Schlecker-Interview "Das ist sicher ein Kraftakt"

Die zweite Generation blieb lange im Hintergrund und hat jetzt Verantwortung übernommen. Die jungen Schleckers sprechen erstmals über ihre Sanierungspläne des Drogerieimperiums und über die Rolle ihre Eltern.
"Wir bestimmen ganz selbstverständlich mit": Meike und Lars Schlecker

"Wir bestimmen ganz selbstverständlich mit": Meike und Lars Schlecker

Foto: Benno Kraehahn

mm: Sie beide geben zum ersten Mal ein Interview - und das auch noch ohne Ihre Eltern. Gehen Anton und Christa Schlecker aufs Altenteil?

Lars: Nein, es ist kein Wechsel und kein Rückzug der Eltern. Wir beide treten jetzt nach außen auf, weil wir in der Kommunikation unsere Eltern unterstützen wollen. Das ist auch eine Übernahme von Verantwortung.

mm: Ihr Vater bleibt weiter Alleineigentümer, Sie sind seine Angestellten. Welche Möglichkeiten haben Sie, Ihre Meinungen durchzusetzen?

Lars: Wir sind beide mit ihm und unserer Mutter in der Geschäftsleitung. Wir bestimmen ganz selbstverständlich mit. Es war unsere Idee, dass die Firma jetzt mehr in die Öffentlichkeit geht. Da gibt es keinen Dissens.

mm: Ist Ihnen die Zeit nicht lang geworden, bis Sie endlich randurften?

Lars: Wir haben das nicht als Wartezeit empfunden. Zudem sind wir ja beide schon lange im elterlichen Unternehmen tätig.

mm: Nach außen sind Sie bislang aber wenig in Erscheinung getreten. Was haben Sie im Unternehmen gemacht?

Meike: Wir haben uns in der Anfangsphase beide auf den Bereich Online konzentriert, den wir entwickeln konnten. Mein Bruder kommt vom Marketing, ich eher von der Finanzseite. Wir ergänzen uns da ganz gut. Andererseits sind wir sehr generalistisch mit allen Bereichen des Hauses vertraut gemacht worden. Und natürlich kümmern wir uns auch intensiv um das stationäre Geschäft.

mm: Durften Sie bisher schon bei strategischen Entscheidungen mitreden?

Lars: Wir waren und sind bei allen wichtigen Themen dabei. Und wir entscheiden immer gemeinsam als Familie.

mm: Wie oft trifft sich die Familie zu gemeinsamen Sitzungen?

Meike: Wir haben ein fixes Meeting am Montagnachmittag. Da sind wir zu dritt, mein Vater und wir beide. Aber ansonsten sind die Wege sehr kurz. Wir sitzen alle hier auf demselben Flur. Da ruft man schon mal kurz ins andere Büro hinüber. Wir sehen uns also fast jeden Tag - es sei denn, unsere Eltern sind auf Reisen.

mm: Gehen denn Ihre Eltern künftig noch auf ihre wöchentliche Inspektionstour durch die Läden?

Meike: Ja, das wird so bleiben. Jeden Donnerstag fahren sie los.

mm: Fährt künftig jemand von Ihnen mit?

Meike: Nein, aber mein Bruder wird mehr draußen unterwegs sein als ich.

Lars: Auch ich werde unsere Läden besuchen, um mir vor Ort eine Meinung zu bilden.

mm: War denn von Anfang an klar, dass Sie beide im Unternehmen Verantwortung übernehmen würden?

Meike: Wir sind beide mit dem Unternehmen aufgewachsen. Als wir noch Kinder waren, wurde uns immer vom Geschäft erzählt.

Lars: Ich erinnere mich noch gut, wie wir sonntags häufig in die alte Zentrale mitgingen. Dort hat uns unser Vater alles erklärt.

mm: Ihre Eltern haben das Unternehmen aufgebaut. Wann werden sie aufhören?

Meike: Solange sie wollen, dürfen sie weitermachen. Hier gibt es genug zu tun.

Lars: Oft hört man in anderen Familienunternehmen: Jetzt redet der Alte immer noch hinein. Für mich ist das kein Hineinreden, sondern ein Ratgeben.

"Er ist ein Geschäftsmann, kein Unmensch."

mm: Ist ein solcher Übervater kein Problem für Sie?

Lars: Ich empfinde das nicht so. Ich bin sein Sohn, er ist mein Vater. Punkt. Wir arbeiten jedenfalls gern mit unseren Eltern zusammen.

mm: Das klingt nach einem klaren Bekenntnis zum Familienunternehmen. Es wird also keinen Verkauf oder Teilverkauf geben?

