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Fußballklubs: Spielwiese für Manager, Politiker und Milliardäre

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Bundesliga Amateure gegen Profis

Dortmund feiert die Meisterschaft, Wolfsburg sichert sich im Schlussspurt den Klassenerhalt. Die Vereine sind zum Tummelplatz von Topmanagern und Unternehmern geworden. Doch warum gewinnt am Ende so oft das Chaos?

Hamburg - Die Geschäfte bei Volkswagen laufen rund wie ein gut eingestellter GTI, aber an diesem Montagabend Mitte März blieben die Lichter im 12. Stock des Verwaltungshochhauses länger hell. Krisensitzung in Wolfsburg. Es kamen zusammen: die Vorstände Francisco Garcia Sanz und Hans Dieter Pötsch, der Generalbevollmächtigte Stephan Grühsem und Betriebsratschef Bernd Osterloh.

Es handelte sich um eine Sache von überragender Bedeutung. Es ging um Fußball, um den Niedergang des VfL Wolfsburg, der sich plötzlich auf einem Abstiegsplatz in der Bundesliga wiederfand. Dieter Hoeneß, der Vorsitzende der Geschäftsleitung des VfL, sollte Auswege aus der Krise zeigen. Doch er hatte nur Durchhalteparolen parat, selbst von einem Trainerwechsel, üblicher Befreiungsschlag, wollte er nichts wissen. Ratlos verließen die vier Herren, die das Präsidium des VfL-Aufsichtsrats bilden, gegen zehn Uhr abends den Ort.

Jetzt musste der Chef ran. Und der hatte glücklicherweise Zeitung gelesen. Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender des Weltkonzerns VW, wusste, dass Schalke 04 gerade seinen Trainer Felix Magath gefeuert hatte. Spontan rief Winterkorn den früheren Wolfsburger Erfolgstrainer an und fragte, ob er zurückkommen wolle. Ja, sagte Magath ohne jegliche Bedenkzeit. Und Winterkorn engagierte den Jasager.

Willkommen im Tollhaus Bundesliga, in dem kurz vor dem Ende der Spielzeit die Torsch(l)usspanik ausbricht, in dem von heute auf morgen gefeuert und geheuert wird und in dem immer mehr Manager aus der Wirtschaft mitmischen. Sie engagieren sich als Präsidenten, als Aufsichtsräte und - wie im Falle Winterkorn - als Geheimräte, oder sie wechseln gar ins Management der Vereine.

Es gibt fast keinen Bundesliga-Verein mehr, in dem nicht gestandene Manager bester Adressen - von Adidas  über Daimler  bis Goldman Sachs - in den entscheidenden Gremien sitzen (siehe Tabelle).

Doch hilft dieser ökonomische Know-how-Transfer den Vereinen? Fördert so viel wirtschaftliche Kompetenz den sportlichen Erfolg? Oder gilt gar eine neue Fußballregel: Je mehr Manager im Verein mitmischen, desto schlechter der Tabellenplatz?

Je mehr Manager mitmischen, desto schlechter die Platzierung?

Keine Frage: "Die Vereine der Bundesliga sind in den vergangenen Jahren professioneller geworden", sagt Ralf Lanwehr, BWL-Professor an der Internationalen Fachhochschule Bad Honnef. Sie sind ja mit Umsätzen zwischen 323 Millionen Euro (Bayern München) und rund 40 Millionen (FC St. Pauli) mehr oder weniger große Mittelständler. Die meisten haben ihre Profiteams ausgegliedert und in eine AG, GmbH, GmbH & Co. KGaA umgewandelt und die entsprechenden Organe - Vorstand/Geschäftsführung und Aufsichtsrat - geschaffen.

Früher führten Gemüse- und Teppichhändler sowie lokale Gastronomen die Klubs. Heute sind die handelnden Personen und auch die Strukturen professioneller. Zwei Vorstände oder Geschäftsführer - der eine fürs Wirtschaftliche, der andere fürs Sportliche - sind die Regel.

Noch unternehmensnaher ist das dreiköpfige Modell: jeweils ein Vorstand für Sport, für Finanzen und und für Marketing. Wolfsburg beispielsweise praktiziert diese Variante.

