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Dreierlei Leben: Die wechselvolle Karriere des neuen Lufthansa-Chefs

Foto: Bert Bostelmann

Lufthansa-Chef Christoph Franz Der Aerodynamiker

Christoph Franz führt die größte Fluggesellschaft Europas. Er verdankt seinen Aufstieg zum Lufthansa-Chef ausgerechnet seinen Rückschlägen. Er ist fleißig und analytisch brillant. Aber reicht das für den anvisierten Höhenflug des Konzerns?

Viele bekamen gar nicht mit, wer da neben ihnen stand. Als Jürgen Weber, Oberaufseher der Lufthansa, Anfang Januar zur 100-Jahr-Feier des Hamburger Flughafens kam, wandelte in seiner Nähe dieser hochgewachsene, stille Herr im schwarzen Anzug. Eher junge Züge, das Lächeln etwas angestrengt. Neben Weber, dem Patron, nahm der Begleiter sich wie ein Assistent aus. Dabei war er der Mächtigere von beiden, formal jedenfalls: der amtierende Konzernchef Christoph Franz (50).

Er ist noch neu, gewiss, erst seit Jahresbeginn im Amt. Er wird bekannter werden, schon durch das Gewicht seiner Aufgabe, die Führung der größten Fluggesellschaft Europas. Leicht wird es mit dem Kennenlernen des Herrn Franz trotzdem nicht. Gerade weil seine Aufgabe so groß ist, tritt er gern hinter sie zurück.

Sein Entree nach 75 Tagen, bei der Vorlage der Bilanz, zeigt ihn als sparsam temperierten Manager. Andere hätten ein paar persönliche Worte zum Start verloren. Franz scheint schon der Gedanke daran gruselig. Ein flüssiger Vortrag erklärt doch genug. Also schreitet er ansatzlos zur Tat. Referiert fehlerfrei; kaum ein Ähm oder Äh, auch das hessische Idiom seiner Heimat bleibt außen vor.

Nicht einmal der Eyjafjallajökull bringt ihn raus, dieser Zungenbrecher und Vulkan, der im vergangenen Jahr den Flugverkehr einäscherte.

"Strategisch - finanziell - organisatorisch" - Franz eilt durch die Dimensionen des Konzernwesens, als spreche er zu Aufsichtsräten. Oder Führungskräften. Oder sonst wem. Er hat in Wahrheit nur einen Ton - das Timbre der Sachlichkeit. Zwischendurch blickt er auf, hebt das Kinn, und es ist, als hebe er gleichzeitig den Finger: Hört her, so ist es!

"2011 wird kein Spaziergang"

Wolfgang Mayrhuber, der direkte Vorgänger, fiel als Charmeur und Ironiker auf. Weber als Menschenfänger, Motivator und Verkäufer. "Kommen Sie zur großen Deutschen Lufthansa!", schwang im Nachhall seiner Reden. Franz verkauft nichts, außer Analysen und Wahrheiten. Allenfalls noch eine Portion Disziplin. "2011 wird kein Spaziergang", mahnt er. Wer hätte von diesem Aerodynamiker eine Einladung zum Bummel erwartet?

Weber und Mayrhuber, die ihn auf den Posten hoben, wollten augenscheinlich kein Showtalent. Sie wollten den Franz, den sie kennen. Einen Mann mit Wurzeln und Haltung. Der, so hoffen sie, besser macht, was er besser weiß.

Die Lufthansa  war für Franz keine Himmelsmacht. Vorgezeichnet war ihm eine bodenständige Karriere - in der Chemie. Der Vater arbeitete als Ingenieur bei Hoechst, die Familie lebte unter lauter Rotfabrikern am Rande Frankfurts. Naturwissenschaften lagen ihm. Neugier trieb ihn an. Fast alles fand er spannend, sobald er ins Detail vordrang, auf welchem Wissensgebiet auch immer.

