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Family Offices: Der Boom der privaten Geldverwalter

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Family Office Wem Reiche ihr Geld anvertrauen

Immer mehr reiche Deutsche überlassen ihr Geld nicht den Banken, sondern kümmern sich mit Family Offices selbst darum. Jetzt können auch weniger Betuchte ihr Geld auf diese Weise mehren.

Hamburg - Am Rande eines Bad Homburger Villenviertels, in dem die blanken Klingelschilder an den Toren keine Namen verraten, steht ein großer Bau aus Glas und Beton. Wer hineinwill, muss an ihm vorbei: Harald Quandt. Gleich doppelt wacht er im Foyer des nach ihm benannten Hauses, auf zwei Porträts von Pop-Art-Künstler Andy Warhol.

Christian Stadermann (45) geht mehrmals täglich daran vorbei, auf dem Weg zu seinem Schreibtisch mit den zwei Bloomberg-Monitoren, die ihm Kurse von Anleihen und Aktien anzeigen. Der Ex-Banker ist Geschäftsführer von HQ Trust, einem der ältesten deutschen Vermögensverwalter für Superreiche seiner Art. Das Besondere an der Firma: Der HQ Trust ist ein Multi Family Office. Er verwaltet nicht nur das Milliardenvermögen der vier Harald-Quandt-Töchter - immerhin rund eine Milliarde Euro -, sondern kümmert sich auch um das Geld anderer Anleger.

Einzige Voraussetzung: Sie müssen mindestens 50 Millionen Euro mitbringen.

Stadermann hat reichlich zu tun, denn immer mehr Familien suchen seine Dienste. "Derzeit läuft eine zweite Gründungswelle von Family Offices", sagt er. Die erste Welle hatten vor mehr als 20 Jahren unter anderem die Quandt-Erbinnen mit ihrem Vermögensverwalter gestartet.

Exklusive Geldverwaltung ist einfacher geworden

Heute ist es viel einfacher und günstiger, ein sogenanntes Single Family Office für die eigene Familie zu gründen. Das kümmert sich um Kernfunktionen wie die Beaufsichtigung der Wertentwicklung von Depots. Mit der Anlagestrategie beauftragen solche Familienbüros häufig Multi Family Offices wie HQ Trust. Diese Arbeitsteilung ist für beide Seiten lohnend: Die einen brauchen keine teuren Experten vorzuhalten, die anderen lasten ihr Humankapital besser aus.

Rund 400 Single Family Offices, die nur eine Familie bedienen, und 50 Multi Family Offices gibt es hierzulande, schätzt Peter Schaubach, Wirtschaftsprofessor und Vermögensforscher an der European Business School in Oestrich-Winkel. Und die Zahl steigt. Rund 6000 Deutsche mit einem Vermögen von mehr als 30 Millionen Euro je Familie nutzen bereits die Dienste eines Family Office, schätzt der Research-Anbieter Investors Marketing. Die exklusiven Geldverwalter steuern ein Gesamtvermögen von mehr als 180 Milliarden Euro - das ist mehr, als die zur Deutschen Bank  gehörende Fondsgesellschaft DWS  hierzulande verwaltet.

Was aber macht Family Offices für vermögende Anleger so attraktiv? Für wen lohnt sich ein Familienbüro? Und wer sollte besser die Finger davon lassen?

Fest steht: Verlierer der neuen Familienpolitik sind die Banken. Sogar Industriellen-Clans, die jahrzehntelang auf die Geldhäuser vertraut haben, nehmen ihr Vermögen jetzt selbst in die Hand.

Prominentestes Beispiel: die Familie Henkel , Mehrheitseigentümer des gleichnamigen Düsseldorfer Konsumgüterherstellers. Erst 2006 gründeten sie das Henkel Family Office. Die Schaltzentrale der 8,5 Milliarden Euro schweren Vermögensverwaltung befindet sich in einem mit roten Steinplatten verkleideten Zweckbau in der Heinrich-Heine-Allee, gegenüber der Düsseldorfer Oper. Dort wacht Kai-Arne Jordan (43) als Geschäftsführer zusammen mit sieben Kollegen über das Vermögen der Waschmitteldynastie.

