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EZB-Chef Kandidaten: Qualifikation, Urteile Vorurteile

Europäische Zentralbank Welche Banker den Euro zusammenhalten sollen

Die Zentralbank steckt im Umbruch, die Nachfolge von Jean-Claude Trichet ist wieder offen. Kann die EZB den Euro künftig stabil halten? Wer hält Europa noch zusammen? Ein Blick hinter die Kulissen eines verschwiegenen Gremiums, das gefordert ist wie nie zuvor.

Hamburg - Es ist ein Ritual. Mit der Einladung zur Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) an jedem ersten und dritten Donnerstag des Monats erhalten die Mitglieder einen dezenten Hinweis: Übrigens, sollten Sie bereits am Vorabend in Frankfurt sein, sind Sie herzlich eingeladen zu einem gemeinsamen Dinner ... Es klingt wie eine beiläufig ausgesprochene Einladung. Dabei weiß jeder der Beteiligten, dass an diesen Abenden die wirklich wichtigen Dinge passieren: Die Euro-Bruderschaft trifft sich zur Tafelrunde.

Anders als bei den offiziellen Sitzungen des EZB-Rats am folgenden Tag, ist man am Vorabend unter sich. Ohne Berater. Ohne EU-Kommissare. Nur EZB-Gouverneure. Man isst, trinkt und spricht. Es gibt keine vorab verschickte Agenda, keine Kompendien mit Statistiken. Die Teilnehmer sind zum Stillschweigen verpflichtet. Dies sind keine lockeren Plauderrunden, sondern sie werden straff von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet (68) geführt. Kerzengerade sitzt er am Tisch, neben seinem Gedeck einen vorbereiteten Zettel mit den entscheidenden Punkten. Zwischendurch streicht er seine graue Mähne zurecht.

Ökonomische und politische Einschätzungen werden ausgetauscht, Sitzungen der G-20 und des Baseler Ausschusses (an denen die kleinen Euro-Staaten nicht teilnehmen) nachbesprochen, Konfliktlinien und Kompromisse ausgelotet. Kann die EZB die Zinsen endlich anheben? Oder wäre dann mit weiteren Staatspleiten zu rechnen?

Es geht um Themen von großer Tragweite: Die Inflation steigt weltweit an, auch im Euro-Raum liegt sie über dem Zielwert von 2 Prozent. Portugal und Spanien stolpern an den Rand eines Bankrotts. Davon könnte ein Dominoeffekt ausgehen, der die Existenz der Währungsunion, ja das Weltfinanzsystem insgesamt gefährdet.

Ob die Rettungsschirme halten, ist nicht ausgemacht. Die Europäische Union ist zwar dabei, die Stabilisierungs- und Vorsorgemechanismen weiterzuentwickeln. "Aber es ist jetzt schon klar, dass die Ergebnisse weit hinter den Erwartungen zurückbleiben werden", heißt es in der Bundesregierung. Eine Enttäuschung sei programmiert. Entsprechend nervös sind die Märkte.

All das düstert im Hintergrund, wenn sich die Notenbanker treffen.

Rennen um Trichet-Nachfolge nach Webers Abgang wieder offen

Man muss sich die Dinnergespräche als durchaus emotionale Veranstaltungen vorstellen. Die sonst so verhalten auftretenden Geldgouverneure lassen an diesen Abenden auch mal ordentlich Dampf ab, sie streiten, zuweilen heftig und grundsätzlich. Anschließend raucht man eine Zigarre und rauft sich zusammen. Große Konflikte sollen im kleinen Kreis ausgetragen werden, nicht in der offiziellen Sitzung am Folgetag, wenn EU-Kommissar Olli Rehn und diverse Berater dabei sind - oder gar später in der Öffentlichkeit. Dort präsentiert sich die Bruderschaft (auch das einzige weibliche Mitglied, die Österreicherin Gertrude Tumpel-Gugerell, wird demnächst durch einen Mann ersetzt) als erstaunlich homogener Block.

Bei keiner anderen Zentralbank ist der informelle Teil der Zusammenarbeit so wichtig wie bei der EZB. Denn bei keiner ist die Machtbalance so fragil; die Gouverneure der nationalen Notenbanken sind in der erdrückenden Mehrheit. Bei keiner anderen ist der Chef so sehr als Leitwolf und Moderator gefordert. Entsprechend groß ist das Vakuum, das entsteht, wenn Trichet im Oktober turnusgemäß abtritt. Wer dem ebenso strengen wie charmanten Franzosen nachfolgt, ist keine Routineentscheidung, sondern eine Personalie von großer Tragweite.

Doch eine Lösung liegt in weiter Ferne.

Das Rennen ist offen, seit Axel Weber (54) seinen Ausstieg angekündigt hat. Er hätte beste Chancen gehabt. Aber "Äxel", wie sie den scheidenden Bundesbank-Präsidenten im trauten englischen Plauderton des EZB-Rats nennen, will nicht mehr. Sieben Jahre lang war er Mitglied der Euro-Bruderschaft. Zum 30. April ist für ihn Schluss. Viele seiner Kollegen bedauern seinen Abgang, trotz allem. Sie mögen den leutseligen Pfälzer, auch wenn er zuletzt in der Gruppe inhaltlich isoliert war, weil er öffentlich über die Unterstützung der Krisenstaaten durch die EZB gemeckert hatte.

Doch Weber hat andere Pläne: erst mal zurück an die Uni, dann in die Privatwirtschaft, womöglich zur Deutschen Bank .

Der "No-Bullshit Guy"

Das wäre - einerseits - ein unerhörter Tabubruch. Andererseits wäre es nicht mal das Schlimmste. Webers Weigerung könnte die EZB in einer äußerst kritischen Phase schwächen:

  • Die Staatsfinanzkrise steuert auf ihren Höhepunkt zu. Ob ein Flächenbrand eingedämmt werden kann, hängt nicht zuletzt von der EZB und ihrem Präsidenten ab.
  • Die ökonomischen Fliehkräfte nehmen zu. Während Länder wie Griechenland und Spanien noch auf Jahre in schweren Strukturkrisen stecken werden, boomen Deutschland und wenige andere Kernstaaten, wo Inflationsängste um sich greifen. Entsprechend schwierig wird es, auch künftig eine Geldpolitik für alle durchzusetzen.
  • Mehr als bisher muss die EZB um ihre Unabhängigkeit kämpfen. Nach dem EU-Vertrag mag sie allein dem Ziel der Preisstabilität verpflichtet sein. Doch die Krise hat ihr weitere Aufgaben aufgebürdet: Banken retten und Staaten stützen, die Finanzstabilität sichern - all das gehört jetzt zu ihren Zielen. Umso mehr braucht es eine kraftvolle EZB-Führung, die den Einzelinteressen der Finanzwirtschaft und der Politik die Stirn bietet.

Gemessen an den derzeitigen Umwälzungen, waren die ersten zwölf Jahre der Euro-Ära eine ruhige Zeit.

Dass in dieser Situation kein natürlicher Nachfolger für die EZB-Spitze parat steht, ist ein Problem. Der Generationenwechsel kann die Glaubwürdigkeit der Notenbank ernsthaft beschädigen. Jean-Claude Trichet ist im Rat der Letzte aus der Ära der eisenharten Inflationsbekämpfer, die sich in den 80er und 90er Jahren den Respekt der Bürger und der Märkte erstritten haben. Die nächste Generation muss sich das Vertrauen der Öffentlichkeit erst noch erarbeiten.

Die verbliebenen Bewerber sind zwar fähige Persönlichkeiten, allerdings alle mit Schwächen. Vielleicht wird es aber auch jemand ganz anderes, wirr wie die Wege europäischer Politik manchmal sind. So entsteht zusätzliche Unsicherheit zur Unzeit.

Als Frontrunner gilt derzeit Mario Draghi (63). Formal ist der gebürtige Römer wohl der qualifizierteste unter den Kandidaten. Er war Ökonomieprofessor, half als Finanzstaatssekretär, Italien den Euro-Beitritt zu ermöglichen, wechselte zur Investmentbank Goldman Sachs  nach London, bevor er 2006 Gouverneur der Banca d'Italia, der italienischen Notenbank, wurde; seit Ausbruch der Finanzkrise ist er nebenher auch noch Chef des Financial Stability Board (FSB), des administrativen Arms der G-20.

