Swatch Group Nayla Hayeks Gespür für Pferde

Nayla Hayek, Verwaltungsratsvorsitzende der Swatch Group, spricht im Interview mit manager magazin über ihren legendären Vater, über die Zukunft der Uhrenbranche, über Luxus und ihr Gespür für Pferde.
Seit dem Tod Ihres Vaters hat Nayla Hayek die Rolle an der Spitze der Swatch Group übernommen - und führt seine Unternehmensstrategie fort.

Seit dem Tod Ihres Vaters hat Nayla Hayek die Rolle an der Spitze der Swatch Group übernommen - und führt seine Unternehmensstrategie fort.

mm: Frau Hayek, in einem Artikel über Sie als Halterin von Spitzenpferden heißt es: "Züchter ägyptischer Araber sind meist künstlerisch veranlagt, gebildet, neugierig. Dazu kommt ein Faible für das Mystische." Fühlen Sie sich damit treffend beschrieben?

Hayek: Durchaus. Jeder Pferdezüchter hat diese Tendenzen. Ein bisschen künstlerisch und ein bisschen mystisch muss man veranlagt sein. Wir haben ja alle das große Ziel vor Augen, das Fehlerlose, eigentlich das Ideal zu züchten. Und das kann man nur, wenn man Visionen hat.

mm: Sagt uns das auch etwas über die Managerin Nayla Hayek?

Hayek: Das sagt sicher etwas über die Unternehmerin Hayek aus. Jeder Mensch, der mit Tieren zu tun hat, muss aus Reaktionen und aus Gesten sein Gegenüber erspüren können. Diese Sensibilität hilft auch im Geschäftsleben.

mm: Können Sie sich noch an Ihre allererste Uhr erinnern?

Hayek: Nein. Als junges Mädchen habe ich kaum eine getragen. Weil alles, was Uhr oder Ring war, beim Reiten sehr gestört hat. An meine erste Uhr kann ich mich deshalb nicht erinnern, an mein erstes Pony schon.

mm: Sie sind vor einem Jahr Präsidentin der Swatch Group  geworden. Als einzige Frau an der Spitze eines Schweizer Großunternehmens - da schaut alle Welt, wie Sie Ihren Job hinbekommen.

Hayek: Das ist mir bewusst, aber es schreckt mich nicht. Ich bin die gleiche Person wie vorher. Es gibt allerdings Momente, die nicht so angenehm sind: Früher etwa konnte ich Leuten besser aus dem Weg gehen.

mm: Die Uhrenbranche ist von Männern dominiert. Schon das Interesse an mechanischen Uhren ist überwiegend maskulin bestimmt. Werden Sie feminine Zeichen setzen?

Hayek: Nein. Dass ich eine Frau bin, würde ich für meine Funktion nicht überbewerten. Wir hatten immer Frauen in der Geschäftsleitung. Mein Vater hat da nie einen Unterschied gemacht: Er hat nicht nach Geschlecht beurteilt, sondern nach Leistung, Kapazität und Können.

mm: Nach dem Tod Ihres Vaters im vergangenen Jahr haben Sie - für viele Beobachter überraschend - seine Rolle an der Spitze der Swatch Group übernommen. Daneben haben Sie diverse weitere Funktionen in der Firma behalten. Sie wollen einerseits die Oberaufsicht haben, andererseits das Tagesgeschäft betreuen. Wie verträgt sich das?

Hayek: In der Swatch Group ist es sehr wichtig - auch mein Vater hat es so gehandhabt -, dass der Verwaltungsratspräsident auch im operativen Geschäft tätig ist. Nur so behält man ein Gefühl für den Puls der Märkte. Deshalb habe ich die Führung der Marke Tiffany Watches behalten, auch den Mittleren Osten als Region verantworte ich weiterhin. Allerdings habe ich einige Bereiche abgegeben, etwa die Verantwortung für den indischen Markt. Auch die Marke Balmain führe ich nicht mehr selbst.

mm: Die Führung der Spitzenmarke Breguet, die sich Ihr Vater vorbehalten hatte, haben Sie abgegeben. Gibt es Dinge, die Sie anders machen als Ihr Vater?

Hayek: Die Uhrenmarke Breguet wird jetzt von meinem Sohn Marc geführt, der schon vorher mit in der Geschäftsleitung saß. Im Übrigen: Es wird sicher Sachen geben, die ich anders als mein Vater machen werde, weil ich erstens eine andere Persönlichkeit bin und zweitens eine Frau. Allerdings könnte ich jetzt nicht sagen, was das genau ist. Jedenfalls will ich sicher nicht eine Kopie meines Vaters sein.

"Jeder hat im Moment das Gefühl, nur noch Luxus machen zu müssen"

mm: Ihr Vater war stets bemüht, über Aktienrückkäufe die Kontrolle über die Swatch Group zu erweitern. Setzen Sie diese Strategie fort?

Hayek: Das ist eine Strategie, die die Swatch Group immer verfolgt hat, damit werden wir fortfahren.

mm: Mit anderen Worten: Die Swatch Group bleibt ein Familienunternehmen - mit Ihnen als Verwaltungsratschefin, Ihrem Bruder als CEO, Ihrem Sohn als "Chef in Warteposition" ...

Hayek: Dieses Wort hören wir gar nicht gern. Marc ist unser Luxury-Manager. Er hat die Aufgabe und das Glück, dass er jetzt verantwortlich ist für Blancpain, Breguet und Jaquet Droz, unsere drei Topluxusmarken. Es gibt keinen Posten in Warteposition, weil wir alle hoffen, dass wir längere Zeit so zusammenarbeiten können. Richtig ist, dass die Swatch Group als Familienkonzern angesehen wird. Aber wenn wir Familie sagen, dann meinen wir nicht nur die Hayeks, sondern alle Leute im Unternehmen.

mm: Die Swatch Group kann derzeit mit guten Zahlen aufwarten: mehr als sechs Milliarden Franken Umsatz, rund 40 Prozent Plus beim Konzernergebnis. Können Sie das noch toppen?

Hayek: Wir haben in den vergangenen Jahren immer sehr gute Ergebnisse und sehr große Zuwächse erzielt. Und ich hoffe natürlich, dass wir in den kommenden Jahren so weitermachen. Aber wir sind auch sehr zufrieden mit dem, was jetzt geleistet wurde für das letzte Jahr.

mm: Derzeit boomt vor allem das Luxussegment. Wohin entwickelt sich aus Ihrer Sicht der Uhrenmarkt?

Hayek: Das ist in der Tat ein Problem: Jeder Hersteller hat im Moment das Gefühl, nur noch Luxus machen zu müssen. Jeder möchte ein Tourbillon oder was auch immer für Komplikationen herstellen. Ob das zu allen Marken passt, bezweifle ich. Luxusuhren wurzeln in spezifischen Traditionen, darüber kann man sich nicht so leicht hinwegsetzen.

mm: Ihr Unternehmen ist in praktisch allen Segmenten des Uhrenmarktes präsent. Wie wollen Sie die Produktpalette weiterentwickeln?

Hayek: Es ist nicht so, dass wir dringend etwas brauchten. Aber es gibt sicher Marken, die noch gut passen würden.

mm: Jetzt sind wir gespannt.

Hayek: Das kann ich mir vorstellen. Noch kann ich Ihnen nichts Konkretes dazu sagen. Aber es gibt sicher Marken, die noch entwicklungsfähig wären, ob das jetzt eine Schmuckmarke ist oder eine Uhrenmarke. Es könnten auch weitere Partner sein: Wir haben ja Partner im Retailgeschäft, insbesondere in China und im Mittleren Osten. Da gibt es sicher noch Entwicklungspotenzial.

mm: China und Indien gelten derzeit als Märkte mit dem größten Potenzial für die Uhrenbranche. Zu Recht?

Hayek: Diese Länder sind nicht so einfach zu erschließen. Gerade in Indien lassen die Strukturen im Einzelhandel noch zu wünschen übrig. Läden gibt es zu wenige, und sie entsprechen nicht unserem Standard. Nur ist das nicht ganz so einfach zu lösen: Man kann in Indien nicht einfach eine Boutique aufmachen oder kaufen, man braucht einen lokalen Partner.

mm: Bereitet Ihnen die augenblickliche Weltlage - die Atomkatastrophe in Japan, Aufruhr und Krieg in der arabischen Welt, die Schuldenkrise - Sorge?

Hayek: Sicher. Aber erst der zweite Gedanke betrifft den Markt. Wir haben ungefähr 400 Angestellte in Japan. Schrecklich, wenn man sich vorstellt, was da passiert ist. Was die arabische Welt angeht: Ich spreche jeden Tag mit Freunden und Bekannten am Persischen Golf. Wir hoffen, dass sich die Aufstände nicht auf Saudi-Arabien und die Emirate übertragen, weil das die größten Märkte sind. Da sind wir ganz ehrlich: Wenn Dubai, wenn die Emirate betroffen sind, dann wird es für die gesamte Branche einen Rieseneinbruch geben.

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