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Pendeln ohne Stress: Die besten Airport-Verbindungen

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Businesstrips Schlau um den Stau

Ein Taxi für Männer (und Frauen) ohne Nerven: In Paris können sich Manager per Motorrad durch den Dauerstau zwischen Airport und Innenstadt chauffieren lassen. Ein Selbstversuch.

Schon vor der Périphérique wird es eng. Auf dem Weg vom Flughafen Charles de Gaulle in die Pariser Innenstadt staut sich an diesem Freitagmorgen der Verkehr bereits am Autobahnkreuz nahe der Fußballarena "Stade de France".

Eigentlich geht nichts mehr. Doch unser Fahrer geht mit der Situation souverän um: Zunächst weicht er auf den Standstreifen aus, um wenig später mitten zwischen den Fahrspuren an Kolonnen von dahinkriechenden Pkw, Lkw und Bussen hindurchzupreschen. Dann überquert er zwei, drei Sperrflächen. Zur Not, wenn sich nirgends sonst Platz für eine zügige Weiterfahrt findet, zieht er auch schon mal über die doppelt durchgezogene Linie auf die Gegenfahrbahn.

Wer sich als zahlender Fahrgast auf den Rücksitz eines zweirädrigen "Moto-Taxis" zwängt, darf keine schwachen Nerven haben. Dafür sind die chauffierten Motorräder unschlagbar schnelle Transportmittel für den chronisch verstopften Weg zwischen Flughafen und Pariser City. Denn das ist häufig das größte logistische Problem für Geschäftsleute, die in Metropolen wie Paris einfliegen: pünktlich beim ersten Meeting in den Büros und Geschäftsvierteln nahe der Innenstadt zu sein.

Sonderlich bequem ist die Fahrt mit einem Moto-Taxi allerdings nicht. So muss der Gast dauerhaft die Knie zusammenpressen können: Die Lücken, durch die sich die professionellen Piloten hindurchschlängeln, lassen meist nur wenige Millimeter zwischen den ungeschützten Knochen der Klienten und dem Blech der sie umgebenden Autos, Leitplanken, Verkehrszeichen.

Dennoch sind die Motorräder in Paris die cleverste Lösung, wenn Geschäftsreisende vom Flughafen ins Stadtzentrum und zurück kommen wollen. Was in New York City der teure Heli-Shuttle und in Shanghai der hochtechnisierte Transrapid anbieten, das erledigen in Paris ein paar Dutzend Zweiradroutiniers, organisiert von einer Handvoll Firmen.

Der größte Anbieter, City-Bird, wurde schon 2003 gegründet und hat seither mehr als 120.000 Fahrten absolviert. Rund 250 Unternehmen nutzen den Service regelmäßig für ihre Manager. British Airways umwirbt Geschäftsreisende mit einer "Reisezeit vom Pariser Büro nach London in nur 2 Stunden", den Weg vom Verlassen des City-Bird-Bikes am Airportgebäude bis zum Sitzplatz im Flugzeug eingerechnet.

Zu den prominenten Kunden der Moto-Taxis zählt Thomas Enders. Die Zweiräder sparen dem Airbus-Chef und ehemaligen Luftwaffenoffizier angeblich so viel Zeit, dass er ganze Krisen bewältigen kann, bevor seine mitreisenden Kollegen, die zwischen Airport und Konzernzentrale lieber den üblichen Limoservice nutzen, ihr Büro oder den Konferenzraum erreicht haben.

Tatsächlich reduziert der Trip mit den luftigen Flitzern die Fahrzeit eines herkömmlichen Taxis um rund die Hälfte. Im Vergleich zu den in Paris besonders behäbigen S- und U-Bahnen unter Umständen sogar um zwei Drittel. Für die gut 30 Kilometer vom Airport Charles de Gaulle, Terminal 1, bis ins Sträßchengewirr von St. Germain-des-Prés benötigte das Moto-Taxi an jenem klaren Wintertag zum Beispiel gerade mal 40 Minuten.

Allerdings muss man die Ankleidezeit hinzurechnen. Wer im feinen Business-Zwirn anreist, muss sich vorm Losfahren nicht nur den obligatorischen Helm (mit Sprechverbindung zum Fahrer) überstülpen, sondern auch einen dicken, wasserdichten Anorak überziehen, bei nasser Fahrbahn auch Gummigamaschen zum Schutz des edlen Schuhwerks. Die Beine werden warm gehalten von einer knöchellangen, pelzgefütterten Schürze.

Reiseutensilien bis zur Größe eines Flugzeugkabinenkoffers passen entweder in den Stauraum unter der Sitzbank, in den Topcase dahinter oder oben auf dessen Gepäckträger. Bei dieser maximalen Stapelhöhe wird das Erklimmen des Beifahrersitzes allerdings zur akrobatischen Übung.

