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Private Parks: Die Businessklasse der Gartenlust

Foto: Phillip Ottendorfer

Gartenlust Lieber Park als Porsche

Die neue Lust an der Gartengestaltung hat auch die Manager gepackt. Edle Bäume und Sträucher sind die neuen Statussymbole, Landschaftsarchitektur schafft heile Gegenwelten zur Stresszone. Sogar der Apfelsaft wird bisweilen selbst gekeltert, wie bei "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann.
Von Sibylle Zehle

Berlin - Natürlich kann man das Gespräch über Kunst beginnen. Waren Sie in Maastricht? Sehen wir uns in Basel? Doch auch nicht übel: "Wir haben gerade einen alten Quittenbaum gekauft." Gut für den, der dann kontern kann: "Wir pflanzen gerade fünf Sumpfzypressen."

"Banker, die ein Thema suchen, sprechen erst einmal vom Garten", hat Gabriella Pape, die bekannteste deutsche Gartendesignerin, beobachtet. Und tatsächlich reden Männer heute über Bäume mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie über Autos und schwärmen von ihren Gärten wie früher von Kunsteinkäufen oder Luxushotels. Selbst diejenigen, die als Kinder die gärtnerischen Aktivitäten ihrer Eltern zwischen Rasen und Hollywood-Schaukel als Spießer-Elend verachteten, verstehen heute mit Verve über Hainbuchenhecken als Beeteinfassung oder Maulwurfplagen zu parlieren.

Der Garten ist Statussymbol und Gegenwelt in einem. Und wer glaubt, dies sei nichts als eine flüchtige Mode und der augenblicklichen Hochzeit grüner Politik geschuldet, täuscht sich gewaltig. Die Deutschen entdecken ganz einfach ihre frühere Gartenkultur wieder. Die sie, im Gegensatz zu den Engländern, über die beiden Weltkriege verloren haben.

Natürlich ist die Hinwendung zum Grün auch Gegenbewegung. Die Erde verliert ihre Balance. "Sie wird nicht fertig mit allem, was wir ihr abverlangen", schreibt Charles, Prince of Wales, in seinem Buch "Harmonie. Eine neue Sicht unserer Welt". Und ruft zu Sustainability, einer "Nachhaltigkeitsrevolution" auf. Unternehmer sollten lernen, dass sich nicht alles materiell messen lässt, beginnen, nicht in Quartalen, sondern in Generationen zu denken.

Beredte Bäume fördern Botschaften aus der Tiefe

Coordt von Mannstein ist dieser Bewegung um Jahrzehnte voraus. Für den Kommunikationsprofessor sind Gärten nicht stumm. "Gibt Bäumen Zungen, findet Schrift im Bach, in Steinen Lehre, Gutes überall", schrieb William Shakespeare. Manche Gärten blicken nach innen, andere öffnen sich, von Mannstein pflegt so einen beredten Park. Mit uralten Eichen, Ulmen, Blutbuchen und Rhododendronwäldern.

Den Park von Haus Hackhausen im Bergischen Land zwischen Düsseldorf und Köln hat er 1975 übernommen, das Haus wurde Sitz seiner Werbeagentur. Als Erstes legte er drei Greens an. "Ich war früher ja kein Gärtner", sagt er, "ich bin das erst im Lauf der Zeit geworden." Doch Golfspielen und Gartenliebe vertrage sich nicht. "Jeder Abschlag bedeutet doch eine Verletzung." Heute spielt er auf dem Golfplatz. Und arbeitet im Park. "Ich habe ihn einfach lieb gewonnen."

Die größte Nähe spürt er zu seinen Bäumen. Er lauscht dem Rascheln ihrer Blätter. "Bäume haben für mich viel mit Kommunikation zu tun", sagt der Kommunikator. "Sie fördern mit ihren Wurzeln Botschaften aus der Tiefe, sie kommunizieren mit ihren Ästen, die sich Antennen gleich in die Atmosphäre recken." Am Wochenende greift er zur Motorsäge. "Ich sehe immer, was getan werden muss, wo ein Ast gebrochen, ein Stamm geborsten ist, das ist meine Leidenschaft."

