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Puma: Sprung aus dem Nichts

Foto: Dirk Bruniecki

Puma Sprung aus dem Nichts

Franz Koch will Puma in eine neue Ära führen - kulturell wie strategisch. Doch wird sich der 32-jährige künftige Vorstandschef gegen Altmeister Jochen Zeitz durchsetzen können?

Die letzten Meter auf dem Weg zum Vorstandschef waren die härtesten. Auf Krücken humpelte Puma-Manager Franz Koch (32) zum Auswahlgespräch für den Spitzenposten beim Sportartikelkonzern. Man traf sich im Februar in Paris, dem Hauptsitz des Puma-Eigners PPR. Kochs frisch operierter Zeh schmerzte, als er vor das vierköpfige "Personnel Committee" trat.

François-Henri Pinault (48), Jury-Oberhaupt und PPR-Lenker, stellte die alles entscheidende Frage: "Herr Koch, können Sie sich vorstellen, neuer Puma-Chef zu werden?" Er konnte. Doch erst einmal blieb Koch die Luft weg. Ihm wurde schlecht. Mit dem Votum für den Außenseiter hatte keiner gerechnet, am wenigsten wohl Koch selbst.

Die Konkurrenz für den Youngster war zumindest zahlenmäßig groß. Rund 120 schriftliche Bewerbungen externer Kandidaten hatte der scheidende Puma-Vormann Jochen Zeitz (48), ebenfalls Jury-Mitglied, durchforstet. Die aus seiner Sicht Qualifiziertesten lud er zum Interview nach Paris. Dazu zählten etwa Armin Broger (50), langjähriger Europa-Manager der Jeansmarke Levi Strauss, sowie Arndt Brockmann (37), früherer Deutschland-Chef des Modelabels Zara. Koch stieß erst in der dritten Auswahlrunde hinzu, die nur noch die letzten acht Kandidaten umfasste.

Die Entscheidung für den No-Name-Kandidaten aus der zweiten Reihe sorgte nicht nur bei Kollegen und Konkurrenten für Erstaunen. Sie düpierte zwei Puma-Vorstände, die ebenfalls Hoffnungen auf die Zeitz-Nachfolge gehegt hatten - Produktchefin Melody Harris-Jensbach (50) und Vertriebsmann Stefano Caroti (48).

Im Gegensatz zu ihnen hatte Koch bislang weder Vorstandsmandat noch Personalverantwortung. 2007 als Strategieplaner eingestellt, stieg er wenige Monate später zum Director of Global Strategy auf. Sein einziger Mitarbeiter in der Strategieabteilung war - er selbst. Reicht das, um einen Milliardenkonzern wie Puma  zu führen?

Er ist jedenfalls der jüngste unter allen Chefs bedeutenderer deutscher Unternehmen. Auch sein plötzlicher Aufstieg, begleitet von einer Verzehnfachung der Gesamtbezüge auf etwa 1,5 Millionen Euro, ist rekordverdächtig. Nur einem ist es in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte gelungen, noch schneller durchzustarten: Jochen Zeitz. Er hatte 1993 mit 30 Jahren die Puma-Führung übernommen - und den Umsatz seither von 210 Millionen auf 2,7 Milliarden Euro gesteigert.

Seinem designierten Nachfolger traut Zeitz ebenfalls Höchstleistungen zu, betrachtet Jugendlichkeit per se als Erfolgsfaktor: "Franz Koch", sagt Zeitz, "steht unserer jungen Zielgruppe sehr nahe."

Spätestens im Juli, wenn Pumas Umwandlung in eine Europäische Aktiengesellschaft vollzogen ist, wird Koch den Chefposten offiziell antreten. Er soll Puma nicht nur altersmäßig, sondern auch strategisch in eine neue Ära führen. Dazu wird er vor allem eines brauchen: Durchsetzungskraft gegenüber den selbstbewussten Vorständen, aber auch gegenüber dem künftigen Verwaltungsratschef Jochen Zeitz.

Der zuverlässige Kontaktmann

Koch ist robust, zumindest physisch. Auf blauen Sneakers und inzwischen ohne Krücken bewegt er seinen 1,90 Meter langen Körper in den Konferenzraum der Puma-Zentrale. Manche Mitarbeiter kennen den Kahlkopf vor allem aus dem firmeneigenen Fitnessraum, wo der Manager regelmäßig Hanteln stemmt.

Von verbaler Kraftmeierei hingegen keine Spur. Koch spricht ruhig und überlegt, vermeidet Selbstlob. "Ich habe eigentlich nie das Ziel verfolgt, Puma-Chef zu werden", sagt er offen, "sondern mich voll auf meine Aufgaben als Leiter der strategischen Planung konzentriert."

Eigentlich schwebte ihm die Position eines Landeschefs vor, bestenfalls an der Küste: Brasilien vielleicht oder die USA. Koch ist leidenschaftlicher Surfer, liebt große Strände und dicke Bretter.

Schon immer war er eher Sportsmann als Streber. Als zweitjüngstes von sechs Kindern wuchs er in einer Lübecker Kaufmannsfamilie auf. Die Eltern betreiben bis heute das Textilwarengeschäft Heick & Schmaltz neben dem Holstentor. Doch öfter als im elterlichen Betrieb war Koch im Trendsportgeschäft Coolz anzutreffen, wo er in seiner Freizeit Skateboards zusammenschraubte. "Franz hat seinen eigenen Willen", sagt der Bruder Moritz Koch (36), der Bekleidungsgeschäfte in Darmstadt führt.

Stärker als die Schule - Koch war als Pennäler nur normalbegabt - begeisterte ihn der Hockeysport. Im Alter von 14 Jahren beschloss Koch, sich einem professionellen Verein in Hamburg anzuschließen, dem Harvestehuder Tennis und Hockey Club (HTHC). Sein damaliger Teamkollege und späterer Trainer Andreas Arntzen schwärmt noch heute von Kochs Disziplin. Der Teenie habe die Bahnfahrt von Hansestadt zu Hansestadt auf sich genommen, um anschließend umso härter zu trainieren: "Die Gleichung von Aufwand und Ertrag", sagt Arntzen, "musste für ihn aufgehen."

Als Libero baute Koch das Spiel stets von hinten auf, trieb seine Mitspieler an, ohne dabei laut zu werden. Im Jahr 2000 glückte ihm sein größter sportlicher Erfolg: der Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit dem HTHC.

Die sportliche Laufbahn beeinflusste auch die berufliche erheblich. Zeitweise studierte Koch in Sydney, weil er dort surfen und Hockey spielen konnte. Nach dem BWL-Abschluss an der Handelshochschule Leipzig wirkte Koch drei Jahre als Unternehmensberater für Oliver Wyman in München - bis ihn ein alter Hockeykollege anrief: Christopher Nörskau, seinerzeit strategischer Planer bei Puma, wies seinen Freund auf eine freie Stelle im Sportartikelkonzern hin. Einige Monate später, im April 2007, heuerte Koch bei Puma an.

"Er überzeugte durch klare Kommunikation, analytische Fähigkeiten und pragmatisches Handeln", weiß Frieder Kuhn, stellvertretender Deutschland-Chef bei Puma, der Koch damals eingestellt hat. Andere sagen, er sei ein cleverer Junge mit Geschick für den zwischenmenschlichen Umgang: "Nach oben buckeln und nach unten treten, das ist nicht sein Stil", sagt Stephan Zoll, Deutschland-Chef des Internethändlers Ebay , der früher gemeinsam mit Koch bei Oliver Wyman arbeitete.

Koch profilierte sich bei Puma als zuverlässiger Kontaktmann für Vorstände und Abteilungsleiter, deren Pläne er geschickt koordinierte. Schon bald ging viel auch über seinen Schreibtisch - egal ob es um Auslandsstrategie, Übernahmepläne oder Restrukturierung ging. Koch bekam so in kurzer Zeit Einblick in alle Unternehmensbereiche und lernte fast das gesamte Management kennen. Das alles geschah unter diskreter Beobachtung des Puma-Chefs Zeitz, der in dieser Zeit zunehmend Verantwortung delegierte. Auch an Koch.

Per Handy zitierte Zeitz ihn 2008 aus dem Kraftraum ins Chefbüro, um ihm den Aufstieg zum Konzernstrategen mitzuteilen. Zuletzt durfte Koch gemeinsam mit Zeitz die Zukunftsstrategie "Back on the Attack" ausarbeiten und im Oktober 2010 auf dem Investorentag in Herzogenaurach öffentlich präsentieren. "Ich habe ihn schon früh als High Potential erkannt und gefördert", erklärt Zeitz.

Mitte Januar 2011 zeichnete sich ab, wohin Kochs Karriereweg führen würde. Persönlich animierte Zeitz seinen Wunschkandidaten zur Teilnahme am laufenden Auswahlprozess. Koch hatte die Gunst des Übervaters bis dahin allenfalls beiläufig registriert. Einen offiziellen Hinweis auf höhere Aufgaben will Koch nie erhalten haben. Ein herzliches, gar freundschaftliches Verhältnis zwischen Ziehvater und Nachfolger ist nicht entstanden.

Jochen Zeitz als Coach und Mentor

Zeitz war kein Chef zum Anfassen. Er legte Wert auf Distanz. Einblicke in sein Privatleben gewährte er nicht. Duzerei hasste er. In seinen 20 Jahren bei Puma brachte er es auf drei Duzfreunde.

Dieser kühle Führungsstil, der bei Puma lange Zeit vorherrschte, wird sich unter Koch ändern. Privates ist für ihn nicht tabu. Er erzählt, dass er in Nürnberg wohnt, aber am Wochenende zu seiner Freundin, einer Kieferorthopädin, nach Berlin düst. Und er hält nicht viel vom Siezen. "Zu einem so jungen und kreativen Umfeld wie hier passt das Du einfach besser", sagt Koch, der sich durch seinen Sydney-Aufenthalt eine gewisse australische Lässigkeit angeeignet hat.

Die Puma-Mitarbeiter werden sich daran gewöhnen müssen, dass der Chef kein Übervater mehr ist, sondern nur einer von ihnen. Koch: "Ich komme aus der Mitte der Organisation und bin daher im Unternehmen auf allen Ebenen gut vernetzt." Mit 32 Jahren hat er genau das Durchschnittsalter der Belegschaft.

Während der globetrottende Zeitz Puma zuletzt meist durch Management by E-Mails führte, will Koch in der dritten Etage des Headquarters mehr Präsenz zeigen. Während Zeitz ein eher autoritärer Teamplayer gewesen sei, will er offensiv kommunizieren, auf die Leute zugehen und ihnen zuhören.

Um zwei Mitarbeiter hat sich Koch bereits intensiv gekümmert: die übergangenen Vorstände Harris-Jensbach und Caroti. Modefrau Harris-Jensbach kam zwar unter die letzten acht Kandidaten, aber manche zweifelten an ihrer betriebswirtschaftlichen Kompetenz. Dem eher introvertierten Italiener Caroti dagegen fehlt es wohl an der nötigen Ausstrahlung.

Die spannende Frage ist: Gehen die beiden? Oder bleiben sie? Und wenn sie bleiben, wie kooperativ werden die Verlierer gegenüber dem Gewinner sein? Koch weiß um die Brisanz dieser Personalien. Er sprach deshalb gleich nach der Verkündung seines Aufstiegs einzeln mit den beiden unterlegenen Rivalen.

Seitdem ist sich Koch sicher, dass sie an Bord bleiben: "Mir haben alle Vorstandskollegen ihre volle Unterstützung zugesichert." Fragt sich nur: Wie lange hält die Loyalität? Im Markt heißt es, beide seien für Jobangebote von außen offen.

Aber Koch braucht die beiden fachlich kompetenten Mitstreiter, um die Ziele zu erreichen, die Zeitz noch verkündet hat. Bis 2015 soll er vier Milliarden Euro Umsatz bringen, eine Steigerung um rund 50 Prozent, und das bei einer stabilen Umsatzrendite. Koch will dabei auch auf der Produktseite einiges ändern. Künftig sollen die Wurzeln im Sport wieder stärker hervortreten, soll heißen: weniger trendige Lifestyle-Produkte, mehr echte Sportschuhe und -kleidung, was auch höhere Investitionen in Forschung bedeutet, etwa für neue Schuhe.

Das ist zwar keine strategische Neuausrichtung, aber eine Richtungsänderung. Sie sei mit Zeitz abgesprochen, versichert Koch, um erst gar keinen Dissens mit seinem dominanten Vorgänger aufkommen zu lassen.

Wie sich das Verhältnis zwischen Überflieger Koch und Übervater Zeitz künftig entwickeln wird, ist sicher eine der spannendsten Fragen bei Puma.

Zwar wird sich Zeitz intensiv um seinen Vorstandsjob bei der Puma-Mutter PPR  in Paris kümmern, doch er ist auch Verwaltungsratsvorsitzender in der neu gegründeten Puma SE. Die Umwandlung wird voraussichtlich noch im Juli vollzogen. "Das wird über die reine Kontrollfunktion eines deutschen Aufsichtsratschefs etwas hinausgehen", sagt Zeitz. Schließlich nehme er sowohl Aufsichts- als auch Leitungsfunktion wahr. Zeitz wird auch aus Frankreich ein Auge aufs Frankenland werfen: "Es ist mir wichtig, dass ich über die Entwicklung des Unternehmens auch weiterhin gut informiert bin."

Wie wird Koch mit diesem starken Aufseher umgehen? Koch sieht - Stand heute - in dieser Konstellation keine Nachteile. Im Gegenteil: "Es ist für mich ein großer Vorteil, Jochen Zeitz als Coach und Mentor hinter mir zu wissen." Er habe auch künftig jederzeit Zugang zu ihm. Die beiden haben verabredet, dass auf Kochs Fragen spätestens nach 24 Stunden eine Antwort des Meisters kommt.

"Wir werden uns gerade in dieser wichtigen Übergangsphase weiterhin eng abstimmen", sagt Koch.

Und danach? Wird sich entscheiden, ob Koch nur Kellner ist - oder doch der Koch.

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