Überschaubare Kosten, erfolgsabhängige Gebühren

Warum aber braucht die heute ein Familienbüro, Herr Jordan? "Die Familienmitglieder wollten systematisch ihre Erfahrungen mit Vermögensverwaltern austauschen, nicht nur sporadisch auf Familientreffen", sagt der Geldmanager. "Aus der Idee ist dann viel mehr geworden."

Aber nur, weil die Idee auch bei den Kosten überzeugte. Denn die Erben von Fritz Henkel (1848 bis 1930) halten nicht nur Konzernchef Kasper Rorsted zum Sparen an, sondern auch ihre Vermögensverwalter.

"Der Gesamtaufwand sollte geringer sein als das, was die Banken vorher an unseren Kunden verdient haben", sagt Jordan. "Wenn die Kosten für Wertpapierhandel und Gebühren so stark sinken, dass die Eigentümer mit den Einsparungen das Family Office bezahlen können, hat der Kunde ohne Mehrkosten einen eigenen Ansprechpartner für sein Vermögen."

Die Kosten sind tatsächlich überschaubar. Wer sein Geld einem Multi Family Office anvertraut, zahlt für die reine Verwaltung des Vermögens eine moderate Gebühr: Üblicherweise sind es weniger als 0,5 Prozent pro Jahr. Dazu kommen in vielen Fällen erfolgsabhängige Gebühren.

Family Office schon ab fünf Millionen Euro Anlagevermögen

Die meisten Family-Office-Kunden bringen dreistellige Millionenvermögen mit, zeigt die Studie "Mythos Family Office 2010", eine Umfrage unter 64 Family Offices in Deutschland und der Schweiz, die das Bayerische Finanz-Zentrum gemeinsam mit den Finanzdienstleistern Complementa und J. P. Morgan Asset Management erstellt hat. Nur jedes zehnte der befragten Family Offices verwaltet weniger als 300 Millionen Euro. Die Hälfte der exklusiven Vermögensverwalter steuert zwischen 300 Millionen und einer Milliarde Euro. Fast 40 Prozent von ihnen haben sogar mehr als eine Milliarde Euro in den Depots.

Banken verlangen bei der Topklientel einen ähnlichen Obolus wie die Family Offices, nehmen darüber hinaus aber gern versteckte Gebühren. Zu diesem Zweck kaufen sie häufig hauseigene Fonds für die Depots oder kassieren hohe Aufschläge beim Kauf und Verkauf von Wertpapieren, wenn sie die Aufträge an die Kollegen im bankeigenen Handelssaal vergeben.

Doch der Druck auf die Provisionen der Banker wächst. Denn die exklusive Form der Geldverwaltung durch ein Family Office ist längst auch für deutlich kleinere Vermögen verfügbar. Bei Feri Family Trust zum Beispiel geht es ab fünf Millionen Euro Anlagevermögen los, sagt Katja Liese, die für die strategische Unternehmensentwicklung von Feri Family Trust verantwortlich ist.

Feri Family Trust ist das zweite Multi Family Office, das aus dem Quandt-Imperium hervorgegangen ist. Seit 2006 gehört Feri mehrheitlich zum Finanzvertrieb MLP . Das Unternehmen residiert im Haus am Park, einem gläsernen Bau am Rande der Bad Homburger Innenstadt.

Feri-Kunden brauchen keine eigenen Mitarbeiter für ihre Vermögensverwaltung mehr. "Manche nutzen zwar eine Sekretärin", sagt Katja Liese. "Aber die meisten delegieren sämtliche Aufgaben an uns."

Dazu gehört vor allem die Anlagestrategie, also die Aufteilung des Vermögens auf Aktien, Anleihen, Immobilien und andere Anlageklassen (siehe Grafik links). Dann vergeben die Family-Office-Manager Mandate an Spezialisten, die einzelne Investments auswählen, und überwachen deren Arbeit.

