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Manager im Film: Das Kino und die Realität

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Manager im Film Die Feindbilder

Ob "Wall Street 2" oder "The Social Network": Das Bild des Managers hat sich nicht nur in Hollywood gewandelt. Der strenge, aber gütige Patriarch spielt im Kino keine Rolle mehr. Heute beherrschen eiskalte Geldfetischisten die Leinwand.
Von Klaus Boldt

Hamburg - Wegen Insiderhandels und Betrugs hatte Mr. Gekko seine acht Jahre abgesessen und auch für einige andere Sünden gebüßt, die er 1987 in "Wall Street" begangen hatte, und jetzt kam er frei und nahm das Zeug in Empfang, das man ihm acht Jahre zuvor abgenommen hatte: die Armbanduhr, das Taschentuch aus Seide, den Ring, die Geldklammer aus Gold (ohne Scheine) und das Mobiltelefon, das so groß war wie ein Oberarmknochen und so aussah wie ein Fossil.

Dann trat Gekko, von Michael Douglas wirksam gespielt, vors Gefängnistor: ein Manager in Freiheit! Und der Wind wehte, und die Mittagssonne schien über den Hudson River, und eine Stretchlimousine glitt heran, und die Tür schwang auf, und Hip-Hop-Musik drang hinaus: Doch statt Gekko warf sich ein Rapper in den Fond, schlug den Schlag ins Schloss, und als der Wagen davonschwenkte, nach links aus dem Bild hinaus, fand Gordon Gekko ein bisschen Zeit, die Dinge sacken zu lassen und den Duft der neuen Zeit zu schnuppern.

Mit dieser Szene hatte kürzlich "Wall Street 2" seine Premiere. Und die erste Frage lautete natürlich: Was ist bloß aus dem Helden der 80er und 90er geworden, der mit seinem Credo "Gier ist gut" zur Identifikationsfigur einer ganzen Generation von Bank-, Geld- und sonstigen Managern geworden war: ein Knastbruder, ein Senior, einer, den man stehen gelassen hat?

So viel ist gewiss, sowohl in der Wirtschaftsrealität als auch in ihrer -fiktion hat sich mehr verändert als nur die Größe des Mobiltelefons: "Gier", stellte Gekko bald zur eigenen Überraschung fest, "ist jetzt legal."

In den nächsten 130 Minuten machte er sich als Buchautor einen Namen ("Ist Gier gut?"), geißelte in Vorträgen das Spekulationswesen als Urgrund allen Übels ("mother of all evil") - und mischte dann doch wieder kräftig mit, und zwar dort, wo Manager von vielen Filmemachern traditionsgemäß angesiedelt werden: in der Zwischenwelt des Eben-noch-Legalen: Ein Chief Executive Officer, so lautet die Schmähung der künstlerischen Leitung, kann kein Mitglied der Heilsarmee werden.

Warum sollte sich an der üblen Nachrede auch etwas ändern - solange doch die Wirklichkeit ständig neue Abschreckungen hervorbringt, aus deren Hinterlassenschaften blaue Fliegen brummend steigen: Betrüger wie Bernie Madoff, Ölige wie der HSH-Nordbank-Bilanzfiligran Dirk Jens Nonnenmacher, Sal.-Oppenheim-Bestatter Graf von Krockow oder Klaus Hubert Görg, ein Insolvenzverwalter der zügellosen Sorte, der 32 Millionen Euro für die Abwicklung des Krämerkonzerns Karstadt in Rechnung stellte, in aller Schicklichkeit natürlich und gemäß Gebührenordnung.

Und doch gibt es in der Kunst, wie Manager vorgeführt werden, neuerdings einen wesentlichen Unterschied: Reichtum selbst möbliert nur noch die Kulissen, er dient als Projektionsfläche für größere Fragen als jene: Was kann ich mir für all den Zaster eigentlich kaufen? Um Moral statt Mammon dreht es sich auf der Leinwand und um die Verantwortung des Wirtschaftsmannes für das Gemeinwesen - und darum, wie selten er ihr angeblich gerecht wird (siehe Interview mit Dieter Wedel).