Dass man mit dem Schöngeist und Architektensohn Mathias Döpfner, dem Springer-Vorstandsvorsitzenden, über die Planung von Pergolen fachsimpeln kann, erstaunt nicht wirklich; auch Axel Springer hatte einen ausgeprägten Sinn für die Besonderheit einer Landschaft. Aber dass sich selbst Kai Diekmann (46) über die Freuden eines selbst gekelterten Apfelsafts in Begeisterung redet, beweist: Die neue Gartenlust hat auch die Generation der Macher gepackt.

Nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum

Wie weiland ein Goethe im Weimarer Ilmpark besingt der "Bild"-Chef die Freuden selbst gezogenen Gemüses. "Im Sommer gehe ich in den Garten und ernte Tomaten, Zwiebeln ... Daraus dann einen Salat zu essen, also etwas Schöneres, Befriedigenderes gibt es nicht!" Die Beetumrandungen hat ein Brandenburger Weidenflechter geschlungen. Nach einem Entwurf von Frank Vollbehr, dem Landschaftsarchitekten, der auch den Park von Schloss Neuhardenberg mit gestaltet hat. Bohnen ranken an zarten Gestellen, eine Plastikkuh muht im Gras. Hübsch aussehen darf das Gemüse schon.

Diekmann, eigentlich ein Gartengeschädigter - "ich musste bei meinen Eltern den Hanggarten mähen, eine ungeliebte Tätigkeit" -, konnte mit seinem Hamburger Ziergarten noch wenig anfangen. Erst der alte Obstgarten um das Potsdamer Domizil, das er vor einigen Jahren für die Familie erwarb, rief Erinnerungen an den Garten der Großeltern wach, ein Kinderparadies, in dem es Nüsse und Himbeeren zu naschen gab. "Jetzt haben wir sogar Pfirsiche. Und Kirschen, was ich fantastisch finde!" Ja, man darf sich das tatsächlich so vorstellen: Bevor der "Bild"-Chef die Schrecknisse der Welt in Schlagzeilen presst, geht er in den Garten und schaut, was die Apfelbäume machen. Knospen sie wohl schon?

Die Gartenbesessenen von heute tragen keine Birkenstock-Sandalen. "Ich bin keiner, der seine Kraft daraus schöpft, dass er fassungslos den Fruchtwechsel betrachtet. Oder den Wurzeln seines Rhododendron nachspürt", formuliert es Christian Ehler (47), Unternehmer und Europa-Abgeordneter der CDU. Auch sein Sinn für die Gartenkultur wurde erst durch den Umzug von Bayern nach Potsdam geschärft. "Weil ich begriffen habe, dass ich in dieser Landschaft durch ein komponiertes Bild schreite." Er zeigt auf die Pfaueninsel. Die geschwungenen Hügel hinter der Havel. Der Einfluss von Peter Joseph Lenné (1789-1866), dem genialen Landschaftsplaner der Preußen-Könige, sei überall zu spüren. Und Ehler sah, dass - getreu dieser Tradition - das Bedeutendste an den Sommerhäusern an der Havel die Gärten waren. "Um die Jahrhundertwende haben die Leute da ja einen irrsinnigen Aufwand betrieben."

Von ähnlichem Einsatz musste ihn Gabriella Pape, die Berliner Gartendesignerin , freilich erst überzeugen. "Ich habe dann irgendwann kapiert, dass der Garten eigentlich das größte Zimmer unseres Anwesens ist. Und dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder man tupft und spielt da so ein bisschen rum. Oder man entscheidet sich für einen richtigen Garten." Er seufzt: "Das kostet dann freilich ein wahnwitziges Geld." Und noch etwas hat er gelernt. Schlussendlich habe man gewaltig investiert, aber der Garten schaue nach Fertigstellung dann überhaupt nicht danach aus. "Man braucht nicht nur ein Konzept, sondern auch Geduld und die Gelassenheit, darauf zu warten, bis es sich erfüllt."

Die Frauen pflegen Rosen und Rabatten, Alleen plant der Mann

Mögen Frauen in Vorstände und Aufsichtsräte einziehen - im Garten stimmen die Klischees. Die Frauen pflegen Rosen und Rabatten, Alleen plant der Mann.

