Montag, 17. Juni 2019

Forschungsmekka MIT Die Innovationsfabrik

Der Geist und die Gründer: Geburtshelfer für bislang 33.600 Unternehmen
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Oft kopiert, nie erreicht - das Massachusetts Institute of Technology ist die beste Innovationsfabrik der Welt. Das MIT produziert Nobelpreise und Unternehmen in Serie. Eine Suche nach dem Geheimnis der amerikanischen Hightech-Schule, von der auch deutsche Gründer profitieren können. 

Professor Wai Cheng verschwindet fast hinter seinem Schreibtisch, der überquillt von Entwürfen, Papieren und Familienfotos. Auf der Fensterbank stapeln sich Unterlagen. Altersschwache Regale biegen sich unter der Last von Büchern und Metallteilen. Durch die bröckelnden Fensterrahmen zieht es eisig in den winzigen Raum.

Nicht gerade ein präsentabler Rahmen für einen Spitzenwissenschaftler von internationalem Ruf. Der Hongkong-Chinese, Luft- und Raumfahrtingenieur von Haus aus, forscht für Ford Börsen-Chart zeigen und General Motors Börsen-Chart zeigen, Volkswagen Börsen-Chart zeigen und Daimler Börsen-Chart zeigen, Renault Börsen-Chart zeigen und Ferrari; Autokonzerne finanzieren 80 Prozent seiner Projekte zu Einspritzpumpen und Schmiersystemen. BMW Börsen-Chart zeigen bat ihn kürzlich um einen Auftritt im aktuellen PR-Film des Konzerns.

Cheng ist Direktor des Sloan Auto Lab, des Zentrums für Fahrzeugentwicklung am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Beispielhaft steht er für das, was die berühmteste technische Hochschule der Welt ausmacht: die Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz und wirtschaftlicher Verwertung der Erkenntnisse.

Auf dem Campus in Cambridge, gleich neben der Millionenmetropole Boston gelegen, erdachten Wissenschaftler Anfang des 20. Jahrhunderts die Methoden zur Herstellung von Benzin und Farbfilmen. Es waren MIT-Forscher, die während des Zweiten Weltkriegs das Radar erfanden und später für die Nasa Raumfahrttechnik entwickelten. Die Ursprünge des World Wide Web reichen ins MIT zurück. Und auch das erste gentechnisch erzeugte Medikament gegen Brustkrebs wurde in Cambridge entwickelt.

76 MIT-Wissenschaftler erhielten bisher für ihre Arbeiten Nobelpreise. Doch die akademische Spitzenklasse allein erklärt nicht, warum die amerikanische Technikhochschule Forschern in aller Welt zum Vorbild gereicht.

MIT-Ausgründungen beschäftigen mehr als 3 Millionen Mitarbeiter

Wissenschaftlich sei das Karlsruher Institut für Technologie "in vielen Bereichen vergleichbar wettbewerbsfähig", erklärt dessen Präsident Eberhard Umbach, der sich sogar bei der Namensgebung KIT an das amerikanische Modell anlehnte. Was hierzulande Forscher, Politiker und Manager bewundernd - und ein wenig neidvoll - auf die US-Universität blicken lässt, ist deren enorme wirtschaftliche Innovationskraft.

MIT-Mitarbeiter und Studenten gründeten bislang rund 25.800 Unternehmen, die bis heute aktiv sind, wie Ökonomen der angegliederten Sloan School of Management in einer Umfrage unter ehemaligen MITlern ermittelten. Dabei zählten sie ausschließlich Firmen mit, deren Gründer noch leben - von verstorbenen MIT-Alumni initiierte Industriegiganten wie McDonnell Douglas oder Intel Börsen-Chart zeigen tauchen in ihrer Statistik gar nicht auf.

Die erfassten Unternehmen beschäftigten bei der Erhebung 2009 rund 3,3 Millionen Mitarbeiter, die weltweit etwa zwei Billionen Dollar umsetzten.

"Mit ihrer ökonomischen Kraft entsprechen diese Firmen der elftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt", rechnet MIT-Präsidentin Susan Hockfield mit erkennbarem Stolz vor. Nach dem Geheimrezept für die beeindruckende Bilanz gefragt, versucht die Neurologin eine historische Erklärung: "Wir wurden vor 150 Jahren einzig zum Zweck gegründet, die Industrialisierung Amerikas zu beschleunigen." Seither sei der Technologietransfer "Kern unserer Mission".

Mens et Manus - Hirn und Hand - sollen dem Unimotto folgend gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Lässt sich daraus eine Gebrauchsanleitung destillieren, um auch anderswo die Erkenntnisse der Grundlagenforschung effektiver in gesellschaftlichen und ökonomischen Nutzen zu überführen?

Eine simple Erklärung für den Erfolg der Innovationsfabrik MIT drängt sich beim Besuch in Boston nicht auf. Das Denkerdreieck zwischen Charles River, Massachusetts Avenue und Main Street wirkt wie eine gewöhnliche Campus-Universität - und heruntergekommener als das nahe Harvard-Gelände mit seinen historischen Backsteingebäuden.

Gegenüber der Bostoner Innenstadt gruppiert sich in einem ehemaligen Industriegebiet ein grau-beigefarbenes Sammelsurium mehr oder minder hässlicher Gebäude um die zentrale Kuppel. Dazwischen eingekeilt finden sich einige architektonische Juwelen wie das Stata-Gebäude von Frank Gehry oder der neue Glaspalast des MediaLab - Beton gewordene Spenden reicher Gönner.

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