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Chronometer: Die teuersten Uhren - immer wieder Patek Philippe

Uhrendesign Freude an guten Werken

Eine wachsende Gemeinde widmet sich dem Zusammentragen kostspieliger Zeitmesser. Aus Spaß an der Technik oder am Wertzuwachs der Luxusuhren. Aber wer nur auf kurzfristigen Gewinn aus ist, hat schnell das Nachsehen. Auf dem lukrativen Markt tummeln sich auch viele Betrüger.

Hamburg - "Ich habe eine gewisse Panerai-Affinität", sagt der Mann im leichten Tweed-Jackett, als redete er von einer ansteckenden Krankheit. Und als er nacheinander drei der klotzigen Nobeluhren aus einer der schwarzen Schatullen nimmt, die auf dem blank polierten Empire-Tisch stehen (ein viertes Modell dieser Marke trägt er am Handgelenk), glimmt tatsächlich eine Art Fieber in seinem Blick. "Hier eine ganz seltene mit dem Relief eines Torpedoboots über dem Logo - die gibt es nur tausendmal."

Nebenbei: Die habe mal knapp 5000 Euro gekostet und ist jetzt 10.000 Euro wert, selbst wenn sie getragen sei.

"Erstaunlich. Im Moment ist die teurer als die Daytona von Rolex", sagt er. Und zeigt sogleich das kostbare Stück. Dann folgen ein Schleppzeigerchronograf von IWC, eine Nautilus von Patek Philippe, eine Sportuhr von Jaeger-LeCoultre, ein komplizierter Wecker "Réveil du Tsar" von Breguet. Mit versilbertem goldenen Zifferblatt, in sieben verschiedenen Mustern guillochiert. "Ein Geschenk meines Schwiegervaters - er hat mich mit dieser Uhr für die Beratung in einer wichtigen Angelegenheit überrascht."

Joachim Kellermann von Schele, Unternehmer und Landwirt, Erbe eines veritablen Wasserschlosses in alteingesessenem Familienbesitz und beruflich vielseitig engagiert, hat vor rund 15 Jahren seine Leidenschaft für die mechanische Uhr entdeckt. Seither hat er eine stattliche zweistellige Zahl von ansehnlichen Zeitmessern zusammengetragen, deren Glanzstücke er stolz dem Besucher im stilvoll eingerichteten Salon des geräumigen Renaissancebaus präsentiert.

Lehrstücke und Inspirationsquellen

Kellermann gehört damit zu einer stetig wachsenden Gemeinde von Uhrenbegeisterten, die mal offen wie er, mal eher im Verborgenen wie die meisten Sammler einen Teil ihrer freien Zeit und verfügbaren Mittel in den Erwerb teurer Manufaktur-Chronometer stecken. Mit dem Ziel eines Zugewinns an Lebensfreude - aber auch an Wert.

Neben Leuten von Geblüt sind es Banker und Unternehmer, Manager und Berater, die ihr Augenmerk gern auf das Räderwerk, auf Hemmung und Unruh in feinen Uhrwerken und eine eifrige Jagd richten. Es sind aber auch Profis aus der Branche, die jenseits ihres Berufsalltags nicht von ihrer Liebhaberei lassen können. Wie der Auktionshausgründer Helmut Crott (sammelt seit 40 Jahren, Schwerpunkt: Glashütte, Patek Philippe) oder der Hublot-Chef Jean-Claude Biver (besitzt rund hundert Uhren, Schwerpunkt: Patek Philippe).

Auch der Inhaber der Münchener Uhrenmanufaktur Chronoswiss, Gerd-Rüdiger Lang, verfügt über eine erstaunliche Sammlung von rund tausend Chronografen, die der gelernte Uhrmacher in rund 50 Berufsjahren zusammengetragen hat, oftmals als Lehrstücke und Inspirationsquellen für die eigene Produktion. Bereits vor 18 Jahren hat Lang dazu einen Sammelband veröffentlicht, heute ein Standardwerk, das die Herzen von Mechanikfreunden höherschlagen lässt: "Chronographen, Armbanduhren - Die Zeit zum Anhalten".

Die feinsten Exemplare seiner Sammlung zeigt Lang bei Wechselausstellungen in seinem neuen Firmendomizil in München-Karlsfeld. Darunter eine Taschenuhr von A. Lange aus Glashütte und eine frühe Armbandstoppuhr von Watherston aus London, beide gefertigt um 1870.

Aus Liebe, Respekt und Hochachtung

"Es ist schön, wenn man von der Sache was versteht", sagt der ergraute Lockenkopf. "Aber am Anfang zahlt man immer Lehrgeld." Schnell hat er ein paar Grundregeln aufgezählt, die die gröbsten Fehlkäufe vermeiden helfen: Ein Sammelstück sollte authentisch, sein Werk möglichst selten sein und ohne allzu viel Wartungsarbeiten auskommen. Besonders schön sei es, wenn so ein Stück auch noch eine Geschichte, eine besondere Provenienz habe. Von Uhren, in denen zu viel Maschinenarbeit steckt, rät Lang ab. Für Anleger gut zu wissen: "Eine ungetragene Uhr ist 30 Prozent mehr wert als eine getragene."

