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Küstenkrieg in Potsdam: Streit um die Uferwege

Foto: TMB / Boettcher

Tatort Potsdam Seegefechte zwischen Geldadel und Kommunalverwaltern

Erbitterte Fehde: Das Zusammenleben von reichen Großbürgern und roten Kommunalverwaltern sorgt immer wieder für Konflikte. Noch ist unklar, ob die Stadt mit der großen Vergangenheit die Kurve in eine leuchtende Zukunft bekommt.

Potsdam - Wenn er hochmögende Investoren (oder auch Journalisten einschlägiger Blätter) durch sein wundersames Reich märchenhafter Liegenschaften führen möchte, dann lädt Theodor Tantzen - 55, gegeltes Haar, elegant gekleidet - schon mal auf eine strahlend weiße Motorjacht. Und lässt auf der Fahrt über die verschlungenen Arme der Havel Schnittchen und Schaumwein reichen. Damit der Besucher von der einstigen Residenz- und Garnisonsstadt auch ja den besten Eindruck mitnimmt, den von See.

Mit dem Spiel der Sichtachsen, dem Blick auf historische Baumonumente und gediegene Villen am schilfbewachsenen Ufersaum, dem weiten Himmel darüber präsentiert sich Potsdam, das preußische Arkadien, von seiner feinsten Seite.

Vor einer öden, zerwühlten Großbaustelle lässt der drahtige Immobilienmanager anlegen. Die hochaufragenden Bauten dahinter tragen freilich klangvolle Namen, es sind Speicher der Staatsbaumeister Boelcke, Persius und - natürlich - Schinkel, einst errichtet zur Einlagerung von Proviant für die Garderegimenter, die hier unter den Augen des jeweiligen Königs gedrillt wurden. Jetzt werden die nüchternen Zweckbauten im Auftrag der Prinz von Preussen Grundbesitz AG, Tantzens Firma, nach allen Regeln der Kunst restauriert und mit luxuriösen Wohnungen ausgestattet, in bester Lage, unmittelbar am Wasser. Unter anderen hat Karstadt-Retter Nicolas Berggruen hier umfangreich investiert.

An Potsdam hängt alles, nach Potsdam drängt alles. Günther Jauch und Wolfgang Joop, Hasso Plattner und Mathias Döpfner haben sich hier standesgemäß niedergelassen, die Schauspielerin Nadja Uhl, die Wella-Erben Gisa und Hans-Joachim Sander, der Filmemacher Volker Schlöndorff, der Dirigent Christian Thielemann und der Ufa-Chef Wolf Bauer. Und dies sind nur die bekanntesten Namen. Pro Jahr kommen derzeit rund 1500 Neubürger zu den knapp 160.000 Einwohner hinzu - wohl mit das stärkste Wachstum einer Stadt im Osten.

"An Potsdam fasziniert mich die Schönheit von Landschaft und Architektur in Verbindung mit einer allgegenwärtigen, oft hässlichen Geschichte", sagt Mathias Döpfner, Vorstandschef von Springer und Potsdamer Neubürger. "Ich war 35 Jahre meines Lebens praktisch heimatlos. Immer woanders. Immer unterwegs. In Potsdam habe ich eine ästhetische Heimat gefunden."

Es ist diese Mischung aus Natur und Kultur, Historie und Modernität, die das Establishment nach Potsdam zieht, die Nähe zur Hauptstadt (bis zum Kanzleramt 35 Autominuten) und das an allen Ecken aufblitzende Weltkulturerbe, vielleicht auch der Geist des alten Preußen und die Abgeschiedenheit vom Großstadtrummel. So entfaltet Potsdam eine ganz sonderbare Dialektik aus rückwärts gewandtem Utopia und vorwärtsgewandtem Ancien Régime, die seinen Reiz ausmacht. Der Paparazzo, der Prominenten mit der Kamera nachstellt, ist hier eine unbekannte Spezies.

Und doch ist dieses Idyll nicht ungestört. Allenthalben flackert die sengende Flamme erbitterten Streites auf. Sorgt für Schlagzeilen in den Gazetten, zuletzt das Gerangel um den Uferweg am Griebnitzsee, ein zeterndes Gezerre zwischen Villenbesitzern an der Karl-Marx- und Virchowstraße, die ihr Grundstück bis zum Seeufer ungestört nutzen wollen, und Bürgern, die auf ihr Recht auf freien Zugang zum Gewässer pochen. Oftmals bleibt der von so viel widerstreitenden Ansprüchen überforderten Obrigkeit nur das Nachsehen. Etwa als sie sich im Streit um Denkmalschutzauflagen mit dem Gönner Günther Jauch verhob.