Lars: Auf gar keinen Fall. Wir sind froh über unsere Eigenständigkeit ohne irgendeine Mitsprache von Investoren oder Anteilseignern. Diese Selbstständigkeit ist ein Gut, das wir uns nicht nehmen lassen.

mm: Weil er Herr im eigenen Haus sein wollte, zeigte sich Ihr Vater auch jahrelang beratungsresistent. Nun sind gleich mehrere Berater im Unternehmen. Haben Sie ihn überzeugt?

Meike: Erstens hatten wir immer mal Berater im Hause. Und zweitens ist mein Vater durchaus offen für Berater. Wir haben gemeinsam entschieden, dass wir mal eine externe Sicht auf das Unternehmen brauchen. Wir sind doch alle schon lange in der Firma. Durch einen Berater werden einem die Augen geöffnet.

mm: Die Consultants werden Ihnen sicher schonungslos gesagt haben, dass Schlecker in den vergangenen Jahren einen großen Imageverlust erlitten hat. Ihr Vater hat immer bestritten, dass es einen Zusammenhang zwischen dem schlechten Ruf und dem Umsatzminus gäbe. Sehen Sie das auch so?

Lars: Über Monate hinweg am Pranger zu stehen muss Auswirkungen auf den Umsatz haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Wenn man im Freundeskreis Schlecker erwähnt, kommen häufig negative Assoziationen. Vieles wurde auf meinen Vater projiziert. Aber ich muss deutlich sagen: Er ist ein Geschäftsmann, kein Unmensch.

Meike: Wir haben sicherlich zu lange abgewartet und auf uns einprügeln lassen. Längst nicht alle Vorwürfe waren gerechtfertigt. Wir haben ja auch positive Dinge gemacht, wie zum Beispiel unseren neuen Tarifvertrag, der richtungweisend im deutschen Einzelhandel ist. Und auch vom Thema Leiharbeit haben wir uns komplett getrennt. Wir werden unser Image verbessern. Wir wollen nicht mehr die großen Unbekannten sein, bei denen die Leute fragen: Was machen die hinter ihren verschlossenen Türen? Dabei haben wir sehr viele Mitarbeiter, die schon viele Jahre bei uns sind.

mm: Schlecker wird also in Zukunft ein gläsernes Unternehmen?

Lars: Im Marketing und in der Kommunikation haben wir einiges vor, um unser Image zu verbessern. Wir werden nach außen wie nach innen offener auftreten. Wir wollen unsere Mitarbeiter schneller informieren, indem wir den Filialen eine Art Bild-Zeitung faxen mit kurzen prägnanten Themen, die öffentlich wie intern relevant sind.

mm: Neben einer neuen Kommunikationsstrategie wollen Sie auch Ihre Läden von Grund auf renovieren. Sie sollen heller, frischer und übersichtlicher werden - so wie die Läden von dm und Rossmann schon lange sind. Wie wollen Sie sich denn von diesen Wettbewerbern dann noch differenzieren?

Lars: Wir haben einen großen Wettbewerbsvorteil gegenüber dm und Rossmann: Wir sind überall und haben dadurch die Nähe zu den Kunden. Unser Filialnetz ist doppelt so groß wie das all unserer Wettbewerber zusammen. Wir wollen uns als guter Nachbar positionieren, bei dem man auch mal länger bleibt und ein bisschen tratscht.

Meike: Diesen Vorteil des Nachbarschaftsladens werden wir in Zukunft wieder stärker ausspielen. Wir werden Attraktivität und Sympathie durch das neue Konzept in die Läden bringen. Denn wir wollen die Kunden, die wir verloren haben, wieder zurückholen und unseren loyalen Kunden wieder mehr bieten.

mm: Sie möchten viele Dinge verändern - vom Laden-Outfit bis zum Markenauftritt. Ist das alles gleichzeitig zu schaffen?

Lars: Das ist sicher ein Kraftakt. Aber es macht auch extrem Spaß. Wir können mitgestalten und unsere Handschrift mit einbringen.

mm: Es scheint, als sei dies die letzte Chance für Schlecker. Kommt das neue Konzept nicht zu spät?

Lars: Klar, es hätte auch früher passieren können. Aber es kommt definitiv nicht zu spät. Im nächsten Jahr werden wir das Filialnetz noch bereinigen. Und 2012 werden wir wieder voll angreifen und wieder wachsen.

Schlecker: Jugendweihe

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