Männer interessieren die Strukturen. "Und sie merken sich sofort alle Maße", hat Katharina von Ehren beobachtet, die Gartenbesitzer beim Kauf von Solitären berät. Also das Gewicht der Bäume (bis zu 7 Tonnen), die Breite des Ballens (bis zu 2,5 Metern), und sie interessieren sich für den Transport. Muss ein Tieflader kommen?

Männer und Bäume. Das ist ein großes Thema. "Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum", hat Hermann Hesse geschrieben. Von großen Bäumen träumen alle. Das fängt mit der 10 Meter hohen Säuleneiche (Quercus robur Fastigiata) an und hört beim 17-Meter-Mammut (Sequioadendron giganteum) aus Amerika auf. 20.000 Euro kann so ein Exot kosten. Wer nicht in diesen Größenordnungen denkt: Auch eine schirmförmig gezogene Hainbuche oder eine hundert Meter lange Eibenhecke kann im Vergleich einen Porsche wie ein sparsames Hobby aussehen lassen.

Nach dem ersten Schock - "Wie, Sie glauben doch nicht, dass ich 40.000 Euro für drei Kiefern ausgebe?" - folge im Angesicht der Bäume ungläubiges Erstaunen. Da stehen 60 Jahre. "Kann man so was noch verpflanzen?" Man kann. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließ Hermann Fürst von Pückler-Muskau ganze Baumreihen für seinen Park in Muskau versetzen. Vergleichbaren Aufwand unternahm Alfred Krupp, um seine Villa Hügel in Essen-Bredeney vor den Blicken Neugieriger zu schützen. Baumschulen bereiten sich auf die Ungeduld ihrer Kunden vor, indem sie die kostbaren Solitäre mehrmals umpflanzen, also verschulen. Das ist wahrer Luxus: Der Kauf von Zeit.

Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff (49) aus Bad Driburg ist vielen als leidenschaftlicher Rennfahrer im historischen Motorsport bekannt und als einer, der sich mit nicht nachlassendem Enthusiasmus für den Bilster Berg, eine Test- und Präsentationsstrecke, einsetzt, nicht unbedingt als Erbe und Bewahrer eines 64 Hektar großen und bedeutenden europäischen Landschaftsparks.

Der Traum vom eigenen Schlossgarten

Wir stehen unter einer Ulme, weit über 200 Jahre alt, "die hat echt noch der Caspar gepflanzt", also sein Vorfahre Caspar Heinrich, im Jahr 1782 Gründer des Gräflichen Parks. Und wir schauen auf den Wildpark am Rosenberg, in dem Damwild äst, durch einen sogenannten Haha-Graben von den Besuchern getrennt. Den hat Graf von Oeynhausen - genau wie die großzügigen Sichtachsen - geschaffen. "Sie müssen immer Spannungsbögen erzeugen, dürfen nie vor eine Wand laufen. Ein Landschaftspark muss sich stetig öffnen und wieder schließen. Das ist wie Ein- und Ausatmen. "

Auch hier steht ein moderner Unternehmer, der unter anderem an der Europäischen Wirtschaftshochschule EAP (heute ESCP Europe) studiert hat und dann für einen globalen Elektrokonzern den Europa-Vertrieb verantwortete. Elegant und weltoffen, und er redet, als sei es das Normalste der Welt, von seinen Kuchenbäumen, "die riechen tatsächlich so - zwei, drei Tage im Herbst, wenn das Laub fällt". Oder erklärt den Stauden- und Gräsergarten von Piet Oudolf, dem holländischen Landschaftsarchitekten, als habe er ihn selbst gepflanzt. 16.000 Pflanzen auf 6000 Quadratmetern. "Das sieht im Sommer wie eine wild gewachsene Wiese aus, wie ein blühender Fluss."

Die Gartenvisionäre von heute geben sich locker. Doch die Pflege eines Gartens ist immer auch ein Beitrag zur Kultur. Robert Harrison, Professor an der Stanford University, beklagt in seinem Buch "Gärten. Ein Versuch über das Wesen der Menschen", unsere "verlorene Kunst des Sehens". Seine Studenten seien weit mehr auf ihren Computern zu Hause als in der realen Welt. "Die Fülle der Welt, unserer Gärten, nehmen wir immer weniger zur Kenntnis."

