Dienstag, 28. Januar 2020

Explodierende Rohstoffpreise Jeder kämpft für sich allein

Libyscher Kämpfer vor Ölraffinerie in Ras Lanuf: Die Kämpfe in Libyen liefern Spekulanten ein Argument, um auf weiter steigende Ölpreise zu setzen
Getty Images
Libyscher Kämpfer vor Ölraffinerie in Ras Lanuf: Die Kämpfe in Libyen liefern Spekulanten ein Argument, um auf weiter steigende Ölpreise zu setzen

2. Teil: Das Ende der Autonomiefiktion

Die Notenbanken handeln so, weil sie den vorrangigen Auftrag haben, ihre jeweiligen Volkswirtschaften zu stabilisieren. Der Annahme folgend, dass ihr Kurs keine Auswirkungen auf andere Länder habe, blenden sie externe Effekte ihres Handelns aus. Sie folgen einer Autonomiefiktion, die in einer Welt offener Kapitalmärkte nicht mehr einleuchtet.

Längst ist klar, dass die überschüssigen flüssigen Mittel von einem Land ins andere schwappen. Und manchmal auch wieder zurück. Nationale Alleingänge sind deshalb kaum möglich: Länder wie Brasilien, die die Zinsen anheben wollen, um eine Überhitzung ihrer Wirtschaft zu verhindern, sind mit massiven Zuflüssen von heißem Kapital konfrontiert. Kürzlich hat die Türkei aus dem gleichen Grund die Zinsen gesenkt, obwohl die Notenbank eigentlich den heimischen Boom bremsen möchte.

Eine unmögliche Situation. Die Wirtschaft wird so immer weiter aufgeheizt - und nebenbei auch die Rohstoffnachfrage.

Dabei ist der Ausweg offensichtlich. Die G-20-Länder müssen sich zu einem global koordinierten Ausstieg aus dem Niedrigzinsszenario zusammenraufen. Sie müssten übereinkommen, der Welt allmählich den Geldhahn abzudrehen.

Um diesen gemeinsamen Exit zu managen, dürfte es sinnvoll sein, ein neues internationales Wechselkurssystem zu schaffen. Ich weiß, das ist für liberale Ökonomen Teufelszeug. "Stability begins at home", lautete lange Zeit das makroökonomische Paradigma des Westens. Aber in einer integrierten Weltwirtschaft kann, wer zu Hause nach Stabilität strebt, Instabilität in großem Stil exportieren.

Die Institutionen müssen sich den neuen Realitäten anpassen: Wenn die Notenbanken künftig Wechselkursziele anpeilen, wären sie nebenbei auch gezwungen, ihre Geldpolitik stärker aufeinander abzustimmen. Es wäre das Ende der Autonomiefiktion: Die Geldpolitiker müssten externe Effekte ihres Handelns in ihr Kalkül einbeziehen. Natürlich, ein solcher globaler Koordinierungsmechanismus ist nicht alternativlos.

Doch wenn es weitergeht wie bisher, werden sich immer mehr Staaten gegen die externen Einflüsse wappnen - und selektiv ihre Märkte abschotten. In Ansätzen ist das längst zu beobachten. Eine Welle des Protektionismus könnte die liberale Weltwirtschaftsordnung endgültig ruinieren.

Seite 2 von 2

© manager magazin 3/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung