Apple "Unser Verhältnis ist eine Hassliebe"

Mathias Döpfner, Vorstandschef der Axel Springer AG, über die schwierige Zusammenarbeit mit Apple
Von Klaus Boldt
Kritischer Großverleger: Springer-Chef Mathias Döpfner

Kritischer Großverleger: Springer-Chef Mathias Döpfner

Foto: dapd

mm: Herr Döpfner, im vergangenen Jahr haben Sie im US-Fernsehen vorgeschlagen, dass jeder Verleger einmal täglich beten und Steve Jobs dafür danken solle, dass er mit dem iPad die Verlagsindustrie rette. Das war nicht Ihr Ernst, oder?

Döpfner: Ich würde es heute wieder sagen - mit der gleichen Portion Begeisterung und Ironie, die schon damals in der Bemerkung steckte. Und wiederholen, was ich auch damals in der Charlie-Rose-Sendung gesagt habe: Nachdem wir unser Dankesgebet gesprochen haben, sollten wir mit Apple  hart verhandeln, denn die Konditionen gegenüber den Verlagen sind inakzeptabel.

mm: Wenn das Überleben der Presse ausgerechnet von einem so undurchsichtigen Unternehmen wie Apple abhängt, das die Pressefreiheit nicht achtet, Zensur ausübt und die Regeln der Zusammenarbeit nach Belieben diktiert - dann gnade ihr Gott.

Döpfner: Erstens: Unser Überleben hängt davon ab, ob wir Journalismus bieten, den die Menschen brauchen und wollen. Das ist in erster Linie eine Frage der Inhalte. Apple hat lediglich ein Gefäß dafür geliefert. Zweitens: Unser Verhältnis zu Apple könnte man als Hassliebe charakterisieren: Wir finden die Produkte großartig, das iPad ist das erste massenmarktfähige Tablet, und es erhöht unsere Chancen, zahlende Kunden für Verlagsangebote zu finden. Aber natürlich sind wir hochgradig unzufrieden darüber, dass 30 Prozent vom Umsatz, den unsere Apps erzielen, von Apple einbehalten werden.

mm: Die hohe Provision ist es nicht allein, die Widerspruchsgeist weckt.

Döpfner: Apple definiert die Preispunkte für unsere Angebote und erlaubt uns keinen direkten Zugriff auf die Kundendaten - das finden wir ebenso inakzeptabel wir die Tendenz, auf Inhalte Einfluss zu nehmen.

mm: Bislang ist nicht erkennbar, dass Apple die Angebote des Springer-Verlages braucht, um erfolgreich zu sein. Haben Sie überhaupt die Möglichkeit, Druck auszuüben?

Döpfner: Mit der Aufhebung der Preisvorgabe für E-Paper-Abos ist Apple jetzt auf eine Forderung der Verlage eingegangen, und bei "Bild" zum Beispiel konnten wir uns gegen inhaltliche Auflagen erfolgreich wehren ...

mm: ... weibliche Brustwarzen müssen nicht mehr retuschiert werden.

Döpfner: Mit Erotik fängt es an, und wo hört es auf? Aber ich bin da optimistisch. Die Forderungen der Verlage werden sich durchsetzen, wenn möglichst bald möglichst viele Anbieter mit vergleichbaren Tablets reüssieren. Die Positionen von Apple werden durch den Druck des wachsenden Wettbewerbs nicht aufrechtzuerhalten sein: Heute gibt es in Deutschland rund eine MillionTablets, die meisten davon iPads. In drei Jahren sollen es bis zu zehn Millionen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die alle von Apple kommen. Sobald aber andere Anbieter wie etwa Samsung , HP , RIM  oder Motorola  stark genug sind, werden sich die Geschäftsbedingungen ändern, und zwar zum Vorteil der Verlage und Inhalteanbieter.

mm: Die Presse gerät bei Apple regelmäßig aus dem Häuschen: Wenn Steve Jobs ein neues Produkt vorstellt, macht sich die anwesende Journaille klein, indem sie aufsteht und ihm Ovationen zollt. Von kritischer Distanz kann kaum die Rede sein.

Döpfner: Apple hat das DDR-Marketing in genialer Weise reetabliert: Es gilt das Prinzip der Verknappung, wer etwas haben will, muss sich hinten anstellen. Apple biedert sich nicht an, sondern entzieht sich seinen Kunden. Und wirkt dadurch besonders begehrenswert. Der Trick ist einfach und verdammt clever. Ein Beispiel: Als ich in Amerika im Laden noch ein drittes iPad kaufen wollte, um es einem deutschen Kollegen mitzubringen, sagte mir der Kassierer, nachdem er meine Kreditkarte eingelesen hatte: Tut mir leid, Sie besitzen schon zwei, mehr dürfen wir an eine Person nicht verkaufen. In der DDR nannte man das Bückware.

mm: Googles Betriebssystem Android kommt den Verlagen mit seinem Bezahlsystem One Pass entgegen: Die Provision beträgt nur 10 Prozent, und die Verlage kontrollieren Inhalte, Preissetzung, Vermarktung und Kundendaten.

Döpfner: In Amerika bietet Google  mit Android bereits eine quantitativ größere Plattform als Apple . Der Druck der Verhältnisse wird dazu führen, dass man sich einander nähert.

mm: Hat Jobs eigentlich auf Ihren verbalen Kniefall reagiert?

Döpfner: Ich bitte Sie - was jemand aus dem kleinen Deutschland sagt, liegt doch weit unter dem Wahrnehmungshorizont eines Steve Jobs.

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