Für diese Posten haben sich viele Vereine erfahrene Leute aus der Wirtschaft geholt. Werder Bremen machte den Ex-Adidas-Manager Klaus Filbry zum Marketinggeschäftsführer, Thomas Pröckl (früher: Heideldruck) ist Finanzvorstand bei der Frankfurter Eintracht, und Ralf Woy (früher: DiBa) in selbiger Funktion beim 1. FC Nürnberg.

Viele Aufsichtsräte sind Quasselbuden

Daneben führen die erfolgreichen Unternehmer Martin Kind (Kind Hörgeräte) und Hans-Joachim Watzke (Watex-Schutzbekleidung) die Vereine Hannover 96 beziehungsweise Borussia Dortmund .

Kind, seit über 13 Jahren an der Spitze von Hannover 96, sagt: "Wir haben inzwischen eine Unternehmensstruktur wie in der Wirtschaft." Mit den Experten floss viel Know-how in die Vereine. Controlling und Reporting sind dort jetzt keine Fremdwörter mehr. Das knallharte Lizenzierungsverfahren der Deutschen Fußball-Liga (DFL) trug ebenfalls dazu bei, dass inzwischen keine Finanz-Hasardeure mehr an der Spitze der Vereine dilettieren und dass die Liga mit ihrer Solidität Benchmark für Europas Topligen ist.

Aber warum regiert dann doch so oft das Chaos in den Vereinen?

Eine erste Antwort darauf findet sich in den Aufsichtsgremien der 18 Klubs. "Die Aufsichtsräte müssen professioneller besetzt werden", fordert der Deutsche-Bank-Manager Daniel Neubauer, der sich in seiner kürzlich abgeschlossenen Doktorarbeit akribisch wie bislang kein anderer mit den Organen deutscher Fußballvereine auseinandergesetzt hat.

Aber selbst wenn gute Wirtschaftsleute in den Topgremien sitzen, ist das keine Garantie für ordentliches Wirken. Denn allzu oft lassen sie dort ihr Herz und nicht ihren Verstand arbeiten. Vielen Managern, die sich in die Aufsichtsräte der Vereine wählen lassen, geht es ums Prestige und den schon fast kindlich anmutenden Wunsch, sich unter die Fußballprominenz zu mischen. "Da mutieren plötzlich gestandene Manager zu 14-jährigen Panini-Bildchen-Sammlern", weiß ein Kenner der Szene, der aus Überlebensgründen anonym bleiben muss. Und der Anonymus sagt auch: "Nirgendwo kann man schneller ins Rampenlicht kommen als im Fußball-Business."

Beispiele HSV und 1. FC Köln: Viele Aufsichtsräte sind Quasselbuden

Wer im Aufsichtsrat eines Vereins sitzt, ist gefragt, vor allem bei den Medien. Und allzu häufig schwadronieren die Ratsherren munter drauflos. Viele Aufsichtsräte sind Quasselbuden. Fast druckfrisch stehen die AR-Protokolle des 1. FC Köln am nächsten Tag im Kölner Boulevardblatt "Express". Beim chronisch erfolglosen Hamburger Sport-Verein (HSV) ficht der überbesetzte zwölfköpfige Aufsichtsrat, darunter einige respektable Wirtschaftsfachleute, seine Grabenkämpfe seit Monaten in aller Öffentlichkeit aus.

Es ist schon verwunderlich: Als Aufsichtsräte in der Wirtschaft halten sie sich an die Regeln von guter Governance, die sie aber in ihrem Fußballamt häufig ignorieren. Hannover-96-Geschäftsführer und Unternehmer Martin Kind kritisiert: "Die meisten Vereine halten die konsequente Trennung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat nicht ein."

Negativbeispiel der Branche ist Clemens Tönnies, erfolgreicher Fleischfabrikant aus Rheda-Wiedenbrück. Er ist seit 2001 Aufsichtsratschef von Schalke 04 und führt aus dieser Position heraus den Verein nach Gutsherrenart. Der Vorstand, den es tatsächlich geben soll, wird im besten Libuda-Stil ausgetrickst, und der schwache Aufsichtsrat nickt die Alleingänge von Tönnies ab.

