Sonntag, 26. Mai 2019

Managerinnen Wo Frauen die besten Aufstiegschancen haben

Managerinnen: Frauen in deutschen Unternehmen
JIM RAKETE

Politik und Wirtschaft streiten um die Frauenquote in Deutschlands obersten Konzernetagen. Derweil buhlen Firmen um weibliche Führungskräfte. Eine exklusive Studie zeigt, in welchen Unternehmen Frauen jetzt Karriere machen können - und wo nicht.

Frankfurts schönster Herrenwaschraum ist ganz oben, im 49. Stock des Commerzbank-Turms: Vier frei im Raum hängende Pissoire vor einer bodentiefen, halbrunden Panoramascheibe. Links unten, ganz klein, fließt still der Main, vor einem liegt der Hauptbahnhof in Modellbahngröße. Wer hier steht, dem liegt Frankfurt zu Füßen.

Die links daneben gelegene Damentoilette könnte sich auch in einem Callcenter befinden: keine Fenster, kein Tageslicht, kompakte Kabinen.

Die Lage der Toiletten offenbart die Geschlechterverteilung in der deutschen Geldszene: Wer bei einer Bank ganz oben ankommt, ist nun mal männlich. Wieso sollte man also für Frauen eine weitere Panoramatoilette bauen, die außer ein paar Sekretärinnen eh keiner besucht?

Ganz oben arbeiten kaum Frauen, so denken auch 13 Jahre nach dem Bau des Commerzbank-Turms noch viele. Wenngleich auch nicht mehr allzu öffentlich.

Heute hingegen im Fokus: Diversity. Damit gemeint ist die Förderung von Randgruppen aller Art, derzeit besonders Frauen. Kaum eine Firma, die aufs Stichwort nicht irgendein Förderprogramm aus der Tasche zieht. Doch der Fortschritt ist mühsam. In der Realität sind es weiterhin vor allem die Männer, die Geschäfte und Karrieren unter sich ausmachen: Von den zehn größten deutschen Unternehmen haben nur zwei überhaupt weibliche Vorstandsmitglieder.

Schlimmer noch: Zählt man alle Vorstände, sind lediglich 4 Prozent der 74 Topmanager weiblich - so das Ergebnis einer Studie von Avivah Wittenberg-Cox, CEO des Gender-Beratungsunternehmens 20-first. Zum Vergleich: In den USA findet sich bei 87 Prozent der Topkonzerne mindestens eine Frau unter den Top-Executives, bei den Europäern insgesamt sind es 44 Prozent, bei den Asiaten 23 Prozent.

Hoch qualifizierte Frauen in der Mehrzahl

Offenbar ist es in Deutschland für Frauen immer noch sehr viel schwieriger als für Männer, Karriere zu machen. Führungsstile, Aufstiegsrituale, Karrieredefinitionen sind von Männern für Männer bestimmt: Selbstvermarktung, Kampfgeist und Präsenz zählen - nicht unbedingt die Kerndisziplinen von Frauen. Gleichzeitig schließen an Deutschlands Universitäten mehr Frauen als Männer ein Studium ab - zudem oft mit besseren Noten. Das gilt nicht nur für Pädagogik oder Kunstgeschichte, früher die Paradefächer der höheren Töchter, sondern auch für vermeintliche Managerdisziplinen wie Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (52 Prozent weibliche Absolventen).

Auf dem Weg von den Hochschulen in die Chefetagen läuft hierzulande einiges schief. "Es wird Potenzial verschenkt. Zu viele gute Frauen bleiben auf der Strecke oder verschwenden Zeit und Energie in Stellungskämpfen", sagt Désirée Ladwig. Die Professorin forscht seit Jahren zur Karriereentwicklung von Frauen.

Die Fronten weichen langsam auf

Doch die Fronten weichen auf. Einzelne Unternehmen begreifen Frauenförderung nicht länger als Aufgabe des Betriebsrats, sondern als elementar für den Geschäftserfolg. Gründe für ein Umdenken gibt es reichlich: Studien, unter anderem von McKinsey, zeigen, dass gemischtgeschlechtliche Teams erfolgreicher arbeiten, Risiken besser kalkulieren, höhere Gewinne erzielen. Zudem werden heute weltweit 80 Prozent aller Konsumentscheidungen von Frauen getroffen oder maßgeblich beeinflusst - nicht nur beim Einkauf des Weichspülers, sondern bei entscheidenden Familieninvestitionen wie dem Bausparvertrag oder dem neuen Auto. Schlecht für den, der auf Produzenten- wie Verkäuferseite so gar nicht weiß, wie diese Zielgruppe tickt.

Die Erkenntnis, dass sich an der Geschlechterverteilung etwas ändern muss, kommt langsam auch in der Männerwelt der Wirtschaft an. Für Frauen bedeutet das: Ihre Karrierechancen waren nie so gut wie heute. Allerdings nur, wenn sie auf die richtige Firma setzen.

Doch wie erkennt man, welcher Arbeitgeber die Diversity-Mode wegen des Gruppenzwangs mitmacht und wer ernsthaft dahintersteht? Welche Förderprogramme für Frauen sind Kopfgeburten männlicher Personalchefs - und was bringt weibliche Karrieren wirklich weiter? Wie finden ambitionierte Frauen genau diejenigen Arbeitgeber, die ernsthaftes Interesse haben am Wandel hin zu mehr Weiblichkeit?

© manager magazin 1/2011
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