Die ungeordneten Briefmarken seines Vaters und Großvaters mit den exotischen Exemplaren aus längst untergegangenen Kolonien faszinierten ihn derart, dass er bald alle deutschen Marken auswendig kannte. Noch heute hält er ein Abonnement, besser gesagt: Die Marken stapeln sich irgendwo. Die Mutter verordnete ihm und seinen drei Geschwistern musischen Ausgleich, "und nicht nur die obligate Blockflöte". Franz zupfte und schlug die klassische Gitarre, bis zum Abitur. Dann wagte er einen ersten Ausbruch. Er ging nach Darmstadt, wurde nicht Chemiker, sondern Wirtschaftsingenieur.

Franz nutzte die Lehrjahre, war fleißig, aber auch gesellig, kam viel herum; studierte zeitweilig in den USA und in Frankreich. Im Gallischen fand er auch sein privates Glück. Bei einem Praktikum in Paris lernte er seine Frau kennen. Sie wurde ihm eine ebenbürtige Partnerin. Und - mit den gemeinsamen fünf Kindern - zum Fixpunkt seines Lebens.

Familie haben die meisten Manager. Es macht sich ja auch gut. Franz, sagen seine Bekannten, lebt tatsächlich in ihr. Müht sich um die Balance von Familie und Arbeit, tat das schon, als man das Thema noch mied. "Das Berufsleben geht irgendwann zu Ende", philosophiert er, "die Familie bleibt." Wenn man sie pflegt.

Der Ruf in das Sanierungsteam

Franz flirtete mit einer akademischen Laufbahn, doch seine Promotion, ein Steuerthema, erwies sich als die falsche Basis, "da hätte ich Jurist sein müssen". Er bewarb sich auf Traineestellen. Bekam wegen seiner exzellenten Noten lauter Offerten. Zur Bank hätte er gehen können oder in die Elektroindustrie. Ein Kommilitone, schon ein Jahr voraus, berichtete begeistert von seinen ersten Schritten bei der Lufthansa  . Die Wahl war gefallen.

Der junge Doktor tourte durchs Unternehmen, durfte in Antalya beim Aufbau eines Ferienfliegers helfen, leitete Controlling- und IT-Missionen. 1992 geriet die Lufthansa in existenzielle Nöte. Alle müssten sparen, hieß es. Franz folgte dem Aufruf mit einer Redlichkeit, vielleicht auch Naivität, über die er heute selbst lachen muss. "Ich habe mich gefragt", erzählt er, "welche Bedeutung haben denn deine Projekte wirklich für das Wohl und Wehe deines Arbeitgebers? Und welche könnte man ohne Weiteres schieben?"

Zwei von drei seiner Vorhaben fielen der eigenen Ehrlichkeit zum Opfer. Die Nachwuchskraft hatte sich selbst arbeitslos gemacht. Was sich dann doch als Chance erwies. Konzernchef Weber berief ihn in ein Sanierungsteam, das nicht weniger zur Aufgabe hatte, als die Lufthansa zu retten. Leiter der Gruppe: Wolfgang Mayrhuber.

Die Saniererzeit wirkt bis heute nach. Sie schafft Urvertrauen. Mit Weber und Mayrhuber ist er längst per Du.

Für sein Fortkommen war die Episode gleichwohl erst mal hinderlich. Viele grollten dem Aufräumer wegen seiner Unerbittlichkeit. Altersgenossen zogen an ihm vorbei. Da kam dem Ehrgeizigen ein Angebot der Bahn höchst gelegen.

Anecken mit Wahrheiten - Entlassung bei der Bahn

Der Staatsladen war damals - 1994 - aufgebrochen, ein Unternehmen mit Gewinnaussicht zu werden. "Die Ausgangslage war ähnlich wie damals bei der Lufthansa", sagt Franz, "nur alles mal zehn."

Der Neue begann in keineswegs privilegierter Stellung, als Leiter eines von fünf Regionalbereichen. Er betrieb seinen Aufstieg entschlossen, zuweilen fast penetrant. Bei Führungskräftetagungen, erinnert sich ein Weggefährte, kam es immer zum gleichen Schauspiel. Am Ende hieß es vom Vorstandspodium: Haben Sie noch Fragen? Christoph Franz hatte immer eine. Fragen jener Art, die ein bisschen pieksen und provozieren; die belegen, dass da einer mehr verstanden hat als andere; und ihn so karrierefördernd aus der Masse heben. "Mir kam Franz damals wie ein Streber vor", bekennt der Augenzeuge. "Heute sehe ich, dass er mit seinen spitzen Anmerkungen auch einiges riskiert hat."

Anecken mit Wahrheiten, das war ohnehin seine Spezialität. "Er war manchmal fassungslos, wenn die Leute die Dinge nicht begriffen und seinen Vorschlägen nicht folgen wollten", erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter. "Die Faktenlage ist doch eindeutig!", habe der junge Manager dann gehadert. Zuweilen wäre ein schmeichelnder Ton besser gewesen, gerade gegenüber Vorgesetzten. Er aber wollte sich nicht verbiegen. Oder simpler: Er konnte es nicht.

Diese Fixierung aufs Faktische ist es, die Franz zuweilen als entrückt erscheinen lässt. Die ihm - in Kombination mit einigen Feinheiten der Mimik - den Anschein einer "nonverbalen Arroganz" gibt, wie ein älterer Kollege formuliert. Ein Trugbild. In kleiner Runde, abseits des unmittelbaren Geschäfts, kann er herzlich lachen, locker und uneitel sein. Was Franz bewegt, ist nicht Dünkel, sondern Ernsthaftigkeit; gediegener klingt: Seriosität.

Er wurde Strategiechef; schließlich - unter Bahn-Brecher Hartmut Mehdorn - sogar Vormann des gesamten Personenverkehrs, verantwortlich für drei Viertel des Konzernumsatzes.

Man sah ihn schon als Mehdorns Kronprinzen. Und Franz tat alles für seinen Erbanspruch. Mit großem Elan baute er auf Mehdorns Geheiß das Preissystem um, angelehnt an das Vorbild der Fluglinien. Technisch gelang die Reform, in vielen Teilen gilt sie bis heute. Doch die markantesten Neuerungen fielen bei der Kundschaft durch. Die wollte nicht einsehen, dass es ordentliche Rabatte nur noch geben sollte, wenn man sich lange im Voraus auf einen bestimmten Zug festlegt. Der Wegfall der Bahncard mit Fahrpreishalbierung provozierte gar einen nationalen Aufstand.

Franz vertraute Mehdorn, der stets versicherte, dem öffentlichen Druck werde er schon standhalten. Als Kanzler Schröder einschritt, fiel Mehdorn um. Im Mai 2003 wurde Franz gefeuert.

Der Sachwalter

Die Entlassung verstörte ihn tief. Sie widersprach seiner Logik, dass Leistung und Lohn einander naturgesetzlich folgen. Hatte er nicht das geliefert, was verlangt worden war? Vor allem lief der Rausschmiss seinem Gerechtigkeitssinn zuwider, der "ganz tief in ihm steckt", wie ein Freund meint. Franz selbst hatte, als es brenzlig wurde, Änderungen an dem Reformwerk vorgeschlagen. Mehdorn wollte davon nichts hören. Um später genau diese Retuschen zu verkünden.

Heute weiß Franz, dass die Niederlage bei der Bahn der Auftakt zu seinem größten Sieg war. Seine Freisetzung war wörtlich zu nehmen. Sie erst brachte ihn auf die Kandidatenliste für den Chefposten bei der Swiss, der Nachfolgegesellschaft der 2001 kollabierten Swissair. Er bekam den Posten, auch weil Jürgen Weber sich für ihn verwendete. Franz war in guter Erinnerung geblieben.

"Es war ein risikoreicher Flug ins Ungewisse", sagt Franz rückblickend. Viele hätten die Swiss für unrettbar gehalten, so traurig waren Bilanz und Lage. Verkaufsgespräche mit der Lufthansa hatten zu keinem Ergebnis geführt. Erstmals wohl geriet Franz an seine Grenzen. Kenner berichten von bangen Telefonaten, von Zweifeln. Sollte er dem wackeligen Partner British Airways  vertrauen, der mehr an den Kundendaten der Swiss interessiert war denn an ihrer Rettung? Sollte er den Alleingang wagen?

Es ging allein weiter, stark verkleinert. Franz schrumpfte die Flotte, strich unrentable Strecken. Als die Lufthansa 2005 doch zugriff, war die Swiss der Heilung schon nah. Heute verdient sie prächtig. Eine Rettungstat wie ein Fanal. Spätestens seit 2007 war Franz für die Konzernspitze der Lufthansa vorgemerkt.

Er hat lange überlegt, ob er dem Ruf folgen soll, das gibt er freimütig zu. Zu gut gefällt ihm und seiner Familie die Schweiz, die zur zweiten Heimat geworden ist. Die zurückhaltenden Schweizer erkennen in dem zurückhaltenden Deutschen einen der ihren.

"Evolution, nicht Revolution"

Die Familie ist in Zürich geblieben, bewohnt die geliebte Doppelhaushälfte nahe dem Zentrum. Drei Kinder gehen noch zur Schule, argumentiert Franz, da zieht man nicht mal eben um. Er pendelt, auch unter der Woche. Eine Wohnung in Frankfurt hat er gar nicht erst gesucht. "Dann würde ich wohl bald nur noch am Wochenende nach Hause kommen", ahnt er, "und das will ich nicht."

Er wird sich gefragt haben, ob er nicht schon genug erreicht hat. Die Grenzen des Karriereglücks kennt Christoph Franz längst. "Viele Leute machen einem weis, man sei etwas Besseres, wenn man einen Streifen mehr auf der Schulter hat" - er lächelt mitleidig -, "das ist natürlich Unfug."

Nein sagen, das ist allen Beobachtern klar, konnte er trotzdem nicht. Es wäre eine zu starke Abkehr von seinem bisherigen Leben gewesen, das ohne Erfolgshunger nicht denkbar ist. Obendrein hätte er damit seine Förderer verprellt.

Die neue Aufgabe verlangt von ihm andere Fertigkeiten, als sein Talent mühelos hergibt. Wer fast 120.000 Mitarbeiter zu führen hat, wer sie auf Hyperwettbewerb einstellen will und auf schmerzliche Veränderungen, der sollte auch integrativ wirken. Er muss Gefühle ansprechen, Verbundenheit schaffen, ein Mindestmaß an Charisma aufbieten. "Christoph Franz weiß selbst, dass er sich damit schwertut", meint ein ehemaliger Vorgesetzter.

Das Gegenmodell sitzt bei ihm am Vorstandstisch: Carsten Spohr (44). Der Pilot und Wirtschaftsingenieur verfügt über einen blendenden Auftritt. Mit dem Ressort Passage - also der Passagierluftfahrt - sitzt Spohr im Zentrum des Geschehens. Schon sehen Auguren einen Konkurrenzkampf heraufziehen - Spohr, der Charismatische, gegen Franz, den allzu kühlen Sachwalter.

So weit muss es gewiss nicht kommen. Aber Franz scheint gewarnt. Und reagiert, mit neuer Diplomatie. Markige Worte jedenfalls, die verschrecken könnten, meidet er inzwischen. "Ich stehe für Evolution, nicht für Revolution", proklamiert der neue Vormann. Wobei man nicht vergessen sollte, dass es auch in der Evolution ganz schön ruppig zugeht.

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