Mittwoch, 20. November 2019

Innovation Wie führt man Kreative?

Innovation: Wie Kreative als Manager von Kreativen agieren
Michael Danner für manager magazin

4. Teil: Das Kreativitätsmanagement von Dieter Kosslick und Peter Maffay

Um selbst in Stimmung zu bleiben, hat Kosslick die lästige Fleißarbeit größtenteils delegiert. Er mischt sich nicht ein in die Filmauswahl seiner Abteilungsleiter und kümmert sich auch sonst wenig ums Mikromanagement, etwa bei der komplizierten Choreografie der Prominentenaufläufe. Schließlich vertraut er dem Sachverstand seiner Jury. Die beurteilt allein die kreativen Leistungen der Regisseure und Schauspieler, der Kameraleute und Drehbuchautoren. Mit Erfolg: Etliche der Filme, die in Berlin einen Goldenen oder Silbernen Bären bekommen, entwickeln sich regelmäßig zu internationalen Kassenschlagern.

Kosslick schafft etwas, das zentral ist für das Kreativitätsmanagement: die richtige Mischung aus Nähe und Distanz zu finden. Die Kreativen ernst nehmen, auch wenn sie manchmal abdriften in Bereiche, die sich der fachlichen Einsicht zu entziehen scheinen. Und dann wieder im richtigen Moment Chef sein: Entscheidungen fällen, Ziele setzen, Rahmen definieren.

Peter Maffay gelingt diese Gratwanderung seit mehr als 40 Jahren. So lange spielt der (nach Hitparadennotierungen) erfolgreichste deutsche Rockmusiker mit seiner Band in nahezu unveränderter Besetzung. Wie ist es ihm gelungen, diese Kerntruppe beisammenzuhalten? Und wie hat er verhindert, dass sich Kontinuität im Zelebrieren alter Rituale erschöpft?

Musikmachen habe "viel mit Selbstverwirklichung zu tun", sagt der Rockstar. Seine Hauptaufgabe als Bandleader sei dann, seinen Musikern diese Selbstverwirklichung zu ermöglichen.

Peter Maffay führt seine Band nicht ex cathedra wie ein Dirigent sein Orchester. Es gibt keine Partitur, die alles festschreibt. Stattdessen " hat bei der Arbeit an den Songs jeder Vorschlag, jede Kritik das gleiche Gewicht", erläutert Maffay.

Einmal, erinnert sich der 61-Jährige, wischte sein Schlagzeuger Bertram Engel beim Einstudieren eines neuen Programms drei Tage Probenarbeit mit einer galligen Bemerkung vom Tisch. Das sei alles zu zahnlos, zu zahm; er "spiele nicht mit alten Männern!", zürnte Engel.

Als Bandleader hätte Maffay seinen Drummer in die Schranken weisen und sich durchsetzen können. Doch er hörte auf ihn. Also wurden die Arrangements von Grund auf neu erarbeitet. Sein vermeintliches Solospektakel, sagt Maffay, sei ein Bandprojekt. Eine präsidial moderierte Demokratie.

Sein Rezept gegen kreativen Stillstand ist das ständige Unterwegssein: an 250 Tagen im Jahr im Tourbus, im Flugzeug oder in seinem großen Pick-up. Außerdem ist er immer auf der Suche nach neuen Formen, nach neuen Kicks.

Aber wie lässt sich eine wirklich revolutionäre Kreation identifizieren? Wie weiß man vorher, dass eine Wild Card als Trumpf sticht? Die meisten erfolgreichen Innovationsmanager berufen sich bei dieser zentralen Frage auf ihr "Bauchgefühl" oder bemühen andere Umschreibungen für Intuition.

Sebastian Turner, Mitgründer der Berliner Hochschule für Creative Leadership, versucht eine Analogie. Er erzählt das Beispiel eines US-Bundesrichters, der als oberster Sittenwächter die prüden Amerikaner vor Schmuddel schützen sollte. Auf die Frage, woran er denn Pornografie erkenne und festmache, soll der Jurist geantwortet haben: "Wenn ich's sehe, weiß ich's."

© manager magazin 4/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung