Druckindustrie Von der Rolle

Verpasste Chancen, verlorene Marktanteile: Der Aufschwung geht an der deutschen Druckmaschinenbranche bislang vorbei. Warum die Maschinenbauer Heideldruck und Manroland nach der verpassten Fusion nicht aus der Krise finden.
Anpassungsprobleme: Deutsche Druckmaschinen sind immer weniger gefragt

Anpassungsprobleme: Deutsche Druckmaschinen sind immer weniger gefragt

Foto: Ronald Wittek/ picture alliance / dpa

Keiner sage, Bernhard Schreier (56) habe sich in den zurückliegenden elf Jahren als Vorstandschef der Heidelberger Druckmaschinen AG nicht redlich bemüht. Um den Niedergang des einstigen Prunkstücks deutschen Maschinenbaus aufzuhalten, hat er Unternehmensteile verkauft und Vorstandspersonal ausgetauscht. Er prüfte Kooperationen und Zusammenschlüsse, nahm Staatshilfe in Anspruch, erhöhte das Kapital.

Auch vor hartem Personalabbau schreckte er nicht zurück. Bis 2012 plant Heidelberger Druck , die Ausgaben um jährlich 480 Millionen Euro zu mindern.

Jetzt will Schreier - mal wieder - den Turnaround schaffen. Außerdem hat er offenbar Führungskräfte beauftragt, weiteres Effizienzpotenzial im Konzern auszumachen.

Gerd Finkbeiner (53), Chef beim Branchenzweiten Manroland und genauso lange im Amt wie Schreier, geht augenscheinlich ebenfalls engagiert zur Sache. Vor zweieinhalb Jahren peilte er für die Offenbacher Firma einen Börsengang an, später eine Fusion. Beide Vorhaben scheiterten. Jetzt sagt er: Wir schaffen es im Alleingang. Langjährige Weggefährten zweifeln indes am Gelingen: "Finkbeiner weiß genau, dass er allein nicht überleben kann."

Schließlich Helge Hansen (63). Seit zwei Jahren führt er die Würzburger Koenig & Bauer AG  (KBA). Nach tiefer Krise plant Hansen für dieses Jahr einen Minigewinn und eine zarte Dividende.

"Es droht ein Siechtum auf Jahre"

Weil das Geschäft mit Bogenoffset- und Rollendruckmaschinen so schwach ist, sucht Hansen für KBA nach einem neuen Betätigungsfeld, das dem Unternehmen nachhaltige Prosperität ermöglichen kann.

Schreier, Finkbeiner, Hansen - das ist das Trio der Traurigkeit im deutschen Maschinenbau. Während der Rest der Industrie den deutschen Aufschwung mit einem Wachstum von durchschnittlich 6 Prozent beflügelt, im Inland und Ausland zum Teil grandiose Absatzerfolge feiert, kümmern die drei Weltmarktführer der Druckmaschinenindustrie mehr oder weniger vor sich hin.

Besserung ist nicht in Sicht: "Wenn es keine einschneidenden Veränderungen gibt, droht ein Siechtum auf Jahre", sagt ein Branchenexperte.

Nicht einmal mehr Schnäppchenjägern erscheinen die drei Druckereiausrüster, die einst zweistellige Ebitmargen einfuhren, noch als lohnenswerte Ziele. "Die wird kein strategischer Investor anfassen", meint ein Investmentbanker, der sich in der Heidelberger Firma auskennt.

Der Vorgang ist einmalig in der deutschen Industrie: Eine wichtige Exportbranche verfehlt im Kollektiv das Klassenziel. Unter der Regie erfahrener, aber dennoch überforderter Manager, gestützt auf verzagte Eigentümer, entwickelte sich die Druckmaschinenindustrie geradewegs zu einem Sorgenfall.

Jetzt sind die Beteiligten ratlos. Als Ultima Ratio sehnen sie eine Schicksalsentscheidung herbei: Eines der drei Unternehmen möge endlich in die Knie gehen. Das würde bei einer geschätzten Überkapazität der Branche von rund 30 Prozent helfen. Vor einem Jahr galt die Schreier-Truppe als Umfallkandidat Nummer eins. Jetzt ist es Manroland.