Wofür Gekko das Geld braucht, hinter dem er her ist, spielt weder eine Rolle noch möchte es der Zuschauer wissen. Klar ist nur: Je komplizierter es ist, die Milliarden zu machen, desto sicherer ist er, dass er sie braucht. Im Halluzinationsraum Kino ist das Geld zum Selbstzweck, zum Fetisch, geworden.

Geld verdirbt den Charakter - na klar

Tauchten Geldscheine früher sortiert und gestapelt in Geldkoffern auf, als Haufen auf Spieltischen oder als Bündel in Hosentaschen - wehte es früher durch die Straßen oder von Balkonen hinab, wurde es gefälscht, verschoben, geklaut, gewaschen, verbrannt, verschenkt oder in einer Geldbörse, dick wie ein Heuballen, einfach nur auf den Tisch geflappt - so musste es doch wenigstens für einen Augenblick gezeigt werden, um das Publikum daran zu erinnern, worum es eigentlich ging.

Heute indes nehmen Münzen und Scheine sinnliche Erscheinungsform nur noch im Ungefähren an: Als Mittel zur Erfüllung der Marken- und Konsumsucht wie in "Der Teufel trägt Prada" (2006) mit Meryl Streep oder als großstädtischer Geschlechterreigen in "Sex and the City", was epd Film in munterer Weise der "sexuellen Ökonomie des emanzipierten Finanzkapitals" als zugehörig empfand. Doch das Geld selbst - es hat sich buchstäblich entmaterialisiert.

Auch der Film "The Social Network", der die Geschichte von Facebook erzählt und zu den empfehlenswerten Streifen aus der Wirtschaftswelt gehört, bekümmert sich weder um die Werte, die Firmengründer Mark Zuckerberg erschaffen, noch um die Ziele, die er erreichen wollte, sondern in erster Linie um die Skrupellosigkeit, mit der er sie angeblich verfolgte.

Die Frage, ob Geld den Charakter verdirbt, scheint von Hollywood nach vielen Tests und Forschungen mit einem "Na klar" beantwortet worden zu sein.

In der Vergangenheit ist man sich da noch nicht so sicher gewesen. Im "Dollarregen" von 1941 etwa erhält eine Kaufhausverkäuferin einen anonymen Scheck über eine Million Dollar, kauft ihren Freunden haufenweise Geschenke, macht ihrem Freund (Ronald Reagan) sogar einen Heiratsantrag, statt auf einen zu warten - und bekommt einen Korb. Denn eine reiche Frau mag der nicht. Fazit: Geld allein macht nicht glücklich. Das Publikum war begeistert.

In "Sein größter Bluff" von 1954 überlassen zwei kauzige Millionäre dem mittellosen Henry Adams (Gregory Peck) für einen Monat eine Eine-Million-Pfund-Note, die dieser natürlich nirgendwo einlösen kann. Aber das braucht er auch nicht zu tun: Es reicht, dass er sie vorzuzeigt, um in seiner Mitwelt Niedertracht und Schmeichelei in erschreckender Weise erblühen zu lassen.

Im gleichen Jahr zogen Pola (Marilyn Monroe) und Schatze (Lauren Bacall) in "Wie angelt man sich einen Millionär?" nach New York, um dort einen Ehemann zu finden, der nur gut aussehen und reich sein musste. Schließlich heiratet Schatze einen Tankwart, der sich am Ende erfreulicherweise als netter Ölmagnat entpuppt.

Der strenge, aber gütige Unternehmer vom Schlage eines Herrn Generaldirektors findet sich nirgendwo mehr, jener gebildete Patriarch, wie ihn Paul Dahlke als Geheimrat Schlüter verkörpert hatte, den Besitzer der "weltbekannten Schlüter-Werke" in der Wirtschaftswunderbagatelle "Drei Männer im Schnee" von 1955: autoritär, aber gerecht.

Die Wendung von Unbekümmertheit und Zuversicht im dramaturgischen Geschehen zu Schwarzmalerei und Resignation des Ausdrucks hatte sich mit der Globalisierung der Märkte in den 80er Jahren angekündigt und nach dem Zusammenbruch der Neuen Wirtschaft zur Jahrtausendwende vollendet, nachdem Bürgerzocker Milliarden an der Börse verspielt hatten und der Blütentraum der Neoliberalen von einer immerblühenden Informations- und Digitalökonomie und Unternehmern, die im Sinne des Marktes schon automatisch das Richtige täten, zu Ende war.

Das Ende der heilen Managerwelt

Filmisch markiert wird das Ende der halbwegs heilen Managerwelt durch den Film "American Psycho" (2000) nach dem gleichnamigen Skandalroman von Bret Easton Ellis: Der New Yorker Investmentbanker Patrick Bateman macht tagsüber Millionen, mordet und foltert des Nachts aber Prostituierte und Penner: "Ich hätte Lust, dich abzustechen und mit deinem Blut herumzusauen." Amokläufe einer Menetekelfigur.

Im Theater, dessen Mittel gewöhnlich bescheiden sind und dessen Intendanten mit umso stolzerer Selbstverständlichkeit Subventionen entgegennehmen, fand der Interpretationswandel einen besonders frohen und breiten Anklang.

Es dauerte nicht lange, und die Schauspielhäuser des Landes nahmen sich der Dinge an und setzten Managerfeindbilder mit Steuermillionen und zu einem guten Teil durch Spenden aus der Wirtschaft in unschöne Szenen.

"Bankenstück: Das Geld, die Stadt und die Wut" (Berlin) und "Groundings" (Zürich) hießen die Stücke, "Die Optimisten" (Bochum), "Pablo in der Plusfiliale" (Ruhrfestspiele), "McKinsey kommt" (Brandenburg) oder "Das System 1 - Electronic City" (Berlin): Die grauen Schwänke präsentierten Klischees und Küchenpsychologie, seelisch verwahrloste, kaputte und kaltherzige, gierige, koksende, ignorante, humorlose, durchs Weltgeschehen schwankende Managergestalten. Das Niveau war größtenteils niedrig, und es wurde nicht erhöht.

Im Herbst 2008, Lehman Brothers  war gerade in sich zusammengestürzt, die Trümmer rauchten noch, da setzte das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg seinem Publikum mit "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden" eine Agitprop-Inszenierung vor, wie man sie früher allenfalls auf DKP-Parteitagen von Laienspielgruppen aufgeführt sah: Ein Chor aus zwei Dutzend Hartz-IV-Empfängern verlas im Epilog die Namen von zwei Dutzend Hamburger Milliardären und Millionären, langsam und zum Mitschreiben. Zwischendurch brüllten die Aufgewühlten "Unser Land ist in Gefahr!" und "Geld ganz abschaffen!".

Nun sind Verzerrungen und Übertreibungen auf der Bühne weder neu noch unerwünscht und auch nicht auf die Volksgruppe der Manager beschränkt: Doch während die Darstellung von Ärzten oder Polizisten, Lehrern oder Taxifahrern noch einen gewissen Augenblick der Erkenntnis und des Einblicks bietet, einen Augenblick für die Wirklichkeit, von dem man freilich nie weiß, wann er kommt und wie lange er dauert, wirken Unternehmensberater auf der Bühne nur noch wie ihre eigene Karikatur.

Genügte es einst vollkommen, einen Hamlet mit Aktentasche, einen Faust mit Krawatte und eine Minna von Barnhelm mit Stenoblock auszustaffieren, um Systemkritik zu üben, erlegen sich Regisseure heute keine Zurückhaltung mehr auf eingedenk der Tatsache, dass Umfragen zufolge nur Prostituierte und Vorbestrafte über einen schlechteren Ruf verfügen als Geldmanager.

Kein geringer Anteil an diesem traurigen Befund kommt natürlich den Managern selbst zu, die Boni und Sondervergütungen sogar im Falle von Misserfolgen nicht selten beanspruchen und sich bei ihren Kundgebungen in Managerlatein und Schaumschlägerei gefallen.

"Wall Street 2" kam unter Feuilletonisten übrigens nicht besonders gut an. Kritiker verdross, dass Oliver Stone, der Regisseur, nicht härter mit den Akrobaten des internationalen Geldwesens ins Gericht gegangen sei. Das Bild, das er zeigte, moserten sie, sei geschönt. Denn Gordon Gekko gab eine Weisheit zum Besten, die so gar nicht zu diesem Stereotyp passen wollte: "Wenn es etwas gibt, was ich im Gefängnis gelernt habe, dann ist es, dass nicht Geld das höchste Gut in unserem Leben ist, sondern Zeit."

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