Dienstag, 2. Juni 2020

Bundesliga Amateure gegen Profis

Fußballklubs: Spielwiese für Manager, Politiker und Milliardäre
Foto: DPA

Dortmund feiert die Meisterschaft, Wolfsburg sichert sich im Schlussspurt den Klassenerhalt. Die Vereine sind zum Tummelplatz von Topmanagern und Unternehmern geworden. Doch warum gewinnt am Ende so oft das Chaos?

Hamburg - Die Geschäfte bei Volkswagen laufen rund wie ein gut eingestellter GTI, aber an diesem Montagabend Mitte März blieben die Lichter im 12. Stock des Verwaltungshochhauses länger hell. Krisensitzung in Wolfsburg. Es kamen zusammen: die Vorstände Francisco Garcia Sanz und Hans Dieter Pötsch, der Generalbevollmächtigte Stephan Grühsem und Betriebsratschef Bernd Osterloh.

Es handelte sich um eine Sache von überragender Bedeutung. Es ging um Fußball, um den Niedergang des VfL Wolfsburg, der sich plötzlich auf einem Abstiegsplatz in der Bundesliga wiederfand. Dieter Hoeneß, der Vorsitzende der Geschäftsleitung des VfL, sollte Auswege aus der Krise zeigen. Doch er hatte nur Durchhalteparolen parat, selbst von einem Trainerwechsel, üblicher Befreiungsschlag, wollte er nichts wissen. Ratlos verließen die vier Herren, die das Präsidium des VfL-Aufsichtsrats bilden, gegen zehn Uhr abends den Ort.

Jetzt musste der Chef ran. Und der hatte glücklicherweise Zeitung gelesen. Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender des Weltkonzerns VW, wusste, dass Schalke 04 gerade seinen Trainer Felix Magath gefeuert hatte. Spontan rief Winterkorn den früheren Wolfsburger Erfolgstrainer an und fragte, ob er zurückkommen wolle. Ja, sagte Magath ohne jegliche Bedenkzeit. Und Winterkorn engagierte den Jasager.

Willkommen im Tollhaus Bundesliga, in dem kurz vor dem Ende der Spielzeit die Torsch(l)usspanik ausbricht, in dem von heute auf morgen gefeuert und geheuert wird und in dem immer mehr Manager aus der Wirtschaft mitmischen. Sie engagieren sich als Präsidenten, als Aufsichtsräte und - wie im Falle Winterkorn - als Geheimräte, oder sie wechseln gar ins Management der Vereine.

Es gibt fast keinen Bundesliga-Verein mehr, in dem nicht gestandene Manager bester Adressen - von Adidas Börsen-Chart zeigen über Daimler Börsen-Chart zeigen bis Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen- in den entscheidenden Gremien sitzen (siehe Tabelle).

Doch hilft dieser ökonomische Know-how-Transfer den Vereinen? Fördert so viel wirtschaftliche Kompetenz den sportlichen Erfolg? Oder gilt gar eine neue Fußballregel: Je mehr Manager im Verein mitmischen, desto schlechter der Tabellenplatz?

Je mehr Manager mitmischen, desto schlechter die Platzierung?

Keine Frage: "Die Vereine der Bundesliga sind in den vergangenen Jahren professioneller geworden", sagt Ralf Lanwehr, BWL-Professor an der Internationalen Fachhochschule Bad Honnef. Sie sind ja mit Umsätzen zwischen 323 Millionen Euro (Bayern München) und rund 40 Millionen (FC St. Pauli) mehr oder weniger große Mittelständler. Die meisten haben ihre Profiteams ausgegliedert und in eine AG, GmbH, GmbH & Co. KGaA umgewandelt und die entsprechenden Organe - Vorstand/Geschäftsführung und Aufsichtsrat - geschaffen.

Früher führten Gemüse- und Teppichhändler sowie lokale Gastronomen die Klubs. Heute sind die handelnden Personen und auch die Strukturen professioneller. Zwei Vorstände oder Geschäftsführer - der eine fürs Wirtschaftliche, der andere fürs Sportliche - sind die Regel.

Noch unternehmensnaher ist das dreiköpfige Modell: jeweils ein Vorstand für Sport, für Finanzen und und für Marketing. Wolfsburg beispielsweise praktiziert diese Variante.

Für diese Posten haben sich viele Vereine erfahrene Leute aus der Wirtschaft geholt. Werder Bremen machte den Ex-Adidas-Manager Klaus Filbry zum Marketinggeschäftsführer, Thomas Pröckl (früher: Heideldruck) ist Finanzvorstand bei der Frankfurter Eintracht, und Ralf Woy (früher: DiBa) in selbiger Funktion beim 1. FC Nürnberg.

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