Druckereien kämpfen ums Überleben

Bei dem gemeinschaftlich angerichteten Desaster hat bislang lediglich die Führung des MAN-Konzerns eine halbwegs gute Figur abgegeben. Zumindest bewies sie Weitsicht.

Vor gut vier Jahren verkauften der damalige Konzernvormann Håkan Samuelsson und Ex-Finanzchef Karlheinz Hornung zwei Drittel der MAN-Druckmaschinensparte  an die Allianz-Beteiligungsgesellschaft ACP. Dafür kassierte der Münchener Mischkonzern 680 Millionen Euro. Inzwischen bewertet MAN die weiter abgeschmolzene Restbeteiligung von rund 22 Prozent in den Büchern mit null Euro.

Samuelsson und Hornung haben rechtzeitig verstanden, dass die Nachfrage für klassische lithografische Maschinen, mit denen Zeitungen, Zeitschriften, Verpackungen oder Werbebroschüren gedruckt werden, immer weiter schrumpft. Allein infolge der jüngsten Wirtschaftskrise ist das weltweite Marktvolumen für neue Druckmaschinen von rund 9 Milliarden Euro auf etwa 4,4 Milliarden Euro in diesem Jahr heruntergerauscht.

Die Kunden, also die Druckereien, kämpfen selbst ums Überleben, vor allem in den traditionellen Märkten der Industrieländer. So ist in den vergangenen sieben Jahren europaweit ein knappes Drittel der Offsetbetriebe durch Insolvenzen verschwunden. Das Internet und der Rückgang gedruckter Werbung machen das Leben schwer.

Die verbliebenen Betriebe greifen immer häufiger statt zu fabrikfrischen Geräten zu neuwertigen Gebrauchtmaschinen. Eine zwei Jahre alte Druckmaschine - bei einer auf Jahrzehnte angelegten Lebensdauer ist die so gut wie neu - gibt es zum halben Preis.

Konkurrenz aus Fernost

Parallel rücken Konkurrenten aus Japan näher an das deutsche Spitzentrio heran. 1400 Druckmaschinen hat etwa die Firma Ryobi zuletzt im deutschsprachigen Raum verkauft. Deren Geräte sind technisch kaum schlechter, aber viel billiger als die der hiesigen Premiumanbieter.

Die Hoffnungen - daran mangelt es Schreier, Finkbeiner und Hansen nie - liegen daher jetzt auf Boomländern wie China oder Brasilien. Tatsächlich konnten die Deutschen bis zur Jahresmitte in China Druckmaschinen im Wert von 187 Millionen Euro verkaufen. Aber lässt sich damit der Rückgang in Europa dauerhaft ausgleichen?

Experten hegen Zweifel. "Das Druckaufkommen in den Schwellenländern wird nie die Dichte erreichen wie in den Industrieländern", sagt etwa Holger Garbrecht, auf die Branche spezialisierter Unternehmensberater aus Heidelberg.

Viele der potenziellen Neukunden kaufen gar nicht mehr die klassische Maschine, sondern begnügen sich mit ungleich günstigeren Digitaldruckern von Hewlett-Packard (HP) , Xerox  oder Kodak. Deren Geräte nähern sich in der Qualität zunehmend herkömmlichen Offsetmaschinen an, können immer höhere Auflagen und größere Formate drucken.

In den USA hat schon jede dritte Druckerei eine Abteilung fü Digitaldruck. Die Tintenstrahlgeräte schöpfen inzwischen rund 17 Prozent des globalen Druckmarktes ab. Bis 2014 werde der Anteil auf 22 Prozent wachsen, meint Alon Bar-Shany, Chef der Digitaldrucksparte von HP, dem Marktführer in diesem Bereich.

Die deutsche Druckmaschinenindustrie könnte, statt darüber zu wehklagen, den schleichenden Systemwandel gelassen hinnehmen, ihn vielleicht sogar begrüßen - ja, wenn es die Manager nur nicht versäumt hätten, beizeiten angemessen zu reagieren.

Den Ausstieg aus Digitaldruck schon hundertmal bereut

Insbesondere Heideldruck-Mann Schreier könnte heute in dem Zukunftssegment ohne Weiteres kräftig mitmischen. Vorgänger Hartmut Mehdorn hatte Ende der 90er Jahre mit Kodak zunächst im Farbdruck ein Gemeinschaftsunternehmen gebildet und später den Schwarz-weiß-Digitaldruck der Amerikaner übernommen.

2004 gab Schreier die Digitalsparte allerdings für ganz kleines Geld an Kodak zurück. Der Bereich war nie aus den roten Zahlen herausgekommen und mit bloß zwei Geräten im Sortiment auch nicht wirklich konkurrenzfähig.

Schreier hätte also neue Produkte entwickeln müssen. Doch er zog es vor, seine Bogendruckmaschinen einer aufwendigen Generalüberholung zu unterziehen.

Jetzt hat er das Nachsehen. "Den Ausstieg aus dem Digitaldruck hat Heidelberger Druck schon hundertmal bereut", gibt ein ehemaliger Konzernmanager die Stimmung im Unternehmen wieder.

Seit einigen Jahren möchte Schreier den Fehler korrigieren. Deshalb gab es mehrfach Gespräche mit Digitalspezialisten über ein Zusammengehen oder Kooperationen. Mit der belgischen Agfa-Gevaert-Gruppe etwa. Ebenso mit den US-Firmen Xerox und Hewlett-Packard.

Doch die Vorhaben kamen nie über das Sondierungsstadium hinaus. Die Partner in spe störten sich meist daran, dass Schreier die Führung beanspruchte. "Die saßen bis zur Krise auf einem zu hohen Ross", sagt ein Investmentbanker.

Das scheint die Topleute der deutschen Druckmaschinenbranche von anderen Industrien zu unterscheiden: Sie haben bei wichtigen Entscheidungen selten eine glückliche Hand.

Koenig & Bauer: Der Clan pocht auf Unabhängigkeit

Der Befund gilt offensichtlich auch für den Branchendritten Koenig & Bauer. Die Gründer- und heutige Großaktionärsfamilie Bolza-Schünemann (gut 30 Prozent, weitere 10 Prozent hält ein österreichischer Clan) pocht seit Jahren vor allem auf eines: auf die Unabhängigkeit der Firma. Damit erschwert die Sippe die notwendige Bereinigung der Dreiergruppe.

So war es 2006, nachdem der MAN-Vorstand auf einer Klausur im Januar beschlossen hatte, sich von der Sorgentochter Roland zu trennen, und bei KBA anfragte, ob denn Interesse an einem Zusammengehen bestehe. So verhielt es sich bei einem zweiten Annäherungsversuch im Jahr 2009. Damals eruierten Allianz und MAN für ihr Asset Manroland einen Plan B, falls die Fusion mit Heideldruck platzen sollte.

Wegen dieser Erfahrungen wertet man in Offenbach den Vorstoß, den der neue KBA-Vormann Hansen - Vorgänger Albrecht Bolza-Schünemann war Anfang 2009, von der Krise entnervt, zurückgetreten - im Sommer 2010 via Presse in Richtung Manroland machte, als rein taktisches Manöver. Ziel sei nicht ein Zusammenschluss gewesen, sondern den Konkurrenten zu schwächen. Durch Fusionsgerüchte würden Kunden verunsichert, die einen langfristigen Service beim Neumaschinenkauf erwarten.

Der Argwohn zwischen den drei Druckmaschinengrößen sitzt tief. Nachdem die "historische Chance" (ein beteiligter Vorstand) zur Fusion der Nummer eins (Deckname "Helium") und der Nummer zwei (Deckname "Magnesium") verpasst wurde, bekämpft man sich, wo man kann.

Reste der Branche werden vernascht

Heideldruck-Aufsichtsratschef Mark Wössner etwa soll zuweilen kundtun, er sei letztlich froh über das Scheitern des Bündnisses mit Manroland. Ansonsten wäre Heideldruck womöglich in die Korruptionsfälle bei Manroland hineingezogen worden. Finkbeiner hatte im September berichtet, die interne Revision habe Unregelmäßigkeiten bei Provisionszahlungen in Indien festgestellt.

Dabei schien die Einigung zwischen Heideldruck und Manroland Ende vergangenen Jahres tatsächlich zum Greifen nahe. Wichtige Positionen des Gemeinschaftsunternehmens waren bereits besetzt. Schreier wäre Vorstandschef geworden, Finkbeiner sein Vize. Als Finanzchef hätte man einen Mann von außen geholt. Als möglicher Aufsichtsrat war der ehemalige Heideldruck-Finanzchef Herbert Meyer angesprochen worden. Selbst mit IG-Metall-Chef Berthold Huber bestand Einvernehmen über die notwendigen Anpassungen.

Das Projekt (Code-Name "Chemie") floppte dennoch. Die Verantwortung trägt letztlich wohl die Allianz . "Die hatten den Schlüssel in der Hand", sagt ein ranghoher Beteiligter. Der Versicherungskonzern hält nicht nur die Mehrheit an Manroland, er ist auch Großaktionär bei Heideldruck.

Möglicherweise haben sich Allianz-Finanzchef Paul Achleitner und der damalige ACP-Chef Thomas Pütter in der Führung des Versicherungskonzerns nicht richtig durchsetzen können. Dort sorgte man sich womöglich, die Bundesregierung hätte im Falle der Fusion die Staatsgarantien für Heideldruck verweigern können. Die Allianz selbst hätte dann einspringen müssen.

Aus und vorbei - jetzt muss jeder der drei allein sein Heil suchen.

Besonders heikel ist die Aufgabe für Manroland-Mann Finkbeiner. Im Frühjahr ist ihm ein weiterer möglicher Befreiungsschlag misslungen: Die Übernahme des Schweizer Konkurrenten Wifag. Vor allem dessen Servicegeschäft hätte Manroland nach vorn gebracht. Das Vorhaben missglückte wegen Bestandsgarantien für die Mitarbeiter in der Schweizer Produktion, die die Gegenseite forderte.

Nun will Finkbeiner seine Firma radikal verkleinern. Dazu hat er sich vor einem halben Jahr - ohne dass es die Öffentlichkeit mitbekommen hätte - den ehemaligen MAN-Vorstand und Chef der Lkw-Sparte Anton Weinmann (54) als Berater an die Seite geholt. IG-Metaller sind schon in Position gegangen, sprechen von drohenden "Enthauptungen".

Um dennoch die Aussicht auf Wachstum zu haben, will Finkbeiner mit der Canon-Tochter Océ kooperieren. Océ hat zwar ebenfalls eine harte Krise durchlitten, könnte aber gemeinsam mit Manroland digitale Druckmaschinen entwickeln und vermarkten.

Einen solchen Digitaldruckpartner kann Branchenkollege Schreier hingegen noch nicht aufbieten. Erst Ende März will er so weit sein. Zurzeit prüft er unter anderem eine Kooperation mit Konica- Minolta. Ebenso wichtig ist aber wohl weiteres Sparen. Zwar sagt Schreier, der Personalabbau sei abgeschlossen; 4500 Stellen hat er in den vergangenen zweieinhalb Jahren gestrichen. Doch meinen Experten, das Unternehmen habe immer noch deutlich zu viele Beschäftigte an Bord.

Schreier & Co. müssen sich jetzt sputen. Das kommende Jahr dürfte ihr Schicksalsjahr werden.

2012 läuft die Staatsgarantie für Heideldruck aus. Außerdem enden die Vorstandsverträge von Schreier und Hansen. Und auch Finkbeiner haben die Eigentümer von Manroland klare Ziele gesetzt.

Gibt es keinen Erfolg, werden die Reste der einst stolzen Branche vernascht. Dann könnte es ganz anders laufen, als die deutschen Maschinenbauer es sich vorgestellt haben. Statt dass sie sich Digitaldruckfirmen als Zusatzgeschäft einverleiben, machen womöglich die Tintenstrahl- und Laserdruckspezialisten die deutschen Maschinentechniker zu ihrem Anhängsel.

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