerke in Duisburg und Bochum in den kommenden zwei Jahren mit rund 300 Millionen Euro grundlegend modernisieren; 50 Millionen davon entfallen auf Maßnahmen zu einer höheren Energieeffizienz: wie etwa eine elektronische Drehzahlregelung von Antrieben, eine höhere Vorwärmung der Brennluft oder eine bessere Kraftübertragung beim Walzen.

Die Spielräume werden immer enger, vor allem am Beginn der Wertschöpfungskette. Die Erzeugung von Roheisen, warnt ThyssenKrupp, bewege sich "nahe am theoretischen Limit". Will heißen: Weiteres Energiesparpotenzial ist kaum noch drin.

Die Bundesregierung hat derlei Probleme durchaus erkannt.

In den Regierungsplänen zur Energiewende werden bisherige Härtefallklauseln für die energieintensive Industrie fortgeführt und weitere Entlastungen angekündigt. So sollen künftig auch mittelständische Betriebe vom EEG-Rabatt profitieren. Für Großunternehmen soll es einen Ausgleich für steigende Strompreise durch die ab 2013 fällige teure Auktion von CO2-Lizenzen geben. Angestrebtes Volumen: 1,2 Milliarden Euro.

Klingt im ersten Moment nicht schlecht. Aber die Energiewende birgt eine Fülle von Ungereimtheiten.

Handwerkliche Fehler bleiben kaum aus, schließlich wurden acht umfangreiche Einzelnovellen auf den Weg gebracht, vom AtG (Atomgesetz) über das Nabeg (Netzausbaubeschleunigungsgesetz) bis zu einer Reform des Baugesetzbuches.

Auch die EU stellt ein erhebliches Risiko dar. Es ist fraglich, ob die nationalen Stromentlastungen mit dem strengen EU-Beihilferecht vereinbar sind. Schon 2009 hatte die Bundesregierung als Notfallmaßnahme den deutschen Alu-Hütten 40 Millionen Euro zukommen lassen wollen. Weil Brüssel Bedenken hat, durfte das Geld bisher nicht ausgezahlt werden - bis zum Jahresende soll nun endlich eine Entscheidung fallen.

Trotz aller politischen Zugeständnisse: Die deutsche Industrie sieht sich im internationalen Wettbewerb benachteiligt, auch weil andere Länder die Unternehmen massiver subventionieren.

Der Weg in die Planwirtschaft

Ihre Forderungen gehen weit über die merkelschen Wohltaten hinaus. So soll die EEG-Umlage auf zwei Cent pro Kilowattstunde sinken. Über einen günstigen Industriestromtarif (den es in Frankreich längst gibt) müsse man nachdenken, verlangen Wirtschaftsvertreter. Und wenn flexible Großverbraucher ihre Anlagen zur Sicherung der Netzstabilität hoch- und herunterfahren, müsste ihnen diese Sonderleistung honoriert werden.

Der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis hat beim Kanzlergipfel am 18. Mai gar eine neue Vorfahrtsregel vorgeschlagen. Bislang wird der unregelmäßig anfallende grüne Strom (Wind, Sonne) vorrangig ins Netz eingespeist. Große sogenannte Schattenkraftwerke (Kohle, Gas) sichern die Versorgung auch bei Flaute oder bei Nacht ab. Vassiliadis will künftig den billigeren und sicheren Kraftwerkstrom als ersten ins Netz lassen; jedenfalls so lange, bis ausreichende Speicher für erneuerbare Energien gebaut sein werden.

Die nächsten Jahre, so viel ist sicher, werden hart für die deutschen Industrieunternehmen. Der Atomausstieg führt in ein Dickicht von Gesetzen, Verordnungen und Ausgleichsmechanismen, das kaum noch einer durchblickt. Jeder neue staatliche Eingriff provoziert den nächsten; der Weg in die Planwirtschaft ist nicht weit.

Nachbarn missbilligen deutschen Alleingang

Energieautarke Betriebe verlieren die Souveränität über ihre eigenen Anlagen, unternehmerische Planung wird auf diese Weise zum Hasardspiel.

Die Versorgungslage bleibt angespannt. Die E-Misere strahlt längst auch auf die Nachbarländer ab, die den deutschen Alleingang zunehmend missbilligen.

Zumindest bei den Energiekosten gibt es Hoffnung. Voraussetzung ist allerdings ein Kraftakt bei Forschung und Entwicklung. Alles in allem, so haben die Roland-Berger-Experten errechnet, werden für zusätzliche Energieeffizienzmaßnahmen in den analysierten vier Branchen bis zum Jahr 2050 Investitionen in Höhe von 23 Milliarden Euro fällig (siehe Grafik).

"Das ist viel Geld", räumt Torsten Henzelmann ein, Berger-Partner und verantwortlicher Autor der Stromstudie. Doch er ist sicher: "Langfristig wird sich der Einsatz lohnen."

Die deutschen Papierhersteller könnten der Berger-Prognose zufolge im Jahr 2050 sogar weniger für ihren Strom zahlen als 2030. In Hofolpe, Gemeinde Kirchhundem, Kreis Olpe, würde man sich über eine solche Trendwende fraglos freuen - "falls es uns dann noch gibt", sagt Christopher Grünewald. Nimmt den Schirm und stapft energisch hinaus in den Sauerland-Regen.

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