Draghis Problem ist der Nord-Süd-Proporz

Weggefährten aus Goldman-Zeiten schildern ihn als weltläufigen "No-Bullshit Guy", als "hochgradig smarten, sachlichen Technokraten". In seiner kühlen Art habe er geradezu wie ein Deutscher gewirkt. So verkauft er sich auch heute: als deutschester unter den Kandidaten, als Garant für einen auch weiterhin harten Euro. Kaum einer zweifelt daran, dass er als EZB-Chef auf einen strikten Anti-Inflationskurs setzen würde, schon um die Zweifel an seiner Herkunft aus einem traditionellen Weichwährungsland zu zerstreuen.

Gegen Draghi spricht allerdings der europäische Nord-Süd-Proporz. Da schon ein Portugiese, Vitor Constâncio (67), EZB-Vize ist, muss nach gängiger EU-Logik ein Nordeuropäer Präsident werden. Genau aus diesem Grund hat übrigens Kanzlerin Angela Merkel im vorigen Jahr Constâncio durchgedrückt - damit alles auf Axel Weber zulaufen würde. Da der nun aussteigt, hat Draghi wieder Chancen.

Dass er als Goldman-Partner an Budgettricksereien in Griechenland, die letztlich in die jetzige Krise geführt haben, beteiligt gewesen sei, hat Draghi glaubhaft zurückgewiesen. Unbestritten ist aber, dass es sein Job war, Kontakte zu den Regierungen zu pflegen. Für seine Investmentbanking-Kollegen war er Türöffner und "sounding board", jemand, mit dem man Geschäftsideen ventilieren konnte.

Das ist nicht unehrenhaft. Und doch könnte seine Goldman-Vergangenheit einigen Regierungen übel aufstoßen. Gerade aus dem kapitalismuskritischen Frankreich tönen Vorbehalte.

Vor allem aber stellt sich die Frage, ob der kühle Draghi in der Lage wäre, den 23-köpfigen EZB-Rat zu führen.

Gerade angesichts der zunehmenden Divergenzen im Euro-Raum bräuchte es einen EZB-Chef, der nicht nur über lange Erfahrung im Zentralbankgeschäft verfügt, sondern der auch eine Persönlichkeit ist, die den vielköpfigen, multinationalen EZB-Rat immer wieder zu einer Einheit zusammenschweißt - zu jener Bruderschaft, die er seit Beginn der Währungsunion geworden ist. Der wie seine Vorgänger Wim Duisenberg und Jean-Claude Trichet die Fähigkeit besitzt, informelle Treffen zu teambildenden Events zu machen.

Kandidat von außen

Kann Draghi das? Fachlich wird er von seinen Kollegen hoch geschätzt. Menschlich jedoch bleibt er auf Distanz. Im EZB-Rat gilt er als einer, der den informellen Teil der Arbeit tunlichst meidet. Symptomatisch finden es Insider, dass er auf dem aktuellen Gruppenfoto des Rates fehlt.

Wie wichtig die weichen Faktoren für die Führung der EZB sind, hat Jean-Claude Trichet gerade noch einmal vorgeführt. Auf der Ratssitzung am 3. März drückte er einen Kurswechsel durch und stellte Zinserhöhungen in Aussicht.

Wer sich in den Wochen zuvor mit Gouverneuren der nationalen Notenbanken unterhielt, verließ sie mit dem Eindruck, sie sähen eigentlich keinen Grund für einen Kurswechsel. Entsprechend ließen sich die meisten Zentralbank-Beobachter einlullen: Die EZB bleibt auf Niedrigstzinskurs, lautete die gängige Enschätzung.

Trichets Frankfurter Direktorium hingegen hatte bereits seit Längerem hintergründige Signale ausgesandt: Man müsse bald gegen die Inflationsdynamik vorgehen. Von Chefökonom Jürgen Stark (62, Deutscher) über José Manuel González-Páramo (52, Spanier) bis zu Lorenzo Bini Smaghi (54, Italiener) bereiteten sie schon geraume Zeit den Boden für die Zinswende. Denn so etwas gelingt im EZB-Rat nicht per Dekret, sondern durch Überzeugungskraft.

