Samstag, 7. Dezember 2019

Internet Die Murks-Brothers

Internet: Die Geschäftspartner der Samwer-Brüder
Dieter Mayr

4. Teil: Sie riechen das Geld durchs Fenster

Beispiel FP Commerce, ebenfalls eine Gründung von Rocket Internet. FP Commerce hat sich auf sogenannte Nischenshops im Internet spezialisiert: Web-Adressen wie Tischlampe24.de oder Kinderwagen-experte.de, die vor allem ein Ziel verfolgen: Wer bei Google Börsen-Chart zeigen nach dem entsprechenden Produkt sucht, soll als Erstes auf die Seiten von FP Commerce treffen. Die dann meist reichlich eintrudelnden Bestellungen werden an spezialisierte Großhändler weitergeleitet.

Ein ehemaliger Mitarbeiter von FP Commerce verrät, dass sich rund 20 Angestellte bei Rocket nur um die sogenannte Search Engine Optimization (SEO) kümmern: Sie verändern die Websites der Rocket-Gründungen so, dass sie bei Google ganz oben landen - was legal und branchenüblich ist. Doch offenbar wurden zumindest für FP Commerce auch in großem Stil fremde Websites missbräuchlich genutzt. Darauf deutet ein 28-seitiges Dokument namens "SEO Guidelines" hin, das manager magazin vorliegt und nach Aussage des ehemaligen Mitarbeiters die Grundlage für die Arbeit im Online-Marketing von FP Commerce bildete.

Bis ins Detail wird in dem Dokument ("!!!nur für den internen Gebrauch!!!") beschrieben, wie FP-Mitarbeiter unter falschen Namen und immer neu angelegten E-Mail-Adressen massenhaft Produktbewertungen und Blogbeiträge auf entsprechenden Bewertungs-Sites verfassen sollen - jeweils gefolgt von einem Link zu den Sites von FP Commerce, was diese Sites wiederum im Google-Ranking nach oben wandern lässt. O-Ton: "Aus der Sicht eines Käufers schreiben, POSITIVE Aussagen treffen."

"Ich kenne dieses Dokument nicht", sagt Oliver Samwer. Jedes Unternehmen sei für seine operative Umsetzung im Marketing, darunter auch Suchmaschinenoptimierung, selbst verantwortlich. Das Gleiche gelte für andere operative Bereiche.

Geschickt wahren die Samwers in ihrem Managementstil eine Mischung aus informeller Nähe und formaler Distanz. Bei Rocket Internet sitzen sie nicht in der Geschäftsführung, haben also bei den Beteiligungsunternehmen von Rocket Internet keinerlei offizielles Mandat. Doch Insider berichten: Ohne Oliver Samwers Zustimmung fällt keine wesentliche Entscheidung. Am liebsten dirigiere er seine Firmengruppe per E-Mail oder (gern auch nächtlichem) Handyanruf.

Nicht nur Mitarbeiter und Wettbewerber, auch Investoren müssen auf der Hut sein, wollen sie bei Begegnungen mit den Samwers nicht den Kürzeren ziehen. Geschickt macht es sich das Trio zunutze, dass bei deutschen Einzelhändlern und Medienkonzernen ebenso wie bei vermögenden Privatleuten große Verunsicherung herrscht in Sachen Internet: Man will auf diesem neuen Spielfeld mitmischen, weiß aber nicht so recht, wie. Warum sollte man sich da nicht an die Erfolgreichsten des Fachs halten? Schließlich stehen die Samwers in dem Ruf, dass sie "Geld durchs Fenster riechen können", wie es ein ehemaliger Geschäftsfreund formuliert.

Doch ob die Investoren von einer Partnerschaft mit den Paten des deutschen Internets profitieren, das liegt nicht selten in der Hand der Samwers.

Leidvoll erfahren haben das die ehemaligen Hexal-Eigner Andreas und Thomas Strüngmann. Branchenkreise berichten: Die Zwillingsbrüder wollten vor einigen Jahren gemeinsam mit den Samwers einen Wagniskapitalfonds auflegen. Als Volumen waren 80 bis 100 Millionen Euro angepeilt. 80 Prozent der Summe sollten die Strüngmanns beisteuern, die Samwers den Rest. Als Lohn für ihre Expertise hätten die Samwers bis zu 40 Prozent der Gewinne behalten dürfen. Details sollten die Anwälte beider Seiten aushandeln. Doch die Verhandlungen zogen sich hin.

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