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Links und Frei: Die Karriere von Christine Hohmann-Dennhardt

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Korruptionsaffäre Eine Feuerwehrfrau für Daimler

Daimler-Chef Dieter Zetsche braucht die ehemalige Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt als Feuerwehrfrau, um eine explosive Korruptionsaffäre zu löschen. Kann die Starjuristin helfen? Eine Nahaufnahme der mächtigsten deutschen Managerin.

Hamburg - Als sich Christine Hohmann-Dennhardt (60) an einem sonnigen Freitag Ende März von zwölf Jahren ihres Lebens verabschiedete, überließ sie nichts dem Zufall. Ihr Sommerkleid im Leopardenmuster sollte sie aus dem Grau der Festgäste herausheben. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, würde die scheidende Juristin, dessen konnte sie gewiss sein, in geschliffenen Sentenzen für ihre Zeit am höchsten deutschen Gericht preisen. Die Gäste im Sitzungssaal in Karlsruhe, 300 Politiker, Richter und Professoren, würden an den richtigen Stellen klatschen.

Selbst für die Missklänge hatte Hohmann-Dennhardt gesorgt. Sie engagierte die Posaunistin Annemarie Roelofs, die "Bridge over Troubled Water" so experimentell zu spielen versteht, dass es kaum zu erkennen ist.

Über ihren neuen Arbeitgeber, die Daimler AG , verlor Hohmann-Dennhardt, seit 16. Februar dort Vorstand für Integrität und Recht, vor den versammelten Rechtsauslegern kaum ein Wort. Sie wolle im Unternehmen für faire Regeln sorgen, sagte sie lapidar. Um nach dem offiziellen Teil bei Kanapees, Kuchen und auch deftigen Würstchen noch anzufügen, dass sie mit dem Wechsel zu Deutschlands traditionsreichstem Autokonzern keineswegs ihre Unabhängigkeit verloren habe. Ganz im Gegenteil.

Und tatsächlich: Daimler, dieser Hort testosterongetriebener Autobauer, hat sich in die Hände einer Frau begeben, die schon vieles in ihrem Leben war, nur nie Manager. "Sie ist klug, aber von Wirtschaft hat sie keine Ahnung. Sie muss jetzt erst mal lernen, dass ein Auto vier Räder hat", sagt ein Aufsichtsrat, der sich lange mit ihr unterhalten hat. Und dann aufzählt, mit welchen ihrer politischen Ansichten er nun keineswegs übereinstimme: Als Frankfurter Sozialdezernentin hat das SPD-Mitglied Süchtigen Drogen auf Rezept verabreicht. Als hessische Justizministerin hat sie sich für die Legalisierung weicher Drogen eingesetzt. Und als Verfassungsrichterin in einem Minderheitsvotum gegen den Großen Lauschangriff gekämpft.

Der mächtigste weibliche Vorstand der Republik

Eine Frau wie ein Ausrufezeichen! Das Kreuz gerade wie ein preußischer Gardeoffizier. Kein Kilogramm zu viel. Die Haare, tiefschwarz gefärbt, schützen sie wie ein Helm. Die düster lackierten Fingernägel, das Make-up, der dunkle Lippenstift, das verbindliche Lächeln: Alles passt, alles sitzt.

Christine Hohmann-Dennhardt hat, was Daimler gern hätte: alles unter Kontrolle. Denn während die Schwaben im Monatstakt neue Verkaufsrekorde verkünden, die Umsätze und Gewinne nach oben springen wie Grashüpfer in der Sommerhitze, bedrohen die Spätfolgen einer leidigen Korruptionsaffäre die Daimler-Führungsspitze und die Gesundheit der Firma.

Louis Freeh (61), einstmals Chef der amerikanischen Bundespolizei FBI, wacht im Namen der US-Regierung und der Börsenaufsicht SEC über Daimlers Hygienefortschritte. Er entscheidet maßgeblich darüber, ob der Konzern, der sich der Korruption in 22 Ländern schuldig bekannt und schon jetzt 185 Millionen Dollar Strafgeld bezahlt hat, damit davonkommt. Denn der Delinquent ist nur auf Bewährung frei. Die US-Behörden können das Verfahren jederzeit wieder aufnehmen.

