Sonntag, 8. Dezember 2019

Schattenbanken Geldhäuser verschieben erneut Milliardenrisiken

Schattenbanken: Die Finanzalchemisten und die Jäger
Felix Reidenbach für manager magazin

2. Teil: Finanzalchemisten enteilen Regulierern

Das Ziel der Regulierer, die Risikobereitschaft der Finanzbranche einzudämmen und dadurch eine Neuauflage der Finanzkrise zu verhindern, gerät zur Illusion. "Wer nichts gegen die Verlagerung von Risiken ins Schattenbankensystem unternimmt, darf sich nicht wundern, wenn dort die nächste Finanzkrise ausbricht", warnt Jochen Sanio (64), Deutschlands oberster Bankenaufseher.

Es ist ein ungleicher Kampf. Auf der einen Seite Zehntausende hoch bezahlter, smarter Investmentbanker und Fondsmanager, immer auf der Suche nach neuen Geschäftsideen. Ihre Vorbilder sind Finanzalchemisten wie der New Yorker Hedgefondszar John Paulson, der mit Wetten auf den Absturz des amerikanischen Immobilienmarktes innerhalb weniger Monate fast vier Milliarden Dollar verdiente.

Ihnen gegenüber stehen Staatsangestellte wie Sanio (Jahresgehalt: 130.000 Euro), der von seiner in einem Bonner Gewerbegebiet gelegenen Behörde aus versuchen muss, die Tricks der Geldbranche zu antizipieren - und sich dabei auf eine Truppe von weniger als 2000 Mitarbeitern stützen kann.

Einer Studie des Beraterhauses Oliver Wyman zufolge könnte es nur wenige Jahre dauern, bis die Ohnmacht der Aufseher offenkundig wird - und die riskanten Wetten der Finanzindustrie die Weltwirtschaft erneut bedrohen. Das "Monster", wie der frühere Bundespräsident Horst Köhler die Finanzmärkte bezeichnet hatte, ist wieder los.

Erste Anzeichen, dass der Markt abermals heiß läuft, gibt es bereits. Auf der diesjährigen "Super-Return" in Berlin, dem Branchentreffen der internationalen Finanzinvestoren, war die noch vor zwei Jahren vorherrschende Untergangsstimmung passé. "Die Zukunft für kreditfinanzierte Übernahmen ist rosig", frohlockte Michael Philipps, Deutschland-Chef des Finanzinvestors Apax.

Schätzungen zufolge sitzen Fonds wie Apax, KKR Börsen-Chart zeigen oder Blackstone Börsen-Chart zeigen weltweit auf mehr als 600 Milliarden Dollar Kapital, das sie für Firmenkäufe einsetzen können. Zusätzliche Kredite zu bekommen gilt nicht mehr als Problem. Allenfalls, dass es zu wenig interessante Kaufobjekte gebe, beklagte mancher Investor.

Geldgeber schütten Hedgefonds mit frischem Geld regelrecht zu

Auch manche Unsitte der Boomjahre 2006 und 2007, in denen jedes noch so teure Investment nahezu ohne Bedenken finanziert wurde, kehrt bereits wieder zurück. So übernahm KKR vor wenigen Monaten den Lebensmittelproduzenten Del Monte für rund 5,3 Milliarden Dollar. Rund 3,5 Milliarden davon wurden über einen "Covenant Light Credit" finanziert, also ein Darlehen, das auf eine Reihe der üblichen Vertragsklauseln zum Schutz der kreditgebenden Bank verzichtet.

Während die sogenannten Buy-out-Fonds zumindest halbwegs transparent machen, wofür sie ihr Geld ausgeben, sind die wahren Könige der Schattenwelt für die Regulierer oft unsichtbar: Hedgefonds. Sie wetten mal auf Rohstoffe, mal gegen Staaten. Mal verkaufen sie geborgte Aktien in der Hoffnung, sie nach einem Kursrutsch günstiger wiedererwerben und zurückgeben zu können. Und neuerdings greifen sie immer häufiger zu Kreditportfolios, die Banken gern loswerden wollen.

Die Helden der Zunft heißen George Soros oder eben John Paulson und verdienen in einem guten Jahr schon mal Summen, so groß wie das Bruttosozialprodukt eines kleinen afrikanischen Staates. Ihre Geldgeber, große Pensionsfonds, Versicherer und Banken, stört das nicht. Sie schütten die Hedgefonds derzeit regelrecht zu mit frischem Geld.

Versicherer und Pensionsfonds können kaum anders handeln. Um trotz des demografischen Wandels ihren Verpflichtungen nachzukommen, müssen sie immer größere Risiken eingehen. Vor allem aus diesem Grund haben amerikanische Pensionsfonds ihre Hedgefonds-Investitionen im vergangenen Jahr um 55 Prozent gesteigert. Weltweit kletterte der Anteil alternativer Anlageformen im Portfolio der Fonds innerhalb weniger Jahre von rund 7 auf aktuell 19 Prozent.

"Es läuft wieder sehr, sehr gut", gibt ein Londoner Hedgefondsmanager freimütig zu. Die Konkurrenz durch die Banken sei in einigen Bereichen, etwa dem Wertpapierhandel auf eigene Rechnung, durch die neue Regulierung schlicht weggefallen.

© manager magazin 4/2011
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