Sollte ein künftiger Präsident versuchen, sich rücksichtslos durchzusetzen, droht der Korpsgeist zerstört zu werden. Die Zentralbank wäre dann nicht mehr handlungsfähig. Eine in Fraktionen zerstrittene EZB könnte unabsehbaren Schaden anrichten.

So wie die Euro-Bank verfasst ist, spielt der formale Rang eine geringere Rolle als die Position in der informellen Hackordnung. Dafür ist es nicht allein entscheidend, wie groß die Volkswirtschaft ist, aus der man kommt, obwohl die Geldgouverneure aus Deutschland und Frankreich qua ökonomischem Gewicht herausgehobene Rollen spielen. Es geht um Erfahrung, Persönlichkeit, intellektuelles Niveau, Brillanz des Vortrags.

Athanasios Orphanides gilt als Schwergewicht

So gilt Athanasios Orphanides (49) als Schwergewicht im EZB-Rat, obwohl er nur das kleine Zypern vertritt. Aber er ist ein international geachteter Geldtheoretiker, er hat eine Menge wegweisender Papiere geschrieben und lange in den USA für die Federal Reserve Bank gearbeitet. Als EZB-Präsident käme er allerdings nicht infrage, schon weil sein Land erst 2008 Euro-Mitglied wurde.

Der Österreicher Ewald Nowotny (66) hingegen wurde schon als Kompromisskandidat gehandelt. Der Ex-Wirtschaftsprofessor und Ex-Banker gilt im Rat als Fachmann für Mittel- und Osteuropa. Er hat bereits abgesagt - der Familie wegen.

Reelle Chancen auf die EZB-Präsidentschaft hat Erkki Liikanen (60). Der finnische Notenbanker verfügt über breite Erfahrung. Im EZB-Rat hält er sich eher zurück, versucht nur knapp die Punkte rüberzubringen, die ihm besonders wichtig sind. Der unprätentiöse Liikanen gilt als geldpolitischer Pragmatiker, der im Rat immer wieder schlichtet und Kompromisslinien aufzeigt. Es gibt allerdings Zweifel, ob er die Rückendeckung der Regierung in Helsinki hat.

Bei Licht betrachtet, hat Yves Mersch (61) womöglich die besten Chancen. Im EZB-Rat ist er eine zentrale Figur. Kaum einer kennt sich mit den Verästelungen der Euro-Politik so gut aus wie er. Kritiker monieren, dass der Luxemburger von Haus aus Jurist ist. Allerdings: Auch Trichet startete seine Karriere nicht als Ökonom, sondern als Ingenieur.

Mersch und Liikanen mögen geeignete Kandidaten sein, doch sie haben ein Problem: Wenn sie ins Amt kämen, gäbe es nach Trichets Ausscheiden keinen französischen Vertreter im sechsköpfigen EZB-Direktorium mehr - während die übrigen großen Euro-Staaten Deutschland, Italien und Spanien vertreten wären. Ein Affront exeptionel.

So beginnt nun hinter den Kulissen das große europäische Postengeschacher. Womöglich könnte Frankreich entschädigt werden, spekulieren manche, indem es den Vorsitz der Europäischen Investitionsbank (EIB), wo ebenfalls ein Wechsel ansteht, erhält. Oder indem es auch den nächsten Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) stellen darf, falls Dominique Strauss-Kahn 2012 bei den Präsidentschaftswahlen gegen Nicolas Sarkozy antritt. Oder indem Spanien auf seinen Sitz im EZB-Direktorium zugunsten Frankreichs verzichtet, wenn González-Páramo nächstes Jahr planmäßig aus dem Amt scheidet.

Vielleicht können sich Deutsche und Franzosen doch noch auf Draghi einigen. Vielleicht wird es aber auch ein ganz anderer Kandidat von außen.

Die eigentlich entscheidende Frage, wer der oder die am besten Geeignete für den heiklen EZB-Spitzenposten wäre, droht dabei in den Hintergrund zu treten.

Es sei inzwischen sogar möglich, raunt ein einflussreicher Euro-Banker düster, dass die Staats- und Regierungschefs beim EU-Gipfel im Sommer eine gänzlich ungeeignete Figur zum EZB-Präsidenten kürten: "So desolat, wie sich die europäische Politik derzeit präsentiert, muss man mit allem rechnen."

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