Die Medien verschaffen den Anliegen der Prominenten gern lautstark Gehör. Sodass von außen der Eindruck entsteht, in Potsdam tobe ein Kampf zwischen Reichen und Roten. Ob in der Auseinandersetzung Jauchs mit der Potsdamer Bau- und Denkmalverwaltung oder der um die Bebauungspläne am Glienicker Horn und um den Uferweg am Griebnitzsee - immer sind es Pleiten, Pech und Pannen, die Gräben zwischen ungelenker Verwaltung (Ost) und selbstbewusstem Großbürgertum (West) aufreißen.

Juristen erleben mit Potsdam goldene Zeiten

"Unprofessionelles Handwerk der Stadt, vornehmlich der Bauverwaltung", so brachte es der Berliner "Tagesspiegel" auf den Punkt, "Versäumnisse und Schlamperei bei Bauplänen, gepaart mit unsensiblem, teils unrechtmäßigem Umgang mit Privateigentum".

Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) residiert in einem behäbigen historischen Bau, einen Steinwurf vom alten Zentrum. Der Ostfriese, Jahrgang 1953, Dreitagebart, ist unlängst in einer Stichwahl gegen einen Herausforderer aus der Linken glanzvoll bestätigt worden. Und steuert die Stadt mit einer Kooperation aus SPD, CDU, FDP und Grünen gegen mögliche Zumutungen der starken Linksfraktion. Die Woche zuvor hatte der Haushaltsausschuss des Bundes rund 50 der umstrittenen Ufergrundstücke der Stadt zugesprochen und damit den Weg für den geplanten Uferweg freigemacht. Und so strahlt Jakobs denn zufriedene Gelassenheit aus.

Zumal er sich eins weiß in der Uferwegsfrage mit prominenten Anliegern: Anlieger Volker Schlöndorff demonstriert für den Uferweg. Und Hasso Plattner, der die Churchill-Villa bewohnt, habe gerade eine flammende Rede für freie Uferwege gehalten, erzählt Jakobs.

Und das, obwohl der großzügige Gönner, der mit rund 200 Millionen Euro Potsdam ein renommiertes Software-Institut spendiert hat, 20 Millionen für die Wiederherstellung der Fassade des Stadtschlosses und gerade die Gründung eines Innovationszentrums mit 100 Beschäftigten ankündigte, durchaus ein Leidtragender der Verstrickungen in der Baubehörde ist. Als sich der Segelfreund nämlich ein Bootshaus leisten wollte, erlebte er eine böse Überraschung.

Jakobs windet sich. Er könne ja verstehen, dass Plattner aufgebracht gewesen sei. Aber schließlich sei dessen Nachbar schuld an der verfahrenen Situation, weil der juristisch gegen den Bebauungsplan vorgegangen sei. Dieser wurde gekippt, und damit war auch das geplante Bootshaus perdu. Und nun droht auch Plattner mit Klage. Juristen jedenfalls erleben mit Potsdam goldene Zeiten.

Jakobs ebenso wie sein Parteifreund und Landesvater Matthias Platzeck sind den Gönnern der Stadt durchaus dankbar. Jedem, der es hören möchte, sagen sie, dass Stadt und Land den Initiativen von Plattner, aber auch Jauch und Döpfner viel zu verdanken haben.

Matthias Platzeck hat sein Staatskanzlei-Büro in einer alten Kaserne nahe dem Bahnhof. Gerade kommt er aus einer Pressekonferenz zum neuen Großflughafen Schönefeld, gleich geht es zum nächsten Termin. Der Mann wirkt gehetzt, doch beim Thema Potsdam steigt die Stimmung. "Ich bin hier am Wasser groß geworden", sagt der gebürtige Potsdamer, "mein Elternhaus lag direkt am Tiefensee. Für einen Heranwachsenden kann es nichts Schöneres geben, als hinterm Haus ein Boot zu haben."

Wenn er die rasante Entwicklung seiner Heimatstadt anspricht, klingt Stolz mit, dass er sie auf den richtigen Weg geführt hat. Die klare Fokussierung auf Wissenschaft und Forschung, Medien und IT-Software, anfangs umstritten, habe reiche Früchte getragen. Plattner sei geradezu verliebt in die Stadt, aus Dublin sei Oracle zugezogen, ein renommiertes Klimafolgenforschungsinstitut hat hier seinen Sitz, ebenso wie ein Geoforschungszentrum. Und die Einsatzzentrale der Bundesstreitkräfte.