Mit Freuden denkt Lang noch an die Auktion, in der ein Chronograf, den er für 6000 Euro gekauft hatte, für 38.000 Euro wegging.

Ende 30 ist der Sammler, der den Besucher in Galerieräumen des aufpolierten Berliner Scheunenviertels empfängt: schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, Start-up-Unternehmer aus der Kommunikationsbranche. Aber bitte, kein Name! "Ich war angefasst von der Mechanik, der Ingenieurleistung", sagt er, "Uhrensammeln ist der Ausgleich, den man braucht."

Mehr als 40 Uhren nennt er sein Eigen, ausschließlich von Rolex und Patek Philippe, die Masse im Banktresor, zwei, drei Stück hat er zu Hause. "Ich kaufe im Jahr so drei, vier aktuelle Modelle von Patek", schildert er sein Vorgehen, "habe aber in den vergangenen Jahren auch reichlich ältere Uhren auf dem freien Markt gekauft, Stücke, die sehr selten sind." Also bei den Auktionen der einschlägigen Häuser: Christie's, Sotheby's, Antiquorum, Dr. Crott.

Nur treue Sammler bekommen die seltensten Stücke

Nicht verzichten möchte er auf den Rat eines erfahrenen Juweliers. In seinem Fall ist das Uwe Beckmann, Geschäftsführer im Juweliergeschäft Wempe in der Friedrichstraße: "Die treuesten Sammler kaufen nicht aus Anlagegesichtspunkten", sagt der Marktkenner, "sondern aus Liebe zum Produkt, Respekt vor der Marke und Hochachtung vor 200 Jahren europäischer Kulturgeschichte."

Und nur die seien es, die ganz seltene Stücke bekämen, denn weder Hersteller noch Händler hätten Interesse daran, eine limitiert aufgelegte Uhr an jemanden zu verkaufen, "der innerhalb von vier Wochen ein Geschäft damit machen will". Für Beckmann wie für die Patek-Inhaber Philippe und Thierry Stern gelte der Grundsatz, dass nur gute Kunden die kostbaren Zeitmesser aus Genf überhaupt angeboten bekämen.

"Wir verkaufen Uhren, weil wir Spaß an der Mechanik haben", sagt Beckmann. "Wenn dabei als Zufallsprodukt ein Wertzuwachs entsteht, dann ist das toll." Schließlich verstehe er sich ja nicht - Gott bewahre - als Anlageberater.

"Für 99 Prozent der Käufer steht die Freude am Produkt im Zentrum", assistiert sein Kollege Rudolf Fröhler, Vorsteher des Ulmer Juweliergeschäfts Scheuble, "erst an zweiter Stelle steht das Investment." Viele Sammler aber versuchten, beide Gedanken miteinander zu verbinden. Schließlich könne man beim Kauf von - verkehrten - Uhren auch gehörig Geld verbrennen. Etwa mit goldenen Uhren samt goldenem Armband, obendrein bepflastert mit Diamanten.

Geringe Volatilität bedeutet eine stabile Wertanlage

Für den Sammler sei immer nur das Werk interessant, die Technik, die Seltenheit, die Anmutung. Und da genüge ein schlichtes Lederarmband. Bei einem Gemälde kaufe man ja auch nicht vorrangig den goldglänzenden Rahmen. Merkwürdig: Besonders begehrt sind Uhren aus Häusern, die nicht nach Share- holder-Value-Prinzipien geführt werden, sondern in Familienbesitz (wie Patek) oder als Stiftung organisiert sind (wie Rolex). Dort wird am ehesten ohne Verlangen nach schneller Rendite gearbeitet.

Der Gedanke des Wertzuwachses ist aber auch Fröhler durchaus nicht fremd. Er erinnert an die bemerkenswerte Karriere, die eine Rolex Daytona genommen hat, als ihr in den 90er Jahren ein Nachfolgemodell beschieden wurde.

"Die hatte mal 2200 Mark gekostet, war aber Anfang der 90er Jahre aus dem Markt verschwunden. Wir haben die Modelle von Kunden für 6000 bis 8000 Mark zurückgekauft, komplett aufgearbeitet und für 10.000 bis 12.000 Mark weiterverkauft. Uhren, die jetzt bis zu 25.000 Euro bringen."

Einer, der sich bei Fröhler als Berater gut aufgehoben fühlt, ist ein schwäbischer Diplomingenieur und Unternehmer, der seine Firma vor sieben Jahren verkauft hat und heute in Südafrika lebt, seinen Namen allerdings nicht preisgeben möchte. Stolzer Besitzer von rund 30 Uhren der Marken IWC, Panerai, Rolex und Patek, die günstigste bei 5000, die teuerste bei 350.000 Euro. Darunter "eine wunderschöne, die mal 70.000 gekostet hat und heute für 120.000 Euro gehandelt wird", wie er sagt.

Moderne Uhren taugen fast nie als Geldanlage

"Eine Uhr muss mir optisch gefallen", erklärt er, "sie muss etwas ausstrahlen." Der 63-Jährige genießt es, sie zu besitzen. Und er weiß, dass er sie gut an seine vier Kinder vererben kann. "Ein kleiner Kick - das muss man nicht versteuern."

Sammlerberatung der exklusiven Art leistet Helmut Crott, promovierter Orthopäde, der früh die Medizin an den Nagel gehängt hat und sich seit 40 Jahren lieber in der Uhrenbranche umtut. Er hat einst das gleichnamige Uhren-Auktionshaus gegründet und berät, seit er das Unternehmen in andere Hände gegeben hat, eine Handvoll Topsammler ( www. drcrottconsulting.com ) bei ihren Jagdausflügen in die Chronometer-Reviere.

"Mir macht es Riesenspaß", sagt er, "wenn ich für Klienten das Beste vom Beste kaufen kann und wenn das Vertrauen da ist, ich die Carte blanche bekomme."

Bei neuen Modellen ist Crott freilich skeptisch. Die industrielle Fertigung nehme immer mehr zu, dränge die Handarbeit immer weiter in den Hintergrund, zugunsten eines aufwendigen Marketings. "99,9 Prozent der modernen Uhren sind keine Anlagen", sagt der Marktkenner. "Patek ist eine löbliche Ausnahme, die Rolex-Sportmodelle auch, die gehören zu den 0,1 Prozent, die zum Sammeln taugen."

Der Sammlermarkt ist in zehn Jahren förmlich explodiert

Dennoch ist Crott voller Zuversicht. Der Sammlermarkt sei in den vergangenen zehn Jahren förmlich explodiert und auch während der Krise noch leicht nach oben gegangen, Spitzenware sei in den zwei zurückliegenden Jahren gar überproportional im Preis gestiegen. "Vor zehn Jahren war eine Uhr für eine Million auf einer Auktion eine Sensation", sagt er. "Jetzt hat eine Uhr bei Christie's 6,3 Millionen Schweizer Franken gebracht."

In München, in der Lobby eines Fünfsternehotels, findet sich ein anderer Sammler, Banker von Beruf, der auf keinen Fall genannt werden möchte. Seine Uhrensammlung - eine stattliche Zahl von Stücken aus den Manufakturen Patek Philippe, Rolex, Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre und Breguet - bewahrt er im Tresor einer nahen Bank auf. In seiner Familie, die ihre Wurzeln im Nahen Osten hat, erzählt der groß gewachsene 40-Jährige im Businessanzug, würden seit zwei Generationen Uhren gesammelt.

Er selbst habe die erste Uhr mit 14 Jahren gekauft. Bald merkte er, dass der Zeitmesser eine gute Geldanlage war. Vorausgesetzt, man beachtet ein paar Regeln: auf Marken konzentrieren, die wirklich Wertanlagen sind, den Markt beobachten, die Technik kennen, gute Kontakte zu Manufakturen unterhalten.

Der Markt ist von Fälschungen überschwemmt

"Der Uhrenmarkt ist sehr groß", sagt der Banker, "und lockt auch gern Betrüger an." Wer etwa von privat im Internet kaufe, gehe ein hohes Risiko ein, der Markt sei von Fälschungen überschwemmt. Man möge also jede Anschaffung zuvor gründlich anschauen, bei der Manufaktur Gehäuse- und Kalibernummer überprüfen lassen, so viel Information wie möglich zusammenholen. Wer es richtig anfange, werde reich belohnt: 10 bis 15 Prozent Rendite jährlich verspricht eine anständige Uhrensammlung. "Die geringe Volatilität bei Uhren bedeutet eine stabile Wertanlage."

Nur mit neu gekauften Uhren müsse man Geduld haben, sagt der Sammler. Sofort beim Kauf verlören selbst Spitzenmarken zwischen 30 und 50 Prozent an Wert, und es dauere, bis man so ein Stück wieder gewinnbringend verkaufen könne, 10 bis 15 Jahre.

Der Banker hat auch den sicheren Tip für Investoren. Wer vermögend sei, rät er, kaufe vier, fünf Uhren zu 50.000, 60.000 Euro, lege sie in den Safe und warte sechs Jahre, um sie gewinnbringend zu verkaufen. "Das ist wie oft im Leben", sagt er. "Wenn man Geld hat, kann man das auch einfach vermehren."

Derlei Überlegungen liegen dem Liebhaber Kellermann von Schele Lichtjahre fern. Mit vergnügtem Lächeln nimmt er vom Pflaumenkuchen, den seine Frau, promovierte Politologin und Pferdezüchterin, kredenzt hat. "Ich trage alle meine Uhren", sagt er. "Die sehen auch entsprechend aus und wandern in keinen Banktresor, um in ferner Zukunft auf Wertsteigerung zu hoffen. Spekulation spielt für mich keine Rolle, ich möchte Freude daran haben." Und so ist ihm auch die Nomenklatur der gewinnträchtigen Marken fern. Schließlich gebe es auch - Gebrauchswert vor Tauschwert - schon sehr schöne, alltagstaugliche Uhren für tausend Euro. "Die Marke Oris etwa - gute Werke, halten ewig."

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