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Lebensmittel: Welt in der Ernährungskrise

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Preisspirale Hungerkrise wird zur fatalen Gefahr für den Westen

Brot ist das Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Doch dieses Brot wird aufgrund global steigender Weizenpreise immer teurer. Das erschüttert längst nicht mehr nur die Dritte Welt und den Nahen Osten. Diese Krise kann zu einer fundamentalen Gefahr für den Wohlstand des Westens werden.

Hamburg - Am Anfang war der Hunger. Die Demonstranten in Tunis reckten Baguettes in die Höhe - als Protest gegen die hohen Brot- und Lebensmittelpreise. Zum Hunger kam Appetit auf Freiheit und Demokratie. Plötzlich entstand eine Revolution und schickte Tunesiens Führer Ben Ali in die Wüste.

Gestern Tunesien und Ägypten, heute Libyen und morgen andere arabische Staaten, Emirate und Sultanate - allerorten in Nahost mucken die Untertanen gegen die herrschenden Despoten auf und verjagen sie.

Bei all den Aufständen spielt Brot eine entscheidende Rolle. "Aysh" heißt auf Arabisch Brot, aber auch Leben. Es ist das Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Doch dieses Brot wurde aufgrund global steigender Weizenpreise in den vergangenen Monaten immer teurer und damit für viele Menschen in Nahost unbezahlbar. Vor allem deshalb gingen sie auf die Straßen und rebellierten.

Nicht nur im Nahen Osten rumort es gewaltig. Durch die Straßen der indischen Hauptstadt Neu-Delhi zogen Ende Februar 40.000 aufgebrachte Menschen. Sie protestierten gegen steigende Preise für Reis, Weizen und Zwiebeln.

In China ist laut einer Umfrage des Internetportals Baidu heute die größte Sorge der Menschen nicht fehlende politische Freiheit, sondern der Mangel an preiswerter Nahrung. Schon demonstrieren erste Unzufriedene. Durch Chinas Städte weht ein Hauch von Jasmin-Revolution, der noch durch die Polizei an einer Weiterverbreitung gehindert wird.

Weitere Hungerrevolten drohen, denn die Menschheit steckt mitten in einer globalen Ernährungskrise. Einer Krise, die mangels unmittelbarer Betroffenheit im Westen lange ignoriert und als Dritte-Welt-Problem verniedlicht wurde.

Eine fatale Fehleinschätzung. Diese Krise kann auch zu einer fundamentalen Gefahr für den Wohlstand des Westens werden: weil sie ganze Regionen wie den Nahen Osten destabilisiert und deshalb den Ölpreis steigen lässt; weil sie die Stabilität der Wirtschaftswunderländer China, Indien und Indonesien ins Wanken bringt - gerade jener Nationen also, auf die sich die Hoffnungen westlicher Konzerne konzentrieren und denen gerade das Exportland Bundesrepublik einen Großteil seiner ökonomischen Dynamik verdankt.

Sollte es ganz schlimm kommen, könnten Millionen Hungerflüchtlinge auf die westlichen Wohlstandsinseln strömen.

Langsam dämmert es den reichen Ländern, dass sich da eine gefährliche Melange zusammenbraut. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat deshalb die Nahrungsmittelkrise zum Topthema seiner G-20-Präsidentschaft gemacht. In Berlin beschäftigen sich gleich mehrere Ministerien mit Ursachen und Konsequenzen dieser Krise.

Schlechte Ernte: Entwicklung der Lebensmittelpreise

Schlechte Ernte: Entwicklung der Lebensmittelpreise

Foto: manager magazin

Eine Patentlösung, die all die verschiedenen Probleme in jeder Region der Welt beseitigt, werden die Ministerialen sicher nicht finden. Es bieten sich aber vier Maßnahmen an, um die Versorgung der Weltbevölkerung zu sichern:

  • die Steigerung der Ernteerträge mithilfe neuer Technologien;
  • die Verbesserung der ländlichen Infrastruktur;
  • der freie Handel mit Agrargütern;
  • das Ende der Verschwendung von Lebensmitteln.

Weltweites Auseinanderklaffen von Nachfrage und Angebot

Nur mit einer kombinierten Vorgehensweise lässt sich die fundamentale Ursache der Ernährungskrise bekämpfen - das weltweite Auseinanderklaffen von Nachfrage nach Lebensmitteln und Angebot der Landwirtschaft.

