Sonntag, 15. September 2019

Tatort Potsdam Seegefechte zwischen Geldadel und Kommunalverwaltern

Küstenkrieg in Potsdam: Streit um die Uferwege
TMB / Boettcher

3. Teil: "Eine Stadt des alten Geldes"

Und die Konflikte, die das Verhältnis von Reichen und Roten zu vergiften drohen?

"Das soll man nicht wegreden", sagt Platzeck, "aber auch nicht überbewerten. Es ist keine zerrissene Stadt; dass in so einem Entwicklungsprozess - ich komme aus der Physik - auch Reibung entsteht, ist ganz normal."

Ein Ressentiment der Reichen gegenüber der Stadt und ihren Verwaltern mag er nicht recht wahrnehmen. "Wenn Sie nur sehen, was etwa Günther Jauch in diese Stadt hineingetragen hat, der hat die Initialzündung gesetzt für den Wiederaufbau des Stadtschlosses. Ohne das Fortuna-Portal, das er finanziert hat, wären wir wahrscheinlich nicht im Entferntesten so weit. Er kümmert auch in einem unserer Plattenbaubezirke um sozial benachteiligte Kinder. Da ist so viel Positives allein durch diesen Menschen in die Stadt getragen worden - kein Gedanke an Ressentiment."

Seestraße 35. Hinter dem metallenen Tor erhebt sich das wohl prächtigste Herrenhaus in Potsdam, "Villa Wunderkind" steht in goldenen Lettern über dem schneeweißen Portikus: der Firmen- und Privatsitz von Modedesigner Wolfgang Joop.

Der Hausherr wirkt gezeichnet vom ungewissen Schicksal seines Modeunternehmens. In der hohen Halle, mit riesigen Porträtfotos russischer Armeeangehöriger, erscheint er fast verloren. Joop wurde in Potsdam geboren, 1944 auf dem Gut Bornstedt gleich hinter Sanssouci.

"Für mich war von Anfang an klar", sagt der Weltbürger, "dass ich aus Potsdamer Boden komme und in Potsdamer Boden verschwinden werde."

Den Hype um Potsdam sieht der Modemann durchaus kritisch. "Mein Großvater nannte das, was hier teilweise zuzieht, Parvenüs. Das neue Geld gab es früher nicht in Potsdam, das war eine Stadt des alten Geldes", sagt Joop. "Man spürt, dass auch Elemente hier sind, die in Potsdam eher einen Investitionsort sehen. Dieser spekulative Gedanke ist mir sehr fremd." Und doch: "Ich kenne keinen schöneren Ort als die Umgebung von Sanssouci, das Licht der Toskana dort tröstet die Seele."

Der Streit um Uferwege und Bebauungspläne ist dem Schöngeist Lichtjahre fern, er will sich in seinem Elfenbeinschloss davon nicht stören lassen.

Zurück auf der Jacht, der Havel gefolgt. Die sogenannte Speicherstadt ist nur eines der Großobjekte, die der in Bonn ansässige Unternehmer Tantzen, spezialisiert auf die Wiederbelebung denkmalgeschützter und somit steuerlich begünstigter Bausubstanz, hier vorantreibt. Ein paar Schiffsminuten weiter liegt ein Areal, auf dem eine hinfällige Turbinenhalle samt Nebengebäuden in neuzeitliche Loftwohnungen umgewandelt wird. Einen bereits fertiggestellten Bau am Seeufer habe sich ein Frankfurter Investmentbanker gesichert, erzählt er.

Und weil die Ufergrundstücke rar sind, ist er auf Altbauten im Norden der Stadt ausgewichen. Dort hat er ein ehemaliges Stift, einst Internat für Töchter gefallener Preußen-Offiziere, später Residentur des sowjetischen KGB, in eine gediegene Wohnanlage verwandelt. Und sogar das weite Geviert der Stallungen, in denen zu wilhelminischen Zeiten Berittene ihre Pferde stehen hatten, in eine ansehnliche Reihenhaussiedlung für junge Familien.

Tantzens Klientel sind zu 80 Prozent Einzelanleger, davon 40 Prozent solche, die auch ein zweites und drittes Mal wiederkommen; 20 Prozent Private Family Offices. Ein solches kaufe 50 Einheiten, sagt Tantzen, pro Jahr. Sie alle schätzen neben dem historischen Ambiente den schönen Steuervorteil. Als Dreingabe ziehen beim Fest der Fertigstellung jeweils Trupps von korrekt kostümierten Langen Kerls auf. Steht doch dem Aufsichtsrat der Prinz von Preussen AG ein leibhaftiger Urenkel des unseligen letzten deutschen Kaisers vor, der Unternehmer Franz-Friedrich von Preussen.

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