Die meisten Kunden, so erzählen die Fahrer, nehmen am liebsten auf dem Sozius einer Honda Goldwing Platz, eines bequemen Großkalibers mit sechs Zylindern. Wer es schlichter will, der ordert einen Motorroller. Der ist obendrein etwas günstiger: Die Fahrt von Charles de Gaulle in die City oder umgekehrt kostet ab 60 Euro. Mit der Goldwing werden mindestens 75 Euro fällig.

Das große Abenteuer

Moto-Taxis arbeiten nicht auf Anruf, nicht per Herbeiwinken oder von einem markierten Warteplatz wie herkömmliche Droschken, sondern nur auf Vorbestellung. Abgerechnet wird per Kreditkarte oder über das Firmenkonto. Das heißt: Jeder potenzielle Kunde muss sich vorab online registrieren. Was nicht immer ganz einfach ist. Denn einige der Websites sind weder übersichtlich noch benutzerfreundlich aufgebaut.

Auch Bilder der Fahrer kann sich der interessierte Kunde dort anschauen - was Vertrauen aufbauen soll. Kunden loben die Chauffeure im realen Kontakt als freundlich und verlässlich. Alle verfügen über mindestens zehn Jahre Erfahrung als Motorradfahrer - und dürfen vor ihrer Einstellung mindestens fünf Jahre keine Verkehrsstrafpunkte bekommen haben. Durchschnittlich sitzt jeder professionelle Zweiradchauffeur pro Monat 5000 Kilometer im Sattel.

Wer tatsächlich ein Moto-Taxi buchen will, der braucht aber wenigstens Basiskenntnisse des Französischen. Zum einen für das Bedienen der Websites. Zum anderen, weil nicht alle Fahrer genug Englisch sprechen. Aber mit ein bisschen "s'il vous plaît" und "merci beaucoup" kommt man dann schon klar.

Im Sommer wird's selbst bei hochgeklapptem Visier heiß unter dem Helm. Die Fön- oder Gelfrisur ist dann schnell ruiniert. Im Winter zieht dafür der kalte Fahrtwind die Hosenbeine hoch oder zwischen Helm und Kragen in den Halsausschnitt.

Die Moto-Taxis fahren nicht in den frühen Morgenstunden und nicht bei Schnee oder anderen Rutschgefahren - was einer der Gründe sein dürfte, warum noch keine Unfälle mit Personenschäden bei den Passagieren vermeldet wurden.

Das große Abenteuer auf dem Rücken der Honda beginnt jedoch erst mit der Rückfahrt zum Flughafen. Denn jetzt kommt auch noch die innerliche Anspannung des Passagiers hinzu: Wie üblich haben die Termine in der Innenstadt viel länger gedauert als angenommen. Schafft der geschaffte Geschäftsreisende jetzt noch seinen Flieger nach Hause?

Die Hürden sind hoch. Zur spätnachmittäglichen Rushhour ballt sich der Pariser Verkehr schon in den großen Avenuen der City und in den Zufahrtsstraßen zur Périphérique. Auf der Stadtautobahn herrscht dann kompletter Stillstand.

Nicht jedoch für die Moto-Taxis. Die schalten die Warnblinkanlage ein, schwenken in die schmale Lücke zwischen den stehenden oder schleichenden Autokolonnen und schlängeln sich dort gewandt voran. Die Piloten kennen die Idealgeschwindigkeit: rund 50 Stundenkilometer mehr als die größeren Fahrzeuge ringsherum. Bei diesem Tempo, so sagen sie, bewegten sie sich ebenso schnell wie sicher.

Auf der Autoroute du Nord, wo auch der übrige Verkehr wieder in ein zähfließendes Rollen kommt, wird daraus dann eine Reisegeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern - auf einer selbst gesuchten Fahrspur von kaum einem Meter Breite. Wer hier nicht das nötige Vertrauen in die Routine der Fahrer mitbringt, dem steht bald der Angstschweiß auf der Stirn und beschlägt von dort das Helmvisier.

"Anticipation" heißt das Zauberwort, das die Moto-Taxi-Piloten dann ein ums andere Mal übers Interkom an ihre Beifahrer senden. Sie wollen damit sagen: Sie schauen weit voraus und lesen aus minimalen Signalen, Bewegungen und Reaktionen der Autos heraus, ob die nicht vielleicht doch in den nächsten Sekundenbruchteilen die Spur wechseln wollen. In dem Fall wird dann, ganz nach alter französischer Sitte, kräftig gehupt - was oftmals hilft. Oder noch kräftiger gebremst. Der Sozius ist somit gut beraten, sich stets kräftig festzuhalten.

Gerade mal eine halbe Stunde ist das Moto-Taxi im feierabendlichen Verkehrschaos unterwegs vom Grand' Etoile am Triumphbogen bis zum Terminal 1 des Airports Charles de Gaulle. Unterwegs hat es einige Dutzend herkömmliche Taxen überholt. Und - der Sozius hat mitgezählt - drei Polizeiwagen.

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