Freeh war es auch, der im vergangenen Sommer neben 26 anderen Auflagen von Daimler forderte, einen Vorstand eigens für Compliance einzustellen. Konzernchef Dieter Zetsche (57) muss schnell erkannt haben, dass eine gut beleumundete Besetzung von außen für Daimler ein Gewinn sein könnte. Im Herbst sprach er persönlich die damalige Verfassungsrichterin an, die er aus gemeinsamen Sitzungen des Universitätsrates Karlsruhe kannte.

Hohmann-Dennhardt sagte zu, bekam nach Ablauf ihrer Karlsruher Amtszeit einen Dreijahresvertrag und ist damit der mächtigste weibliche Vorstand der Republik. Denn jeder - und sie am allerbesten - weiß, dass Daimler sie nun gewähren lassen muss.

Sie ist finanziell unabhängig, extrem selbstbewusst, und, so erzählen langjährige Weggefährten, "sie lässt sich von niemandem etwas vorschreiben". Der Daimler-Chef, so viel ist klar, wird diese Frau nicht steuern können. Kehrte die Starjuristin dem Unternehmen vorzeitig und im Krach den Rücken, wäre der Schaden ungeheuer.

Zetsche braucht einen Feuerlöscher - Bewährungsfrist bis Mai 2013

Aber Zetsche helfen nur noch unorthodoxe Lösungen. Er brauchte einen Feuerlöscher, einen weiblichen Red Adair. Mehr als sechs Jahre plagt sich Daimler bereits mit den Folgen der Korruptionsaffäre. Aber bisher, das machte Freehs erster vertraulicher Bericht an die US-Behörden klar, sind alle Bemühungen um eine saubere Unternehmensführung ungenügend.

"Die Konzernführung hat keine klare Vorstellung davon, wie Compliance funktionieren sollte", schreibt Freeh. Und weiter: "Ein ,Good-Old-Boys'-Network' bestimmter Daimler-Führungskräfte widersetzt sich weiter dem Wandel und gefährdet diejenigen, die die notwendigen Reformen anstreben."

Freehs Report hinterließ Eindruck, auch in Washington: Eine US-Behörde kommentierte, "einen schlechteren Bericht haben wir von einem unserer Kontrolleure noch nie bekommen".

Hohmann-Dennhardt soll nun dafür sorgen, dass Daimler bessere Noten bekommt. Sollten SEC und US-Justizministerium die Einigung jedoch tatsächlich wieder außer Kraft setzen, befürchtet ein Vorstand das Schlimmste: Die mögliche Strafe sei "unermesslich", sagte er. "Wir müssen dieses Damoklesschwert loswerden." Wie schlimm es kommen könnte, darüber klärte der Konzern vor wenigen Monaten in Schulungen die Topführungskräfte auf: "Ein weiterer ernsthafter Compliance-Verstoß könnte sich für Daimler als fatal erweisen."

Stichtag für das Unternehmen ist der 31. März 2013. Bis dahin läuft die Bewährungsfrist. Spätestens dann will Zetsche wieder einen freien Konzern steuern.

Nächster Zwischenbericht bereits Ende Juli 2011

Erster Stichtag für den Vorstandschef ist jedoch schon der 31. Juli dieses Jahres. Dann wird Freeh seinen nächsten Zwischenbericht vorlegen. Fällt er gut aus, könnten die Amerikaner ihren Kontrolleur vorzeitig abziehen. Fällt er dagegen nicht besser aus als der letzte, wird es auch für Dieter Zetsche persönlich eng.

Schon seit einigen Monaten diskutiert eine Gruppe mächtiger Aufsichtsräte eine Strategie für den Ernstfall - auch wenn er intern nicht als der wahrscheinlichste gilt. Bei einem neuerlich schlechten Zeugnis wollen sie durchgreifen. Zetsche, so planen sie es, müsse dann gehen, ein externer Nachfolger seinen Job übernehmen. Es gelte, die Zukunft der Daimler AG zu sichern, heißt es aus Aufsichtsratskreisen. Wenn Zetsche das nicht mehr garantieren könne, dann sei es an der Zeit, den Amerikanern den Willen zu einem radikalen Neustart zu beweisen.

Bisher haben die Aufsichtsräte stillgehalten, haben anders als ihre Kollegen bei Siemens  oder MAN  nicht gnadenlos durchgegriffen. Sie hatten sich vor einigen Jahren mit Gutachten abgesichert, die gegen Zetsche und seine Kollegen keine Vorwürfe ergeben hatten. Auch die US-Behörden hatten die Vorstände nicht beschuldigt.

Im Management indes wächst der Unmut über den Konzernlenker. Warum, fragen viele, sei ausgerechnet Zetsche noch da? Sie glauben, dass der Schnauzbartträger Daimler viel Ärger erspart hätte, wenn er Verantwortung übernommen hätte und abgetreten wäre. Schließlich hätten in ähnlichen Situationen auch die damaligen Siemens- und MAN-Chefs Klaus Kleinfeld (53) und Håkan Samuelsson (60) ihre Posten räumen müssen, ohne dass ihnen eine Schuld nachgewiesen werden konnte.

Aufsichtsratschef Manfred Bischoff (68) und Zetsche aber wählten den schwierigen Weg. Was hat der Vorstandsvorsitzende in den vergangenen Jahren nicht alles angekündigt, investiert und exekutiert, um die Affäre aus der Welt zu schaffen: Daimler, das hat er als Ziel ausgegeben, soll bei Compliance und Integrität neue Standards setzen. Einen hohen zweistelligen Millionenbetrag gibt er jedes Jahr für den Kampf gegen das Laster aus; viele Dutzend in Verdacht geratene Mitarbeiter wurden entlassen oder degradiert; immer noch rollen bei hochrangigen Mitarbeitern Köpfe.

Armutszeugnis für die Konzernspitze

Den Kompromiss mit den US-Behörden verkaufte Zetsche intern als Sieg. Doch stattdessen kam alles noch einmal schlimmer. Schuld daran war insbesondere ein Fall, der sich beinahe zu einem der größten des gesamten Korruptionsskandals entwickelt hätte. Ruchbar wurde er zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Im April 2010, die Einigung mit SEC und US-Regierung war gerade erst unterzeichnet, meldete sich in Washington jemand mit einer brisanten Information. Daimler besteche die Regierung von Gabun. Es gehe um einen gigantischen Auftrag.

Die Sache nahm ihren Lauf: Hellhörig geworden, informierten die US-Behörden Louis Freeh, und der bat in Stuttgart um Informationen. Zu allem Überfluss stellte sich heraus, dass der Fall Daimlers Compliance-Organisation schon seit 2007 nicht mehr fremd war. Den internen Prüfern war bekannt, dass es um einen 400-Millionen-Euro-Auftrag einer Diktatur ging. Sie wussten, dass sich die Obergesellschafter des Vertriebspartners in Liechtensteiner Stiftungen versteckten und dass an dem Projekt etliche externe Firmen beteiligt waren.

Just bei solch komplexen Strukturen besteht regelmäßig höchste Korruptionsgefahr. Doch die Compliance-Abteilung gab Entwarnung, und das gleich auf mehrere interne Anfragen. Der Auftrag kam nur deshalb bis 2010 nicht zustande, weil sich die Finanzierung als schwierig erwies und es offenbar Verzögerungen bei einigen Partnern gab. Irritiert schaute Kontrolleur Freeh auch im Rest des Konzerns genauer hin. Er fand weitere auffällige Projekte, unter anderem Kommunalaufträge in Russland und Usbekistan, und trug seine Ergebnisse in dem für Daimler so schockierenden ersten Bericht zusammen.

Umbau der Compliance

Die Folge ist ein Umbau der Compliance. Volker Barth (47), bis 2007 als Experte für Betrugs- und Kartelldelikte bei Deloitte, stieg Ende Oktober 2010 zum Chief Compliance Officer auf. Der bis dahin allein verantwortliche Gero Herrmann (55) beschränkte sich zunächst auf die Position des obersten Justiziars und wird jetzt Strategiechef des Konzerns. In der Ebene darunter mussten zwei Mitarbeiter Daimler verlassen, ein weiterer wurde degradiert.

Barth strukturierte um, er baute eine zusätzliche Einheit auf, externe Berater wurden mit umfangreichen Prüfungen beauftragt. So checkt ein KPMG-Team alte Due-Diligence-Prozesse. Die Wirtschaftsprüfung hatte zeitweise mehr als 20 Leute im Einsatz. Sie soll vor allem analysieren, ob Daimlers Vertriebspartner tatsächlich sauber sind oder nicht.

Und jetzt kommt Christine Hohmann-Dennhardt und forciert den Wandel noch einmal. Die Neue habe bereits deutlich gemacht, dass sie die Organisation erst richtig aufbauen müsse, berichtet einer ihrer Leute. Hohmann-Dennhardt stellte intern klar: "Wir müssen den Bereich noch mit Leben füllen."

