Mittwoch, 24. Juli 2019

Wackelkandidat Deutschland Das Kapital wird knapp

Kapital: Anstieg der globalen Nachfrage - und die Folgen
Dirk Schleef

Die Unternehmensberatung McKinsey warnt: Die Welt steht vor einer Ära der Kapitalknappheit. Die Folgen sind dramatisch. Gerade Deutschland ist für eine Epoche teuren Kapitals schlecht gerüstet.

Seit acht Uhr schon strömen im Handelsraum der Finanzagentur des Bundes die elektronischen Gebote zusammen. Zur Auktion kommt an diesem trüben Januarmorgen 2011 ein begehrtes Gut: frische deutsche Schulden. Zehnjährige Bundesanleihen im Nennwert von fünf Milliarden Euro, jährlicher Zinscoupon: 2,5 Prozent.

Bei der kurzen Telefonkonferenz um zehn Uhr sind sich Carl Heinz Daube, Geschäftsführer der Finanzagentur, und der aus Berlin zugeschaltete Ministerialrat Christian Holters vom Bundesfinanzministerium rasch einig: Man wird die Notbremse nicht ziehen müssen. Wären die Gebote allzu karg ausgefallen, hätte die Finanzagentur einen größeren Teil als das geplante Fünftel der Anleihe für die spätere Marktpflege zurückhalten können.

Alles Routine also in den nüchternen 80er-Jahre-Büroräumen der Finanzagentur im Norden Frankfurts, weit weg von den Bankentürmen der Innenstadt. Noch ist reichlich Kapital vorhanden, jedenfalls für Topschuldner wie die Bundesrepublik.

Eine knappe Stunde später geht Daube selbst die paar Schritte von seinem Büro in den Handelssaal hinüber und verfolgt die letzten Minuten der Auktion am Bildschirm. Um Punkt elf dann hat der Bund neue Anleihen für knapp vier Milliarden Euro verkauft, zu einem Durchschnittspreis von 96,81 Prozent des Nennwerts, ergibt eine Durchschnittsrendite von 2,87 Prozent.

"Das entspricht genau unseren Erwartungen", sagt Daube, dem man an der Fliegeruhr und den eingestickten Initialen auf der Hemdmanschette ansieht, dass er nicht sein ganzes Leben im öffentlichen Sektor verbracht hat. Vor der Bankenkrise war Daube mal fürs Liquiditätsmanagement der HSH Nordbank zuständig. Jetzt versorgt er die Bundesrepublik mit Liquidität.

Renditen steigen wieder - Zinswende als Zeitenwende

Sicher, sagt Daube, die Rendite von 2,87 Prozent habe über dem absoluten Tief vom Herbst gelegen, als die zehnjährigen Bundesanleihen im Intraday-Handel sogar einmal die 2-Prozent-Marke touchierten. "Aber den leichten Anstieg sehe ich als positives Zeichen." Wie die meisten anderen Marktbeobachter interpretiert Daube die leicht steigenden Zinsen der vergangenen Monate als Zeichen des Aufschwungs, als Rückkehr zum Normalzustand.

Wirklich?

Mindestens ebenso wahrscheinlich erscheint, dass die jüngste Zinswende zugleich eine Zeitenwende signalisiert. Das Ende einer drei Jahrzehnte währenden Ära, in der die Welt mit billigem Kapital geflutet wurde. Den Übergang zu einer langen Hochzinsphase, in der Kapital wieder zu einem knappen und teuren Gut wird - mit einschneidenden Folgen für Anleger, Unternehmen und Staaten. Oder zumindest für alle, die sich nicht rechtzeitig auf die Spielregeln der neuen Zeit einstellen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine gut 100 Seiten dicke Studie, die manager magazin exklusiv vorliegt. Die Autoren vom McKinsey Global Institute, dem weltweiten Forschungsarm der Unternehmensberatung, kommen unter dem Titel "Farewell to cheap Capital?" zu dem Ergebnis, dass die globale Kapitalnachfrage in den kommenden Jahren und Jahrzehnten drastisch steigen wird - vor allem wegen des enormen Investitionsbedarfs in Schwellenländern.

Das weltweite Kapitalangebot kann da nicht Schritt halten, denn die alternden Gesellschaften des Westens werden eher dazu neigen, ihre Ersparnisse im Ruhestand zu verzehren als neue aufzubauen. Und auch den Chinesen dürfte irgendwann die Lust vergehen, ihre rekordverdächtige gesamtwirtschaftliche Sparquote von 53 Prozent aufrechtzuerhalten.

Wenn die weltweite Investitionsneigung stärker steigt als die Sparquote, dann wird Kapital knapper. Was unweigerlich dazu führt, dass der Preis des Kapitals, der Zins, so lange steigt, bis sich Angebot und Nachfrage wieder ausgleichen. Das McKinsey Global Institute hält es für ein realistisches Szenario, dass die Realzinsen zwischen 2020 und 2030 zu ihrem langfristigen Durchschnittswert zurückkehren werden - was ein Zinsplus von etwa 1,5 Prozentpunkten gegenüber dem Tiefstand vom Herbst 2010 bedeuten würde.

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