Weinpapst Robert Parker Die Millionen-Dollar-Nase

Seine Nase soll für eine Million Dollar versichert sein, seine Bewertungen können Winzer reich machen oder ruinieren. Robert Parker ist der einflussreichste Weinkritiker der Welt. Im Interview mit manager magazin verrät er, was er von Fruchtbomben hält, welche Rebsorten unterschätzt werden - und was man für einen gute Flasche Wein maximal ausgeben sollte.
Von Klaus Boldt
Kompetenz am Glas: Robert Parker nimmt eine Geruchsprobe

Kompetenz am Glas: Robert Parker nimmt eine Geruchsprobe

mm: Herr Parker, die Leute nennen Sie "The Million Dollar Nose" und "Wine Pope". Welcher Name gefällt Ihnen besser?

Parker: Eigentlich gefällt mir keiner von beiden - obwohl ich natürlich weiß, wie so ein Name entsteht.

mm: Zum einen soll Ihre Nase für über eine Million Dollar versichert sein, zum anderen gelten Sie als der einflussreichste Weinkritiker der Welt. Ihre Bewertungen können Winzer reich machen oder ruinieren. Weinbauer und Weinhändler versuchen doch bestimmt, Einfluss auf Ihre Wertungen zu nehmen.

Parker: Ich habe mich niemals wirklich damit beschäftigt, dass Weinhersteller versuchen würden, mich zu beeinflussen. Nicht, dass ich naiv wäre, es ist nur so, dass man mich als echten Profi kennt, der eine Menge Fragen stellt und den Wein nach der Abfüllung auch aus verschiedenen Flaschen verkostet.

mm: Man kann Ihnen keinen edlen Tropfen unterjubeln?

Parker: Nein. Natürlich sind die Leute freundlich zu mir, aber ich versuche doch eine Armlänge Abstand zu den meisten Produzenten zu wahren, und ich nehme nur selten eine Bewirtung an - die heute im Übrigen auch nur selten angeboten wird.

mm: Kritiker der Weinkritiker behaupten, dass diese nur die besten Flaschen testen, die der gewöhnliche Verbraucher niemals zu kaufen bekäme.

Parker: Das stimmt überhaupt nicht.

mm: In Deutschland redet man vom Parkerisieren, wenn Winzer versuchen, einen Wein zu keltern, der Ihren Geschmack trifft, also einen recht hohen Alkoholgehalt hat und eichig schmeckt. Wird der Wein durch die Parkerisierung besser, oder leidet nicht vielmehr seine Vielfalt?

Parker: "Parkerization", das deutsche "Parkerisieren" oder auch das französische "Parkeriser" scheint mir einfach nur die Tatsache auszudrücken, dass ich der wichtigste Weinkritiker meiner Generation bin. Meine breiten und ganz verschiedenen Geschmacksvorlieben machen es jedoch unmöglich, nach einer Formel einen Wein herzustellen, den ich unter Garantie mögen würde. Dass ich übereichigen Wein mögen würde, der nach der Gärung noch in Eichenholzfässern gereift ist, ist ein Gerücht. Und jeder kann dies in meinen mittlerweile 15 Büchern nachprüfen oder in den rund 190 Ausgaben des "Wine Advocate", die ich publiziert habe. Man hat auch behauptet, dass ich Weine mit hohem Alkoholgehalt mögen würde oder sogenannte Fruchtbomben-Weine. Das sind alles Märchen, verbreitet von albernen Leuten, die Nuancen nicht verstehen und die jemanden nach Schwarz-und-Weiß-Klischees beurteilen.

mm: Haben sich Ihre Weinvorlieben in den vergangenen Jahren verändert?

Parker: Nein, allerdings hat sich mein Gaumen sozusagen verbreitert, in dem Maße, in dem immer mehr Weingüter Weine in Spitzenqualität herstellen, angefangen vom südlichen Italien über Australien und Südafrika bis zu abgelegenen Gegenden Spaniens. Dies gilt auch für die Sauvignon Blancs, Carménères und Cabernet Sauvignons aus Chile und die Malbecs aus Argentinien.

mm: Wann ist ein Wein nach Ihrem 100-Punkte-System eine gute Investition, bei 90 Punkten, bei 95?

Parker: Ich glaube nicht, dass der Wunsch, Geld anzulegen, ein guter Grund ist, Wein zu kaufen - wenngleich Leute meine Auswertungen dazu genutzt haben und ich auch vermute, dass dies zu ihrem Vorteil war, besonders was jungen Bordeaux in Spitzenlagen betrifft. Aber Wein sollte getrunken werden, gemeinsam mit Freunden und Bekannten.

mm: Der Weinmarkt ist gekennzeichnet durch ein großes Angebot sogenannter Coca-Cola-Weine, die den Massengeschmack treffen, von guter Qualität, aber doch langweilig sind, und von wahrhaften Weltklasseweinen, die in geringen Mengen angeboten werden. Kann der durchschnittliche Winzer überleben?

Parker: Ich kenne keinen Kleinhersteller, der Weltklasseweine macht und dem es finanziell nicht ziemlich gut ginge. Natürlich wird es immer eine industrielle Weinproduktion geben. Aber ich glaube, selbst in der schwierigen wirtschaftlichen Lage heute gibt es mehr Kleinhersteller, denen es gut geht, besser als in der Vergangenheit.

mm: Frankreich, sagt man, sei die Weinnation schlechthin. Was meinen Sie?

Parker: Ich neige dazu, dem zuzustimmen. Wenn Sie die außergewöhnliche Küche und ihre regionalen Variationen, die Vielfalt der Weine in Betracht ziehen, dann ist es schwierig zu bestreiten, dass Frankreich das Weinland schlechthin ist. Dazu kommt die lange Geschichte der dortigen Weinherstellung und besonders die Tatsache, dass die Winzer den Orientierungs- und Bezugspunkt für viele der weltweit bedeutendsten Rebsorten bilden: Pinot Noir, Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah, Grenache, Sauvignon Blanc, Chenin Blanc.

"Ich liebe zufälligerweise alten Bordeaux"

mm: Wie hat die Finanzkrise das Weingeschäft beeinflusst?

Parker: Es ist zur ersten großen Preiskorrektur der vergangenen 30 Jahre gekommen. In kleinerem Umfang hatten wir Ähnliches schon einmal Anfang der 70er Jahre erlebt, als es auch eine zügellose Inflation gab. Die Luxusweine aus den Anbaugebieten Bordeaux und Burgund scheinen aber weniger von der Rezession betroffen zu sein, zumindest was die Preise betrifft, die auf den Auktionen in Hongkong erzielt worden sind.

mm: Sie sind in den vergangenen Jahren nach China gereist. Ein interessanter Markt für Ihr Geschäft?

Parker: China hat ein außergewöhnliches Potenzial als Weinnation, wie übrigens die meisten Länder am Rande des Pazifiks. Ich denke, dort herrscht ein großer Bedarf an Information. Die Menschen lieben junge, sehr trockene Rotweine und betrachten Wein als Teil einer zivilisierten Kultur und der feinen Lebensart.

mm: Können Weine aus Asien jemals so berühmt und so gut werden wie Weine aus Kalifornien oder Australien, die im Vergleich zur europäischen Tradition noch recht junge Entdeckungen darstellen?

Parker: Es scheint mir noch zu früh, um dies vorherzusagen. Obwohl ich sicher bin, dass noch wundervolle Anbaugebiete entdeckt werden, wo ausgezeichnete Weine wachsen.

mm: Investieren Sie selbst in Wein?

Parker: Nein, ich habe es niemals getan, und ich werde es niemals tun.

mm: Welcher Wein ist der beste, den Sie besitzen?

Parker: Es gibt so viele großartige Weine in der Welt. Ich liebe zufälligerweise alten Bordeaux, ich liebe die Pracht und Herrlichkeit des Rhônetals und einige der alten Riojas und Vega Sicilias aus Spanien. Es kommen viele brillante Cabernet Sauvignons und Chardonnays aus Kalifornien, ein paar unglaublich alte Syrah-Weine aus Australien, alte Rieslinge aus Deutschland, alte Barolos und Barbarescos aus Norditalien. Es gibt tatsächlich zu viele, um sie alle zu nennen.

mm: Machen deutsche Winzer guten Wein?

Parker: Deutsche Weine sind sehr elegant, klar, frisch, knackig. Deutsche Weine haben eine unglaubliche Renaissance bei amerikanischen Konsumenten erlebt. Natürlich ist es für Anfänger immer noch schwierig, die anspruchsvollen deutschen Weinlabel zu verstehen.

mm: Es gibt die Rebsorte Koshu, von der heute alle sprechen, sie kommt nur in Japan vor und genießt unter Weinkennern neuerdings Kultstatus.

Parker: Es gab viele weitgehend unbekannte Rebsorten, die in den vergangenen Jahren wiederentdeckt worden sind. Weinbauern haben viele heimische Sorten wiederaufleben lassen. Koshu ist ein Beispiel dafür.

mm: Welche Rebsorten werden völlig unterschätzt?

Parker: Der Malbec aus Argentinien, Chenin Blanc aus dem Loiretal, Grenache aus dem Gebiet der südlichen Rhône und der spanische Tempranillo sind für mich immer noch unglaublich unterbewertet angesichts der Tatsache, welch großartige Weine man aus ihnen herstellen kann.

mm: Welche Anbaugebiete haben das größte Potenzial?

Parker: Manche Gebiete der alten Welt. Besonders die wichtigen Anbaugebiete Spaniens, Italiens, Frankreichs und Deutschlands. Sie stehen nach wie vor beispielhaft für die beste Qualität des Weinbaus. Kalifornien besitzt größtenteils außergewöhnliches Potenzial, genauso wie der Bundesstaat Washington. Spezielle Rebsorten gedeihen gut in anderen Regionen, zum Beispiel Pinot Noir in Oregon, Sauvignon Blanc und Syrah in Südafrika, Malbec in Argentinien, Chardonnay, Carménère und Cabernet Sauvignon in Chile. Grenache, Syrah und Sauvignon Blanc in Australien genauso wie Sauvignon Blanc, Chardonnay und Pinot Noir in Neuseeland.

mm: Wie viel ist ein exzellenter Wein wert? Wie viel würden Sie ausgeben für eine Flasche?

Parker: Ich denke, ein Konsument, der weiß, was er tut, und sorgfältig einkauft, sollte nicht mehr als 50 Dollar oder rund 40 Euro für einen großen Wein bezahlen. Wenn man mehr ausgibt, dann gewöhnlich wegen der Reputation, der Seltenheit und des Prestiges eines Weines, was im Übrigen der sicherste Weg dafür ist, viel zu viel für eine Flasche Wein zu bezahlen.

mm: Beeinflusst der Klimawandel den Weinbau?

Parker: Die globale Erwärmung kann Auswirkungen haben, und ich glaube nicht, dass es gute sind.

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