Mittwoch, 20. November 2019

Innovation Wie führt man Kreative?

Innovation: Wie Kreative als Manager von Kreativen agieren
Michael Danner für manager magazin

3. Teil: Permanente Innovation als Strategie in der Ära der Nachahmer

Weil aus Erfolg rasch Stillstand wird, hält Schmitt Köche und Kellner auf Trab. Er gibt ambitionierte quantitative Ziele vor - Planzahlen für Umsatzwachstum und Rendite zum Beispiel -, doch innerhalb dieses Rahmens sollen sich Köche und Sommeliers frei entfalten: Sie können so lange teuren Hummer einkaufen und edle Champagner von ihren Lieblingswinzern anbieten, wie die Gäste all das häufig genug bestellen. Entscheidungsfreiheit, die motiviert.

Um seine Topgastronomen vor satter Zufriedenheit zu bewahren, macht Schmitt ihnen längerfristige strategische Vorgaben. So soll Joachim Wissler im "S. Pellegrino"-Ranking der weltbesten Köche in die Top Ten vordringen. Von Platz 34 hat sich der "Vendôme"-Küchenchef bereits auf Platz 22 vorgearbeitet. Tendenz weiter steigend.

Für solche Höchstleistungen hält Andreas Schmitt seinen Stars den Rücken frei. Insbesondere indem er ihnen jene Führungsaufgaben abnimmt, die Spitzenköche mit eigenen Restaurants vom kreativen Kochen abhalten: Rechnungswesen und Personalbuchhaltung, Investitionen in Mobiliar und Maschinenpark.

Der Manager wird in diesem Modell zum Dienstleister für die Kreativen. Die können ihre Energie dann auf das Finden neuer Wild Cards konzentrieren, auf das Überprüfen der Ideen und auf das Erproben der Prototypen.

Was bei Topgastronomen nicht weniger Arbeit macht als bei den Entwicklern der Industrie: Bevor ein neues Gericht zum ersten Mal auf der Speisekarte auftaucht, hat ein Drei-Sterne-Koch mehrere Rohstoffanbieter ausprobiert und danach mit seiner Küchencrew im Schnitt drei Monate lang experimentiert sowie mit dem Sommelier die passenden Weine abgestimmt.

Permanente Innovation, fortgesetzte Weiterentwicklung der Produkte - dieses Prinzip wird in der Ära der Nachahmer zur dominanten Strategie. Das sieht auch Dieter Kosslick so. Gerade hat er zum zehnten Mal die Berlinale, das weltgrößte Filmfestival mit Publikumsbeteiligung, über die Bühne gebracht. Jetzt ist er etwas erschöpft, aber hochzufrieden.

"Eine Berlinale ist erst dann ein Erfolg", sagt Kosslick, "wenn sich am Ende alle auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr freuen." Mit diesem Prinzip hat der 62-Jährige das Filmfest groß gemacht. Auch in diesem Jahr wurden 300.000 Kinokarten verkauft, gut 10 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Die Umsätze der Filmmesse EFM, des kommerziellen Festspielteils, steigen Jahr um Jahr.

Tatsächlich, das bestätigen Kosslicks Weggefährten und Mitarbeiter, ist sein Geschick als Maître de Plaisir die auffälligste Fähigkeit des Intendanten. Wo der Schnauzbart mit der grauen Igelfrisur auftaucht, wird gelacht und einander zugeprostet, gibt's Bussis und Komplimente.

Während der Festspieltage setzt Kosslick dieses Talent dann fast rund um die Uhr ein: mittags in der Teambesprechung, nachmittags während der Kaffeepause einer Jurysitzung, abends am roten Teppich vor den Festivalkinos, nach Mitternacht auf der After-Show-Party und am nächsten Morgen beim Katerfrühstück mit übernächtigten Filmkritikern.

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