Auch beim VfB Stuttgart redet der allmächtige Aufsichtsratschef Dieter Hundt, Präsident des Arbeitgeberverbandes, häufig mit und rein. VfB-Präsident Erwin Staudt lässt es sich gefallen. Kein Wunder, dass sich um den Privatbankier Björn Seemann, Chef der Stuttgarter Niederlassung von Julius Bär, eine Opposition gegen die Stuttgarter Führung gebildet hat, die aber vorerst eher im Untergrund operiert.

"Der Druck der Medien ist im Fußball gewaltig", sagt Erwin Staudt, früher Deutschland-Chef von IBM . "Damals dachte ich, der Quartalsdruck sei enorm, aber das war ja gar nichts im Vergleich zu dem, was ich jetzt erlebe", seufzt Staudt.

Erfolgsmodell Borussia Dortmund: Selbst Merz und Steinbrück halten still

Trotz allgegenwärtiger Medien - es geht auch ohne interne Zerwürfnisse. Beim neuen deutschen Meister Borussia Dortmund haben - wie es sich für eine börsennotierte AG gehört - die Aufsichtsräte Redeverbot. "Bei uns werden sie keine öffentlichen Statements von Aufsichtsräten hören", sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Hans-Joachim Watzke. An seinen Ukas halten sich auch die alles andere als mikrofonphoben (Ex-)Politiker Friedrich Merz und Peer Steinbrück, die im Borussia-Aufsichtsrat sitzen.

Auch im sechsköpfigen Gesellschafterausschuss von Bayer 04 Leverkusen, in dem nur ehemalige und amtierende Spitzenmanager des Bayer-Konzerns (und Gutenabendallerseits-Faßbender) sitzen, herrscht öffentlicher Maulkorberlass.

Selbst Branchenkrösus FC Bayern arbeitet trotz einer ruckeligen Saison einigermaßen ruhig. Die Vorstandschefs Herbert Hainer (Adidas), Rupert Stadler (Audi) und Martin Winterkorn - das Mandat bei Bayern stammt noch aus seiner Audi-Zeit - kontrollieren den Bayern-Vorstand. Und über allen thront der langjährige Erfolgsmanager Uli Hoeneß.

Doch wenn der Verein professionell geführt und beaufsichtigt ist, verheißt das nicht zwangsläufig vordere Tabellenplätze; schließlich stecken Köln, Stuttgart und Wolfsburg kurz vor Saisonende im Abstiegskampf.

Wie kann es so weit kommen?

Ex-Bayer-Chef Werner Wenning sagt gern, er könne nicht per Gesellschafterbeschluss anordnen, Deutscher Meister zu werden. Er weiß, dass Bundesligavereine mit richtigen Unternehmen nur bedingt vergleichbar sind. Erfolg im Fußball ist anders als bei einem Konzern nur beschränkt planbar.

Zitterpartie Vfl Wolfsburg - Erfolg ist nur beschränkt planbar

So kann Wenning anordnen, dass Bayer 04 in den Bereichen Management, Medizin, Scouting und Jugend in der Liga mit führend ist, weil das die Basis eines möglichen Erfolgs ist. Aber die Fußballmanager sind nicht die handelnden, sondern nur die flankierenden Akteure.

Das weiß derzeit keiner besser als VfB-Präsident Staudt. "Entscheidend ist auf dem Platz", sagt er einen Satz von herbergerscher Schlichtheit. Entscheidend ist in der Tat, welche Leistung Wochenende für Wochenende die elf jungen Männer in den kurzen Hosen abliefern.

Das Management, auch wenn es wirtschaftlich noch so kompetent ist, hat darauf wenig Einfluss. Es wählt den Trainer aus, gibt grünes Licht bei Spielereinkäufen. Aber ob diese bunte Männergemeinschaft harmonieren wird, weiß es nicht. "Da ist so viel Psychologie im Spiel", sagt VW-Manager und VfL-Aufsichtsrat Stephan Grühsem, "das können wir Wirtschaftsleute kaum durchschauen."

So ist ausgerechnet die wichtigste Personalentscheidung - die Trainerwahl - ein großes Vabanquespiel. Martin Winterkorn kann deshalb nur hoffen, dass er mit seiner spontanen Entscheidung richtig lag und Rückkehrer Magath seinen VfL Wolfsburg rettet.

Spätestens am 14. Mai gegen 17.20 Uhr wird er es wissen. Denn dann ist die vielleicht verrückteste Bundesliga-Saison aller Zeiten zu Ende.

Überblick: Ein Vergleich von Wirtschafts- und Sportkompetenz in der Bundesliga

Manager schießen keine Tore

Manager-dichte* Durch-schnittlicher Tabellen-platz**
1. 1. FC Köln: Friedrich Neukirch (V/Klosterfrau), Karl-Ludwig Kley (ARV/Merck), Christian Berner (AR/Lekkerland), Manfred Hell (AR/Jack Wolfskin), Peter Hofacker (AR/Gerling), Lothar Ruschmeier (AR/Oppenheim-Esch), Lionel Souque (AR/Rewe) 14,5
2. FC Bayern München: Herbert Hainer (AR/Adidas), Timotheus Höttges (AR/Deutsche Telekom), Dieter Rampl (AR/Uni Credit), Rupert Stadler (AR/Audi), Martin Winterkorn (AR/VW) 1,7
3. VfB Stuttgart: Erwin Staudt (Präs./IBM), Dieter Hundt (ARV/BDA), Joachim Schmidt (AR/Mercedes-Benz), Gerd Mäuser (AR/Porsche), Rudolf Zipf (AR/LBBW) 5,9
4. Bayer 04 Leverkusen: Werner Wenning (Vors. GA/Bayer), Johannes Dietsch (GA/Bayer), Rainer Meyer (GA/Bayer), Michael Schade (GA/Bayer) 6,0
5. Eintracht Frankfurt: Wilhelm Bender (ARV/Fraport), Reinhard Gödel (AR/VR Leasing), Philip Holzer (AR/Goldman Sachs), Dietmar Schmid (AR/BHF-Bank) 13,3
6. Borussia Dortmund: Gerd Pieper (ARV/Stadtparfümerie Pieper), Friedrich Merz (AR/Mayer Brown), Peer Steinbrück (AR/Ex-Bundesfinanzminister) 6,0
7. Hamburger SV: Ernst-Otto Rieckhoff (ARV/Shell), Alexander Otto (AR/ECE), Eckart Westphalen (AR/Signal-Iduna) 7,0
8. VfL Wolfsburg: Francisco Garcia Sanz (ARV/VW), Hans Dieter Pötsch (AR/VW), Stephan Grühsem (AR/VW) 9,0
9. Schalke 04: Clemens Tönnies (ARV/Tönnies Fleisch), Peter Lange (AR/WAZ Mediengruppe) 4,2
10. Hannover 96: Martin Kind (GF/Kind-Gruppe), Rainer Feuerhake (ARV/Tui) 11,5
11. Werder Bremen: Klaus Filbry (GF/Adidas), Werner Brinker (AR/EWE) 4,3
12. TSG 1899 Hoffenheim: Dietmar Hopp (Beiratsvors./SAP), Gerhard Oswald (Beirat/SAP) 9,0
13. 1. FC Nürnberg: Rolf Woy (V/DiBa), Klaus Wübbenhorst (AR/GfK) 13,1
14. FC St. Pauli: Bernd-Georg Spies (Präsidium/Russell Reynolds), Christoph Kröger (AR/BP) 18,0
15. Mönchengladbach: Rolf Königs (Präs./Aunde GmbH) 13,1
16. SC Freiburg 13,4
17. 1. FC Kaiserslautern 12,0
18. 1. FSV Mainz 05 11,7
*Nach Anzahl von aktuellen und ehemaligen Managern sowie Unternehmern in den Gremien der Vereine
**in den vergangenen zehn Jahren (es wurden nur die Jahre in der Ersten Liga berücksichtigt).
Legende: AR = Aufsichtsrat, ARV = Aufsichtsratsvorsitzender, GA = Gesellschafterausschuss, GF = Geschäftsführer, Präs. = Präsident, V=Vorstand.
Quelle: eigene Berechnungen
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