Es ist ein Armutszeugnis für die Konzernspitze: Hohmann-Dennhardt hat eine Organisation mit rund 250 Leuten in den Abteilungen Recht und Compliance übernommen, seit Jahren bastelt der Konzern an dem Thema - und alles geht von vorn los.

Entlassungen und Degradierungen im Konzern

Wie ernst die Lage ist, zeigen einige Schlaglichter der vergangenen Wochen und Monate: Seit einigen Monaten ermittelt die EU-Kommission gegen Daimler. Der Münchener Konkurrent MAN hatte Kartellabsprachen europäischer Truckhersteller angezeigt und sich dabei auch selbst beschuldigt.

Daimler lässt die Vorwürfe parallel zu den EU-Wettbewerbsexperten von einer Anwaltsfirma untersuchen. Im Feuer stehen sollen dabei auch ehemalige und aktuelle Topmanager. Dass es Absprachen gab, hätten die Stuttgarter bereits zugegeben, heißt es im Umfeld des Truckmanagements. Umstritten sei nur das Ausmaß. Eine Rückstellung für die mögliche Strafe jedenfalls hat der Konzern schon gebildet.

Ein Fall für Freeh? Der SEC-Wächter sah das so, er wollte ein eigenes Team auf die Sache ansetzen. Doch die Daimler-Spitze blockte ihn ab. Kartellvorwürfe fielen nicht unter das für Washington maßgebliche Anti-Korruptionsgesetz Foreign Corrupt Practices Act (FCPA), erläuterte der Vorstand. Das dürfte den ehemaligen FBI-Chef kaum daran hindern, die Vorwürfe in seinen nächsten Bericht aufzunehmen. Er fasst das Thema Compliance schließlich sehr umfassend - genau wie Daimler auch.

Weil schon kleinste Regelverstöße streng geahndet werden, kursieren immer neue Berichte über Entlassungen und Degradierungen im Konzern. Bisweilen sind es bloße Gerüchte, häufig jedoch harte Realitäten: Mal müssen Landeschefs ihre Posten räumen, dann wieder wird plötzlich die Geschäftsführung der Bussparte Evobus umgebaut.

Auch Beförderungen können verhängnisvoll sein

Korruption spielt bei den allermeisten Personalwechseln keine Rolle. Die Vorwürfe reichen von privater Nutzung von Mietwagen über falsche Spesenabrechnungen bis zu teuren Geschenken. "Wer bewusst solche Fehler macht, ist auch empfänglicher für Korruption", rechtfertigt ein Vorstand die Strenge.

Längst nicht immer sind die Fälle eindeutig. Bei drei Bus-Geschäftsführern etwa bestand der Verdacht, dass sie einen Mitarbeiter wegen einer Meldung an die Whistleblower-Hotline entlassen hätten. Belegen ließ sich die Sache nicht, der Mann stand wohl vor allem wegen seiner Leistungen in der Kritik. Also einigte man sich auf einen Kompromiss: Die drei sollten auf andere Positionen wechseln. Lediglich einer der drei Betroffenen war damit nicht einverstanden und verließ das Unternehmen.

Bisweilen werden Managern selbst Beförderungen zum Verhängnis. So sollte ein hochrangiger und glänzend beleumundeter Daimler-Mann zusätzlich eine führende Rolle in der Compliance-Organisation übernehmen. Obwohl noch nicht fest bestellt, hatte er seine Aufgabe sogar schon angetreten. Da meldete sich der stets misstrauische Supercop Freeh. Bei solchen Besetzungen müsse man zu 200 Prozent sicher sein, dass die Kandidaten sauber seien. Er habe Bedenken bei der Personalie.

Die Folgen waren fatal für den vermeintlichen Aufsteiger. Die Vergangenheit des Mannes wurde noch einmal aufs Genaueste geprüft, und in den Abrechnungen fanden sich Unregelmäßigkeiten. Statt nach oben zu klettern, stürzte er ab und wurde auf eine unattraktive Stelle in der Zentrale geschoben.

Insbesondere im mittleren Management und im Vertrieb wächst die Verunsicherung. Aufsichtsräte stöhnen über einen "gelähmten Konzern" und eine "Kultur des Misstrauens". Statt unternehmerisch und eigenständig zu agieren, dächten viele vor allem an eines: sich abzusichern.

Die Compliance-Organisation verärgert alle zusätzlich durch einen Wust an Bürokratie. Selbst Freeh kritisiert in seinem Bericht, der Konzern produziere zwar "eine große Menge Papier, es fehlt aber an einem wirklichen Verständnis der größeren Risiken für Daimler".

So mancher im Konzern setzt seine Hoffnung jetzt auf Hohmann-Dennhardt, die Neue im Vorstand. In den ersten Tagen sei sie immer wieder von Daimler-Mitarbeitern angesprochen worden, heißt es in ihrem Umfeld: "Gut, dass sie da sind", begrüßten sie die neue Kollegin, oder "jetzt geht es aufwärts".

Die Erwartungen sind hoch

Die Erwartungen sind hoch. Viele hoffen, dass sie die Säuberer mäßigt. "Sie müsste jetzt zeigen: Ich übernehme die Verantwortung und stoppe die Übereifrigen", sagt ein Aufsichtsrat. Die ehemalige Verfassungsrichterin genieße eine erstklassige Reputation, sie sei unbelastet, "sie hat es nicht nötig, sich dem SEC-Kontrolleur wie der Restvorstand in Habachtstellung und vorauseilendem Gehorsam zu nähern".

Noch arbeitet Hohmann-Dennhardt gerade dreieinhalb Monate in ihrem Büro in Stuttgart-Untertürkheim, noch ist ihr vieles fremd in der Daimler-Welt. Doch schon hat sie eindeutige Positionen bezogen - auch gegenüber Louis Freeh. Eine von ihm geforderte Überprüfung der Mitarbeiter in Daimlers französischer Zentrale in Paris lehnte sie ab; sie sah Arbeitnehmerrechte nach französischem Gesetz gefährdet. Datenschutz, für die US-Ermittler oft nur ein anderes Wort für Verschleierungsabsichten, ist ihr so wichtig, dass sie sich jetzt auch dafür die Zuständigkeit gesichert hat. Es gehe, sagt Hohmann-Dennhardt intern, um "Verhältnismäßigkeit" - ein zentraler Rechtsgrundsatz.

"Durchaus kühl, sehr präzise und hart im Stehen"

Damit steht sie praktisch im Gegensatz zu ihrem Vorgänger. Der im Vorstand bislang für Compliance verantwortliche Finanzchef Bodo Uebber (51) setzte vor allem auf harte Strafen zur Abschreckung; es wurde schnell gefeuert und später - falls die Vorwürfe sich als falsch herausstellten - notgedrungen eine hohe Abfindung bezahlt. Die neue Vorstandsfrau dagegen will die Meldungen von Whistleblowern genauer untersuchen, bevor sie eingreifen lässt. Sie will die Beschuldigten besser schützen.

Hohmann-Dennhardt interessiert sich vor allem für ein langfristig funktionierendes Regelwerk, das weithin akzeptiert wird. "Haltegurte", so heißt es, wolle sie dem Unternehmen geben. Jeder soll wissen, was geht und was nicht. Keiner soll geopfert werden.

Es spricht nichts dafür, dass Hohmann-Dennhardt von dieser Meinung abgehen könnte. "Durchaus kühl, sehr präzise und hart im Stehen" sei sie, sagt einer, der mit ihr in zwei hessischen Landesregierungen saß. Und Brigitte Zypries, ehemalige Bundesjustizministerin, hat nicht nur in der Auseinandersetzung um den Großen Lauschangriff schnell gemerkt, dass die Juristin "sehr klar in ihren Entscheidungen ist".

Bei Daimler loben sie Hohmann-Dennhardt für ihre "Sicht von außen, die ein Gewinn ist". Doch wie sieht das Louis Freeh, ihr Gegenspieler? Mehrmals schon sind die linke Richterin und der harte Hund vom FBI aufeinandergetroffen. Es müssen recht offene Gespräche gewesen sein, "ohne eine Scheibe dazwischen", wie ein Daimler-Mann sagt.

Intern hat Hohmann-Dennhardt bereits klargemacht, dass sie Freeh gegenüber selbstbewusster auftreten will als ihre Vorgänger. Das Unternehmen könne von dem Amerikaner sicherlich manches lernen. Aber Daimler habe seine Vorgaben bislang zu schnell umgesetzt. Dabei seien Fehler gemacht worden.

Das mag stimmen. Doch davon muss die Vorstandsfrau erst Freeh überzeugen. Denn am Ende, das weiß auch Dieter Zetsche, entscheiden die Amerikaner über Daimler.

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