Die Nachfrage steigt, weil immer mehr Menschen auf der Erde leben. Das Angebot stagniert, weil rund um den Globus Land und Wasser limitiert sind. Zudem vernichtet der Klimawandel zunehmend Ernten. Und infolge der Biospritpolitik vieler Länder landen immer mehr Lebensmittel im Tank statt auf dem Teller.

Weil sich Angebot und Nachfrage immer weiter auseinanderentwickeln, steigen die Preise für nahezu alle Agrarrohstoffe. Inzwischen haben viele Rekordniveau erreicht, meldet die Welternährungsorganisation FAO. Deren Food Price Index, in den alle wichtigen Agrarrohstoffe einfließen, lag im Februar auf dem höchsten Stand seit seiner Einführung im Jahr 1990. Und ein Ende des Preisschubs ist nicht in Sicht. "Die Rohstoffpreise werden weiter steigen", prophezeit Agrarministerin Ilse Aigner.

An den Ursachen der Krise wird sich so schnell nichts ändern. Im Gegenteil: Sie werden sich eher noch verschärfen. Knapp sieben Milliarden Menschen leben derzeit auf der Erde. 2050 werden, so UN-Schätzungen, rund neun Milliarden Menschen zu versorgen sein.

Viele von ihnen werden sich aufwendiger ernähren. Vor allem in den Schwellenländern wie Brasilien, China und Indien will die neue Mittelschicht so essen wie wir im Westen. "Diet Globalization" nennt Joachim von Braun, Direktor des Bonner Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) und einer der weltweit profiliertesten Ernährungsexperten, dieses Phänomen. Von Braun: "Das Essverhalten auf der Welt wird immer ähnlicher." Vor allem wird es westlicher: viel Brot, viel Fleisch, viele Milchprodukte. Gebraucht werden noch mehr Hühner, Rinder, Schweine und noch mehr Futtermittel.

Woher sollen die nötigen Flächen für Äcker und Weiden kommen? Die Erde hat ihre Kapazitätsgrenze erreicht. In Russland, der Ukraine und in Südamerika gibt es noch unbeackerte Felder. Aber sonst? In China schrumpft die landwirtschaftliche Nutzfläche, nähert sich der "hong xia", der roten Linie von 120 Millionen Hektar, die zur Selbstversorgung mit Getreide benötigt werden. Die USA verlieren jedes Jahr 400.000 Hektar Ackerland.

Trotzdem leisten sich gerade die USA eine unverantwortliche Biospritpolitik. Sie subventionieren Mais, der zu Benzin verarbeitet wird. Bereits jetzt landen rund 40 Prozent der amerikanischen Maisernte im Tank. Dieser Anteil wird in den nächsten Jahren auf rund 60 Prozent steigen. US-Agrarminister Tom Vilsack trotzt aller Kritik: "Es gibt für uns keinen Grund, den Fuß vom Gas zu nehmen."

So kommt es zu einer mörderischen Flächenkonkurrenz. Die Bauern in aller Welt müssen sich entscheiden: Baue ich Mais (in den USA), Zuckerrohr (in Brasilien) oder Palmöl (in Indonesien) zum Essen oder zum Fahren an? Für diese Alternative hat Nestlé-Verwaltungsratschef Peter Brabeck-Letmathe keinerlei Verständnis: "absoluter Wahnsinn".

Er echauffiert sich beim Thema Nahrungsmittelkrise. Sein Lieblingsobjekt: Wasser - neben Land der zweite wichtige limitierende Faktor. Die Landwirtschaft ist der größte Wasserverbraucher der Welt. Ein Beispiel: Um ein Kilo Rindfleisch zu erzeugen, werden rund 15.000 Liter Wasser gebraucht.

Doch das dringend benötigte Nass versiegt in beunruhigendem Tempo. Die Grundwasserpegel in China und Indien sinken, wichtige Flüsse trocknen aus, die Versteppung schreitet weltweit voran.

Eine wichtige Rolle spielt hierbei der Klimawandel. Trockene Gegenden werden noch trockener. Australien, ein großes Agrar-Exportland, Afrika südlich der Sahara und Südamerika werden als Erste unter der fortschreitenden Erderwärmung zu leiden haben, so zeigen es gängige Modelle der Klimawissenschaftler.

Rettung durch die "zweite grüne Revolution"?

Forscher der Stanford University haben errechnet, dass ein Temperaturanstieg um 1,5 Grad die Erträge in der Landwirtschaft um 10 bis 20 Prozent sinken lässt. Stanford-Professorin Rosamond Naylor: "Ich frage mich, wie wir angesichts dieser Auswirkungen des Klimawandels acht oder neun Milliarden Menschen ernähren können."

Denn statt weniger müssten deutlich mehr Agrarrohstoffe angebaut werden. Um rund 70 Prozent müsste bis 2050 nach Weltbank-Schätzungen die Nahrungsmittelproduktion steigen, damit neun Milliarden Menschen satt werden.

Aber lässt sich der Globus noch weiter auspressen? Und wenn ja, wie?

Mithilfe modernster Technologien, antworten die meisten Agrarwissenschaftler. Eine Wiederholung der "grünen Revolution" ist für sie der Königsweg aus der drohenden Nahrungsmittelkrise. So wie es in den 60er Jahren mittels Dünger und Pflanzenschutz gelang, die Lebensmittelproduktion in Asien drastisch zu erhöhen, so soll eine "zweite grüne Revolution" die Rettung bringen.

Innovative Technik - so fordert etwa FAO-Generaldirektor Jacques Diouf - müsse es den Bauern ermöglichen, nachhaltig die wachsende Weltbevölkerung mit ihren steigenden Ansprüchen zu ernähren und zugleich die Industrie mit regenerativen Rohstoffen zu versorgen.

Die Agrarkonzerne arbeiten daran. Bayer CropScience etwa, die Agrartochter des Leverkusener Chemiekonzerns.

Nebel wabert an diesem feuchtkalten Februartag über den Technologiepark Zwijnaarde. Die Gebäude der Universität Gent und ihrer Spin-offs verschwimmen in fahlem Halbdunkel. Doch über dem Grau schwebt wie ein Ufo ein rosa Leuchten - die Hightech-Gewächshäuser von Bayer CropScience.

Auf 3000 Quadratmetern werden hier Pflanzenprototypen kultiviert: Hochleistungsweizen, der für den gleichen Spitzenertrag wie seine konventionellen Verwandten weniger Nährstoffe benötigt. Raps, der seine Schoten später öffnet, damit die ölhaltigen Samen nicht vor der Ernte herausfallen. Oder Reis, dem der für seine schmalen Blätter tödliche Bakterienbrand nichts anhaben kann.

Die nützlichen Eigenschaften haben ihnen Biologen, Chemiker, Physiker und Informatiker angezüchtet. "Wir betreiben hier Grundlagenforschung für eine effizientere Landwirtschaft", erklärt Michael Metzlaff, der für Bayer CropScience die Zusammenarbeit mit externen Forschungseinrichtungen koordiniert, die Arbeit der 300 Bayer-Wissenschaftler.

Mithilfe von Biotechnologie - markergestützter Selektion etwa, Metabolomik, Systembiologie oder Gentechnik - suchen sie nach Wegen, den Ertrag von Kulturpflanzen zu steigern und deren Anfälligkeit für Schädlingsbefall oder Stress wie Trockenheit oder versalzene Böden zu verringern. "Alles, was mindestens 5 Prozent mehr Ernteertrag bringt, verfolgen wir weiter", sagt Metzlaff.

Die Technik bietet eine enorme Bandbreite an Möglichkeiten, um die Agrarproduktivität zu steigern. Die Palette reicht vom Supersaatgut aus den Laboren von Bayer  bis Syngenta  über satellitengestützten Präzisionsanbau bis hin zu den alternativen Methoden der Biointensivierung und futuristischen Ideen wie dem Vertical Farming, das Bauernhöfe als Hochhäuser in den Städten plant - mit Gemüse im Keller, Getreide auf den Etagen und Kuhweiden im Dachgeschoss.

Eine Milliarde Menschen hungern

Eine Anbaumethode, bei der der Boden nicht gepflügt wird, kann in tropischen Gegenden wie dem Ganges-Delta die Weizenernte steigern und die Bodenerosion verhindern. Das Saatgut wird direkt in die unbearbeitete Erde gebohrt. Die Keimlinge nutzen die Reste der vorherigen Bepflanzung als Nährstoff.

In Ägypten beackert die Sekem-Großfarm ehemaliges Wüstenland mit Tröpfchenbewässerung und nach Richtlinien der Demeter-Lehre. Das Unternehmen erwirtschaftet mit der Lieferung von Biogemüse und -kräutern nach Deutschland rund 30 Millionen Euro Jahresumsatz und beschäftigt 2000 Bauern.

Und auf dem Loermannhof bei Harsewinkel - tief in Ostwestfalen - thront der Bauer auf einem Präzisionsmähdrescher des ortsansässigen Herstellers Claas. Die sechs Meter breite Maschine bewegt er mit einem Joystick absolut akkurat über seine riesigen Weizenfelder. Bis auf zwei Zentimeter genau erwischt er die Zeilen - kein Halm bleibt stehen. "Diese Perfektion fährt 10 Prozent mehr Korn ein", sagt Jens Möller, der den Claas-Bereich Agrosystems leitet.

Forschung und Technik könnten weltweit die Produktion von Nahrungsmitteln erheblich steigern - darüber sind sich die Experten einig. Doch erfordern die Entwicklung, Einführung und Anpassung der Neuerungen an lokale Bedingungen hohe Investitionen - vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Um etwa die erschütternde Zahl der Hungernden von derzeit einer Milliarde Menschen auf 600 Millionen zu verringern, müssten laut ZEF-Berechnungen die Ausgaben für die Agrarforschung in der Dritten Welt von zurzeit 5 auf 15 Milliarden Dollar verdreifacht werden.

Weltweit aber nahmen die Ausgaben - vor allem die der öffentlichen Hand - für die Landwirtschaft in den beiden vergangenen Jahrzehnten eher ab als zu. Und wenn Gelder flossen, dann nicht in die Wissenschaft, sondern in Subventionen - etwa für den ökologisch höchst umstrittenen Biosprit. Nennenswert höhere Summen steckten nur Konzerne wie BASF  oder Monsanto  in die Agrarwissenschaft, und das fast nur bei lukrativem Mais, Soja, Raps oder Weizen.

"Die Regierungen in aller Welt müssen endlich wieder den ländlichen Raum in den armen Ländern stärker entwickeln", fordert FAO-Ökonom David Dawe. "Und zwar in den Bereichen, die den privaten Sektor mangels Gewinnchancen nicht interessieren." Neben Investitionen in die Erforschung von für die Dritte Welt relevanten Technologien sind vor allem große Summen für eine bessere Infrastruktur dringend nötig.

Nicht nur in Armutsregionen, auch in aufstrebenden Staaten mangelt es in Agrargebieten an öffentlichen Einrichtungen: von Straßen über Lagerhäuser, Bewässerung und Trinkwasserversorgung bis hin zu Strom- und Kommunikationsleitungen sowie Bildungszentren. Insgesamt müssten laut FAO in Schwellen- und Entwicklungsländern mehr als 80 Milliarden Dollar pro Jahr investiert werden, um 2050 rund neun Milliarden Menschen versorgen zu können.

Wie die Mittel effektiv eingesetzt werden können, schildert Mike Robinson von der Syngenta Stiftung, die sich um die Optimierung von lokalen Pflanzen in Entwicklungsländern kümmert: "In Kenia etwa haben Bauern ihre Kartoffelernte verdreifacht, seit sie kein verunreinigtes Saatgut mehr einsetzen."

So einfach können Lösungen sein.

Achim Dobermann vom International Rice Research Institute (IRRI) erzählt von einem System, das Bauern auf den Philippinen Anweisungen für die richtige Düngung ihrer Reisfelder aufs Handy schickt. "Sie müssen zwölf Fragen beantworten und bekommen dann eine SMS mit der perfekten Dosierung des optimalen Mittels", beschreibt er das in 15-jähriger Forschungsarbeit entstandene Programm, das sich als höchst erfolgreich erwies: "Allein durch die bessere Nährstoffversorgung konnten die Pflanzer ihren Ertrag um 10 Prozent steigern."

"Zwischen 30 und 40 Prozent der Nahrungsmittel werden weggeworfen"

Die Beispiele illustrieren den entscheidenden dritten Faktor für eine nachhaltige Verbesserung der weltweiten Agrarwirtschaft: die Bauern.

"Der Landwirt muss im Mittelpunkt stehen", formuliert Markus Arbenz vom Weltverband der Biobauern IFOAM schlicht. "Er muss sein Recht bekommen und ordentliche Einnahmen haben, nur dann kann er seine Aufgabe erfüllen." So gehe es nicht an, dass afrikanischen Farmern - wie vielfach geschehen - das Land genommen werde, um es dann an Investoren aus dem Nahen und Fernen Osten zu verhökern. Oder dass die Bauern keinen Zugang zu Wasser mehr erhielten.

Mehr Geld, mehr Gerechtigkeit - diese Forderungen lassen sich leicht stellen. Doch in reale Politik übersetzen müssen sie die lokalen Behörden. Und die haben häufig wenig Interesse an ihrer Landbevölkerung, sondern treiben lieber eine prestigeträchtige Industrialisierung voran. Zumindest bislang.

Joachim von Braun hegt wenigstens verhalten die Hoffnung, dass sich die Prioritäten ändern könnten. Selbst diktatorische Regime hätten mittlerweile das Risiko von Aufständen erkannt, die durch steigende Preise für Lebensmittel ausgelöst werden können. Sie versuchten mit Subventionen zu beruhigen.

Allerdings verpuffen solche Maßnahmen wirkungslos, wenn die Preise für Agrargüter an den Weltmärkten explodieren. Dort kann sich die infolge realer Verknappung ausgelöste Teuerung durch wilde Spekulationen in Windeseile potenzieren. Zwei Ursachen hat von Braun für die Preissprünge ausgemacht: die aus dem Selbstversorgungsgedanken entstandenen Exportstopps, wie zum Beispiel 2010 in Russland; und das Auftreten der reinen Finanzspekulanten, die seit der Deregulierung der Warenterminbörsen 2005 ungehemmt mit Derivaten auf Agrarkontrakte dealen.

In beiden Fällen sollte seiner Ansicht nach die internationale Gemeinschaft gegensteuern: "Exportstopps müssen verhindert werden. Die WTO muss dazu rasch Verhandlungen aufnehmen. Als vertrauensbildende Maßnahme brauchen wir Transparenz - sowohl bei der Lagerhaltung der Staaten als auch bei den Akteuren an den Commoditymärkten." Dann könnten die Warenterminbörsen wieder ihre ausgleichende und risikominimierende Funktion ausüben.

Höhere Produktivität, freier Welthandel und intelligente Agrarinvestitionen - dieses Maßnahmenbündel könnte die Ernährungskrise langfristig entschärfen. Sofortige Wirkung indes können eine Verminderung des Biospritverbrauchs sowie eine Änderung des Verhaltens der reichen Konsumenten erzielen.

Einmal könnten die Verbraucher ihren Verzehr von Fleisch und Milchprodukten einschränken. Noch viel größer aber wären die Auswirkungen eines sorgsameren Umgangs mit Lebensmitteln. Denn die werden in Westeuropa und Nordamerika zum Großteil nicht gegessen, sondern entsorgt. Bei Obst und Gemüse liegt die Müllquote bei bis zu 50 Prozent.

Teures Öl, teures Brot: Entwicklung des Öl- und Weizenpreises

Teures Öl, teures Brot: Entwicklung des Öl- und Weizenpreises

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Nicht nur die Supermärkte der reichen Länder, die bis zum Ladenschluss die Regale voll verderblicher Ware haben, oder EU-Regeln, die eine strenge Einhaltung von Verfallsdaten verlangen, tragen zur Verschwendung bei. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette - vom Feld bis zum Kühlschrank - wandern wertvolle Ressourcen ungenutzt in die Tonne.

"Zwischen 30 und 40 Prozent der produzierten Nahrungsmittel werden weggeworfen, weil sie zum Beispiel bei Transport und Lagerung verderben", moniert BASF-Vorstand Stefan Marcinowski. Dabei gebe es simple, aber wirksame Mittel, mit denen solche Verluste reduziert werden könnten. So schützt zum Beispiel der Einsatz von Propionsäure Getreide im Lager vor Schimmelbefall. Und eine vom IRRI entwickelte luftundurchlässige Folie hält vom hermetisch darin gelagerten Reis Ratten und Insekten fern.

Solche Innovationen hält Entwicklungsexperte von Braun zur Lösung der globalen Ernährungskrise für mindestens genauso wichtig wie die Steigerung der Produktivität. "Wir müssen in die gesamte Bioökonomie investieren", fordert der Wissenschaftler. Für vorbildlich hält er die beim Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellte "Neue Vision für die Landwirtschaft". Bei der Aktion nehmen sich Konzerne wie Nestlé , PepsiCo  oder Unilever  vor, in armen Ländern für eine bezahlbare Versorgung der Menschen mit gesunden Lebensmitteln zu sorgen.

Die Wirtschaft als Anwalt der Armen - das wäre einmal ein ganz neuer Ansatz.

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