"Eine Stadt des alten Geldes"

Und die Konflikte, die das Verhältnis von Reichen und Roten zu vergiften drohen?

"Das soll man nicht wegreden", sagt Platzeck, "aber auch nicht überbewerten. Es ist keine zerrissene Stadt; dass in so einem Entwicklungsprozess - ich komme aus der Physik - auch Reibung entsteht, ist ganz normal."

Ein Ressentiment der Reichen gegenüber der Stadt und ihren Verwaltern mag er nicht recht wahrnehmen. "Wenn Sie nur sehen, was etwa Günther Jauch in diese Stadt hineingetragen hat, der hat die Initialzündung gesetzt für den Wiederaufbau des Stadtschlosses. Ohne das Fortuna-Portal, das er finanziert hat, wären wir wahrscheinlich nicht im Entferntesten so weit. Er kümmert auch in einem unserer Plattenbaubezirke um sozial benachteiligte Kinder. Da ist so viel Positives allein durch diesen Menschen in die Stadt getragen worden - kein Gedanke an Ressentiment."

Seestraße 35. Hinter dem metallenen Tor erhebt sich das wohl prächtigste Herrenhaus in Potsdam, "Villa Wunderkind" steht in goldenen Lettern über dem schneeweißen Portikus: der Firmen- und Privatsitz von Modedesigner Wolfgang Joop.

Der Hausherr wirkt gezeichnet vom ungewissen Schicksal seines Modeunternehmens. In der hohen Halle, mit riesigen Porträtfotos russischer Armeeangehöriger, erscheint er fast verloren. Joop wurde in Potsdam geboren, 1944 auf dem Gut Bornstedt gleich hinter Sanssouci.

"Für mich war von Anfang an klar", sagt der Weltbürger, "dass ich aus Potsdamer Boden komme und in Potsdamer Boden verschwinden werde."

Den Hype um Potsdam sieht der Modemann durchaus kritisch. "Mein Großvater nannte das, was hier teilweise zuzieht, Parvenüs. Das neue Geld gab es früher nicht in Potsdam, das war eine Stadt des alten Geldes", sagt Joop. "Man spürt, dass auch Elemente hier sind, die in Potsdam eher einen Investitionsort sehen. Dieser spekulative Gedanke ist mir sehr fremd." Und doch: "Ich kenne keinen schöneren Ort als die Umgebung von Sanssouci, das Licht der Toskana dort tröstet die Seele."

Der Streit um Uferwege und Bebauungspläne ist dem Schöngeist Lichtjahre fern, er will sich in seinem Elfenbeinschloss davon nicht stören lassen.

Zurück auf der Jacht, der Havel gefolgt. Die sogenannte Speicherstadt ist nur eines der Großobjekte, die der in Bonn ansässige Unternehmer Tantzen, spezialisiert auf die Wiederbelebung denkmalgeschützter und somit steuerlich begünstigter Bausubstanz, hier vorantreibt. Ein paar Schiffsminuten weiter liegt ein Areal, auf dem eine hinfällige Turbinenhalle samt Nebengebäuden in neuzeitliche Loftwohnungen umgewandelt wird. Einen bereits fertiggestellten Bau am Seeufer habe sich ein Frankfurter Investmentbanker gesichert, erzählt er.

Und weil die Ufergrundstücke rar sind, ist er auf Altbauten im Norden der Stadt ausgewichen. Dort hat er ein ehemaliges Stift, einst Internat für Töchter gefallener Preußen-Offiziere, später Residentur des sowjetischen KGB, in eine gediegene Wohnanlage verwandelt. Und sogar das weite Geviert der Stallungen, in denen zu wilhelminischen Zeiten Berittene ihre Pferde stehen hatten, in eine ansehnliche Reihenhaussiedlung für junge Familien.

Tantzens Klientel sind zu 80 Prozent Einzelanleger, davon 40 Prozent solche, die auch ein zweites und drittes Mal wiederkommen; 20 Prozent Private Family Offices. Ein solches kaufe 50 Einheiten, sagt Tantzen, pro Jahr. Sie alle schätzen neben dem historischen Ambiente den schönen Steuervorteil. Als Dreingabe ziehen beim Fest der Fertigstellung jeweils Trupps von korrekt kostümierten Langen Kerls auf. Steht doch dem Aufsichtsrat der Prinz von Preussen AG ein leibhaftiger Urenkel des unseligen letzten deutschen Kaisers vor, der Unternehmer Franz-Friedrich von Preussen.

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