Das Vertrauen in die Banken ist gestört

Festes Ritual bei jeder Topvermögensverwaltung ist der monatliche Anlageausschuss, so auch beim Focam Family Office. Bereits 1999 hatte Andreas Jacobs (47), Spross der Bremer Kaffee- und Schokoladen-Dynastie, den Vermögensverwalter gegründet. Chef von Focam ist Jakobs-Freund Christian von Bechtolsheim (50). Eine seiner wichtigsten Aufgaben: die Auswahl der einzelnen Manager, die jeweils einen Teil des Vermögens mehren sollen.

Der Auswahlprozess ist rigoros. Wer das Geld der Kunden betreuen möchte, muss zuvor einen sogenannten Schönheitswettbewerb überstehen. "Wenn eine Familie zum Beispiel einen Aktienexperten für Asien sucht, machen wir drei bis fünf Vorschläge für die Endauswahl", sagt Focams Anlagechef Thorsten Querg (49). "Diese Manager möchte die Familie, insbesondere bei größeren Mandaten, dann auch persönlich kennenlernen."

Danach überwacht Focam, ob die externen Manager ihre Vorgaben auch einhalten. Gute Family Offices verfügen über Software, die das Vermögen bei allen mandatierten Verwaltern zusammenfassen und analysieren kann. So können sie Klumpenrisiken erkennen. Dadurch war es dem Henkel Family Office möglich, die beauftragten Fondsmanager früh anzuweisen, alle griechischen Staatsanleihen in den Depots der Familie zu verkaufen - bevor die Kurse ins Bodenlose fielen.

Diese Arbeitsweise ist für ordentliche Family Offices mittlerweile typisch: Sie treffen die Entscheidungen über den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren, die Banken übernehmen nur noch die technische Abwicklung. Der Anteil der von Kunden selbst gemanagten Depots bei den Privatbanken ist allein von 2007 bis 2008 von 62 auf 66 Prozent gestiegen, belegen die jüngsten verfügbaren Daten der Beratungsgesellschaft Booz & Co. Dagegen hat sich die Zahl der Vermögensverwaltungsmandate, bei denen die Bank allein entscheidet, im gleichen Zeitraum fast halbiert, von 26 auf 15 Prozent.

Gründerboom bei Family Offices

Kein Wunder, dass der Kunden- und vor allem Provisionsschwund im Geldgewerbe für Gesprächsstoff sorgt. So auch bei der Euroforum-Konferenz Private Banking und Family Office im feinen Hamburger "Hotel Louis C. Jacob", einem der wichtigsten Treffen der Privatbankenzunft.

Es ist Anfang Dezember 2010, vor den Fenstern des Konferenzraums fahren die Containerschiffe auf der Elbe an der verschneiten Airbus-Werft vorüber. Drinnen im Saal ist die Stimmung ebenso eisig.

"Die Finanzkrise hat das Vertrauen der Kunden in die Banken massiv gestört", erklärt Rolf Tilmes, Dekan der European Business School, der versammelten Finanzgemeinde. "Die Kunden ändern ihr Verhalten: Immer mehr Wohlhabende verwalten ihr Vermögen selbst."

Aus dem Publikum, rund 200 Banker und Vermögensverwalter, kommt kein Widerspruch, sondern Zustimmung. Family Offices hätten das Geschäftsmodell der Privatbanken aufgebrochen, sagt Thomas Borghardt (44), bei der Deutschen Bank  verantwortlich für die Betreuung der wichtigsten Kunden im Geschäftsbereich Private Wealth Management auf dem Heimatmarkt. "Family Offices wurden zur Ordnung des Vermögens gegründet", sagt Borghardt. "Jetzt werden sie zu Vermögensverwaltungen" - und damit vom Partner zur erbitterten Konkurrenz der Banken.

Die anderen Institute machen ähnliche Erfahrungen. "Wenn wir für Family Offices arbeiten, werden wir enger geführt als früher, so wie alle", diagnostiziert Franz Angermann (43), der bei UBS Deutschland für die Betreuung großer Privatvermögen und Single Family Offices zuständig ist.

