Mittwoch, 13. November 2019

Allianz Die deutsche Krankheit

Schadensfall: Die Problemzonen und gefährlichsten Wettbewerber der Allianz
AP

Analysten hatten damit gerechnet, dass die Allianz heute einen Milliardengewinn ausweist. Doch auf dem Heimatmarkt leistet sich der Konzern eine Dauerkrise. Deutschland-Chef Markus Rieß soll die Wende einleiten - und kämpft mit Problemen, die er selbst mitverursacht hat.

Hamburg - Auf den Termin am 22. November vergangenen Jahres hatte sich Markus Rieß (45) lange vorbereitet. Exakt 144 Tage verbrachte die neue Nummer eins der Allianz in Deutschland damit, sich ein Bild von der Mechanik der umsatzstärksten Landesgesellschaft im globalen Reich des Assekuranzriesen zu machen. 21 Standorte hat er in dieser Zeit besucht, mit 800 Führungskräften diskutiert. Er nahm das Unternehmen gedanklich auseinander und setzte es fein säuberlich wieder zusammen.

Die Vorgaben, die ihm Konzernchef Michael Diekmann (56) dabei mitgegeben hatte, waren klar und unmissverständlich. Einen deutlich höheren Beitrag zu Gewinn und Wachstum forderte der Allianz-Primus ein, als er Rieß Anfang Februar 2010 beförderte. "Ich erwarte mehr von Deutschland", legte er die Latte kurz darauf in aller Öffentlichkeit noch einmal höher.

An diesem Morgen also soll der neue Deutschland-Chef des größten Versicherungskonzerns der Welt liefern. Um kurz vor acht betritt Rieß, eskortiert von seinen Vorständen, den Aufsichtsratssaal in der Münchener Konzernzentrale. Auf den Tischen stehen Lebkuchen, die großen Fenster geben den Blick auf den mit Schnee überzuckerten Englischen Garten frei.

Sein Publikum: Konzernchef Diekmann, Finanzmann Oliver Bäte (45), COO Christof Mascher (50), sein Vorgänger als Deutschland-Chef, Gerhard Rupprecht (62), sowie der künftig im Holdingvorstand für Deutschland zuständige Werner Zedelius (53).

Exakt 80 Minuten lang macht Rieß, was er am besten kann: Visionen auf Power-point präsentieren. Er kürzt Kosten, hebt Ertragspotenziale, optimiert Abläufe, entwirft neue Produktlinien und skizziert die Versicherungsagentur des Jahres 2020. Am Ende geht sein strategischer Weitwurf glatt durch - ohne große Nachfragen, ohne ausufernde Diskussionen.

Rieß lieferte eine gute Präsentation ab. Es war seine Premiere auf dem Planungsdialog, bei dem die Konzernspitze jedes Jahr die operativen Chefs ihrer rund 40 Geschäftseinheiten zum Rapport einbestellt. Doch die meisten anderen Länder- und Spartenchefs, die Ende vergangenen Jahres ihre Pläne vorstellten, hatten es einfacher. Fast überall sprudeln die Gewinne. Mehr als 7,2 Milliarden Euro operativer Gewinn werden für 2010 insgesamt in den Büchern hängen bleiben.

Eine glänzende Bilanz - wenn da nicht der Schwächeanfall auf dem Heimatmarkt wäre. Ausgerechnet in ihrer einstigen Domäne verliert die Allianz Börsen-Chart zeigen Umsatz und Marktanteile. Das Geschäft mit Auto-, Feuer- und Haftpflichtpolicen, das den Konzern einst groß gemacht und die internationale Expansion finanziert hatte, ist heute die größte Baustelle.

Zwar kommen inzwischen nur noch knapp 10 Prozent des Umsatzes und operativen Ergebnisses aus dem deutschen Sachversicherungsgeschäft. Doch dem Markt gilt die deutsche Krankheit als Warnsignal. "Wenn wir es nicht schaffen, auf unserem Heimatmarkt und in unserem angestammten Geschäft zu überzeugen", sagt ein hochrangiger Manager, "dann traut es uns auf den Kapitalmärkten auch keiner zu, dass wir unsere Strategie anderswo konsequent umsetzen."

Das Problem sollte spätestens mit dem Anfang 2006 begonnenen Radikalumbau des Deutschland-Geschäfts der Vergangenheit angehören. Doch die Resultate von mittlerweile fünf Jahren Sanierung und Restrukturierung sind bescheiden.

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