Nichts rüttelt besser aus dieser Betäubung als ein lebendiger Garten. Ein Garten ist Lebensschule. "Wie im wirklichen Leben", sagt Gabriella Pape, "lernen wir auch im Garten fast mehr durch die Fehler als durch Erfolge." Und ein Garten ist Obsession. Sonst wäre die Renaissance eines Kleinods, wie sie Gebhard Graf von Hardenberg (52) in seiner Komturei in Lietzen geschaffen hat, undenkbar. Gerade 20 Jahre hat er gebraucht, um aus einer ruinösen Anlage wieder ein idyllisches Anwesen zu machen. Der Göttinger Unternehmer, der den elterlichen Gutsbetrieb in Wolbrechtshausen weiterhin führt, erbte die mittelalterliche Komturei im östlichen Brandenburg von seinem Onkel und späteren Adoptivvater Friedrich Karl Graf von Hardenberg. Herrenhaus, Kirche, Nebengebäude, dazu 4000 Hektar Land und Forst. "Das war für mich eines der größten Abenteuer meines Lebens."

Glücklich gartenverrückt

Über die weitläufige Terrasse mit den Kugeleiben schaut man auf einen schilfumsäumten Teich. Glyzinien ranken um eine Pergola. Solch kultiviertes Paradies gelingt nur einem glücklichen Gartenverrückten. Denn was sich so natürlich in die Landschaft fügt, ist nichts als Mühsal, Investition. In der Bibliothek mit der Stuckdecke aus dem späten 17. Jahrhundert stapeln sich die Gartenbücher. Beraten haben zudem Adelheid Gräfin Schönborn und bis heute Frank Vollbehr, Landschaftsarchitekt und Freund des Hauses. Die 30 Jahre alte Platane, frisch gepflanzt auf der Gartenterrasse, hat Katharina von Ehren ausgesucht. "Ich wühle nicht selbst in der Scholle", sagt von Hardenberg, "ich liege nicht in den Stauden und zupfe Unkraut." Aber er setzt Holzstufen, genau in den Einschnitt eines Hügels. Wie es Fürst Pückler gemacht hätte.

Sind Gärtner bessere Menschen? Klaus Kosakowski (68), früher im Management von Rewe, dann Grundstücksentwickler, war nach eigener Aussage lange ein rein auf Wirtschaftlichkeit ausgerichteter Unternehmer. Jetzt leistet sich der Berliner den Traum vom eigenen Schlossgarten. Ein Stück ideale Welt hinter Ziegelmauern. Die Grundstücke am Schloss Petzow bei Potsdam sind schon fast alle zusammengekauft, die Pläne für Wege, Ruheplätze, graziöse Pavillons samt Orangerie werden gerade in der Berliner Königlichen Gartenakademie gezeichnet. Eine mäzenatische Leistung: Denn es soll ein öffentlicher Park werden, eine Idylle für alle. Und was ist der Humus, auf dem so etwas wächst? Gartenreisen nach England hätten ihn dazu bewogen, die Begegnungen mit den aufregendsten Gärten der Welt. Und die Beschäftigung mit brandenburgischer Geschichte. "In Schloss Petzow saßen mal die großen Köpfe Preußens an der Tafel. Schinkel und Lenné haben hier ihre Spuren hinterlassen. Und das soll alles verloren sein?" Er redet von Birnenspalieren. Maulbeerbäumen. Von Seidenraupen und Schmetterlingen. "Ich möchte, dass hier ein eigener kleiner Kosmos entsteht."

Garten ist Glück. Bei Ehlers an der Havel runden sich inzwischen im Vorgarten die Eiben zu weichen immergrünen Wolken. Der Rhododendrongarten wuchert, als sei er immer schon da gewesen. Große aufrechte irische Eiben leuchten dunkel am Zaun. Rambler-Rosen sind bis in die Wipfel der Bäume geklettert. "Die werden von mir geschnitten und angebunden", sagt Ehler und sieht dabei ziemlich zufrieden aus.

Ein Garten lässt das Leben überschaubar erscheinen. Er stillt unsere Sehnsucht nach Ordnung in einer zerbrechlichen Welt. Und natürlich: Männer lieben das perfekte Bild. Zumindest am Wochenende. Die Kinder im Baumhaus, der Retriever auf dem Rasen, die Frau im Rosenbeet. Was könnte beruhigender sein? Alles ist am Platz.

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