Montag, 9. Dezember 2019

Antriebslosigkeit Die müden Manager

Seelische Krise: Thesen dreier Wissenschaftler
Christian O. Bruch für manager magazin

Vielen Managern geht auf der Höhe ihrer Schaffenskraft plötzlich die Lust an der Leistung verloren. Warum bloß? manager magazin erklärt, was man tun kann, um die Jobmüdigkeit abzuschütteln.

Der "Lanserhof" in den Bergen über Innsbruck ist einer jener eleganten Rückzugsorte, die Wohlhabende ohne gravierende Leiden aus purer Freude an der Erholung aufsuchen.

Wo früher ein rustikales Tiroler Sporthotel mit Kuhfellhockern und Sauna stand, umkapseln heute lang gestreckte Kuben aus Holz, Glas und Beton eine ambitionierte Gesundheitsoase.

In weißen, blauen und grünen Behandlungszellen wird gekneippt, massiert, gecremt und entschlackt. Ärzte und Therapeuten erspüren jedes Zipperlein ihrer Gäste und applizieren auf Wunsch individualisierte Ernährungs- und Fitnessprogramme auf Handy oder iPod. Zur inneren Reinigung werden Toast und Gemüsebrühe gereicht.

Erbinnen mögen den "Lanserhof". Bundestrainer Jogi Löw war schon da, der russische Milliardär Roman Abramowitsch samt Gefolge schätzt den Service - und auch Manager kommen, angelockt vom siebentägigen "Men-Energy"-Spezial samt Herztest, Prostata-Check und Ernährungsberatung. Das hat sich Andreas Wieser ausgedacht, der in jungen Jahren Robinson-Clubs aufgebaut und den "Lanserhof" vor 26 Jahren übernommen hat.

Den modernen Hochleister, sagt Wieser, mache reines Auspowern auf der Marathonstrecke schon lange nicht mehr froh. Geistig wache Topleute wollten heute "in der eigenen Mitte sein" und ihre "Happiness-Energie" pflegen, die im hektischen, entfremdeten Business-Alltag so leicht verloren gehe.

Mag sein. Vielleicht ist es auch so, dass Wiesers Gäste einfach überhaupt mal wieder etwas spüren wollen. Sich selbst. Lebensfreude. Glück.

Der eine sucht es im Luxus-Retreat auf der Alm, ein anderer in halsbrecherischer Schussfahrt auf eisigen Skipisten, wieder andere jagen ihren Porsche durch die Haarnadelkurven des Nürburgrings.

Hauptsache: Man fühlt wieder was. Einen Kick, sei er noch so kurz.

Denn innere Zufriedenheit ist gar nicht so selbstverständlich für jene Zeitgenossen, die ihr Leben auf der Überholspur verbringen. Die hart gegen sich selbst und alle anderen ihre Aufstiegspläne durchgezogen haben, die dem beruflichen Erfolg lange Jahre alles unterordneten: Liebe, Familie, Freizeit.

Ihr Sehnsuchtsort steht ihnen klar vor Augen: ein Vorstandsposten in einem Weltkonzern, die Aufnahme in den Klub der Mächtigen. Doch kaum dort angekommen, wundert sich mancher, wie schnell Triumphgefühle verfliegen.

Alle Kontinente gesehen, alle Widersacher ausgeschaltet, Hon-Circle-Mitglied geworden, von den Untergebenen bewundert, von Medien und Anlegern hofiert - und nun? Auf der obersten Stufe der Karriereleiter beschleicht mehr und mehr Erfolgsmenschen die Ahnung, dass die "Pointe ihrer Existenz" vielleicht schon hinter ihnen liegt, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückt. Das Resultat dieser Einsicht kann niederschmetternd sein: Orientierungslosigkeit. Müdigkeit. Antriebsschwäche.

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