Angermann wie auch seine Kollegen kennen die Ursachen für den Gründerboom bei Family Offices nur allzu gut: Interessenunterschiede zwischen Banken und Kunden. Während die Kunden vor allem Anlageprodukte nach ihren Bedürfnissen wollen, interessiert Banker naturgemäß auch, wie viel dabei für sie hängen bleibt.

Die Folge: Allzu oft haben die Geldhäuser bei der Verwaltung von Kundengeldern an ihre eigene Gewinn- und Verlust-Rechnung gedacht.

"Denen ist egal, wo wir investieren"

Von dem Nobelhotel und der Bankerkonferenz sind es nur wenige Kilometer elbaufwärts bis zu Hamburgs teuerster Einkaufsstraße Neuer Wall, wo einer der Gewinner des Branchenumbruchs sein Quartier hat: Lange Assets & Consulting. Dem Vermögensmanager Thomas Lange (44) fließen stetig neue Gelder zu, auf mehr als 200 Millionen Euro ist das von ihm verwaltete Kapital bereits gestiegen. Unter anderem zählt Verlagserbe John Jahr (45) zum Kreis der Mandanten.

Während die verbliebenen Bankkunden ihren Beratern enge Vorschriften auferlegen, und Verbraucherministerin Ilse Aigner noch dazu bei jedem Beratungsgespräch das leidige Erstellen von Gesprächsprotokollen verlangt, hat Lange bei seinen Kunden freie Hand. Mit den lästigen Protokollen, die Finanzberater seit 2010 ausfüllen müssen, hat er nichts zu schaffen. "Das Beratungsgeschäft, bei dem Kunden die Entscheidungen selbst treffen, haben wir 2009 aufgegeben", sagt er.

Lange redet kaum mit seinen Kunden. "Die geben uns keine Anlageklassen vor, sondern Renditeziele. Denen ist dann egal, wo wir investieren." Dieses Vertrauen haben er und seine acht Kollegen sich in den vergangenen Jahren erarbeitet: Risikoscheue Kunden hatten 2010 7 bis 8 Prozent Rendite, Mutigere konnten sich sogar über 14 bis 17 Prozent Plus freuen.

Kapitalerhalt statt hoher Gewinne

Doch um hohe Gewinne geht es Lange derzeit nicht. "Unser Fokus ist im Moment: Wie kann ich vermeiden, Geld zu verlieren?"

Ein ähnlich unabhängiger Arbeitsstil zeichnet auch Jens Spudy (48) aus, Gründer und Geschäftsführer der Spudy & Co. Family Office GmbH. "Wir arbeiten bevorzugt mit bankunabhängigen Fondsgesellschaften und Vermögensverwaltern zusammen, da diese ohne größere Einschränkungen durch Konzernvorgaben ihre Entscheidungen treffen können."

Spudy war selbst Banker, jahrelang beriet er für die Deutsche Bank wohlhabende Kunden. 1994 wagte er den Ausstieg und gründete sein Unternehmen, das heute in einer frisch renovierten Jugendstilvilla an der Hamburger Außenalster residiert. Seinen Co-Gesellschafter Randolph Kempcke warb Spudy erst vor einem Jahr vom Multi Family Office UBS Sauerborn ab. Gemeinsam hüten sie mehr als 3,5 Milliarden Euro Kundengeld.

Bankeigene Fondsanbieter wie DWS  oder Deka finden sich auf Spudys Empfehlungsliste kaum. Für Aktieninvestitionen setzt er auf Warren Buffetts Finanzkonglomerat Berkshire Hathaway  oder auf den Aktienfonds Carmignac Investissement , mit dem der Franzose Edouard Carmignac seit dem Start 1989 das Geld der Anleger mehr als verzehnfacht hat. Als Spezialisten für Nebenwerte, also Aktien mit geringer Marktkapitalisierung, nutzt Spudy die US-Boutique Royce und die dänische Sparinvest. Anleihemandate lässt er zum Beispiel vom am Bodensee beheimateten Peter Huber und dessen Fondsgesellschaft Starcapital verwalten.

Gut für weniger betuchte Privatanleger: Diese Vermögensverwalter sind auch Nichtmillionären zu Diensten (siehe Kasten links oben).

Wer viel Geld hat, zieht auch Scharlatane an

Dass viele Superreiche lieber soliden jungen Finanzboutiquen vertrauen als den etablierten Privatbanken, ist freilich neu. Durch die Finanzkrise und den Zusammenbruch der Privatbank Sal. Oppenheim hat die Zunft reichlich Kredit verspielt.

In der neuen Geldwelt sind die unabhängigen Vermögensverwalter die Verbündeten der Family Offices. Doch blindes Vertrauen in die neuen Finanzmächtigen bleibt gefährlich. Nur wer sich selbst intensiv um seine Finanzen kümmert, kann die richtigen Verwalter für sein Vermögen finden und verhindern, Betrügern aufzusitzen. Für diese Aufgabe ist die neue Generation der Unternehmenserben offenbar besser gerüstet als ihre Vorgänger.

Beispiel Wolf Hartmut Adler. Der 45-Jährige hat einst die Adler Modemärkte geerbt - und längst verkauft. Anstatt sich mit Textildiscountern zu beschäftigen, studierte Adler an der US-Eliteuniversität Stanford Wirtschaftswissenschaften, unter anderem bei Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman und Gastdozenten wie Warren Buffett. Danach arbeitete er einige Jahre für die Boston Consulting Group und die Vermögensverwaltung der Schweizer UBS . Heute leitet Adler von einer Stuttgarter Villa aus das Fontis Family Office, das auch für andere Familien offen ist.

Die Finanzkrise hat Adler bestätigt, wie wichtig ein gesundes Misstrauen gegenüber anderen Vermögensverwaltern ist. Denn wer viel Geld hat, zieht auch Scharlatane an. So hatten die Vertriebspartner des US-Betrügers Bernie Madoff seit 2004 mehrmals in der Stuttgarter Villa angeklopft und mit Traumrenditen geworben.

"Deshalb haben wir das nicht gemacht. Ich konnte nicht verstehen, warum die Zahlen so gut waren", sagt Adler. Auch die hohen Vermittlergebühren, die Madoff zahlte, waren ihm ein Warnzeichen.

Unangenehme Erfahrungen im Handelsraum

Um Finanzalchemisten wie Madoff zu durchschauen, hilft es, dass Adler selbst alles für eine Wall-Street-Karriere mitbringt. Gegen die Arbeit bei einer Investmentbank entschied er sich am Ende seines Studiums, nachdem er mit anderen Absolventen den Handelsraum einer Wall-Street-Bank besucht hatte. Adler hatte gehört, wie ein Wertpapierhändler seinem Kunden eine Investition anpries - und eine Sekunde später, als der Hörer auf der Gabel lag, über den dummen Kunden herzog. "In diesem Moment dachte ich: Ich will meine Seele nicht verkaufen", sagt er.

Vor allem will Adler nicht selbst der dumme Kunde sein, bei dem andere ihre Giftpapiere abladen.

Die Vorbilder der neuen deutschen Family-Office-Elite sitzen in den Vereinigten Staaten, wo es Familienbüros nicht erst seit 25 Jahren gibt, sondern seit mehr als einem Jahrhundert. Die Szene dort ist viel größer und bietet Inspiration.

Auch für Johannes Fritz (56), der seit Jahren das hauseigene Familienbüro des anderen Quandt-Familienzweigs leitet. Die Erben von BMW-Eigner Herbert Quandt, Stefan Quandt und Susanne Klatten, kommen gemeinsam mit Mutter Johanna auf knapp 17 Milliarden Euro Vermögen.

Fragt man Fritz nach seiner Einschätzung der Finanzmärkte und seiner Anlagestrategie, empfiehlt er vor allem Tony Boeckhs Buch "The Great Reflation".

"Wir leben in einer neuen Geldwelt"

Anthony Boeckh (72) leitet sein eigenes Family Office und gibt den an Vermögende gerichteten Rundbrief "The Boeckh Investment Letter" heraus. Der Kanadier hat süddeutsche Vorfahren, die ihr Vermögen mit der Herstellung von Malerpinseln verdienten. Er sitzt fern der Wall Street in einer Bürosuite mit der Adresse 1002 Sherbrooke Street West im kanadischen Montreal.

Boeckh ist überzeugt, dass Anleger seit der Finanzkrise alles anders machen müssen als vorher: "Denn wir leben in einer neuen Geldwelt, in der nichts mehr ist wie zuvor", sagt er. Die alte Regel "Kaufe und halte" ist ungeeignet für die neuen, turbulenten Zeiten, in denen Aktien gleich zweimal innerhalb eines Jahrzehnts die Hälfte ihres Werts verlieren können, so wie es in den Jahren 2000 und 2008 geschehen ist.

Für die kommenden Monate erwartet Boeckh jedoch steigende Aktienkurse, weil die Notenbanken mit ihrer Niedrigzinspolitik die Spekulation an den Börsen anheizen. Doch sollten Anleger wegen der ungelösten Staatsschuldenkrise wachsam bleiben, warnt er.

"Es geht darum, ständig mit dem Kapital hin- und herzujonglieren: Zwischen sicheren Anlagen wie deutschen Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit und nahezu null Rendite sowie riskanten Anlagen wie Aktien und Hochzinsanleihen, die noch Rendite versprechen", sagt Boeckh. Damit, so der Kanadier, sind viele Banker überfordert. Entsprechend wichtig ist ein ausgeklügeltes Controlling.

"Wir tauschen uns aus, auch international"

Der Schweizer Rudolf K. Sprüngli, Nachfahre des gleichnamigen Schoko-Clans, ist sich deshalb für die Buchhaltung nicht zu schade. "Ich mache auch das Controlling, ich habe mich so organisiert, dass ich das schaffe", sagt er. Den externen Managern macht er genaue Vorgaben für den Portfoliomix, einschließlich Renditeziel. Oft bestimmt Sprüngli sogar, in welche Unternehmen seine Vermögensverwalter investieren sollen.

Doch selbst Sprünglis Maß an Autarkie reicht einigen nicht mehr, die ihre finanzielle Selbstständigkeit auf die Spitze treiben. Diese Reichen erledigen fast alles im eigenen Familienbüro, auch die Auswahl einzelner Aktien. Sie kooperieren vorwiegend mit anderen Family Offices, die ausschließlich einem Clan dienen.

Zwei dieser neuen Family-Office-Netzwerker haben am Rosenheimer Platz in München ihren Sitz: die Zwillinge Thomas und Andreas Strüngmann (60). Große Ansprüche können sie sich leisten, denn seit dem Verkauf ihres Nachahmer-Medikamentenherstellers Hexal an den Schweizer Konzern Novartis  vor sechs Jahren gebietet jeder von ihnen über knapp zwei Milliarden Euro - und zwar zu einem guten Teil über ihre Athos Service GmbH.

Die Strüngmanns sind beinahe täglich bei den zehn Angestellten ihres Family Office. "Externe Berater haben wir stark reduziert", sagt Thomas Strüngmann. "Wir tauschen uns mit anderen Family Offices aus, auch international."

Das funktioniert etwa so: Derzeit möchten die Brüder ihren Immobilienanteil von 10 auf 15 Prozent erhöhen. Aber nicht im überteuerten München, sondern in Asiens Wachstumsmärkten. "Dabei hilft uns der Experte eines anderen Family Office, dem folgen wir bei unseren Immobilieninvestments", sagt Thomas Strüngmann. "Dafür investiert der bei uns in Biotech."

Eine Bank besucht Strüngmann fast nur noch, wenn er einen Geldautomaten braucht.

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