Freitag, 13. Dezember 2019

Schattenbanken Geldhäuser verschieben erneut Milliardenrisiken

Schattenbanken: Die Finanzalchemisten und die Jäger
Felix Reidenbach für manager magazin

3. Teil: "Das Monster ist wieder los"

Das trifft vor allem US-Banken, die derzeit ganze Geschäftsfelder an ihre noch kaum regulierten Mitspieler abgeben. So wechselte etwa ein Eigenhandelsteam von Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen Ende vergangenen Jahres geschlossen zum Finanzinvestor KKR, um dort das gleiche Geschäft unter neuer Flagge weiterzubetreiben.

Auch der Goldman-Konkurrent J. P. Morgan sucht derzeit nach Investoren für sein Eigenhandelsgeschäft, das in Form eines Hedgefonds fortgeführt werden soll. Die Schweizer Großbank Credit Suisse hat ihre Eigenhändler ebenfalls ziehen lassen - zum Private-Equity-Riesen Blackstone.

Sogar im Kerngeschäft der Investmentbanken, der Fusionsberatung und der Begleitung bei Börsengängen, machen sich die Fonds bereits breit. KKR hat eine Kapitalmarkttochter gegründet, die Firmen beim Gang an die Börse unterstützen soll; Blackstone buhlt mit einer neuen Einheit um Beratungsmandate großer Unternehmen.

Nicht wenige Topbanker ärgern sich über diese Entwicklung. Die Regulatoren müssten bei ihrer Arbeit das ganze Weltfinanzsystem im Blick haben, nicht nur die Banken, klagt Vikram Pandit, Chef des US-Finanzriesen Citigroup Börsen-Chart zeigen. Auch Goldman-Sachs-Vize Gary Cohn warnt, "die Verschiebung der Risiken in die Schattenbanken sei die größte Gefahr für die Finanzstabilität".

Gleichzeitig scheuen sich die Geldhäuser allerdings nicht, die Schatteninstitute in großem Stil als Handelspartner zu nutzen, um Risiken loszuwerden.

Die Transaktionen, mit denen dies bewerkstelligt wird, bleiben in aller Regel im Verborgenen. "Reg Caps" werden die Wunderwaffen in der Branche genannt, eine Verkürzung von "Regulatory Capital Relief Trades", Geschäfte zur Freisetzung von regulatorischem Kapital. Längst hat diese neue Generation von Bilanzverschönerern jene "Special Investment Vehicles" und "Conduits" abgelöst, die maßgeblich zum Ausbruch der jüngsten Finanzkrise beigetragen haben.

Statt "SIV" und "Conduit" gibt es jetzt "Reg Caps"

Nunmehr bleiben die Kredite in der Bilanz. Stattdessen lagern die Geldhäuser nur einen Teil der Risiken aus - häufig das sogenannte "First Loss Piece". Darin werden aus einem oft mehrere Tausend Einzeldarlehen umfassenden Kreditpaket die Risiken mit dem höchsten Verlustpotenzial zusammengetragen. Anschließend wird dieses im Branchenjargon auch "Junior Tranche" genannte Gefahrenbündel mittels einer sogenannten synthetischen Verbriefung extrahiert und verkauft.

Den Banken sind solche kapitalschonenden Deals einiges wert: Bis zu 15 Prozent Zinsen zahlen sie den Investoren, die ihnen das First Loss Piece abnehmen. Dennoch bleibt das Geschäft für die Geldhäuser attraktiv, weil der in eine Junior Tranche ausgelagerte Anteil von Kreditrisiken in der Regel nur einen kleinen Teil der gesamten Kreditsumme ausmacht. "Bei einem typischen Mittelstandsportfolio sind das vielleicht 3 bis 4 Prozent", sagt ein Investmentbanker.

Als Käufer der Hochrisikotranche kommt im Prinzip jeder infrage: Hedgefonds ebenso wie Family Offices oder Versicherungen - und auch eigens gegründete Zweckgesellschaften. Ob die dann in Frankfurt, Singapur oder auf den Cayman-Inseln sitzen, muss die Banken nicht interessieren.

"Streng Vertraulich": Mit Offerten wie diesem Deal der RBS ("Reduzieren Sie Ihr regulatorisches Kapital - zu attraktiven Kosten") können Banken Risiken aus ihrer Bilanz verschwinden lassen.
Laut CRC-Manager Richard Robb nutzt kaum jemand die neuen Techniken so exzessiv wie die deutschen Geldhäuser. Als Topkunden gelten mal wieder die deutschen Landesbanken, die - oftmals getrieben von Auflagen der Europäischen Union - rasch ihre Bilanzen und damit auch ihren Eigenkapitaleinsatz verkleinern müssen. Die Arrangeure solcher Geschäfte sind ebenfalls alte Bekannte: große Investmenthäuser wie Goldman Sachs, Royal Bank of Scotland (RBS), UBS - und die Deutsche Bank.

So bietet etwa die RBS ihren Kunden derzeit eine "Efficient Capital Relief Structure" zur Verringerung des Kapitaleinsatzes für US-Immobilienkredite an.

Wie vor der letzten Krise auch werden die Deals nach Kräften kaschiert. "Vor allem in Finanzoasen werden bereits wieder zahlreiche neue Zweckgesellschaften gegründet", berichtet Barrie Wilkinson, Londoner Partner der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Oft sei nicht erkennbar, wer hinter diesen Vehikeln stehe. "Meistens sind das nur Papiere in den Schubladen irgendeines Anwalts", sagt Wilkinson.

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