Montag, 21. Oktober 2019

Innovation Wie führt man Kreative?

Innovation: Wie Kreative als Manager von Kreativen agieren
Michael Danner für manager magazin

Die Wirtschaft könnte von Künstlern und Kulturmanagern lernen, wie man kreative Menschen führt. Zum Beispiel von Berlinale-Chef Dieter Kosslick, Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev oder Peter Maffay.

Hamburg - Freiheit, ja Freiheit - darum dreht sich das Leben der Carolyn Christov-Bakargiev. Sie beugt sich über ein improvisiertes Gabelfrühstück, gestikuliert mit gestrecktem Zeigefinger und erzählt von ihren Ideen. Eigentlich müsste die Documenta-Chefin längst weg. Aber sie will jetzt reden, sie ist gerade erst warmgelaufen und mag sich nicht von kleinlichen Terminplänen bremsen lassen. Dann lässt sie ein intellektuelles Gewitter niedergehen, spricht über Giotto und über Adorno, zieht kühne Verbindungen zwischen moderner Kunsttheorie und Neurophysiologie, bekennt sich zum Feminismus und schildert schließlich, wie freizügig sie ihre beiden Teenagertöchter erzieht - eine schwindelerregende Performance.

Freiheit, so viel wird klar, ist für die 53-Jährige ein umfassendes Konzept. Ihr geht es darum, den Künstlern möglichst große Freiräume zu eröffnen. Nur so, sagt die Documenta-Chefin, könne "wahre und wichtige Kunst entstehen".

Einfach alle machen lassen? Ganz so simpel kann ihre Arbeit ja nicht sein. Aber wie führt man denn nun Kreative? Und wie, Mrs. Christov-Bakargiev, managt man die weltgrößte Ausstellung zeitgenössischer Kunst?

Managerin! Wenn sie diesen Begriff schon höre! In ihrem Hang zu Dramatik und Radikalität behauptet die Philologin sogar, sie sei gar keine Managerin. Schließlich stamme das Verb "managen" vom lateinischen "manus", die Hand, ab. Es liege somit "nahe an der Manipulation" - die sie verabscheut.

Sie hingegen, behauptet Christov-Bakargiev, toleriere sogar Totalverweigerung: Sollte bei der Documenta 13 im kommenden Jahr einer der gebuchten Künstler einen Tag vor Beginn aussteigen, dann sei das "völlig okay". Möglicherweise, spekuliert sie, sei "die so entstehende Lücke eine größere und passendere Kunst als das ursprünglich vorgesehene Werk".

Das klingt extrem. Aber bisher hat diese Einstellung funktioniert. Weshalb die Methoden der Carolyn Christov-Bakargiev interessant sein dürften für Manager in der Wirtschaft.

Denn die Amerikanerin, Tochter eines bulgarischen Arztes und einer italienischen Archäologin, ist eine erfolgreiche Spitzenkraft im internationalen Kunstbetrieb. Als sie 2008 die Biennale von Sydney leitete, kam gut ein Drittel mehr Besucher als bei der vorausgegangenen Veranstaltung. Und jetzt in Kassel obliegen der Kosmopolitin Managementaufgaben: Ziele definieren und Abläufe organisieren, qualifiziertes Personal finden und motivieren. Sie verwaltet ein 20-Millionen-Euro-Budget, kümmert sich um Trivialitäten wie neue Kassen- und Toilettenhäuschen, um Versicherungen und Transporte. Vor allem aber geht es darum, radikal neue Kunstwerke aufzuspüren: Bildnisse, Fotografien, Skulpturen und Installationen, wie sie das Publikum nicht einmal erahnt hat - und deshalb unbedingt sehen will.

Bei genauerer Betrachtung unterscheidet sich der aktuelle Job der Carolyn Christov-Bakargiev nicht wesentlich von dem eines Innovationsmanagers. Beide sollen das Noch-nie-Dagewesene finden - und zum Markterfolg führen.

Viele in der Wirtschaft sind derzeit auf der Suche nach dem bahnbrechend Neuen. Von Konsumgüterkonzernen wie Henkel Börsen-Chart zeigen über bedrohte Handyhersteller wie Nokia Börsen-Chart zeigen bis zu den Pharmamultis - sie alle merken, wie ihre tradierten Geschäftsmodelle ausbleichen. Der Hunger nach Innovation ist groß in der Wirtschaft. Nach Ideen für revolutionäre Produkte, die Menschen begeistern. Nach neuen Prozessen, die uneinholbare Wettbewerbsvorteile verschaffen.

Wie aber entsteht das richtige Klima, in dem epochale Einfälle gedeihen, Schnapsideen jedoch als solche erkannt und aussortiert werden? Wie richtet man kreative Köpfe auf Ziele aus? Und wie bringt man sie dazu, in der vorgegebenen Zeit brauchbare Resultate zu liefern?

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